20 Jahre Young Euro Classic Festival: Beethoven im Widerstreit von Rebellion und EU-Propaganda

Von Verena Nees
26. August 2019

Am 6. August endete das 20-jährige Jubiläum des Young Euro Classic Festivals mit einem Rekord von 27.000 Besuchern. Erneut gab es zwei Wochen lang umjubelte Orchesterauftritte im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Rund 1200 junge Musiker aus aller Welt beteiligten sich an den 19 Konzerten.

National Youth Orchestra of the USA. © MUTESOUVENIR Kai Bienert

Im Mittelpunkt der Programme stand Ludwig van Beethoven, dessen 250. Geburtsjahr im nächsten Jahr gefeiert wird. Unter anderem waren die neun Symphonien des Komponisten zu hören.

Die jungen Künstler interpretierten diesen Titanen der klassischen Musik auf ihre Weise – ohne übertriebenes Pathos, doch mit viel Ernsthaftigkeit; technisch nicht immer perfekt, aber erfüllt vom heutigen Zeitgefühl, das der revolutionären Aufbruchsstimmung zu Beethovens Zeit verwandt ist.

Sie haben „Beethoven zum Leben erweckt“, wie es ein Besucher im Gästebuch anlässlich des Auftritts des israelisch-palästinensischen Galilee Chamber Orchesters auf den Punkt brachte.

Das Young Euro Classic Festival wurde zur Jahrtausendwende zunächst als rein europäisches Jugendorchesterfestival ins Leben gerufen und sollte laut der privaten Gründerinitiative ein „Zeichen für eine offene Gemeinschaft, ein Zeichen für Europa“ setzen. Anlass war das Ende des Kalten Kriegs und die Illusionen in eine „neue Zeit“ von Frieden und Demokratie, die durch die Gründung der Europäischen Union befördert werden könne.

Seit 2000 haben fast 25.000 junge Musikerinnen und Musiker mit rund 200 Orchestern aus über 70 Ländern bei dem Festival gespielt. Längst wurde es über Europa hinaus auf andere Kontinente ausgedehnt. Im Programm gab es auch über 250 Uraufführungen und deutsche Erstaufführungen.

In diesem Jahr traten neben vielen europäischen Orchestern – darunter ein britisches, das dem drohenden Brexit trotzen will – auch Ensembles aus Chile, der Dominikanischen Republik, der ehemaligen Sowjetrepublik Tatarstan, aus China, den USA sowie aus Israel auf.

Das Festival war mehr als sonst von einem deutlichen Widerspruch geprägt. Sein Motto von Weltoffenheit, Humanität und Toleranz ist offensichtlicher denn je unvereinbar mit der weltweiten Realität der Europäischen Union und des Kapitalismus. Junge Musiker reagieren darauf, so scheint es, mit Nachdenklichkeit und Engagement, ihre Interpretationen klassischer Musik gewinnen an Tiefe. Auch manche Uraufführungen haben den Charakter von bloßen Klangexperimenten verloren. Dagegen waren die Festivalmacher anlässlich des Jubiläums sichtlich bemüht, ihr eigenes Motto mit Propaganda für die Europäische Union zu vermischen.

Beethovens 9. Symphonie als Mitsingkonzert unter EU-Fahnen

Als Höhepunkt des Festivals wurde nicht zufällig die 9. Symphonie Beethovens als „Mitsingkonzert“ organisiert, gespielt vom EUYO (European Union Youth Orchestra) unter Leitung von Vasily Petrenko. Die auf Friedrich Schiller basierende „Ode an die Freude“ am Ende der Symphonie ist zugleich Grundlage der EU-Hymne.

Das Konzert am 4. August wurde nach außen auf den Gendarmenmarkt übertragen, wo eine Menschenmenge am Ende die „Ode an die Freude“ mitsingen und ihre „Stimme für Europa“ erheben sollte. Der Text war ausgeteilt worden, ein Chorleiter dirigierte, zwischen den singenden Menschen schwenkten Emissäre des Festivals die EU-Fahnen.

