Millionen protestieren gegen Klimawandel und Kapitalismus

Von unseren Reportern
21. September 2019

Am Freitag gingen weltweit mehrere Millionen Menschen auf die Straße, um für den Klimaschutz zu demonstrieren. Insgesamt fanden in mehr als 150 Ländern Proteste statt. Allein in Deutschland beteiligten sich laut „Fridays for Future“ mehr als 1,4 Millionen Menschen. Es waren die größten Demonstrationen seit den Protesten gegen den Irakkrieg im Februar 2003. Sie zeigen die wachsende Erkenntnis besonders unter jungen Arbeitern, Schülern und Studenten, dass die Regierungen der Welt unfähig sind, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die globale Erwärmung zu stoppen.

Massendemonstration in Berlin

In Deutschland fand die größte Demonstration in Berlin statt, wo parallel die Große Koalition ihr sogenanntes „Klimapaket“ präsentierte. „In Berlin sind heute im Rahmen von Fridays for Future ca. 270.000 Menschen auf der Straße“, twitterte das Bündnis. „Diese Gesellschaft ist beim Klimaschutz so viel weiter als ihre Regierung.“ Auch in anderen deutschen Städten protestierten jeweils Zehntausende: in Hamburg waren es laut Veranstalter 100.000, in Köln 70.000, in Frankfurt 40.000 und in Stuttgart, München und Hannover jeweils rund 25.000 Menschen.

In zahlreichen Städten in Deutschland, Europa und weltweit verteilten Mitglieder der International Youth and Students for Social Equality eine Erklärung mit dem Titel „Die Klimakrise kann nur durch den weltweiten Sozialismus gelöst werden“. Darin schreiben die IYSSE, dass „eine ernsthafte Umkehr des Klimawandels“ nicht durch „nutzlose Appelle an die Vereinten Nationen oder verschiedene ‘linke Parteien‘“ möglich ist, sondern eine „wissenschaftlich geplante Umstellung der weltweiten Energiewirtschaft von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien“ erfordert.

Protest gegen Kapitalismus in Berlin

Die internationale sozialistische Perspektive der IYSSE stieß vor allem unter jungen Demonstranten auf große Resonanz, unter denen der Begriff „Kapitalismus“ mittlerweile als Schimpfwort gilt. Zahlreiche Schilder und Transparente brachten das zum Ausdruck. „Capitalism kills our future“ war auf einem zu lesen. „Why is it easier to imagine the end of the world than the end of capitalism“ und „Kapitalismus frisst sich selbst. Wir sind Vorspeise“ auf anderen. „Kapitalismus wegbassen“ lautete das Motto eines Protestzugs der Techno-Szene in Berlin.

Reporter der World Socialist Web Site führten trotz der Partystimmung, die teilweise auf den Demonstrationen herrschte, zahlreiche ernsthafte Gespräche.

Felix und Lina kamen extra aus Potsdam zur Demo in Berlin. Sie trugen ein selbstgemachtes Transparent mit der Aufschrift „System Change statt Climate Change“. Felix meinte, dass man die Ursachen für den Klimawandel erkennen müsse.

„Es reicht nicht aus, die Kosten für Benzin zu erhöhen, wenn nicht die Ursache für den Verbrauch von so viel fossilen Brennstoffen verändert wird. Und die Ursache liegt einfach im Profit, der durch die Förderung und Verbrennung von Erdöl gemacht werden kann.“ Lina fügte hinzu, dass die Wissenschaft viel stärker in politische Entscheidungen einbezogen werden müsse. „Die Wirtschaftslobby hat zuviel Mitsprache bei der Umweltpolitik, das ist gar nicht mehr transparent.“

Die 41-jährige Claudia kam mit ihrem siebenjährigen Sohn zur Demo. Sie wolle ihm zeigen, dass sie sich für seine Zukunft einsetzt und, dass es wichtig ist, Stellung zu beziehen, wenn einem etwas nicht passt. Sie ist alleinerziehend und findet eine Erhöhung der Preise für Heizöl oder Benzin nicht fair. Mit ihrem Gehalt komme sie gerade so über die Runden.

