Einen Monat vor Ablauf der Tarifverträge in der Autoindustrie:

US-Autoarbeiter auf Kollisionskurs mit den Unternehmen

16. August 2019

Eine Schlacht steht bevor. In einem Monat, am 14. September um Mitternacht, laufen die vierjährigen Tarifverträge für 155.000 Arbeiter von General Motors, Ford und Fiat Chrysler in den Vereinigten Staaten aus.

Die Autoarbeiter sind entschlossen zu kämpfen. Sie haben jahrzehntelang sinkende Löhne und Angriffe auf Sozialleistungen ertragen, die nach der Krise von 2008 und der Umstrukturierung der Automobilindustrie unter Obama enorm verschärft wurden. Die Angriffe auf die Arbeiter haben den Autokonzernen und den Investoren an der Wall Street Rekordprofite beschert.

Die Unternehmen der Autoindustrie sind entschlossen, den Autoarbeiter in den USA die Hauptlast einer neuen Umstrukturierung der globalen Automobilindustrie aufzubürden, die bereits Zehntausende von Arbeitsplätzen auf der ganzen Welt vernichtet hat. Angesichts wachsender Anzeichen für eine Rezession verstärken die Unternehmen ihre Angriffe auf Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen. Sie sind darauf aus, die Arbeiter auf den Status von vorübergehend Beschäftigten herabzudrücken, die vollkommen der Willkür der Arbeitgeber ausgeliefert sind.

Sie haben nicht die geringste Absicht, den Forderungen der Arbeiter nachzukommen. Stattdessen sind sie entschlossen, sich den Wirtschaftsabschwung zu Nutze zu machen, um die Arbeiter zu erpressen. Sie sollen noch brutalere Bedingungen akzeptieren. Berichten zufolge plant GM, den Anteil der Leiharbeiter in seinen amerikanischen Werken auf die Hälfte zu steigern. Ford beabsichtigt derweil, angeblich „vergoldete“ Gesundheitsleistungen auszuhöhlen und das zu zerschlagen, was das Magazin Forbes als „letztes Überbleibsel des Quasi-Sozialismus“ bezeichnet, „der die US-Autoindustrie 100 Jahre lang dominiert“ habe.

Der Konflikt besteht jedoch nicht zwischen den Unternehmen und der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW). Diese Organisation, die auf der Seite der Konzerne steht, ist in einen Korruptionsskandal verwickelt. Führungsfunktionäre der UAW sind ins Gefängnis gegangen, weil sie Bestechungsgelder von Chrysler dafür angenommen haben, dass sie 2015 einen Tarifvertrag mit weitreichenden Zugeständnisse gegen die Beschäftigten durchgesetzt haben.

Der Kampf findet zwischen Autoarbeitern in den USA und international auf der einen und den transnationalen Unternehmen und ihren „Gewerkschaften“ auf der anderen Seite statt.

Die so genannten Verhandlungen sind ein Betrug. Was die UAW und die Unternehmen angeht, könnten die Verträge längst unterschrieben sein. Die offiziellen Gespräche bilden vielmehr die Fassade für eine Verschwörung, um die Arbeitnehmer zu zwingen, das zu akzeptieren, was die Unternehmen und die Gewerkschaften bereits vereinbart haben.

Am Mittwoch berichtete die Detroit Free Press, dass die UAW für die Verhandlungen voraussichtlich Ford als „Zielunternehmen“ („target company“) aussuchen wird. Der Begriff „Zielunternehmen“ ist, wie so viele andere, ein Unwort. Es ist nicht das Unternehmen, das hier zum „Ziel“ wird, sondern die Beschäftigten. Ein Tarifvertrag mit dem Ford-Konzern, zu dem die UAW noch engere Verbindungen unterhält als zu allen anderen, wird genutzt werden, um die Beschäftigten von GM und Fiat Chrysler als nächste „Ziele“ auszuwählen.

