„Die russische Revolution und das unvollendete zwanzigste Jahrhundert“ – Vorwort zur türkischen Ausgabe

Von David North
13. September 2019

Als dieses Buch 2014 erschien, herrschte noch die Auffassung vor, dass die Auflösung der Sowjetunion und der stalinistischen Regime in Osteuropa den unumkehrbaren Sieg des Kapitalismus bedeute. Natürlich war der Begeisterungstaumel und Triumphalismus der Bourgeoisie aus den 1990er Jahren bereits einigermaßen erschüttert. Das militärische Debakel des „Kriegs gegen den Terror“ der Vereinigten Staaten, der Wirtschaftscrash von 2008 und die Massendemonstrationen und Streiks, die 2011 zum Sturz des Mubarak-Regimes führten, hatten ihre Spuren hinterlassen. Doch obgleich das von Francis Fukuyama prophezeite „Ende der Geschichte“ ausgeblieben war, schlossen die Strategen der Bourgeoisie – vor allem im Wissenschaftsbetrieb – weiterhin aus, dass je wieder eine sozialistische Massenbewegung entstehen könnte, die den Fortbestand des Weltkapitalismus bedroht.

Aber die Ereignisse der letzten fünf Jahre haben dieser ebenso selbstgefälligen wie falschen Vorstellung einen schweren Schlag versetzt. Das kapitalistische Weltsystem steckt in einer existenziellen Krise. Das neue Interesse am Sozialismus und die massenhafte Unterstützung für diese Idee – auch in der Zitadelle des globalen Kapitalismus in Nordamerika – wird in aller Öffentlichkeit zugegeben. Als Donald Trump im Frühjahr 2019 keifte, dass sich der Sozialismus in den Vereinigten Staaten niemals durchsetzen werde, wurde dies weithin als Ausdruck von Angst und nicht von Vertrauen in die Zukunft des amerikanischen Kapitalismus aufgefasst. Die großen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Widersprüche, die im zwanzigsten Jahrhundert zu Kriegen und Revolutionen führten, sind im Wesentlichen auch die zentralen Probleme des 21. Jahrhunderts. Natürlich hat es in den letzten Jahrzehnten enorme technologische Fortschritte gegeben. Aber diese Fortschritte haben die zentralen Widersprüche, die zu den Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts führten, nur verschärft: die Unvereinbarkeit einer eng verflochtenen Weltwirtschaft mit dem Nationalstaatenstaatensystem; und den Konflikt zwischen den objektiven Prozessen der gesellschaftlichen Produktion und den kapitalistischen Eigentumsverhältnissen, die auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln basieren. Die Perspektive, die die Oktoberrevolution von 1917 inspirierte, hat in der heutigen historischen Periode brennende Aktualität bewahrt. Die globale Krise, die aus diesen grundlegenden historischen Widersprüchen hervorgeht, kann nur durch die Eroberung der politischen Macht durch das globale Proletariat gelöst werden.

Vor dem Hintergrund der historischen Ursprünge des modernen türkischen Staates, seines heutigen Platzes in der internationalen Geopolitik und der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Widersprüche dieses ausgedehnten und komplexen Landes erscheint die türkische Ausgabe von Die russische Revolution und das unvollendete zwanzigste Jahrhundert zum richtigen Zeitpunkt. Die „unvollendeten“ Aufgaben des vergangenen Jahrhunderts prägen jeden Aspekt des heutigen politischen Lebens der Türkei.

Die moderne türkische Republik ist ein Produkt der internationalen Krise, die der Erste Weltkrieg auslöste. Unter dem unerbittlichen wirtschaftlichen und geostrategischen Druck der imperialistischen Mächte hatte sich das Osmanische Reich 1914 auf der Seite Deutschlands und Österreichs in den Strudel des Weltkriegs begeben. Das Ergebnis war der Zerfall des alten osmanischen Regimes. Die siegreichen europäischen imperialistischen Mächte Großbritannien, Frankreich und Italien drangen zusammen mit ihren griechischen und armenischen Verbündeten in die Türkei ein, um sie zu spalten und auf den Status einer Kolonie herabzudrücken.

Die junge Sowjetrepublik unter der Führung von Lenin und Trotzki veröffentlichte die geheimen Verträge, die die Pläne des britischen, französischen und russischen Imperialismus zur Aufteilung des Osmanischen Reiches enthüllten. Sie kam auch dem heldenhaften Kampf der Türkei gegen London und Paris zu Hilfe. Die Unterstützung durch Sowjetrussland bestimmte jedoch nicht den Klassencharakter des von Mustafa Kemal Atatürk gegründeten Staates. Die neue Türkei entstand auf kapitalistischer Grundlage. Wie Trotzki in seiner Theorie der permanenten Revolution vorhergesehen hatte, erwies sich das bürgerliche Regime als unfähig, die tiefsitzenden internationalen und nationalen Widersprüche zu lösen, mit denen Staaten mit verspäteter kapitalistischer Entwicklung im Zeitalter des Imperialismus konfrontiert sind.

