Flugbegleiter im dreitägigen Streik gegen Lufthansa-Tochter Germanwings

Von Marianne Arens
31. Dezember 2019

Seit dem gestrigen Montagmorgen streiken die Flugbegleiter und Purser der Lufthansa-Tochter Germanwings drei Tage lang bis einschließlich Neujahr. Betroffen sind über 180 Flüge, vor allem innerdeutsche Verbindungen zwischen Köln/Bonn, München, Hamburg und Berlin-Tegel, sowie auch einige Flüge nach Österreich und in die Schweiz.

Streikende Lufthansa-Flugbegleiterinnen Anfang November in Frankfurt

Die Streikbereitschaft ist sehr hoch. In der Urabstimmung, deren Ergebnis am 1. November 2019 veröffentlicht wurde, hatten 95,1 Prozent der Germanwings-Beschäftigten für einen unbefristeten Streik gestimmt. Seit Jahren kämpfen die Stewardessen und Stewards gegen Lohnabbau, wachsende Arbeitsbelastung und die Bedrohung ihrer Arbeitsplätze. Aktuell geht es um einen seit drei Jahren unbestätigten Tarifvertrag über Teilzeitarbeit.

Die LH-Tochter Germanwings ist seit vier Jahren keine eigenständige Airline mehr, sondern wird schrittweise in die LH-Tochter Eurowings integriert, unter deren Namen sie noch Flüge in Deutschland ausführt. Bei der Eurowings, die in Österreich stationiert ist, liegen die Löhne, Gehälter und Bedingungen durchwegs deutlich unter denjenigen von Lufthansa.

Die Eurowings-Beschäftigten arbeiten laut aktuellen Tarifverträgen in Schichten, die offiziell bis zu 14 Stunden dauern dürfen. Bis zu fünf Mal pro Monat dürfen Dienstpläne geändert werden, wobei Änderungen unter 90 Minuten nicht als solche zählen. Das steht in den Tarifverträgen, die die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) im Frühjahr gemeinsam mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für die Eurowings-Beschäftigten in Deutschland abgeschlossen hat. Bei Krankheit müssen Flugbegleiter und Piloten Gehaltsverluste hinnehmen, da sich Eurowings bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nach österreichischem Tarifrecht richtet.

Der LH-Vorstand hat diese Zustände für seine Mitarbeiter systematisch herbeigeführt und ist dabei, sie ständig zu verschlechtern. Der Konzern versucht Kosten zu sparen, um die steigenden Kerosinkosten und schrumpfenden Gewinne auszugleichen. Die Lufthansa-Aktie ist in diesem Jahr um über 15 Prozent gesunken und hat damit im Dax das zweitschlechteste Ergebnis erzielt.

Angesichts eines harten Verdrängungskampfs unter den Fluggesellschaften hat die einst angesehene Kranich-Linie aus ihrem Konzern ein komplexes Konstrukt aus unterschiedlichen Gesellschaften und Tochterfirmen gemacht. Mit Eurowings verfolgt LH-Chef Carsten Spohr die Strategie, einen Low Cost Carrier zu schaffen, um Ryanair und Easyjet am Markt zu verdrängen.

Den Preis bezahlen die Crews, die Piloten, das Kabinenpersonal und die Bodenbeschäftigten, vor allem in den Tochtergesellschaften, aber mehr und mehr auch bei Lufthansa selbst. Der Eurowings, wie auch der Austrian Airline (AUA), werden seit dem Sommer harte Sparmaßnahmen aufgezwungen.

Auch andere Konzernteile sind stark betroffen. Die Catering-Gesellschaft LSG Sky Chefs wurde an Gategroup verkauft, eine ehemalige Swissair-Tochter, jetzt in chinesischem Besitz. Für die 7000 Beschäftigten bedeutet es Lohneinbußen und unsichere Arbeitsplätze. Einen halbherzigen 24-Stunden-Streik, den die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Mitte Dezember angekündigt hatte, ließ Lufthansa per einstweiliger Verfügung des Arbeitsgerichts Frankfurt verbieten. Auch bei Lufthansa Cargo werden weiter massiv Bereiche ausgegliedert und Stellen abgebaut.

In dieser Situation ist ein Streik mehr als berechtigt.

Es liegt jedoch auf der Hand, dass ein solcher Arbeitskampf eine adäquate Gegenstrategie gegen den LH-Konzern erfordert. Dazu müssen alle Konzernbereiche, die Kabine, das Cockpit, das Bodenpersonal, der Cargo-Bereich, das Catering etc. zusammengeschlossen werden.