Autoarbeiter wollen kämpfen, aber die Frage ist: Auf welcher Strategie soll der Kampf basieren?

Erstens müssen Autoarbeiter die Initiative ergreifen, indem sie Aktionskomitees bilden, die von der UAW unabhängig sind. Autoarbeiter wissen, dass die UAW ein Unternehmen ist, das billige Arbeitskräfte zur Verfügung stellt und als Polizei für die Bosse agiert. Der Korruptionsskandal ist nicht, wie die Gewerkschaft behauptet, ein Fall von einigen „faulen Äpfeln“. Faule Äpfel werden von einem faulen Baum produziert, und die UAW ist faul bis zu den Wurzeln.

Nach der Verurteilung des ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden der UAW, Norwood Jewell, haben Bundesanwälte den früheren UAW-Funktionär Mike Grimes angeklagt. Grimes war lange einer der Spitzenberater von UAW-Vizepräsidentin Cindy Estrada. Nach Angaben der Detroit News nahm Grimes 1,99 Millionen Dollar an Schmiergeldern von Dritten, die vom UAW-GM Human Resource Center bezahlt wurden. Die Staatsanwaltschaft hat auch einen namentlich nicht genannten „Gewerkschaftsfunktionär 1“ angeklagt, weil er Schmiergelder in Höhe von 250.000 Dollar gefordert hat.

Aktionskomitees von Autoarbeitern in allen Werken sollten ihre eigenen Forderungen formulieren. Dazu gehören: eine 40-prozentige Lohnerhöhung, die Abschaffung des mehrstufigen Lohn- und Sozialleistungssystems, die Umwandlung aller Werkvertrags- und Leiharbeitsplätze in Vollzeitstellen mit vollem Lohn und vollen Leistungen sowie die Wiedereinstellung aller entlassenen Arbeiter.

Es müssen Vorbereitungen für einen landesweiten Streik aller Arbeiter in den Autofabriken und bei den Zulieferern getroffen werden – unabhängig davon, ob Arbeiter von der UAW „vertreten“ werden oder nicht. Die Arbeiter müssen sich vor einem Aufruf der Gewerkschaft zu einem isolierten Streik hüten. Ein solcher Streik dient lediglich dem Zweck, Dampf abzulassen, die Arbeiter zu zermürben und Zugeständnisse durchzusetzen.

Zweitens brauchen Arbeiter eine internationale Strategie und Organisation. Der Bankrott der UAW ist nicht allein auf die Korruption dieses oder jenes Gewerkschaftsführers zurückzuführen, wobei daran zweifellos kein Mangel herrscht. Sie wurzelt vielmehr im bankrotten Programm des Wirtschaftsnationalismus, auf dem die UAW ebenso beruht wie jede andere Gewerkschaft der Welt.

Die Autohersteller aus Detroit sind nicht langer die „Big Three“, die Industrie-Ikonen des amerikanischen Kapitalismus. GM, Ford und Fiat Chrysler wurden in eine komplexe globale Organisation integriert, die Partnerschaften mit anderen transnationalen Unternehmen eingeht. Die Finanzmärkte drängen auf eine neue Welle von Mega-Fusionen, einschließlich VW-Ford und Fiat Chrysler-Renault.

Sie wollen die Arbeitskosten senken, um sich für den heftigen Kampf um Dominanz über neue Technologien wie Elektromobilität, Autonomes Fahren und Car-Sharing in Position zu bringen und die Kontrolle über die Erschließung neuer Märkte zu erlangen.

Allein in den letzten neun Monaten haben die globalen Autohersteller ein Jobmassaker angerichtet, bei dem fast eine halbe Million Arbeitsplätze in China und Indien zerstört wurden. Die Konzerne sehen den Übergang zu Elektromotoren, die pro Einheit weniger Arbeitsstunden in der Produktion benötigen als Verbrennungsmotoren, als Möglichkeit, allein in den USA und Deutschland die Arbeitsplätze von 100.000 Arbeitern in der Antriebstechnik zu streichen und einen größeren Teil der Produktion in Billiglohnfirmen zu verlagern.