Trotz verzweifelter und repressiver Maßnahmen zur Konsolidierung der bürgerlichen Herrschaft und zur Modernisierung steht das Land immer noch vor den gleichen historischen Problemen, die den osmanischen Herrschern zum Verhängnis wurden und auch den unter Atatürk gegründeten Staat heimsuchten. Es gelang der Türkei nicht, den Kreislauf aus unentrinnbarer Abhängigkeit von den imperialistischen Großmächten und vergeblichen Konflikten mit ihnen zu durchbrechen. Die Türkei ist gezwungen, zwischen den imperialistischen Mächten zu manövrieren, und hat daher keine andere Wahl, als sich zwischen einer begrenzten Anzahl schlechter, antidemokratischer und selbstzerstörerischer Übel zu entscheiden. Die Hoffnung der derzeitigen türkischen Regierung, sich durch die Beziehungen zu China und Russland ein zuverlässiges Gegengewicht zum imperialistischen Druck der Vereinigten Staaten und Europas zu verschaffen, wird in neue Enttäuschungen münden.

Von der Brüchigkeit ihres Staates geplagt, ist die Bourgeoisie nicht in der Lage, auf die Nöte der nationalen Minderheiten in der Türkei, vor allem des kurdischen Volkes, eine demokratische und fortschrittliche Antwort zu geben. Die Unterdrückung der demokratischen Bestrebungen der kurdischen Minderheit offenbart allerdings nicht nur die Untauglichkeit des kapitalistischen Staates in der Türkei, sondern auch den historischen Bankrott des gesamten Nationalstaatensystems im gesamten Nahen Osten und Zentralasien. Die kurdische Frage hat schon deshalb einen internationalen Charakter, weil ihre Lösung das Schicksal einer großen Anzahl von Staaten in der Region betrifft. Alle Versuche, diese „nationale Frage“ auf nationaler Ebene zu lösen, sind somit zum Scheitern verurteilt. Dies gilt nicht nur für die Politik der bürgerlichen Staaten in den betroffenen Regionen, sondern auch für die Strategien der diversen kurdischen Organisationen. Ihre Bemühungen um Selbstbestimmung werden durch ihren insgesamt skrupellosen, opportunistischen und völlig reaktionären Umgang mit den Vereinigten Staaten und anderen imperialistischen Mächten restlos zunichte gemacht.

Nach der Auflösung der Sowjetunion durch die stalinistische Bürokratie rückten der Nahe Osten und Zentralasien in den Brennpunkt der globalen konterrevolutionären Operationen der US-Regierung und ihrer europäischen imperialistischen Verbündeten. Sie führen seit nunmehr fast dreißig Jahren Kriege und Stellvertreterkonflikte in der Region. Die menschlichen Kosten – Millionen von Toten und Verwundeten und Dutzende Millionen Flüchtlinge – sind grauenhaft. Der Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien und Jemen wurden bereits von diesen brutalen Interventionen verwüstet.

Diese Zeilen werden in Berlin niedergeschrieben, genau achtzig Jahre nachdem Nazi-Deutschland in Polen einmarschierte und damit den zweiten imperialistischen Weltkrieg des zwanzigsten Jahrhunderts begann. Am Vorabend dieses düsteren Jahrestags trafen sich die Staatschefs der großen imperialistischen Mächte zum G7-Gipfel im französischen Urlaubsort Biarritz, umgeben von einer kleinen Armee aus Bereitschaftspolizei, die Proteste niederhalten sollte. Die politischen Führer der Bourgeoisie liegen über eine Vielzahl von wirtschaftlichen, politischen und militärischen Fragen im Streit und versuchten nicht einmal, sich auf eine gemeinsame Abschlusserklärung zu einigen. Ganz offenkundig stehen sie an der Spitze eines Gesellschaftssystems, das nicht mehr funktioniert und auf eine wirtschaftliche und politische Katastrophe zusteuert.

Im September 1939 schrieb Trotzki über die enormen Herausforderungen für die Arbeiterklasse in einer Ära von Krieg und sozialer Revolution: „Die Frage stellt sich deshalb wie folgt: Wird die objektive historische Notwendigkeit sich letzten Endes einen Weg in das Bewusstsein der Avantgarde der Arbeiterklasse bahnen, d. h., wird im Prozess des Krieges und der tiefreichenden Erschütterungen, die er erzeugen muss, eine echte revolutionäre Führung geschaffen werden, die das Proletariat zur Eroberung der Macht führen kann?“ Das ist die Frage, die im 21. Jahrhundert nicht nur in Worten, sondern auch in Taten beantwortet werden muss.

Ich hoffe, dass Die Russische Revolution und das unvollendete zwanzigste Jahrhundert zum Aufbau einer Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale in der Türkei beitragen wird. Abschließend möchte ich den Genossen von Sosyalist Eşitlik, die in politischer Solidarität mit dem Internationalen Komitee arbeiten, meine Anerkennung aussprechen – nicht nur dafür, dass sie die Veröffentlichung dieser Ausgabe ermöglicht haben, sondern auch für ihre Entschlossenheit, das Programm des Trotzkismus, d. h. des Marxismus des 21. Jahrhunderts, an die fortgeschrittenen Arbeiter und Jugendlichen der Türkei weiterzugeben.

David North
Berlin
1. September 2019
Achtzig Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs

Die deutsche Ausgabe von „Die Russische Revolution und das unvollendete zwanzigste Jahrhundert“ ist 2015 im Mehring Verlag erschienen und kann hier bestellt werden.

 

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