Vorwort zur türkischen Ausgabe von Verteidigung Leo Trotzkis

Trotzkis Schicksalsjahre auf Prinkipo: 1929–1933

Von David North
5. Oktober 2019

Dieses Vorwort verfasste der Autor von Verteidigung Leo Trotzkis für die türkische Ausgabe, die vor Kurzem erschienen ist. Die deutsche Ausgabe ist im Mehring Verlag erschienen und kann hier bestellt werden.

Bei der Veröffentlichung einer türkischsprachigen Ausgabe von Verteidigung Leo Trotzkis ist, obgleich mit einiger Verspätung, eine gewisse historische Gerechtigkeit am Werk. Vor etwas mehr als neunzig Jahren, im Februar 1929, kam Trotzki in Begleitung seiner Frau Natalja Sedowa als politischer Exilant aus der Sowjetunion in die Türkei. Er hatte bereits ein Jahr im internen Exil in Alma-Ata in Kasachstan verbracht, wohin er nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei der Sowjetunion am 14. November 1927 verbannt worden war. Die Abgeschiedenheit in Alma-Ata hinderte Trotzki nicht daran, der Linken Opposition, an deren Spitze er seit 1923 stand, eine politische Führung zu geben. Seine vernichtende Kritik an der Innen- und Außenpolitik der stalinistischen Bürokratie wurde weiterhin in der gesamten Sowjetunion verbreitet.

Leo Trotzki an seinem Schreibtisch in Prinkipo

Stalin hatte keine grundsätzlichen Argumente gegen Trotzki. Daher war er entschlossen, ihn zum Schweigen zu bringen. Das Politbüro entsandte einen Vertreter der sowjetischen Geheimpolizei GPU zu Trotzki, um zu verlangen, dass er seine oppositionellen Aktivitäten einstellt und den Kontakt zu seinen Unterstützern abbricht. Wenn er sich diesem Ultimatum nicht beuge, so die Warnung der GPU an Trotzki, „würde das Kollegium sich genötigt sehen, die Bedingungen Ihres Daseins derart zu verändern, dass Sie vom politischen Leben völlig abgeschnitten sein werden. Damit wäre die Frage der Veränderung Ihres Wohnortes verbunden.“ [1] In einem Brief an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei vom 16. Dezember 1928 wies Trotzki das Ultimatum zurück:

Die mir gestellte Forderung, auf die politische Tätigkeit zu verzichten, bedeutet die Forderung, auf den Kampf für die Interessen des internationalen Proletariats zu verzichten, einen Kampf, den ich ununterbrochen zweiunddreißig Jahre führe, das heißt während meines ganzen bewussten Lebens. Der Versuch, diese Tätigkeit als eine „konterrevolutionäre“ hinzustellen, stammt von jenen, die ich vor dem Angesicht des internationalen Proletariats beschuldige, die Grundlehren von Marx und Lenin mit Füßen zu treten, die historischen Interessen der Weltrevolution zu verletzen, mit den Traditionen und Vermächtnissen des Oktober gebrochen zu haben und unbewusst, aber umso bedrohlicher, den Thermidor vorzubereiten.

Der Verzicht auf politische Tätigkeit würde bedeuten die Einstellung des Kampfes gegen die Blindheit der heutigen Führung der Kommunistischen Partei, die durch ihre opportunistische Unfähigkeit, eine proletarische Politik im großen Maßstab zu führen, zu den objektiven Schwierigkeiten des sozialistischen Aufbaues in der USSR immer mehr politische Hindernisse häuft; es würde den Verzicht auf den Kampf gegen das heute herrschende Parteiregime bedeuten, das den anwachsenden Druck der feindlichen Klassen auf die proletarische Avantgarde widerspiegelt; es würde bedeuten, sich passiv mit der wirtschaftlichen Politik des Opportunismus abzufinden, der die Pfeiler der Diktatur des Proletariats untergräbt und entwurzelt, seine materielle und kulturelle Entwicklung aufhält und gleichzeitig dem Bündnis der Arbeiter mit den werktätigen Bauern, dieser Basis der Sowjetmacht, harte Schläge zufügt. [2]

Trotzki stellte der Statur und Rolle der herrschenden Bürokratie diejenige der Linken Opposition gegenüber:

Die unheilbare Ohnmacht des Apparates besteht, unter dem Schein äußerer Macht, darin, dass er nicht weiß, was er tut. Er erfüllt den Auftrag der feindlichen Klassen. Es kann keinen größeren historischen Fluch geben für eine Fraktion, die aus der Revolution hervorgegangen ist und sie untergräbt.