Die Autokonzerne haben eine internationale Strategie. Die Autoarbeiter brauchen ihre eigene.

Die globale Automobilindustrie beschäftigt unmittelbar zwischen acht und neun Millionen Arbeiter in Montage und Zulieferbetrieben. Viele weitere Millionen kommen bei der Gewinnung und Verarbeitung der Rohstoffe und bei Design, Engineering, Verkauf und Wartung der Fahrzeuge hinzu. Ein „amerikanisches“ oder ein „deutsches“ Auto gibt es ebenso wenig wie ein „chinesisches“. Fahrzeuge sind das Produkt globaler Arbeitsteilung in einer globalen Automobilindustrie. Wäre die Branche eine eigene Wirtschaftsnation, wäre sie die sechstgrößte der Welt.

Jeder ernsthafte Kampf muss heute international koordiniert werden. Der internationale Charakter des Kampfs hat sich bereits in der jüngsten Streikwelle in der Autoindustrie gezeigt, unter anderem in Rumänien, der Tschechischen Republik, der Türkei, Indien, Brasilien, Südkorea, Kanada und Mexiko. In Mexiko marschierten streikende Arbeiter aus den Maquiladoras an die US-Grenze, um ihre amerikanischen Schwester und Brüder aufzurufen, sich ihrem Kampf anzuschließen.

Der massive Rückgang der Aktienkurse am Mittwoch war eine Reaktion auf die Anzeichen einer Wirtschaftskrise in Verbindung mit dem Schrecken, der sich innerhalb der herrschenden Klasse wegen des Ausbruchs sozialer Proteste auf internationaler Ebene, zuletzt in Hongkong und Puerto Rico, breit macht.

Ein Kampf gegen die Angriffe auf die Autoarbeiter erfordert eine klare Zurückweisung des nationalistischen Giftes, das die Gewerkschaften, US-Präsident Trump sowie die Demokraten benutzen, um die Arbeiterklasse zu spalten. Die Stärke der Arbeiterklasse liegt in ihrer internationalen Einheit.

Drittens steht den Arbeitern in diesem Kampf das gesamte kapitalistische Profitsystem gegenüber, das Massen von Menschen auf der ganzen Welt verarmt, um die Wirtschafts- und Finanzoligarchie zu bereichern. Autoarbeiter sollten sich folgende Fragen stellen: Warum führt die Einführung neuer Technologien – einschließlich Robotik, künstliche Intelligenz und globale Telekommunikation – nicht zu einer Erhöhung ihres Lebensstandards, sondern zu einer weiteren Verarmung?

Die Antwort liegt in der Natur des kapitalistischen Systems, das auf der Anhäufung von privatem Profit und nicht auf der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse beruht. Die globale Automobilindustrie muss in einen öffentlichen Versorgungsbetrieb umgewandelt werden, der sich in kollektivem Besitz befindet und demokratisch von der Arbeiterklasse kontrolliert wird.

Ungeachtet ihrer Differenzen sind die Demokraten und Republikaner in den USA sowie entsprechende Parteien in aller Welt in einem Grundprinzip absolut vereint: der Verteidigung des kapitalistischen Systems. Ihre Antwort auf die Krise des Kapitalismus besteht darin, die Arbeiterklasse weiter zu verarmen und Krieg und diktatorische Herrschaftsformen voranzutreiben. Die Arbeiterklasse muss mit ihrer eigenen Strategie reagieren – der Strategie der sozialistischen Revolution.

Ein Kampf zeichnet sich ab und die Autoarbeiter haben mächtige Verbündete – Millionen von Autoarbeitern und die Milliarden von Arbeitern auf der ganzen Welt, die begonnen haben, sich zu wehren. Die dringende Aufgabe besteht in der Entwicklung der Organisationen und der politischen Strategie, die notwendig sind, um diesen Kampf zu führen.

Jerry White

 

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