Genauso müssen die LH-Beschäftigten einen gemeinsamen Kampf mit ihren Kollegen in den andern Airlines – von Ryanair über Easyjet bis hin zu Alitalia, Air France etc. – aufnehmen. Sie alle sind mit den gleichen Problemen und Angriffen konfrontiert, und sie können sich nur gemeinsam dagegen wehren. Gerade im Flugbetrieb ist es notwendig und naheliegend, die Kämpfe nicht nur über die Grenzen der Konzerne, sondern auch über die nationalen Grenzen hinweg gemeinsam zu führen.

Die Spartengewerkschaft Ufo verfolgt jedoch eine völlig andere Strategie. Zwar ist Ufo aufgrund der tiefen Frustration über die DGB-Gewerkschaft Verdi entstanden, die tief in das Management des Konzerns integriert ist und mit Christine Behle die Stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende stellt.

Aber auch Ufo identifiziert sich mit den Interessen des Konzerns. Die Spartengewerkschaft ist von vorneherein praktisch als Hausgewerkschaft des Kranich-Konzerns entstanden. Ihr wesentliches Ziel besteht darin, vom Vorstand als Gewerkschaft anerkannt zu werden, und nicht einen ernsthaften Kampf gegen diesen zu führen. Sie führt Warnstreiks und Kampfmaßnahmen bei Lufthansa, Eurowings, Sky und den anderen Tochtergesellschaften jeweils säuberlich voneinander getrennt durch.

In ihren Videobotschaften betont Ufo immer wieder, dass sie die Wettbewerbsfähigkeit der Lufthansa respektiert und die Interessen ihrer Aktionäre im Blick behält. Zur „Rechtfertigung“ des aktuellen Streiks sagte Ufo-Vertreter Nicoley Baublies dem Stern, dass zwischen den Jahren ja nicht so viele Geschäftsreisende betroffen seien.

Während sie die Germanwings-Flugbegleiter zum Streik aufriefen, bestätigten die Ufo-Vorstände Daniel Flohr und Sylvia de la Cruz ausdrücklich, dass niemand anderes streiken solle und dass sie anfangs Januar an einer Schlichtung mit der Lufthansa teilnehmen werden.

Im Oktober hatte Ufo einen eintägigen Warnstreik bei den vier Lufthansa-Töchtern durchgeführt. Kurz darauf hatte sie Anfang November die Crews der Lufthansa-Mutter zum 48-Stunden-Streik aufgerufen, der praktisch zu 100 Prozent befolgt wurde. 1500 Flüge und rund 200.000 Passagiere waren betroffen. Doch sobald der Konzernvorstand sich – völlig unverbindlich – zur Schlichtung bereit erklärte, brach Ufo alle Kampfmaßnahmen ab, ohne dass für die Beschäftigten irgendwas gewonnen war.

Seither setzt der Ufo-Vorstand seine Hoffnung auf die beiden Schlichter: Matthias Platzeck (SPD), ehemaliger Ministerpräsident von Brandenburg, und Frank-Jürgen Weise, ehemals Chef der Arbeitsagentur. Die beiden gewieften bürgerlichen Politiker werden von Ufo hoch gelobt.

Nur Lob hat Ufo-Chef Daniel Flohr auch für die bisherige Personalchefin des LH-Konzerns, Bettina Volkens, übrig. Sie habe „eine Kehrtwende im sozialpartnerschaftlichen Umgang“ des Konzerns eingeleitet. Dies ausgerechnet über die Managerin, die Nicoley Baublies, den ersten Ufo-Chef und heutigen Ufo-Berater, gekündigt und ihn und andere Ufo-Funktionäre mit Arbeitsgerichtsprozessen überzogen hatte.

Ufo-Sprecher Nicoley Baublies und LH-Arbeitsdirektorin Bettina Volkens

Allerdings war Bettina Volkens bereit, den Konflikt mit Ufo zu entschärfen und die Spartengewerkschaft stärker in die Tarifpolitik einzubinden, was die Vorstandsspitze unter Carsten Spohr offenbar ablehnt. Volkens musste deshalb gehen, sie wird zum 1. Januar 2020 als Arbeitsdirektorin bei Lufthansa abgelöst. An ihre Stelle tritt der Rechtsanwalt Michael Niggemann, der frühere Finanzchef der LH-Tochter Swiss.

Die gegenseitig Abneigung des ehemaligen Flugkapitäns Carsten Spohr an der Lufthansa-Spitze und des ehemaligen Pursers Nicoley Baublies in der Ufo-Führung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide der Profitabilität von Lufthansa verpflichtet sind. Damit drehen sie weiter an dem Rad, das die endlose Abwärtsspirale für die Rechte und Bedingungen der Beschäftigten antreibt.

 

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