Die größte historische Kraft der Opposition besteht darin, dass sie trotz ihrer augenblicklichen Schwäche die Hand am Puls des weltgeschichtlichen Prozesses hält, die Dynamik der Klassenkräfte klar vor Augen hat, den morgigen Tag voraussieht und ihn bewusst vorbereitet. Auf die politische Tätigkeit zu verzichten würde bedeuten, auf die Vorbereitung des morgigen Tages zu verzichten. [3]

Die politischen Bedingungen in der Sowjetunion waren noch nicht so weit fortgeschritten, dass Stalin Trotzki ermorden konnte. Es bedurfte noch mehrerer Jahre der politischen Degeneration des bürokratischen Regimes und unerbittlicher Repressionen, bevor Stalin die Moskauer Prozesse inszenieren und die trotzkistische Opposition und Hunderttausende marxistische Revolutionäre physisch vernichten konnte. 1929 musste Stalin seine politische Rache auf die Vertreibung Trotzkis aus der Sowjetunion beschränken. Er baute darauf, dass Trotzki, aus der Sowjetunion deportiert und vom Netzwerk seiner Anhänger isoliert, zum Schweigen gebracht werden könne. Stalin, der seine Macht aus den Ressourcen der Partei und der Staatsbürokratie schöpfte, unterschätzte Trotzkis Fähigkeit, auch unter Bedingungen extremer Isolation kraft seiner Ideen politischen Einfluss auszuüben.

Die offizielle Entscheidung, Trotzki abzuschieben, wurde von der GPU am 18. Januar 1929 getroffen. Zwei Tage später, als er gebeten wurde, auf einem amtlichen Dokument schriftlich zu bestätigen, dass er über den Abschiebungsbescheid informiert worden sei, schrieb Trotzki: „Der seinem Wesen nach verbrecherische und seiner Form nach ungesetzliche Beschluss der GPU ist mir am 20. Januar 1929 bekannt gegeben worden.“ Eine lange Zugreise von Zentralasien in die Hafenstadt Odessa begann. Dann wurden er und Sedowa auf den Dampfer Iljitsch verfrachtet, der in den Bosporus fuhr. Am 12. Februar 1929 trafen Trotzki und Natalja in der Türkei ein. Bevor er an Land ging, übergab Trotzki der Polizei, die an Bord des Schiffes gekommen war, folgende Nachricht an Präsident Kemal Atatürk:

Sehr geehrter Herr, am Tor von Konstantinopel habe ich die Ehre, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass ich keinesfalls aus eigener Wahl an die türkische Grenze gekommen bin und dass ich diese Grenze nur der Gewalt gehorchend überschreite. Ich bitte Sie, Herr Präsident, meine dementsprechenden Gefühle entgegenzunehmen. L. Trotzki [4]

So begann Trotzkis letzte Periode des Exils, die elfeinhalb Jahre dauern sollte, bis zu seiner Ermordung in Mexiko im August 1940.

Nach ihrer Ankunft in der Türkei vergingen zwei Monate, bis Trotzki und Natalja auf die Insel Prinkipo verlegt wurden. Dort lebten sie mit Ausnahme von etwa neun Monaten, zwischen März 1931 und Januar 1932, als sie vorübergehend in die Küstenstadt Kadiköy umzogen. Die viereinhalb Jahre in der Türkei, von seiner Ankunft im Februar 1929 bis zu seiner Abreise nach Frankreich im Juli 1933, zählen zu den bedeutendsten in Trotzkis Leben.

Kurz vor dem Ende seines Exils in der Türkei beschrieb Trotzki Prinkipo als „eine Insel des Friedens und der Vergesslichkeit“. [5] Aber der Exilrevolutionär hatte wenig Frieden, und er war auch wenig geneigt, die Lehren aus den umwälzenden Ereignissen zu vergessen, in denen er eine brillante Rolle gespielt hatte. Während seiner Jahre in Prinkipo, das er als „guten Ort, um mit der Feder zu arbeiten“ [6] schätzte, verfasste Trotzki zwei Bücher, die sowohl inhaltlich als auch von der Form her nur als literarische Meisterwerke bezeichnet werden können: seine Autobiografie Mein Leben und die dreibändige Geschichte der Russischen Revolution.

Doch er ließ es nicht bei diesen großen Werken bewenden. Trotz der Abgeschiedenheit seines Exils auf der Insel, die Zeitungen und Post nur im Schneckentempo erreichten, gelang es Trotzki, die internationale Entwicklung zu verfolgen und mit außergewöhnlicher Scharfsinnigkeit darauf zu reagieren. Die Qualität seiner Stellungnahmen lässt keinen Zweifel daran, dass Trotzki die internationale Geopolitik besser durchschaute als jeder seiner Zeitgenossen. Er war nach wie vor der größte Stratege der sozialistischen Weltrevolution.