Allerdings könnte Beethovens revolutionärer Geist, der den Idealen der französischen Revolution von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ entsprang, nicht gegensätzlicher zur heutigen Politik der EU sein, die für extreme soziale Ungleichheit, Polizeiaufrüstung, rechtsextreme Tendenzen, Militarismus und brutale Flüchtlingspolitik steht.

Beim Festival vor zwei Jahren hatte das nationale portugiesische Jugendorchester eine Zugabe mit dem vierten Satz der Neunten Symphonie noch vor Beginn der „Ode an die Freude“ abgebrochen und das Wort an das Publikum gerichtet. Ihr Orchester werde wegen der EU-Sparmaßnahmen vielleicht zum letzten Mal auftreten, so die Musiker. Sie fügten hinzu: „Wir sind für Gleichheit und gegen Diskriminierung.“ Ein Jahr vorher wäre das EUYO selbst beinahe der EU-Austeritätspolitik zum Opfer gefallen. Es konnte erst nach einer Protestwelle in der Musikwelt gerettet werden.

Deutsch-griechisches Orchester gibt Starkonzert

Als zweiten Höhepunkt präsentierte Young Euro Classic ein eigens gegründetes deutsch-griechisches Festivalorchester unter Leitung des designierenden Chefdirigenten des Konzerthauses Christoph Eschenbach, begleitet von zwei Erwachsenen-Chören.

Young Euro Classic Festivalorchester Griechenland-Deutschland am 27. Juli. Flötenduo, rechts Stathis Karapanos. © MUTESOUVENIR Kai Bienert

Das „tolle“ deutsch-griechische Orchesterprojekt beweise, „dass Deutschland und Griechenland viel verbindet“, erklärte Stefan Zierke (SPD), Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, zur Einleitung des Konzerts mit großspuriger Geste. Manch einem griechischen Besucher wird dies aufgestoßen sein. Denn die vom deutschen Finanzminister durchgesetzten EU-Spardiktate haben den Kulturbereich Griechenlands empfindlich getroffen. Die Budgets der Theater und die Mittel für Musik- und Kunstunterricht wurden radikal gekürzt, zeitweilig sogar das staatliche Rundfunkorchester aufgelöst.

Zum Glück ließ sich das Orchester, bestehend aus dem Underground Youth Orchestra Athen und dem Kammerorchester Julius Stern der Universität der Künste Berlin, von derlei Sprüchen nicht beirren. Es eroberte die Sympathien des Publikums mit Werken von Christoph Willibald Gluck (aus Orpheus und Eurydike), Beethoven (Prometheus-Ouvertüre und Chor-Fantasie c-Moll), Mikis Theodorakis (Flötenkonzert Zorbas-Suite nach seiner Filmmusik zu Alexis Sorbas) und Nikos Skalkottas (Griechische Tänze).

Insbesondere die beiden griechischen Solisten Stathis Karapanos (Flöte) und Fil Liotis (Klavier) und ihre herrlichen Zugaben stießen auf Begeisterung.

Alcance / Reach für ein soziales Miteinander

Trotz der offensichtlichen Versuche, die Förderer des Festivals aus Kreisen der EU, des Auswärtigen Amts und der Wirtschaft nicht zu verprellen, spricht die Musik natürlich ihre eigene Sprache. Unter den Konzerten gab es wahre Juwelen, und manch eines ließ deutlich die weit verbreitete oppositionelle Stimmung unter jungen Menschen spüren.

So beispielsweise das Konzert des Nationalen Jugendorchesters aus Portugal (JOP) unter Leitung seines Dirigenten Pedro Carneiro, das in diesem Jahr wieder um seine Finanzierung kämpfen musste und erneut mit einem politischen Statement aufwartete.

Für die Uraufführung von „Alcance / Reach“ von Joäo Godinho erhielt er verdientermaßen den Europäischen Komponistenpreis, den eine Publikumsjury verleiht.

Ensemble Notas de Contacto in der Mitte der portugiesischen Orchester. © MUTESOUVENIR Kai Bienert

In der Mitte des Orchesters bewegten sich angestrahlt fünf Musiker mit Behinderungen um Glockenspiel und anderen Schlagwerke, das Ensemble Notas de Contacto. Mit sichtbarem Spaß erzeugten sie Klänge, Rhythmen und Geräusche, die der Orchestermusik spielerische Elemente hinzufügten. Der Komponist hat ein Jahr lang das Stück mit ihnen und Mitgliedern des JOP anhand einer eigenen Zeichensprache (Soundpainting) einstudiert.