„Finanzminister Scholz hat doch vor kurzem berichtet, dass mehrere Milliarden Euro Mehreinnahmen von Steuern in die Staatskasse geflossen sind. Warum kann man dieses Geld nicht benutzen, um neue Stromleitungen zu bauen, damit die Energie von den Windparks im Meer weiter ausgebaut und ins Stromnetz eingespeist werden kann?“ Die ständige Erhöhung des Militärhaushalts durch die Große Koalition verurteilt sie scharf: „Wer braucht denn mehr Waffen? Einen neuen Krieg werden wir doch alle nicht mehr überleben. Und falls doch, ist die Erde so sehr zerstört, dass wir alle nicht überleben können.“

Im Ruhrgebiet, wo ebenfalls Zehntausende demonstrierten, sprach ein WSWS-Reporter in Dortmund mit der Sozialpädagogin Anke Bühte. Sie sehe „die Zukunft der Menschheit in Gefahr“ und habe sich deshalb entschieden, mit ihrem kleinen Sohn an den Protesten teilzunehmen. Sie glaube nicht, dass es im Rahmen der bestehenden Verhältnisse möglich ist, Klima und Umwelt wirksam zu schützen. „Ich glaube, wir bräuchten eine Systemveränderung und ich glaube, dass diese Bewegungen, die es momentan gibt, auch eine Systemkritik sind.“

Anke

„Ich finde das ganze System, den Kapitalismus, wirklich beängstigend und ich glaube, dass die Ressourcen dieser Erde einfach begrenzt sind.“ Es müsse „dringend ein Cut her“ und „ein Bewusstsein: unsere Ressourcen sind einfach begrenzt und wir müssen jetzt aufhören damit, immer weiterzumachen und noch mehr kaputt zu machen.“ Die Entwicklung weltweiter Massenproteste und Streiks – auch gegen soziale Ungleichheit – finde sie „super“. Sie erhoffe sich „einfach, dass das mehr wird und dass sich etwas ändert, früher oder später. Ich würde mir das wünschen, weil es an der Zeit ist.“

Dustin, 23, der sein Abitur nachholt, sieht die Klimaproteste auch als Gegenpol zu anderen gefährlichen politischen Entwicklungen. Ihn beunruhige sehr, dass weltweit die Meinungsfreiheit angegriffen werde. Ein „sehr gutes Beispiel“ sei die Verhaftung des Wikileaks-Gründers Julian Assange. „Whistleblower, die Verbrechen aufdecken, sollten nicht deswegen ins Gefängnis gesteckt werden. Die Wahrheit zu sagen sollte nicht bestraft werden.“ Jeder solle sich das von Wikileaks veröffentlichte „Collateral Murder“-Video „angucken und dann darüber nachdenken, wer ist hier der Verbrecher? Julian Assange oder die, die ihn da einsperren?“

In Stuttgart sprach die WSWS mit Shannon, Silas, Nils, Sofie, Ilayda und Bastian vom Johannes-Kepler-Gymnasium, die sich erst vor wenigen Stunden auf der Kundgebung kennengelernt hatten.

Bastian, Ilayda mit Freundin, Sofie, Nils, Silas, Shannon (v.l.n.r.)

„Ich bin froh, dass heute so viele Menschen hier sind und ein Zeichen gegen Klimawandel und Umweltzerstörung setzen“, sagt Shannon. So wie heute weltweit produziert wird, kann es nicht weitergehen. Nicht nur Klima und Umwelt sind in großer Gefahr, auch Menschen und Tiere leiden schrecklich unter den Verhältnissen. Es muss einen grundlegenden Wandel geben, und wir haben nicht viel Zeit.“

