Anwälte bezweifeln Aussage der Rechtsmedizinerin über Epsteins Selbstmord

Von Jessica Goldstein
19. August 2019

Am Freitag veröffentlichte die oberste Gerichtsmedizinerin von New York City, Dr. Barbara Sampson, die Ergebnisse der Autopsie des millionenschweren Investmentbankers Jeffrey Epstein, der wegen Mädchenhandels angeklagt worden war. Epstein war eine feste Größe in den höchsten Kreisen der Wall Street und der Politik. Er hatte Beziehungen zu bekannten Persönlichkeiten wie Donald Trump, Bill Clinton und dem britischen Prinzen Andrew. Am 10. August wurde er unter mysteriösen und noch ungeklärten Umständen tot in seiner Zelle im New Yorker Metropolitan Correctional Center aufgefunden.

Epstein soll einen Sexhandelsring mit minderjährigen Mädchen geleitet haben, sein Prozess hätte möglicherweise kriminelle Machenschaften der wirtschaftlichen und politischen Elite enthüllt. Dass ein solcher Mann in staatlichem Gewahrsam gestorben ist, hat verständlicher- und berechtigterweise Zweifel ausgelöst, zumal nach seinem Tod mehrere Verstöße gegen die Gefängnisvorschriften bekannt wurden.

Doch die Mainstreammedien, allen voran die New York Times, haben alle Fragen nach den Umständen von Epsteins Tod als unbegründete „Verschwörungstheorien“ abgetan.

Die Gerichtsmedizinerin erklärte in ihrer knappen Stellungnahme nur, man sei „nach sorgfältiger Prüfung aller Ermittlungsinformationen, einschließlich der vollständigen Ergebnisse der Autopsie“ zu dem Ergebnis gekommen, dass die Todesursache Selbstmord durch Erhängen war. Weitere Fakten oder Details, die diesen Befund untermauert hätten, wurden in der Stellungnahme nicht erwähnt.

Epsteins Anwälte erklärten, sie akzeptierten dieses Ergebnis nicht, und kündigten eine eigene Untersuchung an. Ihnen zufolge hat ihr Klient keine Anzeichen für Selbstmordabsichten erkennen lassen, sei guter Laune gewesen und habe viele Stunden damit verbracht, seine Verteidigungsstrategie vorzubereiten.

Sie erklärten: „Wir geben uns mit den Schlussfolgerungen der Gerichtsmedizinerin nicht zufrieden. Wir werden in den kommenden Tagen eine ausführlichere Antwort vorlegen.“

Die neuen Enthüllungen der letzten Tage bestätigen den Verdacht, dass es im Zusammenhang mit Epsteins Tod Ungereimtheiten gibt. Er war zweifellos der prominenteste Insasse in einem amerikanischen Bundesgefängnis. Daher wurde möglicherweise zusätzlicher Druck auf Dr. Sampson ausgeübt, ihr Gutachten zu veröffentlichen. Nach Abschluss der Autopsie hatte sie die Bekanntgabe der Todesursache mehrere Tage lang hinausgezögert und erklärt, sie wolle noch weitere Informationen von der Polizei und anderen Behörden einholen.

Am Donnerstag berichtete die Washington Post, Epsteins Autopsie habe mehrere Halswirbelbrüche ergeben, u. a. einen Bruch des Zungenbeins, das sich hinter dem Adamsapfel befindet. Das Zungenbein kann zwar durch Erhängen brechen, aber viel wahrscheinlicher ist ein Bruch aufgrund einer Strangulation.

Der forensische Pathologe Cyril Wecht erklärte gegenüber USA Today: „Frakturen des Zungenbeins deuten fast immer auf eine Strangulation hin ... weil die Hand weit oben unter das Kinn des Opfers gelegt wird.“

Wecht erklärte außerdem: „Bei Selbstmorden durch Erhängen gibt es selten mehrere Brüche und Frakturen.“ Sie könnten zwar passieren, erforderten aber beträchtliche Gewalteinwirkung.

Die offizielle Darstellung der Times, der New York Post und anderer Medien ist, dass sich Epstein erhängt hat, indem er ein Betttuch an ein Doppelstockbett gebunden, sich auf den Boden gekniet und nach vorne gebeugt hat. Laut Wecht würde dabei allerdings keine so starke Gewalteinwirkung entstehen, dass derart viele Knochen, wie man festgestellt hat, brechen.

Epstein wurde vor seinem Tod mindestens 12 Stunden in seiner Zelle im Spezialtrakt des Metropolitan Correctional Center alleine gelassen, sein Zellengenosse wurde zuvor herausgeholt. Dabei handelt es sich um einen Verstoß gegen die Vorschrift, laut der sich bei selbstmordgefährdeten Insassen immer eine zweite Person in der Zelle befinden muss. Diese Entscheidung ist umso unerklärlicher, da bei Epstein erst letzten Monat Verletzungen am Hals entdeckt und er für sechs Tage als selbstmordgefährdet unter Aufsicht gestellt wurde. Es wurde nicht erklärt, warum die Beobachtung schon nach so kurzer Zeit eingestellt wurde.

Zudem hatten seine Wachen seine Zelle stundenlang nicht kontrolliert, was ebenfalls ein Verstoß gegen die Gefängnisvorschriften war. Zuletzt tauchten Anfang letzter Woche Berichte auf, laut denen kurz vor Epsteins Tod Schreie aus seiner Zelle zu hören waren.

Trotz all dieser Fragen veröffentlichte die New York Times am Freitag einen Artikel über das Ergebnis der Gerichtsmedizin, der sich eher wie eine Propagandameldung liest. Unter der Überschrift „Autopsie-Ergebnisse zeigen, dass sich Epstein selbst erhängt hat“ ist als zweite Überschrift zu lesen: „Gutachten der obersten Gerichtsmedizinerin von New York City widerlegt Verschwörungstheorien über Mord“.

Im zweiten Abschnitt heißt es: „Epsteins Tod hat eine Welle von Verschwörungstheorien ausgelöst. Im Internet wurde, ohne Beweise, darüber spekuliert, er sei ermordet worden, damit er der Staatsanwaltschaft keine Informationen über andere Mitglieder seiner Gesellschaftskreise zur Verfügung stellt, u.a. über Präsident Donald Trump, Ex-Präsident Bill Clinton und Prinz Andrew von Großbritannien.“

Es gibt keine faktische Begründung, warum die Times und die meisten anderen Medien jede Diskussion über mögliche Ungereimtheiten bei Epsteins Tod unterbinden. Ihr plumpes Vorgehen wirft nur Fragen darüber auf, was sie möglicherweise verbergen wollen.

Selbst wenn man annehmen wollte, dass das Gutachten der Gerichtsmedizinerin richtig ist und Epstein Selbstmord begangen hat, schließt dies keineswegs die Möglichkeit oder sogar die Wahrscheinlichkeit einer Verschwörung aus, um ihn zu beseitigen, bevor es zu einem Prozess oder einer außergerichtlichen Einigung kommen konnte. Die Häufung von Regelverstößen, Versäumnissen und scheinbar leichtsinnigen Entscheidungen, die dazu führten, dass ein bekannter Gefangener unbeaufsichtigt blieb, erfordert eine ernsthafte Untersuchung.

Der verbrecherische Charakter der herrschenden Klasse ist der Öffentlichkeit in Amerika durchaus bewusst. Deshalb hat sie allen Grund zu der Annahme, dass die Behörden zu einer kriminellen Operation imstande sind, wenn sie es für notwendig halten, einen Skandal einzudämmen, der das ganze politische und wirtschaftliche System destabilisieren könnte.

 

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