Krise des US-Gesundheitswesens führt zu Selbstmordwelle bei Beschäftigten

9. September 2019

Ich leide an Burnout und PTBS.... Ich habe den ganzen Vormittag geweint, weil ich einen tiefen inneren Schmerz in mir verschlossen hatte. Vor drei Tagen ist wieder ein Patient gestorben und hat eine verzweifelte Familie hinterlassen, die in tiefes Elend und Leid gestürzt wurde“ – „My Burnout Story“, allnurses.com

Diese Worte stammen von einem Beschäftigten in der kardiovaskulären Intensivpflege, der 2016 nach sechs Jahren „wegen der Erfahrungen, insbesondere dem Tod und Leid“ seinen Job aufgegeben hatte. Seine Geschichte ist kein Einzelfall.

Es gibt in den USA 3,9 Millionen registrierte und lizenzierte Pflegefachkräfte. Eine Studie aus dem Jahr 2014 mit 3.300 Teilnehmern ergab, dass viele von ihnen gestresst und überarbeitet waren. Die Mehrheit gab an, sich nicht richtig ernähren und selten eine Nacht durchschlafen zu können.

Diese Probleme und andere Missstände am Arbeitsplatz – Gewalt, Schikane durch die Vorgesetzten und emotionale Belastung – haben eine regelrechte Selbstmordepidemie ausgelöst. Dies ergab eine nationale Studie von Wissenschaftler der University of California San Diego (UCSD) School of Medicine, die sich erstmals seit 20 Jahren wieder mit diesem Thema befassten. Ihre Ergebnisse sind alarmierend.

Die Forscher der University of California stellten fest, dass die Selbstmordrate in dieser Berufsgruppe signifikant höher war als in der Gesamtbevölkerung. Bei weiblichen Pflegefachkräften lag die Selbstmordrate bei 11,97 pro 100.000; bei männlichen war sie mit 39,8 pro 100.000 mehr als dreimal so hoch.

Was ist der Grund für diese tragischen Opfer? Wie kommt es, dass eine beträchtliche Zahl von Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind, körperlich und seelisch so stark leiden, dass sie sich das Leben nehmen?

Ein Artikel, den die World Socialist Web Site kürzlich zu diesem Thema veröffentlichte, wurde sehr häufig aufgerufen. Das Thema hat sowohl bei den Beschäftigten des Gesundheitswesens als auch bei anderen Lesern einen Nerv getroffen. Auch unser Interview mit Judy Davidson führte zu einer Flut an Leserzuschriften. Davidson war an der UCSD-Studie beteiligt. Sie ist selbst Pflegefachkraft und hat mittlerweile auf diesem Gebiet promoviert.

Ein Betroffener namens Craig schrieb: „Wir sind darauf abgerichtet, unsere eigenen Bedürfnisse nicht zu beachten. Dies fördert eine Kultur, in der emotionale und körperliche Probleme versteckt werden. Anstatt unsere Probleme anzugehen, fressen wir alles in uns hinein, bis wir es nicht mehr aushalten. Wie eine Mülltonne, die geleert werden müsste, aber immer weiter vollgestopft wird, bis sie platzt.“

Leserin Kathy meinte: „Erforschen Sie doch einmal DEPRESSIONEN bei Pflegekräften. Wer vom Management missachtet und gezwungen wird, Tag für Tag in Unterbesetzung zu arbeiten, verliert allen Mut. Ich bin seit 39 Jahren examinierte Krankenschwester. Früher gab es selten Schichten, in denen wir unterbesetzt waren. Jetzt gibt es kaum noch eine voll besetzte Schicht.“

Und eine Leserin namens Clara, die nicht im Gesundheitswesen arbeitet, schrieb: „Wenn man selbst oder ein geliebter Mensch krank ist, dann gibt es nichts Besseres als eine professionelle Pflege. Diese Leute sollten wertgeschätzt und gut behandelt werden. Sie sollten ordentliche Löhne, vernünftige Arbeitszeiten und Dank dafür erhalten, dass sie diesen Job machen.“

All diesen Ansprüchen steht das Gesundheitssystem in Amerika entgegen. Eine einzelne Pflegekraft muss immer mehr Patienten versorgen. Die extreme Arbeitshetze und Überarbeitung führen zu Burnout und häufigen Jobwechseln. Von den Beschäftigten wird erwartet, dass sie für dasselbe – oder weniger – Geld immer mehr arbeiten. Sozialleistungen, einschließlich ihrer eigenen Gesundheitsversorgung, werden abgebaut.

Im Mai traten Pfleger und Hilfskräfte am Mercy Health St. Vincent Hospital in Toledo (Ohio) in den Streik. Sie protestierten gegen niedrige Löhne, Personalmangel und erzwungene Überstunden. Die Versorgung der Patienten, erklärten sie, sei gefährdet. Die Streikenden berichteten der WSWS, dass sie gezwungen wurden, bis zu 26 Stunden hintereinander zu arbeiten. Einige mussten erst einmal ein paar Stunden in ihren Autos schlafen, bevor sie sicher nach Hause fahren konnten. Das Verhältnis von Patienten zu Pflegepersonal hatte sich im Laufe eines Jahres verdoppelt.

