Auftritt von Roger Waters und John Pilger zur Verteidigung von Julian Assange in London

Von unseren Reportern
3. September 2019

Nahezu 1.000 Menschen kamen gestern Abend im Zentrum von London zusammen, als der weltweit bekannte Künstler Roger Waters zu Ehren des inhaftierten WikiLeaks-Herausgebers Julian Assange auftrat.

Die Veranstaltung fand vor dem britischen Innenministerium statt, nur wenige Kilometer vom Gefängnis Belmarsh entfernt, wo Assange im Hochsicherheitstrakt einsitzt. Waters trug den legendären Song „Wish You Were Here“ von Pink Floyd vor. Begleitet wurde er vom Gitarristen Andrew Fairweather Low.

Ein Teil der Zuschauer

Die Unterstützer von Assange füllten den Vorplatz des Ministeriums und den Gehweg zu beiden Seiten der Marsham Street. Auf zahlreichen Bannern und Plakaten forderten sie Freiheit für Assange und die Whistleblowerin Chelsea Manning. In Sprechchören riefen sie: „Free, Free Julian Assange!“ und „There’s only one decision: No extradition!“ („Es gibt nur eine Entscheidung: Keine Auslieferung!“)

Der Filmemacher und Enthüllungsjournalist John Pilger, ein persönlicher Freund von Assange, eröffnete die Veranstaltung mit einer leidenschaftlichen Ansprache. Er zeigte in Richtung Innenministerium: „Das Verhalten der britischen Regierung gegenüber Julian Assange ist eine Schande. Es ist ein Hohn auf den Begriff der Menschenrechte. Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, dass Julian Assange genauso behandelt und verfolgt wird, wie Diktaturen einen politischen Gefangenen behandeln.“

John Pilger spricht auf der Kundgebung

Pilger berichtete von einem Gespräch mit Assange vom Wochenende: „Als ich Julian fragte, was ich heute sagen soll, hatte er dazu eine klare Meinung: ‚Sag, dass es nicht nur um mich geht. Es geht um viel mehr. Es geht um uns alle. Alle Journalisten und Verleger, die ihren Job machen, sind in Gefahr.‘“

Die Bedeutung von Assanges Auslieferung liege auf der Hand, so Pilger. „Wer du auch bist und wo du auch sein magst, wenn du die Verbrechen von Regierungen aufdeckst, wirst du gejagt, entführt und unter Anklage der Spionage in die USA geschickt.“

Er schloss mit den Worten: „Siebzehn der achtzehn Anklagepunkte gegen Julian in Amerika beziehen sich auf die Routinearbeit eines investigativen Journalisten, die durch ersten Zusatzartikel zur US-Verfassung geschützt ist. Die ganze Sache ist völlig verlogen. Die US-Staatsanwälte wissen, dass es verlogen ist, die britische Regierung weiß es, und die australische Regierung weiß es. Deshalb wird Julian 21 Stunden am Tag in einem Hochsicherheitstrakt eingesperrt und schlimmer behandelt als ein Mörder. An ihm soll ein Exempel statuiert werden. Was mit Julian Assange und Chelsea Manning gemacht wird, soll uns einschüchtern, damit wir den Mund halten.

Mit der Verteidigung von Julian Assange verteidigen wir unsere heiligsten Rechte. Wer jetzt nicht den Mund aufmacht, wird eines Morgens in der Stille einer neuen Tyrannei aufwachen. Wir haben die Wahl.“

Julians Bruder Gabriel Shipton spricht auf der Kundgebung

Als Nächstes sprach Julians Bruder Gabriel Shipton, der von der Menge herzlich begrüßt wurde. Er berichtete von seinem Besuch im Gefängnis Belmarsh vom letzten Monat. „Ich umarmte ihn, und er sagte mir, dass dieser Ort die Hölle ist.“

Shipton fuhr fort: „Danach wollte meine Tochter wissen, warum ihr Onkel eingesperrt ist: ‚Hat er etwas Schlimmes getan, Dad?‘. Ich hatte Mühe, es so zu erklären, dass eine Fünfjährige es verstehen konnte. Als Julians Bruder und im Namen seiner Kinder, im Namen aller Brüder und Schwestern, Nichten und Neffen, Mütter und Väter, fordere ich den britischen Innenminister auf, die Auslieferung an die USA zu verhindern.“

Waters kam gegen 18.30 Uhr auf der Bühne und sagte der Menge: „Es ist tief bewegend, euch alle heute hier zu sehen. Wie können wir uns in die Lage von Julian Assange in Isolationshaft versetzen? Wie in die Lage eines Kinds in Syrien oder Palästina oder eines Rohingya, alles Menschen, die alle von den Leuten in diesem Gebäude hier in Stücke zerfetzt werden?“

Roger Waters spielt "Wish You Were Here"

Waters sagte einige Worte zu „Wish You Were Here“, dem Titelsong des gleichnamigen Albums von Pink Floyd aus dem Jahr 1975, das als Klassiker der Rockgeschichte gilt. Er bezog sich auf die Zeile „Would you exchange a walk-on part in the war for a lead role in a cage?“ („Würdest du eine Statistenrolle im Krieg gegen eine Hauptrolle im Käfig eintauschen?“) Seine Antwort lautete: „Nein, das würde ich nicht. Das hier ist meine Statistenrolle in diesem Krieg, und ich bin viel lieber hier bei euch, die ihr alle ebenfalls eine Statistenrolle im Krieg einer Hauptrolle im Käfig vorzieht.“

Als Waters sang, stimmte das Publikum mit ein. Der Text wurde als Zeichen der politischen Solidarität mit Julian Assange aufgefasst.

