Opel: Kurzarbeit in Rüsselsheim und weitere Entlassungen

Von Dietmar Gaisenkersting
24. August 2019

Gestern berichtete die WirtschaftsWoche, Opel bereite an seinem Stammsitz in Rüsselsheim Langzeit-Kurzarbeit vor. In dem Bericht heißt es, die WiWo-Redaktion habe ein vertrauliches Sitzungsprotokoll der IG-Metall-Vertrauensleute einsehen können. Daraus gehe hervor, dass die Konzernleitung ab Oktober Kurzarbeit „zunächst für drei Monate“ plane. Im Frühjahr soll die Kurzarbeit dann erneut fortgesetzt werden.

Die Kurzarbeit ist Teil eines radikalen Spar- und Kürzungsprogramms, mit dem der Opel-Mutterkonzern PSA (Peugeot, Citroen) auf die weltweite Krise in der Autoindustrie reagiert. Angesichts sinkender Absatzzahlen in wichtigen Märkten, zunehmenden Handelskriegsmaßnahmen und Umstellung auf E-Mobilität, soll die Arbeitsproduktivität und Ausbeutung der Beschäftigten drastisch gesteigert werden.

In einem früheren Artikel hatten wir bereits berichtet, dass in den drei Opel-Werken in Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern weitere 1100 Stellen gestrichen werden.

Es wird immer deutlicher, dass sich die Opel-Arbeiter und auch die Beschäftigten in anderen Autowerken und Zulieferbetrieben auf einen harten Kampf vorbereiten müssen. Dazu ist es notwendig, die Kontrolle der korrupten Betriebsrats- und Gewerkschaftsbürokratie zu durchbrechen, unabhängige Aktionskomitees aufzubauen und Kontakt zu Autoarbeitern in anderen Betrieben und Ländern aufzunehmen, um gemeinsam Widerstand zu organisieren.

Mit dem Ende der Werksferien verschärfen sich die Angriffe. Die angekündigte Kurzarbeit bedeutet drastische finanzielle Einbußen. Im Warenverteilzentrum in Rüsselsheim mit aktuell noch 300 Beschäftigten sollen nur noch 74 bleiben. 200 sollen nach Bochum versetzt werden. Der Rest soll über einen Sozialplan abgewickelt werden.

Das Europäische Warenverteilzentrum von Opel in Bochum mit 700 Beschäftigten beliefert europaweit Opel- und Vauxhall-Händler mit Ersatzteilen und Zubehör. Das große Opelwerk in Bochum – in dem in den 1980er Jahren noch 20.000 Arbeiter beschäftigt waren – wurde vor fünf Jahren in enger Zusammenarbeit mit der IG Metall stillgelegt.

Auch jetzt noch sind die Beschäftigten in Bochum im Visier von Konzernchef Tavares, der als skrupelloser Sanierer und Kostensenker auftritt. Sie sollen künftig nicht mehr nach den gültigen Metalltarifverträgen bezahlt werden, sondern auf die wesentlich schlechteren Logistiktarifverträge abgestuft werden. Das wären monatlich mehrere Hundert Euro weniger Lohn.

Volker Strehl von der IG Metall in Bochum gab zu, dass darüber verhandelt werde. Er verwies darauf, dass die Gewerkschaft bereits im bestehenden Tarifvertrag die Löhne gesenkt habe. „Da haben wir bereits Zugeständnisse gemacht“, sagte er.

Tavares und die IG Metall spielen dabei die Bochumer Opel-Arbeiter gegen die Beschäftigten in Frankreich und von externen Dienstleistern der Marke „Distrigo“ aus. Schon jetzt nutzt die PSA-Gruppe für den Ersatzteil- und Zubehörversand die Distrigo-Standorte. „Statt alle Händler weitgehend zentral wie bisher aus Bochum zu beliefern“, weiß das Handelsblatt zu berichten, „sollen diese ab Januar 2020 verstärkt über die Distrigo-Hubs in den einzelnen Bundesländern versorgt werden“.

Und schließlich konkurriert Bochum auch noch mit dem PSA-Teilelager im französischen Vesoul. Dort sollen die Kosten deutlich niedriger sein. Erst kürzlich haben PSA und die französischen Gewerkschaften die Wochenarbeitszeit um etwa eine halbe Stunde erhöht – ohne zusätzlichen Lohn.

Für die größte Unruhe sorgt aktuell die laufende Teil-Übernahme des Internationalen Technischen Entwicklungszentrums (ITEZ) von Opel durch den französischen Entwicklungsdienstleister Segula. Der übernimmt Anfang September gut 20 Gebäude, 120 Motoren- und Rollenprüfstände sowie rund 700 Beschäftigte von Opel. Dazu bekommt Segula das Opel-Testgelände in Dudenhofen sowie Garantieaufträge.

Bis zu 3000 Opel-Beschäftigte in Rüsselsheim müssen ihren Arbeitsplatz räumen. Ursprünglich sollten 2000 Opelaner zum Dienstleister Segula wechseln. Doch mehr als 1300 Beschäftigte hatten Opel lieber über Abfindungen, Altersteilzeit oder Vorruhestand verlassen.

Nun sollen fast 700 Opel-Beschäftigte zum 30. August per Betriebsübergang zum französischen Entwicklungsdienstleister wechseln. 380 von ihnen hatten sich jedoch geweigert, ihnen droht nun die Zwangsversetzung.

