Deliveroo verlässt Deutschland – Wut unter den Fahrern wächst

Von Gregor Link
20. August 2019

Am Montag vergangener Woche wurden hunderte Fahrer des Online-Lieferdienstes Deliveroo in einer kurzen Mail in Kenntnis gesetzt, dass sie ab Freitag arbeitslos sind. Das britische Unternehmen „bedauere“, künftig nicht mehr in Deutschland tätig zu sein, und bedanke sich für die „erbrachten Dienste“.

Deliveroo-Fahrerin in Bristol, England (by Ymnes, CC-BY-SA 2.0)

Betroffen sind in Deutschland laut eigenen Angaben 1100 freiberuflich tätige Fahrer, die in der Regel mit dem Fahrrad oder dem Motorroller Mahlzeiten von Restaurants zu den Wohnungen der Kunden transportieren, sowie 100 Angestellte und Mitarbeiter mit Zeitverträgen. Der Lieferservice hatte sich bereits im August letzten Jahres aus zehn deutschen Städten zurückgezogen.

Die E-Mail, kaum länger als ein Dreizeiler, wurde im Netz sofort heiß diskutiert. Ein griechischer Deliveroo-Fahrer erzählt etwa, er sei erst zehn Tage zuvor nach Deutschland gezogen, habe eine Wohnung gemietet und bereits eine Kaution hinterlegt. „Jetzt erhalte ich diese Mail – Fantastisch.“

Der Konzern sei offenbar unzufrieden mit dem deutschen Arbeitsrecht, „für das unsere Eltern und Großeltern so hart gekämpft haben“, bemerkt ein anderer User. Ein dritter empört sich über die „Kündigungsfrist“ von vier Tagen. Bei Deliveroo, so der Fahrer aus Großbritannien, „zieht man die Leute offenbar bis zuletzt über den Tisch“.

Tatsächlich werden die über 60.000 Fahrer, die in 200 Städten weltweit für den milliardenschweren Online-Konzern arbeiten, rücksichtslos ausgebeutet. In 13 Ländern, darunter Großbritannien, Irland, Hong Kong, Taiwan, Kuwait und die Vereinigten Emirate, arbeiten zumeist junge Leute und Migranten in Scheinselbstständigkeit für eine Firma, die allein im Jahr 2016 ihren Umsatz mehr als versiebenfacht hat.

Wer morgens aus ländlichen Regionen kommt, ist aufgrund der langen Wege gezwungen, den ganzen Tag in den Stadtzentren auszuharren. Bezahlt wird er aber nur für seine jeweilige Schicht oder sogar nur dann, wenn ihm ein Auftrag zugewiesen wird. Im Deliveroo-Hauptsitz London verdienen die „Lieferanten“, wie das Unternehmen seine freiberuflichen Fahrer nennt, weniger als 4 Pfund pro Auftrag. Obwohl sie nicht bei dem Unternehmen angestellt sind, wird ihre „Urlaubszeit“ von einer App erfasst und beeinflusst ihre persönliche Bewertung – und damit ihr Einkommen.

Entgegen des von der Branche verbreiteten Klischees von Freiheit und Flexibilität arbeiten die meisten Kuriere in Vollzeit und unter großem finanziellen Druck. Sie sind bei Hitze, Regen, Schnee und Eis oft stundenlang auf dem Fahrrad oder dem Motorroller unterwegs, werden für lange Wartezeiten in den Restaurants nicht entlohnt und müssen für Reparaturen an ihren Fahrzeugen in der Regel selbst aufkommen.

Zuletzt hatte sich Deliveroo zynisch damit gebrüstet, eine kostenlose Unfallversicherung für alle Fahrer eingeführt zu haben – nachdem der Konzern mit einer Umstellung des Entlohnungssystems zuvor dafür gesorgt hatte, dass Fahrer künftig gemäß der zurückgelegten Strecke statt der geleisteten Arbeitszeit bezahlt werden, wodurch die Unfallgefahr massiv zugenommen hatte.

In den sozialen Netzwerken schlägt Deliveroo unterdessen heftige Kritik entgegen. Fahrer aus aller Welt bezeichnen den Konzern und das Management öffentlich als „eines der schmutzigsten Unternehmen in der Lieferbranche“, das seine Fahrer „ausraubt“. Bezeichnungen wie „Diebe“ und „Blutsauger“ sind dabei noch eher harmlos.