Der Streik fand in der Bevölkerung breite Unterstützung, auch die Arbeiter der nahegelegenen Jeep-Werke von Fiat Chrysler erklärten sich solidarisch. Trotzdem wurde er nach sechs Wochen mit einem faulen Kompromiss abgebrochen, der sich kaum vom ursprünglichen Angebot der Klinikgesellschaft unterschied.

Die Gewerkschaft United Auto Workers, die das Krankenhauspersonal vertritt, schickte die Hilfskräfte im Juni zurück an die Arbeit und zwang auch die Pflegefachkräfte einen Monat später zum Streikabbruch, obwohl diese den ausgehandelten Tarifvertrag mit überwältigender Mehrheit abgelehnt hatten. Hunderte sind nach diesem eklatanten Verrat angewidert aus der Gewerkschaft ausgetreten oder haben gekündigt.

Zwar gelten einige Krankenhäuser in den USA als „gemeinnützig“, doch das gesamte Gesundheitssystem ist darauf ausgerichtet, Krankenhausmanager, Versicherungsbosse und Pharmaunternehmen zu bereichern. So erhielt der CEO von Partners Health Care, Dr. David Torchiana, 2016 in seinem ersten Jahr auf diesem Posten eine Gesamtvergütung von 4,7 Millionen US-Dollar. Partners HealthCare ist der größte „gemeinnützige“ Gesundheitsverbund in Massachusetts.

Der CEO der Versicherungsgesellschaft Blue Cross Blue Shield of Michigan, Daniel Loepp, kassierte im vergangenen Jahr 19,2 Millionen Dollar. Auch dieses Unternehmen gilt als gemeinnützig. Ken Frazier, CEO des Pharmakonzerns Merck & Co., strich im vergangenen Jahr eine Vergütung von 20,9 Mio. US-Dollar ein.

Solche obszönen Gewinne lassen sich nicht einfach auf persönliche Gier zurückführen, obwohl sie sicherlich eine Rolle spielt. Die große und wachsende soziale Ungleichheit in den USA liegt im Wesen der kapitalistischen Produktionsweise, in der die überwiegende Mehrheit der Arbeiterklasse ihre Arbeitskraft an die Kapitalistenklasse verkauft und nur einen Bruchteil des produzierten Werts als Lohn erhält.

Die Bedingungen in den Krankenhäusern beeinträchtigen sowohl das Wohlbefinden aller dort Beschäftigten als auch ihre Fähigkeit, Patienten eine hochwertige und zugewandte Versorgung zu bieten. Das profitorientierte Gesundheitssystem in Amerika basiert auf dem Prinzip, den größtmöglichen Gewinn aus dem operativen Geschäft herauszuholen. Leben und Gesundheit sowohl der Mitarbeiter als auch der Patienten sind diesem Prinzip untergeordnet.

Mehr als 150.000 Amerikaner starben 2017 (dem letzten Jahr, für das Zahlen der Gesundheitsbehörde vorliegen) an Alkohol, Drogen oder Selbstmord. Das sind mehr als doppelt so viele wie 1999 und die höchste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen (ebenfalls 1999).

Die sprunghaft ansteigende Rate des „Tods aus Verzweiflung“ – dazu gehört auch die höchste je erfasste Zahl von Todesfällen durch Überdosierung von Opoiden – steht für eine Gesellschaft, die sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne krank ist. Die Lebenserwartung, ein Barometer für die Gesundheit der Gesellschaft, sinkt in den USA seit drei Jahren.

Die überwiegende Mehrheit der medizinischen Fachkräfte hat diesen Beruf aus dem Wunsch heraus gewählt, sich für die Gesundheit und das Leben ihrer Patienten einzusetzen. Der tragische Anstieg der Selbstmorde bei Pflegenden ist ein Ergebnis der Brutalität des kapitalistischen Systems, das den Profit höher stellt als Fortschritte in der Medizin, die Entwicklung von Medikamenten und die Gesundheit der Bevölkerung.

Eine vergesellschaftete Gesundheitsversorgung wird nicht durch die Politik von Demokraten wie Bernie Sanders geschaffen werden, die das Blaue vom Himmel versprechen, aber nicht die geringste Absicht haben, das kapitalistische System zu beseitigen und die riesigen Gesundheitskonzerne, die Krankenversicherung und die Arzneimittelindustrie zu enteignen.

Die Epidemie der Selbstmorde bei Pflegekräften zeigt, wie dringend es ist, dass die Beschäftigten im Gesundheitswesen – und die gesamte Bevölkerung – für eine sozialistische Lösung der Gesundheitskrise kämpfen. Das Gesundheitswesen darf nicht in den Klauen der Oligarchie bleiben, die von der Rationierung der Pflege und der Ausbeutung der Beschäftigten profitiert. Es muss ihnen durch eine sozialistische Veränderung der Gesellschaft aus der Hand genommen werden.

Kate Randall

 

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