Streik der General-Motors-Arbeiter in den USA

Ford-Arbeiter in Köln dringen auf internationale Zusammenarbeit

Von Dietmar Gaisenkersting
21. September 2019

In den USA legen 46.000 Arbeiter durch ihren Streik 35 Fabriken von General Motors lahm. Die streikenden GM-Arbeiter erhalten weltweit viel Zuspruch und Solidarität – auch aus Köln von den dortigen Ford-Arbeitern.

Auch wenn die meisten Arbeiter des Kölner Fordwerks erst durch den Autoarbeiter Newsletter, den wir zum Mittagsschichtwechsel verteilen, vom Streik der GM-Arbeiter in den USA hören, ist ihre Unterstützung für ihre Kollegen in den USA groß. Das äußern sie uns spontan nach der Spätschicht.

„Die Medien berichten hier doch bewusst gar nicht darüber“, glauben viele. Das solle Solidarität erst gar nicht aufkommen lassen. Dabei stehen alle vor den gleichen Problemen, wie viele Ford-Arbeiter versichern. Denn die Ford-Arbeiter in Köln sind selbst tief besorgt über ihre Zukunft. Im März hatte Ford angekündigt, weltweit 25.000 Arbeitsplätze abzubauen, davon 12.000 in Europa, über 5000 in Deutschland. In Brasilien, in Frankreich und Wales werden Werke geschlossen. In Russland werden sogar vier Produktionsstätten eingestampft.

Nun hätten allein in Köln schon 3000 Kollegen Abfindungsverträge unterschrieben, berichten Osman und Mehmet. „Sie wollen aber noch weitere 1800 loswerden“, sagt Osman. Das Zeitfenster für das Abfindungsprogramm, das eigentlich nur bis Juni 2019 reichte, ist schon zweimal verlängert worden, inzwischen auf März 2020.

„Die wollen unbedingt die Jobs abbauen. Eigentlich wollten sie die älteren Kollegen loswerden“, sagt Osman, „die verdienen besser“. Aber wegen der geringen Abfindungen würden nur die jungen gehen. Mehmet, der seit 40 Jahren bei Ford arbeitet, würde 63.000 Euro bekommen. „Das sind netto etwas über 30.000 Euro.“, sagt der 60-jährige Arbeiter. „Dazu die dreimonatige Sperre beim Arbeitslosengeld, da bleibt nicht viel übrig. Es wird ja auch alles immer teurer – Miete, Auto, Lebensmittel.“ Er könne sich die Abfindung einfach nicht leisten.

Aber wie es weitergeht, wissen sie genauso wenig wie alle anderen Arbeiter. Derzeit würden nur 1150 Fiestas am Tag gebaut werden, es soll weiter runter gehen auf 950. Zuvor waren 1500 und davor sogar 1800 Autos am Tag vom Band gelaufen. Bereits die Werksferien im Sommer waren auf fünf Wochen ausgedehnt worden. Am Montag sind Betriebsversammlungen, die Arbeiter befürchten, dort werde mitgeteilt, dass schon bald Kurzarbeit ansteht. Das würde empfindliche Einbußen bedeuten. Denn dann erhalten sie nur einen geringen Lohnausgleich von der Arbeitsagentur.

„Das ist doch jedes Jahr das gleiche“, erregt sich Jan. „Sie sagen, es gehe ihnen schlecht, um dann Kurzarbeit anzumelden und Staatsknete zu bekommen.“ Er ist 57 und hat einen Altersteilzeit-Vertrag unterschrieben. Er ist noch drei Jahre im Betrieb, dann drei Jahre in Altersteilzeit zuhause und – so hofft er – mit 63 Jahren in Rente. Er vergleicht die Probleme der Autoarbeiter mit der Klimakrise. „Da kann man auch nicht in einem Land etwas ausrichten. Das kann doch nur international gelöst werden.“ Er schimpft über „Politik und Konzerne“. „Die machen, was sie wollen. Wir müssten alle aufstehen, international.“

Dass der im März angekündigte Stellenabbau nur der Anfang war, wurde schnell klar. Im Juni hatte Ford-Deutschland-Chef Gunnar Herrmann angekündigt, dass weit mehr Stellen wegfallen, als bis dato geplant. Das laufende Abfindungsprogramm sei nur der erste Schritt zu weiterem Jobabbau. Durch die Umstellung auf den Bau von Elektroautos werde rund ein Viertel der Jobs in der Produktion wegfallen, kündigte er an. Da an Elektroautos rund 30 Prozent weniger Teile verbaut würden als bei Verbrennermotoren, reduziere sich auch die Mitarbeiterzahl entsprechend.