Am Ende des Stücks rollten die Musiker mit Text beschriebene Papierbänder ins Publikum, die dort von Besucher zu Besucher bis zu den hinteren Sitzreihen weitergereicht wurden. Es war ein starkes Symbol für Solidarität mit den sozial Schwachen und Benachteiligten.

Die Jury würdigt Godinhos Werk in der Laudatio mit den Worten: „Allein, dass ein Komponist es unternimmt, sein vertrautes ‚Metier’ zu verlassen und sich neuen, ganz anderen Herausforderungen stellt, ist mutig und hoch zu bewerten.“ Man habe „sich überraschen und beeindrucken, ja berühren“ lassen.

Als das Orchester abschließend noch Beethovens Siebte Symphonie A-Dur größtenteils im Stehen spielte, war das Publikum aus dem Häuschen. Beethoven hat seine beliebte Siebte gegen Napoleons Russland-Feldzug geschrieben. Von den jungen portugiesischen Musikern mit unbändiger Lebensfreude gespielt, klingt seine „Schlachtensymphonie“ wie eine Revolte.

Israelisch-palästinensischer Einklang mit dem Galilee Chamber Orchestra

Auch das Konzert des 2012 gegründeten Galilee Chamber Orchestra, das je zur Hälfte aus israelischen und palästinensischen Musikern besteht, zählte zu den Glanzpunkten. Der in Nazareth geborene christlich-palästinensische Dirigent Saleem Ashkar, der zugleich als Klaviersolist auftritt, verfolgt ausdrücklich das Ziel, mit Musik die Kluft zwischen arabischen und jüdischen Gruppen zu überbrücken.

Ashkar und sein Orchester spielten Haydns Ouvertüre zu Lisola disabitata, Beethovens Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur und die Symphonie Nr. 1 C-Dur mit wundervoller Leichtigkeit und aufeinander abgestimmt, als wären sie zu einer Einheit verschmolzen. Ihre Versöhnungsbotschaft konnte kaum einem aufmerksamen Besucher entgehen.

Galilee Chamber Orchestra, Ausschnitt mit Saleem Ashkar. © MUTESOUVENIR Kai Bienert

In der Uraufführung Overcoming des ebenfalls in Nazareth geborenen palästinensischen Komponisten Wisam Gibran, die er zum Thema „Courage“ des diesjährigen Rheingau Musik Festivals komponiert hat, klang zudem noch etwas Tieferes an. Die Verknüpfung von traditionellen Motiven und Melodien der Oud, der arabischen Laute, mit europäischen Kompositionsstrukturen vermittelte etwas von der tragischen Geschichte eines Überlebenskampfes – sowohl der jüdischen Bevölkerung im Holocaust wie der palästinensischen Bevölkerung in der Nachkriegszeit.

„Ein Konzert soll etwas bedeuten, es soll in Erinnerung bleiben, etwas Subjektives vermitteln. Es geht nicht nur um perfekt gespielte Musik“, sagt Ashkar selbst. Dies ist mit dem Auftritt bei Young Euro Classic gelungen.

Es macht betroffen, dass wenige Meter vom Gendarmenmarkt entfernt der Direktor des Jüdischen Museums gerade erst zum Rücktritt gezwungen wurde, weil er dieselben Ziele wie Ashkar in seinen Ausstellungsprojekten verfolgt hat. Der Konzertpate, Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue, überging diesen Skandal in seiner Einleitung mit Schweigen.

Mahlers Abgesang an die alte Gesellschaft ins Heute übertragen

Das European Youth Orchestra (EUYO), dem am 4. August die Rolle des Jubelchors für die EU zugedacht war und das 1976, also lange vor der EU, gegründet wurde, spielte zwei Tage zuvor noch ein ganz anderes Programm, eines, das der heutigen Realität näherkam. Nach dem melodischen Violoncellokonzert h-Moll von Antonín Dvořak mit dem Solisten Nicolas Altstaedt begeisterte das Orchester mit Gustav Mahlers 5. Symphonie cis-Moll. Mahler hatte sie ab 1901 komponiert und 1904 uraufgeführt, nur wenige Jahre nach Dvořaks Werk und doch so völlig anders.