Die World Socialist Website sprach mit Zack, einem „Rider“ aus der Nähe von London. Er sagt, die Raten, mit denen das Unternehmen die von den Fahrern zurückgelegte Strecke entlohne, seien in den letzten Jahren stark gesunken. Dadurch nehme die Arbeitshetze zu und die durchschnittliche Entlohnung nehme – entgegen der Verlautbarungen des Managements – permanent ab.

Fahrerinnen und Fahrer berichten außerdem, dass Deliveroo in letzter Zeit den Bestellradius massiv erhöht hat, weshalb sie gezwungen sind, Distanzen von bis zu fünf Meilen pro Auftrag zurückzulegen, während Kunden Wartezeiten von zwei bis drei Stunden in Kauf nehmen müssen.

Maßnahmen wie diese zielen unter anderem darauf ab, Fahrer gegeneinander auszuspielen. Wie Zack berichtet, ist der Konkurrenzdruck in manchen Bezirken Londons mittlerweile so hoch, dass Fahrer sich gegenseitig vor lauter Verzweiflung die Fahrradreifen aufschlitzen oder die Räder anderer anketten.

Mit dem Rückzug aus Deutschland überlässt Deliveroo den Markt im Wesentlichen seinem niederländischen Konkurrenten Takeaway, der in Deutschland unter dem Namen lieferando.de unter anderem die Marken „Pizza.de“, „Lieferheld“ und „Foodora“ betreibt. Beide Konzerne sind Teil einer sich rasch konsolidierenden weltweiten Branche von Online-Lieferfirmen, deren Geschäftsmodell – neben dem Vermeiden von Steuern – vor allem auf der hemmungslosen Ausbeutung ihrer globalen Arbeiterschaft beruht.

Ein Unternehmen, das diese Praxis perfektioniert hat, ist Amazon. Der Online-Handel-Gigant war im Mai im Rahmen einer 575 Millionen Dollar umfassenden Finanzierungsrunde als größter Einzelinvestor bei Deliveroo eingestiegen. Doch wie in den Fulfillment-Centern von Amazon, so nimmt auch der Widerstand bei Deliveroo und Takeaway zu.

Immer wieder kommt es zu Streiks, etwa Ende Juli in Nottingham und Anfang August in Paris, sowie im vergangenen Jahr in Berlin und Köln. Dort hatte sich bereits im Februar 2018 ein unabhängiger Deliveroo-Betriebsrat gegründet. Die deutsche Firmenzentrale reagierte damals, indem sie die Anzahl der Festangestellten kurzerhand drastisch reduzierte, stattdessen weitere „Freelancer“ anheuerte und dem Betriebsrat so die rechtliche Grundlage entzog.

Auf der ganzen Welt suchen Fahrer fieberhaft nach Wegen, sich gegen die permanenten Angriffe auf ihre Einkommen und Arbeitsbedingungen zur Wehr zu setzen. Unter den gegebenen Bedingungen, so Zack, sei es jedoch kaum möglich, gegen das Vorgehen der Unternehmensleitung zu kämpfen. Sobald es einen lokalen Streik gebe, würden die Lieferraten sofort kurzfristig angehoben, um Fahrern aus der weiteren Umgebung einen Anreiz zu geben, den Streik zu unterlaufen.

Auf Facebook schreibt ein pakistanischer Fahrer, das Problem sei, „dass unter uns keine Einheit herrscht. Wenn wir auch nur für einen Tag die Arbeit niederlegen würden – dann würden sie schon sehen.“

Arbeiter bei Deliveroo, Takeaway oder anderen Firmen der sogenannten Gig-Economy sind weltweit mit den gleichen Gegnern konfrontiert und stehen vor den gleichen politischen Fragen. Sie können keinen Schritt vorwärts machen, ohne sich unabhängig von den Gewerkschaften zu organisieren und über alle Landesgrenzen hinweg Kontakt mit ihren Kollegen in aller Welt aufzunehmen.

Um gemeinsame, international koordinierte Arbeitskämpfe vorzubereiten, benötigen Fahrerinnen und Fahrer sowie Angestellte neue, unabhängige und internationale Organisationen, die sich den Spaltungsversuchen der nationalen Gewerkschaften und des Managements widersetzen.

Die World Socialist Website ruft zur Bildung von Aktionskomitees auf, die Arbeiter unabhängig von Nationalität, Herkunft und Geschlecht vereinen, um einen gemeinsamen Kampf gegen die weltweit operierenden Konzerne zu führen.

 

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