Die Korruption der US-Autogewerkschaft: ein guter Grund für Aktionskomitees

9. November 2019

Die Arbeiter in den USA befinden sich in einer kritischen Lage. Die Gewerkschaft United Auto Workers versucht derzeit, bei Ford einen Tarifabschluss nach dem Vorbild von General Motors (GM) durchzudrücken, nachdem sie den Streik bei GM Ende letzten Monats abgewürgt hat. Das überwältigende „Nein“ der Belegschaft des Ford-Montagewerks in Detroit am 6. November hat im Gegensatz dazu gezeigt, dass die Arbeiter kampfbereit sind.

Gleichzeitig droht dem Gewerkschaftsvorsitzenden Gary Jones unmittelbar eine Anklage wegen Diebstahls von Mitgliedsbeiträgen. Das Ganze ist Teil eines Korruptionsskandals, in den bereits zahlreiche Top-Funktionäre verwickelt sind.

Es könnte kein besseres Argument für die Gründung von unabhängigen Aktionskomitees geben, die die Interessen der Arbeiter vertreten. Die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) ist keine Arbeiterorganisation, sondern eine kriminelle Vereinigung, die sich an der zunehmenden Ausbeutung der Arbeiter bereichert.

Die jüngste Anklageschrift gegen Jones liest sich wie das Drehbuch zu einer neuen Folge von Der Pate. In Gesprächen, die offenbar abgehört wurden, überlegen Jones und seine Mitarbeiter, wie man den Diebstahl von Mitgliedsbeiträgen vertuschen kann. Einem engen Mitarbeiter wird zugesichert, dass seine Familie „versorgt“ würde, wenn er die Schuld auf sich nähme.

In der Woche vor dem Streik bei GM schrieb der Autoworker Newsletter der WSWS: „Wenn sie über irgendetwas verhandeln, dann darüber, wie sie den Kopf aus der Schlinge ziehen und sich von einer Anklage freikaufen können.“ Wie die jüngsten Entwicklungen zeigen, war das keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Beschreibung der Tatsachen.

Der GM-Tarifvertrag, den die UAW nun gegen massiven Widerstand auch auf Ford und Fiat Chrysler übertragen will, sollte von den Autoarbeitern für null und nichtig erklärt werden. Dieser Vertrag wurde, wie die früheren auch, von einem korrupten Apparat ausgehandelt, der sich erwiesenermaßen Millionen Dollar an Beitragsgeldern unter den Nagel gerissen hat. Ganz zu schweigen von den Millionen an Bestechungsgeldern, die über die gemeinsamen Ausbildungszentren von Gewerkschaft und Unternehmen gewaschen wurden.

Die Korruption der UAW, so bedeutsam sie sein mag, ist allerdings nicht die Ursache für die Ausverkäufe. Die tiefere Ursache liegt in der gesellschaftlichen Funktion und Form der Gewerkschaften und in der Art und Weise, wie sie auf die Offensive der herrschenden Klasse reagiert haben, die vor mehr als vier Jahrzehnten einsetzte.

Wie David North, der Vorsitzende der internationalen WSWS-Redaktion 1998 erklärte, ergibt sich die Abweichung der tatsächlichen Rolle der Gewerkschaften von ihrer theoretischen Funktion als Verteidigungsorganisationen der Arbeiterklasse „aus der ökonomischen Funktion der Gewerkschaft in der Gesellschaft. Da sie sich auf den Boden der kapitalistischen Produktionsverhältnisse stellen, sind die Gewerkschaften von ihrem ganzen Charakter her dazu gezwungen, gegenüber dem Klassenkampf eine feindliche Haltung einzunehmen.

Da ihre Anstrengungen darauf gerichtet sind, sich mit den Arbeitgebern über den Preis der Arbeitskraft und die allgemeinen Bedingungen der Mehrwerterzeugung zu einigen, müssen die Gewerkschaften auch sicherstellen, dass ihre Mitglieder ihre Arbeitskraft entsprechend der ausgehandelten Verträge zur Verfügung stellen.“

Die Einhaltung der ausgehandelten Verträge bedeutet jedoch die Unterdrückung des Klassenkampfs. „Das führt naturgemäß dazu, dass sich die Gewerkschaften langfristig selbst das Wasser abgraben. Sie unterhöhlen selbst ihre Fähigkeit, auch nur jene beschränkten Ziele zu erreichen, die sie sich offiziell gesetzt hatten.“ (Warum sind die Gewerkschaften gegen den Sozialismus?)

Die Feindseligkeit der Gewerkschaften gegenüber dem Klassenkampf ist eng mit ihrer nationalistischen Perspektive verbunden. In jedem Land arbeiten die Gewerkschaften daran, „ihre eigenen“ nationalen Kapitalisten vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, und machen die Arbeiter anderer Länder zu Sündenböcken für Entlassungen und Lohnkürzungen.

Die nationalistischen und prokapitalistischen Gewerkschaften reagierten auf den Niedergang des amerikanischen Kapitalismus und den Rechtsruck der herrschenden Klassen in den 1970er und 1980er Jahren, indem sie aktiv mit dem Management zusammenarbeiteten, um Streiks zu isolieren, militante Arbeiter ans Messer zu liefern und jede Opposition gegen das Wachstum der sozialen Ungleichheit zu unterdrücken.

