Finanzinvestoren fordern Zerschlagung von Thyssenkrupp

Von Elisabeth Zimmermann und Dietmar Gaisenkersting
2. Dezember 2019

Die Forderungen der Finanzinvestoren nach einem radikalen Umbau, nötigenfalls der Zerschlagung der Thyssenkrupp AG, werden immer lauter. Letzte Woche hat sich Union Investment zu Wort gemeldet und gefordert, den Industriekonzern mit 160.000 Beschäftigten „aufzuräumen oder abzuwickeln“.

Derweil sorgen IG Metall und die Betriebsräte dafür, dass sich kein wirklicher Protest dagegen formiert und die Interessen der Aktionäre gewahrt bleiben. Diesen Zweck haben die beiden Protestveranstaltungen, die die IGM-Betriebsräte in dieser Woche organisieren.

Schon seit langem drängen die Hedgefonds Cevian und Elliot, die 18 respektive 3 Prozent der Aktien von Thyssenkrupp halten, den Konzern im Interesse ihrer Rendite umzubauen. In der letzten Woche hat nun auch die Fondsgesellschaft Union Investment, die nur 0,7 Prozent der Aktien hält, weitreichende Angriffe auf die Belegschaften verlangt.

„Ohne positiven Cashflow stellt sich irgendwann die Frage, ob man den ganzen Konzern nicht besser abwickelt“, sagte Portfoliomanager Michael Muders in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. „Thyssenkrupp hat in der letzten Dekade nicht bewiesen, dass man für die Aktionäre Wert schaffen kann.“ Dass das Unternehmen heute mit dem Rücken zur Wand stehe, biete die Chance, „jetzt richtig aufzuräumen“.

Gleichzeitig ist der Konzern ins Visier von Spekulanten geraten, die auf fallende Aktienkurse setzen. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung meldete letzte Woche, dass sich momentan rund zehn Prozent der Thyssenkrupp-Aktien in Händen entsprechender Spekulanten befänden. „Es ist auffällig, dass sich bei Thyssenkrupp in den vergangenen Wochen die Leerverkäufe häufen“, sagte Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) der WAZ.

Muders und Union Investment vertrauen hingegen auf die neue Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz. „Sie packt die Restrukturierung entschlossener an als die Vorgänger“, so Muders.

Merz hatte im Oktober als Aufsichtsratsvorsitzende die Nachfolge von Guido Kerkhoff angetreten, der mit 6,5 Millionen Euro und einer Pensionszusage von jährlich 350.000 Euro abgefunden wurde. Kerkhoff selbst hatte erst im Sommer letzten Jahres, nach dem plötzlichen Abgang von Heinrich Hiesinger, den Vorstandsvorsitz übernommen. Merz, die auch mit allen Stimmen der IG Metall im Aufsichtsrat auf den Vorstandssessel berufen wurde, hatte sich vor ihrem Wechsel zu Thyssenkrupp als Bosch-Managerin mit der Sanierung und dem Verkauf von weniger profitablen Bereichen profiliert.

Bei der Bilanz-Pressekonferenz am 21. November hatte Merz hohe Verluste präsentieren müssen. So erhöhte sich der Nettoverlust im vergangenen Geschäftsjahr 2018/19 auf 304 Millionen Euro (von 62 Millionen Euro im Jahr davor). Das operative Ergebnis sank auf 802 Millionen Euro von 1,4 Milliarden Euro im Vorjahr. Für die Verluste sollen der Stahlbereich und der Autokomponentenbau hauptverantwortlich sein. Dass für dieses Jahr auch die Dividende für die Aktionäre gestrichen werden soll, nachdem die Aktie kurz zuvor vom DAX in den MDAX abgestuft worden war, rief sofort die Aktionäre wie Union Investment auf den Plan.

Weil laut Merz die Verluste im neuen Geschäftsjahr womöglich noch höher ausfallen könnten, müssten bereits geplante Umstrukturierungen und der bereits laufende Abbau von 6000 Arbeitsplätzen schneller umgesetzt werden. Thyssenkrupp-Personalvorstand Oliver Burkhard warnte, dass nicht ausgeschlossen werden könne, „dass es mehr Stellen werden, die wir abbauen müssen“.

Bereits am Tag vor der Bilanzvorstellung hatte Merz den Abbau von 640 Stellen im Autozuliefergeschäft in Deutschland angekündigt. Davon sollen allein 300 im Werk Bremen wegfallen. In der Essener Konzernzentrale soll fast jeder zweite der knapp 800 Arbeitsplätze innerhalb der nächsten zwölf Monate wegfallen.

Der Anlagenbau soll „restrukturiert“ oder ganz verkauft werden. Dazu werden bereits so genannte Factbooks zusammengestellt, eine Art Verkaufskatalog für mögliche Interessenten.

Für die rund 27.000 Beschäftigten von Thyssenkrupp Steel Europe sieht die Zukunft ähnlich düster aus. Finanzanalyst Muders erklärte: „Wenn man in Europa im Stahlgeschäft kein Geld verdienen kann – und zwar über Jahre –, dann muss man sich fragen, ob es Sinn macht, dieses Geschäft weiter zu betreiben.“

Der Stahlvorstand will im Laufe des Monats dem Aufsichtsrat seine Pläne vorlegen. Schon jetzt ist klar, dass es nicht bei dem bereits beschlossenen Abbau von 2000 Stellen bleibt. Nachdem das geplante Joint Venture mit Tata Steel Europe an den Bedenken der EU-Wettbewerbsbehörde gescheitert ist, hat der indische Stahlkonzern den Abbau von 3000 Stellen in Europa bekannt gegeben, zwei Drittel in der Verwaltung, ein Drittel in den Fabriken in Großbritannien und den Niederlanden.