Doch das ist immer noch nicht das Ende der Fahnenstange. Das Handelsblatt berichtet, dass sich in Rüsselsheim neben dem Arbeitsplatzabbau im Warenverteilzentrum Sparpläne auch in weiteren Bereichen abzeichnen. Das gewöhnlich mit Opel-Interna versorgte Finanzblatt aus Düsseldorf nennt das Getriebewerk, den Werkzeugbau, das Presswerk und die Schmiede, wo viele Hundert Arbeitsplätze zur Disposition stünden.

Ein Opel-Sprecher wollte sich gegenüber dem Handelsblatt nicht im Detail äußern, betonte aber, man arbeite in Hessen „intensiv“ daran, den Fahrzeughersteller nachhaltig erfolgreich aufzustellen. „Hierzu sind wir in einem kontinuierlichen Austausch mit unseren Sozialpartnern“, so der Sprecher.

Was der Opel-Sprecher hier beiläufig bestätigt, ist die enge „partnerschaftliche Zusammenarbeit“ der IG Metall mit dem Opel-Vorstand und den Aktionärsvertretern im Aufsichtsrat. Hinter dem Rücken der Beschäftigten werden Absprachen und Entscheidungen getroffen, die die Zukunft von Tausenden Arbeitern und ihren Familien betreffen. Die Beschäftigten werden bewusst über lange Zeit im Unklaren gelassen oder nur scheibchenweise informiert, um einen gemeinsamen Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze und Einkommen zu verhindern.

Das Arbeitsplatzmassaker bei Opel muss im Zusammenhang mit der Autokrise in ganz Europa und weltweit gesehen werden. Tavares ist ein brutaler und berüchtigter Konzernchef, aber er ist nicht der einzige, der die Interessen der Kapitaleigner und Investoren auf dem Rücken der Beschäftigten durchsetzt. Er hat bereits die „Sanierung“ des französischen Autobauers PSA durch einen permanenten Abbau der Beschäftigtenzahl erreicht.

Allein zwischen 2011 und Ende 2016, dem Jahr vor der Übernahme von Opel/Vauxhall, war die weltweite PSA-Belegschaft von 120.000 auf 90.000 geschrumpft. Seit der Schließung des Werks in Aulnay im Jahr 2013 hat PSA in Frankreich 25.000 Vollzeitstellen abgebaut. Aktuell sind in Frankreich nur noch 33.000 Vollzeitarbeiter bei PSA beschäftigt. Die Produktion wurde gleichzeitig von 860.000 auf über eine Million Fahrzeuge erhöht.

Bei Opel ist seit der Übernahme durch PSA inzwischen jeder dritte der damals 19.000 Stellen vernichtet worden. Weltweit waren von über 37.000 Arbeitsplätzen bis Ende letzten Jahres schon über 8000 abgebaut.

Und das ist erst der Anfang. Inzwischen hat der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer angekündigt, dass viele weitere Opel-Beschäftigte ihren Job verlieren werden. Der Leiter des Center Automotive Research (CAR) sagte dem Handelsblatt: „Ende des Jahres 2021 würde nach unseren Analysen Opel-Vauxhall gerade noch 26.100 Beschäftigte aufweisen – das sind 11.300 Beschäftigte weniger als bei der Übernahme durch PSA.“

Trotz steigender Gewinne (plus 40 Prozent auf 700 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2019) seien die Kosten in Deutschland gegenüber Frankreich weiterhin bedeutend höher. Angesichts des „eng umkämpften europäischen Automarkts“ könnten die Probleme nicht durch höheres Umsatzwachstum, sondern nur drastische Senkung der Lohnkosten abgebaut werden, so Dudenhöffer.

Ganz ähnlich argumentieren die Konzernchefs weltweit. Im vergangenen Monat warnte ein führender Vertreter der Autoindustrie in Indien, dass die anhaltende Absatzflaute in diesem Land zum Verlust von bis zu einer Million Arbeitsplätzen in der Fahrzeugteile-Branche führen werde.

Nissan in Japan, Ford in Europa und weltweit, General Motors und Fiat-Chrysler in den USA – um nur einige zu nennen – führen überall Massenentlassungen und extreme Angriffe auf Löhne und Arbeitsbedingungen durch.

Das wichtigste Instrument in den Händen der Unternehmer, um einen gemeinsamen Kampf der Autoarbeiter zu verhindern, sind die Gewerkschaften und ihre betrieblichen Funktionäre, die in den Aufsichtsräten sitzen, eng mit dem Management zusammenarbeiten und jeden ernsthaften Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze und Löhne verhindern.

Bei Opel und in vielen anderen Betrieben sind die korrupten Machenschaften der Gewerkschaft bekannt und verhasst. Die IG Metall ist sehr besorgt darüber, dass die WSWS – wo immer sich eine Möglichkeit findet – die geheimen Abmachungen und die Absprachen in den Aufsichtsräten aufdeckt.

Wir rufen alle Arbeiter auf, eng mit der WSWS zusammenzuarbeiten. Schickt alle Informationen, die sich trotz Schweigepflicht und Geheimhalteabsprachen finden lassen, an die Redaktion der WSWS. Wir werden sie veröffentlichen und alle Arbeiter informieren. Das ist ein wichtiger Schritt, um einen gemeinsamen Kampf aller Autoarbeiter vorzubereiten.

 

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