Die offizielle Politik, die jetzt allenthalben Unterstützung für die Klimaproteste heuchelt, ist unter den Schülern verhasst. „Besonders die Bemerkung von [FDP-Parteivorsitzenden] Christian Lindner, dass man den Kampf gegen die Klimaerwärmung den 'Profis' überlassen müsse, hat mich wütend gemacht“, sagt Ilayda. „Aber es geht nicht nur um ihn. Die ganze Politik ist nur an kurzfristigen 'Erfolgen' orientiert – kümmert sich aber nicht um die wirklich wichtigen Dinge. Stattdessen lassen Regierungen wie die von Brasilien den Regenwald einfach so abbrennen.“

„Den Politikern geht es nur ums Geld“, fügt Bastian hinzu.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs verurteilen die Schüler die Rechtswende der etablierten Parteien und sprechen sich gegen Nationalismus, Rassismus und Krieg aus. Die Solidarität mit Geflüchteten ist groß.

Silas kritisiert die Medien bei der Erzeugung eines flüchtlings- und ausländerfeindlichen Klimas und sagt: „Wenn ein Asylant sich schlecht benimmt oder gegen ein Gesetz verstößt, bringen das sofort alle Zeitungen und es beherrscht manchmal tagelang die Schlagzeilen. Dabei steckt oft nur heiße Luft dahinter! Ich denke, das spielt der AfD in die Hände.“

Ilayda ergänzt: „In den Zeitungen und den Nachrichten wird über alle wichtigen Ereignisse immer ausschließlich aus der 'deutschen' Sicht berichtet – egal, ob es um Krieg, Unfälle oder Naturkatastrophen geht. Aber mich interessiert die Nationalität nicht! Die ganze Welt müsste zusammenarbeiten, um unsere Probleme zu lösen. Das betrifft nicht nur die Klimakrise und die Umweltzerstörung, sondern auch den Umgang mit den Menschen, die auf der Flucht sind.“

Doch stattdessen schürten Regierungen auf der ganzen Welt Rassismus und Nationalismus. Silas glaubt nicht, dass Menschen von Natur aus rassistisch seien: „Ich glaube, der Rassismus ist vor vielen hundert Jahren dadurch entstanden, dass mächtige Menschen sich gefragt haben: 'Wie kann ich den Menschen voreinander Angst einjagen, um maximalen Profit machen zu können oder Krieg zu führen?' So war es jedenfalls in der Kolonialzeit.“

Die WSWS sprach in Stuttgart außerdem mit Ondina, einer jungen IT-Arbeiterin aus El Salvador, die seit eineinhalb Jahren in Deutschland lebt. Sie unterstützt die Schüler, weil sie findet, dass sich die gesamte Gesellschaft „nicht mehr im Gleichgewicht befindet“. Aber sie glaube, dass „diese Kids gerade dabei sind, ein großes Bewusstsein zu entwickeln. Man erlaubt ihnen nicht, wählen zu gehen, aber sie kommen hierher, um für ihre Meinung und ihre Zukunft einzustehen.“

Ondina (Stuttgart)

Das von Agrarwirtschaft geprägte El Salvador, so Ondina, sei vom Klimawandel besonders betroffen. „Wir leiden unter dem CO2, aber wir produzieren es nicht. Wir haben nur, was die Erde uns gibt – Missernten und Umweltkatastrophen sind für uns verheerend. Deshalb sind wir sehr besorgt. Wasser ist bei uns ein großes Problem, oft gibt es Dürren. Wenn es so weitergeht, werden wir Menschen bald für jeden sauberen Strand, an dem wir liegen möchten, und jeden Atemzug, den wir nehmen, Geld bezahlen müssen.“

Obwohl diese Entwicklung so offenkundig und gefährlich sei, würden die gesellschaftlichen Verhältnisse als völlig normal und alternativlos dargestellt. „Das Problem ist, dass die großen Unternehmen nicht zur Verantwortung gezogen werden. Es sollte ihnen nicht erlaubt sein, so mächtig zu sein. Sie wollen aus allem das Meiste rausholen – aus den Märkten, aus ihren Arbeitern, und aus der Umwelt.“

„Jeder, der sich dieser Ausbeutung bewusst ist, sollte anfangen, aktiv zu werden. Die Regierungen werden daran nichts ändern – deshalb sind wir es, die etwas tun müssen.“

 

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