„Die Ungewollten“ – 80 Jahre seit der Irrfahrt der St Louis

Von Verena Nees
11. November 2019

Selten packt ein Dokudrama über ein geschichtliches Ereignis die Zuschauer so unmittelbar. Vor kurzem lief im ARD-Fernsehen ein neuer Film über die Irrfahrt der St. Louis vor 80 Jahren. Der Hochseedampfer mit über 900 jüdischen Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland wurde von den kubanischen, amerikanischen und kanadischen Regierungen an der Landung gehindert.

Historisches Bild der St. Louis

„Die Ungewollten“, diesen Titel hat Ben von Grafenstein mit Bedacht für seinen Film gewählt. Sind nicht heute wieder Tausende Menschen „ungewollt“, die vor Kriegen, Folter und bitterer Armut über das Mittelmeer flüchten und verzweifelt einen Anlegehafen an Europas Küsten suchen? Oder ihr Leben an martialisch gesicherten Grenzen, wie der zwischen den USA und Mexiko, riskieren?

Im Mai 1939, ein halbes Jahr nach der Reichspogromnacht, gehen 937 nahezu ausschließlich jüdische Passagiere voller Zuversicht an Bord der St. Louis der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, um dem Nazi-Terror zu entkommen. Sie haben alles hinter sich gelassen und ihr letztes Geld für die Passage und Touristenvisa zur Einreise in Kuba ausgegeben, von wo die meisten in die USA auswandern möchten.

Doch als der Dampfer am 27. Mai in der Bucht von Havanna vor Anker geht, verweigert die kubanische Regierung des Diktators Batista die Landeerlaubnis, trotz vorheriger Zusage. Angeblich sind die Einreisebestimmungen kurz zuvor geändert worden. Mitglieder der korrupten, von den USA abhängigen kubanischen Regierung sollen die Einreisedokumente privat verkauft haben, heißt es.

Am Hafen sammeln sich Angehörige, winken, rufen. Sie dürfen das Schiff nicht betreten. Unter ihnen auch der Mann von Martha Stein (Britta Hammelstein), einer fiktiven Protagonistin des Films, die mit ihrem kleinen Sohn dem Ehemann nachkommen will, der sich schon einige Monate vorher aus einem Konzentrationslager nach Havanna geflüchtet hat. Sein Versuch, als Matrose verkleidet auf dem Schiff Frau und Kind in den Arm zu nehmen, wird durch einen Gestapo-Mann aus der Crew vereitelt, derselbe, der zu Beginn der Reise Martha missbraucht hat.

Nach Verhandlungen von Kapitän Gustav Schröder (Ulrich Noethen) akzeptieren die kubanischen Behörden nur die Einreise von 29 Passagieren: Von zwei Familien und einigen Reisenden mit spanischen und kubanischen Pässen sowie einem Passagier, der einen Suizid versucht und im Krankenhaus in Havanna gerettet wird. Nach fünf Tagen muss die St. Louis unter Gewaltandrohung der kubanischen Behörden den Hafen verlassen.

Kapitän Schröder nimmt daraufhin Kurs auf die USA. Doch auch der demokratische Präsident Franklin D. Roosevelt verwehrt der „St. Louis“ die Landung in einem sicheren US-amerikanischen Hafen, ebenso die kanadische Regierung unter dem liberalen Premier William Lyon Mackenzie King.

Als darauf die Hapag-Lloyd Order erteilt, nach Deutschland zurückzukehren, wo die Verteilung der Flüchtlinge auf Konzentrationslager droht, spielen sich verzweifelte Szenen an Bord ab. Es gibt Pläne für einen Massenselbstmord, einen tatsächlichen Suizid-Versuch und einen Versuch, das Schiff zu kapern, um einen Kurswechsel durchzusetzen.

Kapitän Gustav Schröder ist seit 1933 überzeugtes Mitglied der NSDAP. Doch ist er Mensch geblieben und seinen Prinzipien als Seeoffizier treu, nach denen in internationalen Gewässern alle Passagiere gleich gut behandelt werden müssen.

„Wollen Sie nicht ihren Sohn in Hamburg schützen“, fragt ihn sein erster Offizier Klaus Ostermeyer (Johannes Kienast) und spielt damit auf Schröders behindertes Kind an, dem unter den Nazis der Euthanasie-Tod droht. „Das steht auf einem anderen Blatt“, erwidert Schröder. Er wolle sich nicht zu Schulden kommen lassen, über 900 Menschen in den Tod gefahren zu haben.

Immer wieder bemüht er sich, trotz Überwachung durch die Gestapo an Bord, mit Hilfe von jüdischen Hilfsorganisationen eine Lösung an anderen Häfen zu erreichen, verhandelt mit verlogenen Beamten und Botschaftern, will sogar eine Havarie vor der englischen Küste vortäuschen. Es ist Martha Stern, die zu seinem Alter Ego, seiner inneren Stimme des Gewissens wird. Sie macht ihm klar, welche grausamen Verfolgungen die jüdischen Passagiere in Deutschland zu erwarten haben.

