Daimler Arbeiter in Sindelfingen unterstützen Streiks in Frankreich

Von K. Nesan
23. Dezember 2019

Am Mittwoch diskutierten Reporter der World Socialist Website (WSWS) mit Arbeitern des Daimler-Werks in Sindelfingen über die seit zwei Wochen andauernden Streiks der französischen Arbeiter gegen die geplanten Rentenreformen der Regierung von Manuel Macron. Alle Arbeiter, die beim Schichtwechsel mit uns diskutierten, wussten aufgrund des Schweigens der Medien in Deutschland relativ wenig über die Streiks. Aber das, was sie darüber wussten, veranlasste alle dazu, sie vorbehaltlos zu unterstützten.

WSWS-Reporter im Gespräch mit Daimler-Arbeitern in Sindelfingen

Die WSWS-Reporter verteilten den Perspektivartikel Der Weg vorwärts nach dem Massenstreik in Frankreich und erklärten den französischen Arbeiterstreik als entscheidende Entwicklung für die Wiederbelebung des globalen Klassenkampfs. Im Artikel heißt es: „Das Wiederaufleben von Massenstreiks und Protesten auf der ganzen Welt zeigt erneut, dass die entscheidende revolutionäre Kraft in der kapitalistischen Gesellschaft die Arbeiterklasse ist und dass der revolutionäre Kampf für den Sozialismus historisch auf der Tagesordnung steht.“

Die Arbeiter der globalen Autoindustrie stehen im kommenden Jahr vor gewaltigen Herausforderungen. Allein Audi und Daimler haben erst kürzlich den Abbau von 20.000 Stellen angekündigt. Zulieferindustrieunternehmen wie Bosch, ZF, Continental und Mahle gaben die Entlassung von mehr als 10.000 Arbeitern bekannt. Diese Entlassungen sind nur der Anfang. Autohersteller und Zulieferindustrie planen mit der engsten Unterstützung der Gewerkschaften beispiellose Angriffe auf die Arbeiter, die jedes Zugeständnis zerstören, dass sie sich in der Vergangenheit erkämpft hatten.

Im 25 Kilometer von der Daimler-Zentrale in Stuttgart entfernten Werk Sindelfingen arbeiten 25.000 Arbeiter. Derzeit werden dort die Modelle der S- und E-Klasse, das T-Modell und die Offroad-Variante All Terrain sowie die Mercedes-AMG-GT-Fahrzeuge produziert. Daimler plant, Sindelfingen in sein weltweites Produktionsnetzwerk für Elektrofahrzeuge zu integrieren. In Zukunft sollen Elektrofahrzeuge der Ober- und Luxusklasse im weltweiten Produktionsnetzwerk produziert werden.

Die Arbeiter sind nach der Ankündigung des Abbaus von 10.000 Stellen unsicher über ihre Zukunft. Sie beginnen zu realisieren, dass die IG Metall bei der Umstellung auf Elektromobilität und Digitalisierung ausschließlich die Interessen des Managements vertritt. Der Betriebsratsvorsitzende Ergun Lümali erklärte in der letzten Betriebsversammlung Anfang Dezember nicht nur seine ausdrückliche Unterstützung für die Abbaupläne. Er signalisierte auch, dass weitere Stellenkürzungen unvermeidlich sind. Die Betriebsräte würden alles tun, um „die Menschen in diesem großen Transformationsprozess mitzunehmen“, so Lümali. Ihm zufolge sind Arbeiter auf die Gnade der Geschäftsführung und der IG Metall angewiesen, um ihre Zukunft zu sichern. Er sagte: „Das gelingt aber nur, wenn das Unternehmen im Geist von Daimler und Benz die Mobilität der Zukunft vorantreibt und wir die Beschäftigten und die Beschäftigung mit zukunftsfähigen Betriebsvereinbarungen absichern.“

In den Diskussionen mit Arbeitern spürte man die wachsende Opposition gegen diese altbekannten und hohlen Versprechungen seitens der Gewerkschaft und die Suche nach Alternativen angesichts der heraufziehenden Entwicklung.

Viele Arbeiter drückten uns gegenüber ihre Zukunftsangst aus. Viele kamen, nahmen das Flugblatt entgegen und erklärten kurz ihre Zustimmung: „Auch in Deutschland muss sich einiges ändern“, „Ich wäre sofort dabei, wenn hier zwei Millionen auf die Straße gingen“ usw.

Achim, arbeitet seit über 30 Jahren bei Daimler. Auch er kritisiert, dass es in den Medien keine ausführlichere Berichterstattung über die Streiks in Frankreich gibt. Streik sei die einzige Waffe, die die Pläne der französischen Regierung stoppen kann, sagte er. Die Stimmung unter Arbeitern im Werk sei eine Mischung aus Angst und Wut.