Die Jahre von 1929 bis 1933 gehörten zu den folgenreichsten des zwanzigsten Jahrhunderts. Während dieser vier Jahre wurde das kapitalistische System von einer wirtschaftlichen Katastrophe überrollt. Der Crash an der Wall Street im Oktober 1929 setzte eine globale Krise in Gang, die das Überleben des kapitalistischen Systems in Frage stellte. Der Zusammenbruch der Industrieproduktion und der massive Anstieg der Arbeitslosigkeit in Nordamerika und Europa führten zu einer politischen Radikalisierung der Arbeiterklasse. Angesichts der wachsenden Bedrohung durch die sozialistische Revolution sahen einflussreiche Teile der kapitalistischen Eliten ihr Heil im Faschismus. Es gehört zu den größten Tragödien der Geschichte, dass genau zu dem Zeitpunkt, als das kapitalistische Weltsystem von einem massiven systemischen Zusammenbruch betroffen war, das revolutionäre Potenzial der Arbeiterklasse durch den Verrat, die Orientierungslosigkeit und die schiere Inkompetenz ihrer Massenorganisationen fatal untergraben wurde.

Das politische Epizentrum der Krise des Weltkapitalismus lag in Deutschland, 2.000 Kilometer von Prinkipo entfernt. Die schlimmen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise ließen Hitlers Nazi-Partei zur Massenorganisation werden. Trotz der Gefahr, die von dem schnellen Wachstum des Faschismus ausging, wurde die deutsche Arbeiterklasse durch die Politik der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien gelähmt. Die Sozialdemokratische Partei (SPD) blieb hoffnungslos an die diskreditierte Weimarer Regierung gefesselt und schloss jeden unabhängigen politischen Kampf der Arbeiterklasse gegen die Bedrohung durch die Nazis aus. Die Aufgabe der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bestand, wie Trotzki betonte, darin, für eine möglichst umfassende soziale und politische Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen Hitler zu kämpfen, indem sie zu einer Einheitsfront mit der SPD aufrief. Doch die KPD lehnte auf Anweisung der stalinisierten Dritten Internationale (Komintern) eine Einheitsfront gegen den Faschismus kategorisch ab. [7] Die KPD bezeichnete die SPD als „sozialfaschistisch“ und behauptete damit, dass es keinen grundlegenden Unterschied zwischen der Nazi-Partei und der Sozialdemokratie gebe.

Trotzkis Haus, die Yanaros-Villa auf der türkischen Insel Büyükada heute

Trotzkis Analyse der konterrevolutionären Dynamik des Faschismus und seine Kritik an dem katastrophalen ultralinken Kurs, den die Stalinisten in ihrer „Dritten Periode“ verfolgten, zeugen von seiner außerordentlichen politischen Weitsicht. „Während Hitlers Aufstieg an die Macht“, schrieb der britische Historiker E. H. Carr, „hat Trotzki so konsequent und größtenteils so vorausschauend zum Lauf der Ereignisse in Deutschland Stellung genommen, dass es festgehalten werden muss.“ [8] Bereits am 26. September 1930, fast zweieinhalb Jahre bevor Hitler von einer Clique bürgerlicher Verschwörer an die Macht gebracht wurde, warnte Trotzki: „Der Faschismus ist in Deutschland zu einer wirklichen Gefahr geworden als Ausdruck der akuten Ausweglosigkeit des bürgerlichen Regimes ... und der akkumulierten Schwäche der Kommunistischen Partei im Kampf gegen dieses Regime. Wer das ableugnet, ist blind oder ein Schwätzer!“ [9]

Ein Jahr später, am 26. November 1931, veröffentlichte Trotzki einen Essay mit dem Titel: „Deutschland, der Schlüssel zur internationalen Lage“.