Knapp einen Monat nach Verlassen des Hamburger Hafens läuft schließlich die „St. Louis“ im belgischen Antwerpen ein. Belgien, die Niederlande, Frankreich und England haben sich bereit erklärt, die Flüchtlinge aufzuteilen. Der Jubel ist groß, doch ein Jahr später besetzen die Nazis Belgien, die Niederlande und Frankreich. Nach neueren Forschungen sind letztlich 254 der Passagiere doch noch dem Holocaust zum Opfer gefallen.

Gustav Schröder kehrte nach Hamburg zurück und wurde von den Nazis nicht belangt. Vor seinem Tod 1959 wurde er von der Bundesrepublik Deutschland „für Verdienste um Volk und Land bei der Rettung von Emigranten“ mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, von Israel posthum in den Kreis der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen.

Zurzeit der Odyssee der St Louis auf dem Atlantik befanden sich zwei weitere Flüchtlingsschiffe auf dem Weg nach Kuba, darunter der Dampfer Orinoco vom Bremer Vulkan mit 200 jüdischen Flüchtlingen. Sie wurden ebenfalls von Kuba und den USA abgewiesen. Anders als Gustav Schröder folgten ihre Kapitäne der Order aus Nazi-Deutschland und lieferten die Emigranten den Nazi-Verfolgern wieder aus. Über ihr Schicksal ist nichts bekannt.

Regisseur Ben von Grafenstein (u.a. Blindflug, Kasimir und Karoline) ist ein bewegender Film gelungen, der das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge auf der Grundlage der Tagebuchaufzeichnungen des Kapitäns, von Dokumenten, Zeitzeugen-Interviews und überzeugenden Spielfilmszenen heutigen Generationen nahebringt. Er ist zugleich eine deutliche Warnung: Im Kampf gegen rechtsextreme Tendenzen, gegen die AfD und ihren Rassismus, gegen antisemitische Gewalttaten wie jüngst in Halle sind die sogenannten demokratischen Regierungen keine Verbündeten.

Leider schwächt die Regie diese Warnung selbst, wenn sie am Ende die Entschuldigung des heutigen kanadischen Premiers Justin Trudeau am 7. November 2018 im nationalen Parlament in Ottawa einblendet. Er entschuldige sich für die „Herzlosigkeit“ der damaligen kanadischen Regierung, die wie er selbst von der Liberalen Partei geführt wurde. Kanada habe mit der Einreiseverweigerung zum „grausamen Schicksal“ vieler Menschen beigetragen.

Doch dieses Verhalten ist auch Gegenwart. Heute gehen sämtliche Regierungen der kapitalistischen Welt mit den gleichen „herzlosen“ Methoden gegen Flüchtlinge vor, die vor den endlosen Kriegen der USA und anderen Großmächten fliehen. Trudeau selbst, der sich gerne mit der Aufnahme von mehr syrischen Flüchtlingen als die USA brüstet, hat inzwischen die Asylpolitik verschärft und die Zahl von Asylbewerbern drastisch reduziert.

Es ist die tiefe Krise des Weltkapitalismus und die drohende soziale Revolution, die die herrschenden Eliten weltweit erneut zu den Methoden von Krieg und Faschismus greifen lassen, mitsamt ihrer Begleiterscheinung von Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus. Keiner hat diesen Zusammenhang treffender dargestellt als Leo Trotzki, Lenins Mitstreiter in der Russischen Revolution 1917 und Organisator der Linken Opposition gegen Stalin. Er schrieb ein Jahr nach der Irrfahrt der St. Louis:

„Die Welt des verfaulenden Kapitalismus ist überfüllt. Die Frage der Zulassung von hundert zusätzlichen Flüchtlingen wird ein großes Problem für eine Weltmacht vom Range der Vereinigten Staaten. In der Zeit des Flugzeugs, Telegraphs, Radios, Fernsehens wird das Reisen von Land zu Land durch Pässe und Visen lahmgelegt. Die Periode des schwindenden Außenhandels und verfallenden inneren Marktes ist gleichzeitig die Periode der monströsen Steigerung des Chauvinismus, insbesondere des Antisemitismus. (…) Inmitten der ungeheuren Landflächen und der Wunder der Technik, die dem Menschen Himmel und Erde erschließen, hat es die Bourgeoisie fertiggebracht, unseren Planeten in ein widerwärtiges Gefängnis zu verwandeln.“ (Leo Trotzki: Der imperialistische Krieg und die proletarische Weltrevolution (1940), in: Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 212-213)

Der ARD-Film „Die Ungewollten – die Irrfahrt der St. Louis“ ist noch bis zum 20. November in der Mediathek zu sehen.

 

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