Ford nutzt – wie auch die anderen Autokonzerne – die Umstellung auf Elektro-Mobilität und andere technische Neuerungen, die die Arbeit und das gesellschaftliche Leben erheblich erleichtern könnten, um die Ausbeutung der Arbeiter drastisch zu verschärfen und die Rendite zu steigern. Als Maßstab dient dabei das Ford-Werk im rumänischen Craiova, wo Arbeiter unter unmenschlichen Bedingungen für einen Hungerlohn schuften. Neueingestellte verdienen zum Teil nicht mehr als 300 Euro im Monat.

Während die Ford Motor Company im zweiten Quartal einen Gewinneinbruch von 1,1 Milliarden auf 148 Millionen Dollar (133 Mio. Euro) im Vergleich zum Vorjahr meldete, weil der Konzern allein 1,2 Milliarden Dollar als Kosten für die Werksschließungen und den Jobabbau zurückgestellt hat, stieg der Gewinn in Europa um 126 Millionen auf ein Plus von 53 Millionen Dollar.

Die Ford-Arbeiter in Köln sind, wie ihre Kollegen in den USA, nicht nur mit den internationalen Konzernen konfrontiert, sondern auch mit den Gewerkschaften und den Betriebsräten, die vorgeben ihre Interessen zu vertreten.

„Was willst du mit Möchtegern-Managern machen, die ständig darauf schielen, ins Management zu wechseln“, fragt ein Arbeiter, der seinen Namen nicht nennen will. Denn er meint den Ford-Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Martin Hennig. Hennig hatte im März – wie in den Jahren zuvor – sofort seine Unterstützung für den Arbeitsplatzabbau signalisiert. Wegen des Strukturwandels in der Autobranche sei ein umfassender Stellenabbau nicht zu vermeiden. Diesen müsste man aber „strecken“. „Wenn wir in den nächsten zwei Jahren zumindest ein bisschen in die Gewinnzone kommen, wird niemand mit harten Bandagen Personal abbauen wollen“, sagte er.

Zafer

„Weder Betriebsrat noch IG Metall werden etwas tun“, ist sich Zafer sicher. Er arbeitet seit 20 Jahren bei Ford. „Die werden das hier in Köln über kurz oder lang so machen wie damals in Genk“, befürchtet er. 2014 hatte Ford das Werk in Belgien geschlossen, mit Unterstützung der deutschen IG Metall. Die belgischen Gewerkschaften wiederum hatten einen wirklichen Arbeitskampf unterdrückt und zahnlose Proteste zum Druckablassen organisiert.

Zafer hat bereits auf der WSWS von den Streiks der Autoarbeiter in den USA und Südkorea gelesen. „Davon bekommt man hier ja kaum etwas mit, aber so sind die Medien hier.“ Er berichtet, dass die Lohnunterschiede zwischen den älteren und den neueingestellten Kollegen zwar nicht so krass wie in den USA sind. „Aber das haben wir durch die Einführung des ERA ja auch hier in Deutschland.“ Das Entgelt-Rahmenabkommen (ERA) hatte die IGM mit den Unternehmen zwischen 2003 und 2009 eingeführt und damit Einstiegslöhne für Neueingestellte um bis zu 30 Prozent gesenkt.

„Die Gewerkschaften arbeiten für die Unternehmen, nicht für uns“, meint Zafer, „obwohl wir sie mit unseren Beiträgen bezahlen.“ Daher sei es richtig, dass die US-Kollegen streiken, auch wenn die UAW das eigentlich nicht wolle. „Wir würden ja gerne helfen, aber wir sind weit weg.“ Arbeiter müssten zusammenstehen. „Jeder Arbeiter weiß, wie der andere Arbeiter leidet und fühlt. Die Gewerkschaften sind nicht für uns da, wir Arbeiter sind die einzigen, die sich gegenseitig unterstützen.“ Das müsse auch über Grenzen hinweg ausgebaut werden. „Gebt nicht auf, bevor ihr eure Forderungen durchgesetzt habt“, möchte er den US-Kollegen mitteilen.

Um die von vielen Arbeitern geäußerte notwendige internationale Zusammenarbeit in Angriff zu nehmen, müssen sich die Ford-Arbeiter – wie alle Autoarbeiter weltweit – unabhängig von der Gewerkschaft organisieren und international zusammenschließen. Dazu müssen unabhängige Aktionskomitees aufgebaut und Kontakte zu den Beschäftigten der Autoindustrie in aller Welt geknüpft werden.

Die World Socialist Web Site und ihr Autoarbeiter-Newsletterrufen jeden, der sich an diesem prinzipiellen Kampf gegen Entlassungen, Werkschließungen und Lohnsenkungen beteiligen möchte, dazu auf, mit uns Kontakt aufzunehmen.

 

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