Zum Abschluss der Veranstaltung dankte Waters dem Publikum und rief: „Julian Assange, wir halten zu dir! Freiheit für Julian Assange!“. Die Menge gab die Parole zurück: „Freiheit für Julian Assange! Freiheit für Julian Assange!“

Nach der Veranstaltung sprach WikiLeaks-Redakteur Kristinn Hrafnsson mit der WSWS: „Es war ermutigend, dass so viele Leute gekommen sind. Wenn man sich für die Befreiung von Julian einsetzt, ist es enorm wichtig, die Menschen zu treffen, die ihn wirklich unterstützen. Ich habe den Eindruck, dass die Unterstützung für ihn trotz der Feindseligkeit der Mainstream-Medien wächst. Wir stehen vor einem Kampf und Julian weiß das, aber für ihn ist es ungeheuer wichtig, diese Botschaft zu erhalten. Mir gibt es Hoffnung und Optimismus.“

Hrafnsson hatte Assange zehn Tage zuvor besucht und am Sonntagabend erstmals mit ihm telefoniert: „So lange hat es gedauert, bis meine Nummer von den Gefängnisbehörden freigegeben wurde. Er ist nicht an einem guten Ort, und er ist definitiv nicht dort, wo er sein sollte - und das muss sich ändern.“

Hrafnsson fügte hinzu: „Wir können uns nicht auf die Mainstream-Medien verlassen, nicht auf Politiker, und mit Sicherheit nicht auf die hiesige Justiz. Die Leute müssen wirklich verstehen, wie wichtig das ist.“

John Pilger sagte der WSWS kurz vor der Kundgebung, dass die Idee mit dem Auftritt von Waters stammte: „Roger schickte mir eine E-Mail und sagte, er würde vor dem Belmarsh-Gefängnis für Julian ‚Wish You Were Here‘ spielen. Wir haben es uns angesehen und es ist einfach nicht möglich. Weiter als bis zur Autobahn kommt man nicht an das Gebäude heran, also haben wir uns für das Innenministerium entschieden.“

Assanges Zustand ist besorgniserregend, warnte Pilger. „Ich mache mir große Sorgen um ihn, wenn er monatelang in Belmarsh bleiben muss“, sagte er. „Das dortige Regime zwingt ihm eine Isolation auf, die tiefe seelische Wunden hervorruft. Er ist in einer kleinen Zelle auf der Krankenstation. Sie scheinen nicht zu wissen, was sie mit ihm machen sollen. Was sie tun sollten, ist natürlich, ihn rauszulassen. Auf keinen Fall sollte er in einem Hochsicherheitsgefängnis einsitzen.“

Auch Emmy Butlin vom Julian Assange Defence Committee (JADC) äußerte sich gegenüber der WSWS.

„John Pilger und Roger Waters haben uns mit ihren eindringlichen Worten und dem Song zur Solidarität mit Julian Assange tief bewegt“, sagte Butlin. „Sie sprachen von Mitgefühl, von Frieden, gegen Krieg und seine Profiteure, deren Interessen WikiLeaks an den Pranger gestellt hat. Wir sind sehr dankbar für die tolle Beteiligung, ein Zeichen für die Unterstützung, die wir auf den Straßen Großbritanniens immer finden, und wir setzen unsere Solidaritätsarbeit am Samstag, den 28. September um 14:00 Uhr vor dem Belmarsh-Gefängnis fort.

Wir vom JADC sind sehr dankbar für die Arbeit der SEP, die sich weltweit für die Befreiung von Julian Assange einsetzt, und für ihre kontinuierliche Teilnahme und Unterstützung für unsere Veranstaltungen. Die WSWS berichtet wahrheitsgetreu über den Fall Assange und hilft, die Solidaritätskampagne international in alle Richtungen zu verbreiten. Dafür ein großes Dankeschön.“

Kein großer britischer Fernsehsender berichtete in seinen Abendnachrichten über das Ereignis, als wollten sie alle den Standpunkt von Kristinn Hrafnsson zu den Mainstream-Medien bestätigen. Keine britische, australische oder amerikanische Zeitung brachte heute einen Bericht über die Initiative von Waters und die Kundgebung – ein weiterer offener Akt der Zensur.

Über Social Media und Publikationen wie die WSWS finden Berichte und Videos zu Waters Auftritt, Pilgers Rede und die Statements von Gabriel Shipton jedoch weite Verbreitung und werden in den kommenden Tagen von Hunderttausenden auf der ganzen Welt gesehen werden.

 

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