Die ökonomischen und politischen Widersprüche haben hier eine unerhörte Schärfe erreicht. Die Lösung rückt heran. Es nähert sich der Moment, wo die vorrevolutionäre Situation umschlagen muss in die revolutionäre oder – die konterrevolutionäre. In welcher Richtung sich die Lösung der deutschen Krise entwickeln wird, davon wird auf viele, viele Jahre hinaus nicht nur das Schicksal Deutschlands selbst, sondern das Schicksal Europas, das Schicksal der ganzen Welt abhängen. [10]

Trotzki sah die Folgen eines Nazi-Sieges mit erschreckender Klarheit voraus:

Gelangen die deutschen „Nationalsozialisten“ an die Macht, würde das vor allem die Vernichtung der Blüte des deutschen Proletariats bedeuten. Die Zerstörung seiner Organisationen, die Ausrottung seines Glaubens an sich und seine Zukunft. Entsprechend der weitaus größeren Reife und Schärfe der sozialen Gegensätze in Deutschland würde sich die Höllenarbeit des italienischen Faschismus im Vergleich zur Arbeit des deutschen Nationalsozialismus wahrscheinlich als blasses und humanes Experiment ausnehmen. [11]

Diese Worte heute im Wissen zu lesen, wie vollständig und tragisch sie durch Ereignisse in praktisch jedem Detail bestätigt werden sollten, ist eine schmerzhafte Erfahrung. Man kann nicht umhin, sich zu überlegen, wie viele Dutzend Millionen Menschenleben gerettet worden wären, wie viel menschliches Leid abgewendet worden wäre und wie anders die Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert weiter verlaufen wäre, wenn die Warnungen Trotzkis beachtet worden wären!

Bis heute behaupten unzählige kleinbürgerliche Akademiker, die sich als Historiker ausgeben, dass der Konflikt zwischen Stalin und Trotzki ein persönlicher Machtkampf gewesen sei; und dass der Sieg von Trotzki und der Linken Opposition über die stalinistische Fraktion keinen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Sowjetunion, die Weltpolitik und das Schicksal des Sozialismus gehabt hätte. Solche Behauptungen werden eindeutig widerlegt durch die Folgen der von Trotzki bekämpften stalinistischen Politik, die dem Sieg des Nationalsozialismus 1933 den Weg ebnete. Selbst wenn man von allen anderen politischen Fragen absieht – was natürlich nicht möglich ist –, zeigt die deutsche Katastrophe, dass der Kampf Trotzkis gegen Stalin von welthistorischer Bedeutung war.

Die Machtübernahme der Nazis im Januar 1933 markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der trotzkistischen Bewegung. Seit der Gründung der Linken Opposition hatte Trotzki das politische Ziel verfolgt, die Kommunistische Partei Russlands und die Kommunistische Internationale (Komintern) zu reformieren. Diese grundsätzliche Strategie verfolgte die Internationale Linke Opposition nach Trotzkis Deportation aus der Sowjetunion und in den ersten vier Jahren seines Exils in Prinkipo. Aber nach der Niederlage in Deutschland musste das Ziel einer Reform der Kommunistischen Internationale und ihrer nationalen Sektionen neu überdacht werden.

In den Monaten nach Hitlers Sieg wartete Trotzki ab, ob in einer der Parteien der Komintern Kritik an der Politik Stalins aufkommen würde. Aber am 7. April 1933 billigte die Kommunistische Internationale einstimmig die politische Linie der KPD und erklärte, diese „war bis zum und im Augenblick des Hitlerschen Umsturzes völlig richtig“. [12] Trotzki gelangte zu dem Schluss, dass ein neuer Kurs eingeschlagen werden musste. In einem Aufruf vom 15. Juli 1933 – der letzten großen politischen Erklärung, die er vor seiner Abreise aus Prinkipo verfasste – forderte Trotzki den Bruch mit der Komintern und den Aufbau einer neuen Internationale. Zwei Tage später, nachdem Trotzki und Natalja endlich Visa für die Einreise nach Frankreich erhalten hatten, bestiegen sie ein Schiff nach Marseille. „Wohl oder übel“, bemerkte Trotzki in seinem Tagebuch, „ist das Kapitel ‚Prinkipo‘ nun abgeschlossen.“ [13]

* * * * *

Die Aufsätze in diesem Buch entstanden in den Jahren 2001 bis 2012. Sie sind in vier Teile gegliedert. Der erste Teil besteht aus zwei Vorträgen, die Trotzkis herausragende Rolle in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts und die unverminderte Relevanz der Kämpfe und Ideen seines Lebens aufzeigen.

Die letzten drei Teile bestehen aus ausführlichen Antworten auf drei Biografien englischer Historiker, die zwischen 2003 und 2009 mit dem Ziel veröffentlicht wurden, Trotzki zu diskreditieren. Ihre Methoden bestanden aus Verdrehungen, Verfälschungen und zynisch konstruierten Halbwahrheiten. Da die Professoren Swain, Thatcher und Service nie versucht haben, auf meine Entlarvung ihrer theoretischen Scharlatanerie zu antworten, gibt es keine neuen Argumente, die untersucht und widerlegt werden müssen.

