US-Studie zeigt: Armut und soziale Ungleichheit sind tödlich

13. September 2019

Die Wahrscheinlichkeit, vor Erreichen des Rentenalters zu sterben, ist für arme Amerikaner fast doppelt so hoch wie für reiche. Das ist das düstere Ergebnis einer Studie, die diese Woche vom Government Accountability Office (GAO), dem Untersuchungsorgan des Kongresses, veröffentlicht wurde. Die Studie untersuchte die Auswirkungen der wachsenden Einkommens- und Vermögensunterschiede in den Vereinigten Staaten.

Sie basiert auf umfangreichen Befragungen zu Renten und Gesundheitsvorsorge, die in den Jahren 1992 und 2014 von der Sozialversicherungsbehörde (Social Security Administration) durchgeführt wurden. Die Studie untersuchte diejenige Untergruppe in der Bevölkerung, die 1992 zwischen 51 und 61 Jahre alt war, und unterteilt diese Altersgruppe in fünf Fünftel.

Ein Obdachloser mit seiner Habe auf einer Straße hinter dem Rathaus von Los Angeles, bevor das Gelände am 1. Juli 2019 geräumt wurde. (AP Photo/Richard Vogel)

Wie die anliegende Grafik zeigt, fand das GAO heraus, dass beinahe die Hälfte (48 Prozent) derjenigen aus dem ärmsten Fünftel vor 2014 starben. Zu diesem Zeitpunkt wären sie zwischen 73 und 83 Jahre alt gewesen. Aus dem reichsten Fünftel starb nur etwa jeder Vierte. (26 Prozent).

Der Zusammenhang zwischen Einkommen und Sterberaten ist eindeutig und unwiderlegbar: Von einem Fünftel zum nächsten steigen die Sterberaten mit sinkendem Einkommen. Das zweitärmste Fünftel der untersuchten Altersgruppe hatte die zweithöchste Sterblichkeitsrate, bis zum Jahr 2014 waren 42 Prozent von ihnen tot. Aus dem mittleren und dem zweithöchsten Fünftel waren 37 Prozent bzw. 31 Prozent gestorben.

Und während die Tatsache bestehen bleibt, dass die Armen schon immer früher starben als die Reichen, verschärft sich das relative Gefälle weiter. Laut mehreren aktuellen Studien haben die ärmsten 40 Prozent der Frauen eine geringere Lebenserwartung als ihre Mütter, trotz aller Fortschritte der Medizin in der vergangenen Generation.

Diese Zahlen geben Aufschluss über die erschütternde Zahl der Opfer, die Armut und Ungleichheit langfristig fordern. Der Bericht erklärt in seiner sachlichen, bürokratischen Sprache, dass „die Analyse des GAO... zeigt, dass Unterschiede bei Einkommen, Vermögen und demographischen Merkmalen mit Unterschieden in der Lebensdauer in Verbindung standen“. In Klartext übersetzt: Armut und Ungleichheit sind tödlich.

Andere Statistiken, die diese Woche veröffentlicht wurden, geben weitere Hinweise auf die sich verschärfende soziale Krise in Amerika. Der GAO-Bericht selbst ergab, dass von 1989 bis 2018 die Erwerbsquote für diejenigen, die 55 oder älter waren, von 30 Prozent auf 40 Prozent gestiegen ist, was einem Anstieg von einem Drittel entspricht. Darin zeigen sich die Auswirkungen stagnierender Einkommen und des faktischen Verschwindens traditioneller Rentenpläne. Ältere Arbeiter waren gezwungen, länger zu arbeiten und den Ruhestand zu verschieben, weil sie nicht genug Geld hatten, um davon zu leben.

Ein Bericht des Census Bureau vom Dienstag ergab einen kleinen Rückgang der Armutsrate im Jahr 2018, aber andere soziale Indikatoren waren weniger vorteilhaft. Die Gesamtzahl der in Armut lebenden Menschen in den USA blieb mit 38 Millionen weiterhin erschreckend hoch.

Das mittlere Haushaltseinkommen betrug 63.200 US-Dollar und blieb damit gegenüber 2018 nahezu unverändert. Längerfristig stellte der Bericht des Census Bureau fest, dass es in den letzten 20 Jahren – seit 1999 – praktisch keinen Anstieg der Reallöhne gegeben hat, da die Lohnzuwächse durch die steigenden Lebenshaltungskosten zunichte gemacht wurden.

Die Statistik zeigt die Überlebensrate für das ärmste und das reichste Fünftel der Amerikaner, die 1992 zwischen 51 und 61 Jahre alt waren. Bis zum Jahr 2014 waren 48 Prozent der ärmsten Gruppe gestorben, aus der reichsten Gruppe lediglich 26 Prozent.

Die Zahl der Amerikaner ohne Krankenversicherung stieg 2018 erstmals seit der Einführung von Obamacare im Jahr 2010 wieder deutlich von 25,6 Millionen auf 27,9 Millionen, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass die Anzahl derjenigen, die von Medicaid und dem Children's Health Insurance Program (CHIP) abgedeckt sind, immer kleiner wurde. Zwei politische Maßnahmen der Trump-Regierung trugen zu diesem Rückgang bei: die Förderung neuer staatlicher Regelungen, die die Anspruchsberechtigung für Medicaid einschränken, und die Drohungen gegen Einwanderer, die sich für Medicaid oder CHIP bewerben. Migranten werde die Regierung in Zukunft eine Green Card verweigern, weil sie zu „öffentlichen Kosten“ geworden seien.