Inzwischen steht auch das Filetstück von Thyssenkrupp, die Aufzugssparte mit etwa 50.000 Beschäftigten, zum Verkauf. Bis vor kurzem sollten nach einem Börsengang Teile dieser profitabelsten Sparte verkauft werden. Der Konzern hatte vor, sich eine Minderheitsbeteiligung zu sichern. Jetzt ist ein Komplettverkauf nicht mehr ausgeschlossen. Eine Entscheidung dazu will Merz bereits im ersten Quartal des nächsten Jahres fällen. Finanzinvestor Muders frohlockt: „Der Wert der Aufzugssparte wird auf 15 bis 20 Milliarden Euro geschätzt.“

Obwohl in fast allen Bereichen bei Thyssenkrupp stark gekürzt und gespart wird, gibt es einen Bereich, in dem das nicht der Fall ist: Thyssenkrupp Marine Systems. Der Konzern investiert 250 Millionen Euro in die Kieler Werft, in der U-Boote und andere Kriegsschiffe gebaut werden. Ziel sei es laut Firmenleitung, den Werftstandort zum internationalen Kompetenzzentrum für den konventionellen U-Boot-Bau weiterzuentwickeln und zu Europas modernstem Marineunternehmen zu werden. Angesichts der fieberhaften Aufrüstung in Europa und weltweit, will Thyssenkrupp auf jeden Fall wieder von Krieg und Vernichtung profitieren.

In allen Betrieben des Konzerns gärt es. Die Sorgen sind groß, dass in den kommenden Monaten die Zerschlagung des gesamten Konzerns eingeleitet wird.

Die IG Metall- und Betriebsratsvertreter sehen ihre Aufgabe darin, die Belegschaften ruhig zu halten und zu verhindern, dass sich über einzelne Sparten hinweg Proteste zur Verteidigung aller Arbeitsplätze entwickeln.

Daher kommt es morgen und übermorgen zu der absurden Situation, dass die IG Metall am Dienstag die Stahlarbeiter vor dem Stahl-Verwaltungsgebäude in Duisburg zum Protest versammelt, am Mittwoch dürfen dann andere Thyssenkrupp-Arbeiter vor der Hauptverwaltung im nur 20 Kilometer entfernten Essen Druck ablassen. Betriebsräte und Gewerkschaft wollen so auf jeden Fall verhindern, dass sich beispielsweise die Arbeiter der Aufzugssparte mit den Stahlarbeitern solidarisieren und umgekehrt.

Die beiden Protestveranstaltungen in Duisburg und Essen sind reine Alibi-Veranstaltungen. Die Arbeiter werden zusammengetrommelt, um die jeweilige Vorstandsetage zu bitten, Informationen über das weitere Vorgehen zu geben. „Wir fordern ein klares Bekenntnis von Thyssenkrupp zu Stahl“, sagte der stellvertretende Aufsichtsratschef von Thyssenkrupp Steel Europe und ehemalige IGM-Vorsitzende Detlef Wetzel, gegenüber Reuters. „Wir fordern endlich Sicherheit für die Beschäftigten.“

Auch der Betriebsratsvorsitzende von Thyssenkrupp Steel Europe, Tekin Nasikkol, gibt sich enttäuscht über den Thyssenkrupp-Vorstand und wirft ihm „Intransparenz“ und eine „Hinhaltetaktik“ vor.

Dass die IGM-Aufsichtsräte und Betriebsratsvorsitzenden von nichts wissen, ist zwar eine wieder und wieder von ihnen selbst vorgetragene Behauptung. Das macht sie aber nicht glaubwürdiger.

Der Thyssenkrupp-Personalvorstand Oliver Burkhard war vor seinem 5-Millionen-Euro-Job der IGM-Bezirksleiter in Nordrhein-Westfalen. Einer seiner Vorgänger auf diesem Posten war Detlef Wetzel. Markus Grolms, IGM-Gewerkschaftssekretär, ist stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats des Gesamtkonzerns, der Thyssenkrupp AG. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Konzernbetriebsrates Dirk Sievers sitzt er in allen Gremien des Aufsichtsrates, im Präsidium, im Personal-, Prüfungs- sowie im Strategie-, Finanz- und Investitionsausschuss. Nasikkol selbst gehörte bis vor kurzem diesem Aufsichtsrat an.

Burkhard und Grolms tragen die Hauptverantwortung dafür, dass in den letzten Jahren alle Entscheidungen der Finanzinvestoren gegen die Belegschaften durchgesetzt wurden. Die IG Metall hat sich voll und ganz den Profitinteressen der Aktienbesitzer verschrieben – der Hedgefonds, Banken, Schwerreichen.

Die Sozialistische Gleichheitspartei und die World Socialist Web Site fordern die Stahlarbeiter auf, den Kampf in die eigenen Hände zu nehmen. Dazu sind als erstes neue Kampforganisationen und der Aufbau von Aktionskomitees notwendig, die von den Arbeitern selbst kontrolliert werden. IGM-Betriebsräte dürfen darin nichts zu suchen haben. Diese Aktionskomitees müssen für die breiteste Mobilisierung der Arbeiterklasse in Deutschland, in Europa und international kämpfen. Kontaktiert uns, um die ernsthafte Verteidigung von Arbeitsplätzen und Löhnen vorzubereiten.

 

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