„Seit der Ankündigung der Entlassung von 10.000 Arbeitern sind alle im Werk um die Zukunft besorgt“, sagte er. „Was das Management und die Gewerkschaften sagen, ist nicht glaubwürdig. Es gibt viele Gerüchte, in der Vergangenheit waren solche Gerüchte am Ende immer wahr geworden.“ „Uns wird gesagt, dass nächstes Jahr nur die Hälfte der von uns produzierten Autos verkauft werden wird. Wenn das der Fall ist, sind meiner Meinung nach Entlassungen unvermeidbar.“

Der von der IG Metall gepriesenen Jobgarantie bis 2029 vertraut er nicht. „Das glaube ich nicht. Die werden Wege und Mittel finden Entlassungen durchzusetzen.“ Achim wünscht sich, dass Arbeiter hier wie in Frankreich Streiks organisieren. „Ich würde mich ohne zu zögern dem Streik anschließen.“

Thomas arbeitet zurzeit als Mechatroniker beim Daimler, wie es hier heißt. Er hat vor 38 Jahren als Lehrling angefangen. An seinem Arbeitsplatz sei die Situation sehr schlecht. „Sehr wenige Arbeiter müssen viel arbeiten. Es werden viele Überstunden gemacht.“ In seiner Abteilung müssten eigentlich mehrere Arbeiter zusätzlich beschäftigt werden, um die Arbeitsbelastung zu bewältigen. Das Management und die IG Metall würden das aber unter Berufung auf das Sparprogramm ablehnen.

„Ich begann als Lehrling und führte ein einigermaßen gutes Leben. Ich hoffe, bald in Frührente gehen zu können“, sagte er. Er könne sich das leisten. „Aber ich glaube nicht, dass die jüngere Generation einen Lebensweg wie ich haben wird.“ Für junge Menschen werde es immer schwieriger, einen vernünftigen Job zu finden. „Wenn sie einen bekommen, reicht das Geld nicht aus und sie sind gezwungen, einen zweiten Job zu machen. Und selbst dann haben sie Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.“

Thomas unterstützt uneingeschränkt den Generalstreik in Frankreich und empfand es als einen mutigen Schritt gegen die Rentenreform vorzugehen, die Millionen von Menschen in Mitleidenschaft zieht. In Deutschland hält er einen Generalstreik wie in Frankreich für schwierig, da die Gewerkschaften legal keinen Generalstreik fordern können. Aber: „Auch wenn es möglich wäre, würden sie es nicht tun. Ich habe lange Erfahrung mit der IG Metall.“ Die Gewerkschaft würde niemals freiwillig zum Streik aufrufen. „Aber euer Vorschlag, von der Gewerkschaft unabhängige Arbeiterkomitees zu bilden, wäre eine Alternative“, glaubt er. „Die Dinge würden nicht für immer gleich sein, es würde sich schon bald etwas ändern.“

Ein Vertrauensmann, der seinen Namen nicht preisgeben wollte, sagte, was die Franzosen tun, sei das Richtige. Die Rente sei in ganz Europa bereits geringer, nun sollen die Reformen der französischen Regierung das derzeitige Rentenniveau in Frankreich noch unter dieses Niveau senken. „Ein Streik ist der einzige Weg, um dagegen anzukämpfen“, sagte er. Angesprochen auf die Vereinigung der europäischen Arbeiter antwortete er, dass er dies begrüßen würde.

Allerdings war er skeptisch, ob die deutschen Arbeiter gegenwärtig dazu bereit sind. Die WSWS-Reporter wiesen darauf hin, dass die Gewerkschaften der Hauptgrund sind, die Vereinigung von Arbeitern über nationale Grenzen hinweg zu verhindern. Gerade deshalb muss der erste Schritt darin bestehen, mit den Gewerkschaften zu brechen. Der Vertrauensmann antwortete, er kenne die WSWS und den Autoarbeiter-Newsletter schon lange und er würde sich nicht dagegen aussprechen, wenn die Arbeiter mit den Gewerkschaften brechen und ihre unabhängigen Komitees bilden, wie wir es vorschlagen.

Viele Arbeiter betonten, sie wären sofort dabei, wenn es Streiks und Proteste wie in Frankreich geben würde. Kaum jemand glaubt, dass die IG Metall diese organisieren würde. Arbeiter sehen die Gewerkschaft zunehmend als Teil der Probleme, vor denen sie stehen, und schon lange nicht mehr als deren Lösung.

Doch alle scheinen darauf zu warten, dass jemand vorangeht. Die WSWS und die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP), die tagtäglich eine tragfähige Perspektive für den Kampf der Arbeiter weltweit entwickeln, werden alles tun, die Gründung von unabhängigen Aktionskomitees in den Betrieben und den internationalen Austausch zur Vereinigung der Arbeiter zu unterstützen. Aber weder WSWS noch SGP können stellvertretend für die Belegschaften handeln. Die Befreiung der Arbeiterklasse muss das Werk der Arbeiterklasse selbst sein, schrieben Karl Marx und Friedrich Engels.

Einige müssen vorangehen und die Initiative ergreifen. Die Zeit dafür ist gekommen. Nehmt mit uns Kontakt auf, um die ersten Schritte zur ernsthaften Verteidigung von Arbeitsplätzen, Löhnen und Arbeits- wie Lebensbedingungen zu beginnen.

 

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