Fast ein Jahrzehnt ist seit der Veröffentlichung der ersten englischsprachigen Auflage dieses Buches vergangen. Die zweite Auflage, auf der diese Übersetzung basiert, erschien 2013. Wir nähern uns nun dem Ende des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, dessen Schultern bereits unter dem Gewicht der anhaltenden globalen Krisen nachgeben. Die gleichen Übel, die den Kapitalismus im letzten Jahrhundert heimsuchten – soziale Ungleichheit, Militarismus und das Scheitern der Demokratie –, prägen auch die heutige Welt. In Deutschland kehrt der Faschismus zurück. Und achtzig Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs treiben imperialistische und zwischenstaatliche Konflikte unaufhaltsam auf eine neuerliche globale Katastrophe zu.

Die Worte, mit denen Trotzki die große Aufgabe der modernen Geschichte beschrieb, könnten auch heute geschrieben worden sein:

Alles Gerede, dass die geschichtlichen Bedingungen noch „nicht reif“ seien für den Sozialismus, ist ein Erzeugnis von Unwissenheit oder bewusstem Betrug. Die objektiven Voraussetzungen für die proletarische Revolution sind nicht nur „reif“, sondern beginnen bereits zu verfaulen. Ohne eine sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht der gesamten menschlichen Kultur eine Katastrophe. [14]

Als die Essays in diesem Buch geschrieben wurden, war ich überzeugt, dass die objektive Entwicklung das Interesse am Leben und an den Ideen Trotzkis unweigerlich neu beleben würde. Einen besonders erfreulichen Ausdruck findet dieser unaufhaltsame Prozess in der Tatsache, dass dieser Band von den Genossen des Sosyalist Eşitlik, die in politischer Solidarität mit dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale arbeiten, in die türkische Sprache übersetzt wurde. Dank ihrer Bemühungen ist Verteidigung Leo Trotzkis nun in dem Land verfügbar, das dem großen marxistischen Revolutionär Zuflucht gewährt hat.

David North
Detroit
21. September 2019

Anmerkungen:

[1] Leo Trotzki, Mein Leben, Frankfurt am Main 1974, S. 481. (zurück zum Text)

[2] Ebd., S. 481. (zurück zum Text)

[3] Ebd., S. 482. (zurück zum Text)

[4] Ebd., S. 487 f. (zurück zum Text)

[5] Leo Trotzki, „Abschied von Prinkipo“, Tagebucheintrag, in Englisch online verfügbar unter: https://sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/leon-trotsky/1933/leon-trotsky-farewell-to-prinkipo (aus dem Englischen) (zurück zum Text)

[6] Ebd. (zurück zum Text)

[7] Eine „Einheitsfront“ ist eine prinzipientreue Vereinbarung zwischen Parteien und Organisationen der Arbeiterklasse, im Kampf gegen den Faschismus und andere konterrevolutionäre Kräfte zusammenzuarbeiten. Sie ist nicht zu verwechseln mit einer „Volksfront“, d. h. einer prinzipienlosen Unterordnung von Arbeiterparteien und Organisationen unter Parteien der Kapitalistenklasse im Namen der Verteidigung der bürgerlichen Demokratie. Trotzki lehnte solche Bündnisse vehement ab, da sie den Verzicht auf die sozialistische Revolution bedeuten. (zurück zum Text)

[8] E. H. Carr, The Twilight of the Comintern 1930–1935, New York 1982, S. 433 (aus dem Englischen). (zurück zum Text)

[9] Leo Trotzki, „Die Wendung der Komintern und die Lage in Deutschland“, in: Porträt des Nationalsozialismus, Essen 1999, S. 19. (zurück zum Text)

[10] Leo Trotzki, „Soll der Faschismus wirklich siegen? Deutschland – der Schlüssel zur internationalen Lage“, in: Porträt des Nationalsozialismus, Essen 1999, S. 44. (zurück zum Text)

[11] Ebd., S. 47 f. (zurück zum Text)

[12] Leo Trotzki, „Die deutsche Katastrophe“, in: Neue Weltbühne, 2. Jahrgang Nr. 23, online verfügbar unter: https://sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/trotzki/1933/leo-trotzki-die-deutsche-katastrophe (zurück zum Text)

[13]Leo Trotzki, „Abschied von Prinkipo“, Tagebucheintrag, in Englisch online verfügbar unter: https://sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/leon-trotsky/1933/leon-trotsky-farewell-to-prinkipo (aus dem Englischen) (zurück zum Text)

[14] Leo Trotzki, Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 84. (zurück zum Text)

 

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