Der Bericht des Census Bureau bestätigte auch das verheerende Ausmaß der wirtschaftlichen Ungleichheit in Amerika. Während auf das untere Fünftel der Haushalte, diejenigen mit einem Jahreseinkommen von unter 25.600 Dollar, nur 3,1 Prozent des gesamten Haushaltseinkommens entfiel, machte das obere Fünftel mit einem Jahreseinkommen von über 130.000 Dollar 52 Prozent aus, mehr als die Hälfte. Auf die Top 5 Prozent der Haushalte, mit Einkommen ab mehr als 248.700 Dollar, entfielen 23,1 Prozent des Gesamteinkommens.

Steigende Ungleichheit, anhaltende Armut, sinkende Lebenserwartung für die Masse der arbeitenden Menschen, der platzende Traum von einem angenehmen Ruhestand: Das ist die Realität, die Trump als Erfolg auf dem Weg zu „Make America Great Again“ feiert. Auch die Demokraten – die über mehr als die Hälfte des fraglichen Zeitraums das Weiße Haus kontrollierten – haben keinerlei Alternative. Die beiden Parteien in Washington sind rivalisierende Fraktionen innerhalb derselben herrschenden Elite und beide verteidigen den amerikanischen Kapitalismus, der als tiefere Ursache für all diese sozialen Übel verantwortlich ist.

Der GAO-Bericht war vom Kongress eigentlich nicht dazu konzipiert, dass er den Zusammenhang zwischen Armut und vorzeitigem Tod aufdeckt. Im Gegenteil bestand sein Zweck darin, die Auswirkungen von Veränderungen bei der Lebenserwartung auf die Sozialversicherung und die Krankenversicherung zu untersuchen. Der Bericht sollte dadurch die von beiden Parteien getragenen Bemühungen des Kongresses unterstützen, die Ausgaben für diese Programme, auf die Bevölkerung Anspruch hat, langfristig zu senken.

Die Autoren des Berichts sind sich durchaus bewusst, dass ihre Ergebnisse für ihre Auftraggeber im Kongress peinlich sein könnten. Sie erklären hastig, dass sie lediglich einen „statistischen Zusammenhang“ zwischen Armut und höheren Sterblichkeitsraten gefunden haben, und fügen hinzu: „Wir können aus unserer Analyse heraus nicht bestimmen, inwieweit Einkommen oder Reichtum Unterschiede in der Lebensdauer verursachen“[Hervorhebung hinzugefügt].

Der Bericht warnt weiter davor, dass trotz der geringeren Lebenserwartung der Armen Einzelpersonen „insgesamt … lange leben können. Das gilt auch für Einzelpersonen, die von Faktoren betroffen sind, die mit einer geringeren Lebenserwartung im Zusammenhang stehen, wie z.B. geringes Einkommen oder Bildung. Diejenigen, die im Ruhestand weniger Ressourcen haben und lange leben, müssen sich möglicherweise in erster Linie auf Social Security oder Programme der sozialen Unterstützung verlassen.“ Im Klartext bedeutet das: Pläne zur Abschaffung dieser Programme könnten auf breite Ablehnung stoßen, da sie in wachsendem Maße die Lebensader darstellen, von der Millionen abhängen.

Diese grundlegenden sozialen Widersprüche sind der Hintergrund, vor dem die Arbeiterklasse in historische Kämpfe geht. Jede größere Arbeitskampfmaßnahme – wie ein Streik der 155.000 Beschäftigten von General Motors, Ford und Fiat Chrysler – kann das Signal für den Ausbruch eines Klassenkonflikts von einem Ausmaß sein, wie ihn Amerika seit den 1930er Jahren nicht mehr gesehen hat.

Der amerikanische Kapitalismus schürft seit Jahrzehnten den Rohstoff für eine solche politische Explosion. Der Lebensstandard der Arbeiterklasse stagniert seit mehr als vier Jahrzehnten. Im reichsten Land der Welt leben dutzende Millionen in Armut und mehr als eine Million Menschen sind obdachlos. Die Jugendlichen, die in Niedriglohnjobs arbeiten, sind die erste Generation amerikanischer Arbeiter, die schlechter leben als ihre Eltern und Großeltern. Und wie der GAO-Bericht zeigt, wird es für diese älteren Generationen immer schwieriger zu überleben.

Für Arbeiter besteht das Entscheidende darin, dass sie sich von den alten Organisationen befreien, die von der herrschenden Elite benutzt wurden, um jeden Kampf gegen das Profitsystem zu verhindern. Das bedeutet, mit den Gewerkschaften zu brechen, die von korrupten Handlangern der Unternehmensvorstände geleitet werden, und Komitees aufzubauen, die von den Arbeitern selbst demokratisch kontrolliert werden. Und es bedeutet, mit der nationalistischen Perspektive zu brechen, mit der die Gewerkschaften hausieren gehen, um amerikanische Arbeiter gegen ihre Klassenbrüder und -schwestern auf der ganzen Welt auszuspielen.

Der Kapitalismus ist ein globales System und es ist unmöglich, die Kapitalisten in irgendeinem Land ohne die vereinte Anstrengung der internationalen Arbeiterklasse effektiv zu bekämpfen. Um diesen Kampf zu führen, braucht die Arbeiterklasse eine eigene Partei, die international organisiert ist und in jedem Land für den Sozialismus kämpft.

Patrick Martin

 

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