European Union Youth Orchestra am 2. August. © MUTESOUVENIR Kai Bienert

Mahler hat mit seinem über einstündigen aufwühlenden Werk seinen Abgesang auf die Welt des 19. Jahrhunderts geschrieben. Das Adagietto wurde als Filmmusik zu Thomas Manns Der Tod in Venedig berühmt. Die 140 jungen Orchestermitglieder, die aus allen 28 EU-Staaten zusammenkommen, interpretieren es ungeheuer intim, wie entrückte Klänge einer anderen Welt. Doch die zarten Streicher- und Harfenklänge gönnen dem Zuhörer nur eine kurze Ruhe, die zerrissen wird von bedrohlichen Marschmotiven, wilden Tuttiakkorden, Dissonanzen, Tonartwechseln und Motivgegensätzen.

Es muss wohl die heutige, um die letzte Jahrhundertwende geborene Musikergeneration sein, die sich Gustav Mahler nahe fühlt und seine 5. Symphonie derart bewegend spielen kann.

Ist nicht auch heute die Zeit von Ruhe, Träumerei und Illusion vorbei, die Mahler mit Walzer-Rhythmen, Ländlern, Kuhglocken und Hörnerklängen anklingen lässt? Und macht sie nicht auch jetzt einer unruhigen Zeit plötzlicher Umbrüche, von Krieg und sozialem Aufruhr Platz, wie dies Mahler mit wuchtigem und hektischem Orchestertaumel zum Ausdruck bringt?

Den Jugendlichen im diesjährigen EUYO lag dieser Mahler ganz eindeutig im Blut.

Prokofjews Sieg der Menschheit

Das Festival endete mit einem großartigen Konzert des US-amerikanischen National Youth Orchestra unter Leitung von Sir Antonio Pappano. Schon die Uraufführung, Delicate Tension des erst 19-jährigen Tyson J. Davis, ließ aufhorchen. Die US-Botschaft hatte ihn zu einer Komposition anlässlich des 30. Jahrestags des Falls der Mauer beauftragt. Allerdings ließ sich Davis zunächst durch ein Gemälde von Wassilij Kandinsky inspirieren. Selbst äußerte er dazu, er habe immer die Beziehung der heutigen Zeit zum Kalten Krieg „vor seinem inneren Auge“ gehabt. Die Musik ist entsprechend vieldeutig, erinnert in ihrem Wechsel von flirrenden Streichertönen, Blechbläser-Glissandi und Orchestertutti eher an Krieg und Bombenangriffe als an den Fall der Mauer und der damals verbreiteten Friedenspropaganda.

Die jungen amerikanischen Musiker, die fast symbolisch mit roten Hosen auftraten, beendeten ihr Konzert mit einer begeisterten Aufführung der 5. Symphonie B-Dur von Sergej Prokofjew (1944). Nach dem Sieg der Roten Armee wurde das Werk in Moskau Januar 1945 vor jubelndem Publikum uraufgeführt und als Symphonie des Siegs der Menschheit über ein barbarisches Regime gefeiert.

Auch heute, 75 Jahre nach Kriegsende, riss sie das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Das junge US-Orchester erfüllte die düsteren Marschrhythmen im langsamen Satz und den folgenden wilden musikalischen Siegestaumel mit solcher Intensität und Leidenschaft, als wollte es gegen die aktuelle Kriegstreiberei und neue Barbarei anspielen.

Folgende Konzerte wurden mitgeschnitten und können auf www.arte.tv/de abgehört werden:

02.08. European Union Youth Orchestra (EUYO) mit Dvořak und Mahler: https://www.arte.tv/de/videos/091426-002-A/european-union-youth-orchestra/ [noch bis 02/11/2019]

06.08. National Youth Orchestra of the USA: https://www.arte.tv/de/videos/091426-006-A/national-youth-orchestra-of-the-usa/ [noch bis 04/11/2019]

 

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