Es ist jetzt vierzig Jahre her, seit der UAW zum ersten Mal Vertreter in den Chrysler-Vorstand entsandt hat und anfing, an Zehntausenden von Entlassungen mitzuwirken, was zu allererst die militantesten Arbeiter traf. Mitte der 80er Jahre begann die UAW, gemeinsame Organisationen mit den Unternehmern aufzubauen, und integrierte sich immer tiefer in das Management. Sie tat dies auf der Grundlage des Korporatismus, also der vermeintlichen Identität der Interessen von Management und Belegschaft.

In diesem Zusammenhang teilte sich der UAW auf in „UAW-GM“, „UAW-Ford“ und „UAW-Chrysler“. Die wirkliche Interessensgleichheit bestand jedoch nicht zwischen Arbeitern und Management, sondern zwischen UAW und Management – gegen die Arbeiter. Die offene Korruption der UAW-Bosse, die Leichtigkeit, mit der Geld und Geschenke von den Unternehmen in die Taschen der Gewerkschaft flossen, hat ihre Ursache darin, dass beide auf der gleichen Seite stehen.

In den letzten fünfzig Jahren gab es keinen Mangel an Gruppen, die innerhalb der Gewerkschaften Reformen herbeiführen wollten: Teamster for a Democratic Union (TDU), Miners for Democracy, Steelworkers Fightback und UAW New Directions, um nur einige zu nennen. Ihr erklärtes Ziel bestand darin, die Gewerkschaften zu „demokratisieren“ oder Korruption und „Bürokratismus“ zu bekämpfen. Aber dort, wo diese Gruppen Posten erlangten, taugten sie zu nichts anderem, als eine neue Generation von Bürokraten zu züchten, die sich den Interessen der Arbeiter gegenüber noch feindlicher verhielten als ihre Vorgänger.

Diejenigen, die heute behaupten, dass alles anders wäre, wenn die Gewerkschaftsführung und die Kontrolle über die enormen finanziellen Ressourcen der Bürokratie in ihren Händen liegen würden, begehen den gleichen sattsam bekannten Betrug, den die Arbeiter immer wieder erlebt haben.

Doppelt misstrauisch sollte man gegenüber angeblichen Reformern sein, die auf den Seiten der Detroit Free Press und anderer Unternehmensmedien hochgelobt werden. Diese selbsternannte „Reformer“ erfüllen nur den Zweck, die Arbeiter an die UAW zu fesseln.

Besonders übel sind ihre Predigten, dass die Arbeiter nun unbedingt weiterhin Beiträge an die UAW abführen sollten. Im Klartext bedeutet dies, dass die Arbeiter weiterhin den Lebensstil finanzieren sollen, an den die Bürokratie gewöhnt ist: Golfturniere und Champagner nach Art der Zaren im Winterpalast, während die Autoarbeiter auf Streikposten verhungern sollen.

Die World Socialist Web Site und die Socialist Equality Party rufen zur Gründung unabhängiger Aktionskomitees auf. In solchen Aktionskomitees könnten natürlich keine heutigen oder ehemaligen Gewerkschaftsfunktionäre vertreten sein. Sie müssten von einfachen Arbeitern organisiert und geleitet werden, ohne hauptamtliche Funktionäre oder Bürokraten.

Im Gegensatz zu den Gewerkschaften, die „Managementrechte“ verteidigen, einschließlich des vermeintlichen „Rechts“ auf Profit, würden Aktionskomitees von den Rechten und Bedürfnissen der Arbeiterklasse ausgehen, die grundsätzlich mit den Interessen der Kapitalisten unvereinbar sind. Solche Komitees werden den Arbeitern als Mittel dienen, die Kontrolle über die Produktion zu übernehmen und in den Betrieben für eine echte Demokratie zu sorgen.

Und sie werden sich auf das Prinzip des Internationalismus und der Gleichheit der Interessen aller Arbeiter stützen. Die Tatsache, dass sich während des GM-Streiks amerikanische und mexikanische Arbeiter gegenseitig unterstützt haben, zeigt anschaulich, dass die Arbeiter in jedem Land die gleichen Interessen haben, mehr denn je durch die globale Produktion miteinander verbunden sind und das gleiche Schicksal teilen.

Die Gründung von Aktionskomitees wird nicht spontan stattfinden. Sie muss von besonders engagierten und klassenbewussten Arbeiter ausgehen, die sich bereits mit grundlegenden programmatischen Fragen auseinandersetzen.

Vor allem muss ein wichtiger Teil der Arbeiter die Prinzipien des Sozialismus kennen, die dem korporativen Kurs der UAW diametral entgegengesetzt sind. Die Geschichte des Klassenkampfs zeigt, dass selbst ein kleiner Kader sozialistisch gesinnter Arbeiter enorme Auswirkungen auf das Ergebnis der Kämpfe von Hunderttausenden hat.

Die Socialist Equality Party und die World Socialist Web Site sind bereit, Arbeiter zu unterstützen, die diesen notwendigen ersten Schritt tun möchten. Kontaktiert uns noch heute unter autoworkers@wsws.org

Tom Hall

 

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