Der faschistische Angriff in Gilroy: Die politischen Hintergründe der Massenschießereien in den USA

1. August 2019

Am 29. Juli wurden auf dem jährlichen Gastronomie-Event „Gilroy Garlic Festival“ in Kalifornien drei Menschen erschossen. Die Schießerei sorgte zwar in allen US-Medien für Schlagzeilen, doch dass diese blutige Tat politisch motiviert war, wurde in den meisten Berichten ausgeblendet oder heruntergespielt.

Der 19-jährige Santino William Legan, der mit einem AK-47-Sturmgewehr bewaffnet war, eröffnete das Feuer am späten Sonntagnachmittag und tötete drei Festivalbesucher – einen sechsjährigen Jungen, ein 13-jähriges Mädchen und einen 25-jährigen Mann. Mindestens 15 weitere Personen wurden verletzt, bevor die lokale Polizei den Angreifer erschoss.

Die drei Opfer waren lateinamerikanischer und afroamerikanischer Herkunft. Das ist offensichtlich kein Zufall. Denn Legans Internetpostings deuten darauf hin, dass er von rassistischen Ideen motiviert wurde. Am deutlichsten zeigt sich das in einem Textausschnitt, in dem er dazu auffordert „Might is Right“ von Ragnar Redbeard zu lesen und sich dann über die „Horden von mestizos“ (Menschen gemischter Herkunft) aufregt, die angeblich die Gegend von Gilroy überlaufen würden.

Das von Legan gepriesene Buch „Might is Right or The Survial of the Fittest“ (Macht ist Recht oder Das Überleben des Stärkeren) ist eine sozialdarwinistische, rassistische Hetzschrift, die erstmals 1890 erschien und unter anderem von dem reaktionären Philosophen Friedrich Nietzsche inspiriert war. An einer Stelle attackiert der Autor die Unabhängigkeitserklärung der USA wegen der „erniedrigenden und offensichtlichen Lüge“, dass „alle Menschen gleich sind“. Er verflucht Schwarze, Asiaten und Juden ebenso wie Arme und Menschen, die in „schädlichen“ Stadtzentren wie London, Liverpool, New York, Chicago oder New Orleans leben – seine Sprache hat ihr heutiges Äquivalent in Donald Trumps Tiraden gegen das von „Ratten verseuchte“ und Kriminalität geplagte Baltimore.

Trotz dieser klaren Belege für Legans politische Sympathien behaupten die lokale Polizei und die etablierten Medien, dass das Motiv für den Angriff ein Rätsel sei. Sie stellen die Tat als einen erneuten „sinnlosen Mord“ dar, wie er in den letzten dreißig Jahren in den USA zum Alltag geworden ist.

Kein einziger prominenter Medienvertreter oder Zeitungskolumnist stellte den offenkundigen Zusammenhang zwischen Legans Denken und dem faschistischen Hass auf Migranten und Minderheiten her, der vom US-Präsident propagiert wird – auf Massenveranstaltungen, in Kommentaren gegenüber der Presse und in seinen Tweets, die über 50 Millionen Follower haben.

Diese mediale Vertuschung erscheint nur ein wenig plausibler vor dem Hintergrund, dass die Tat von Gilroy eine von zehn Massenschießereien war, die am letzten Wochenende in den Vereinigten Staaten stattfanden. Insgesamt wurden 15 Menschen ermordet und 52 verwundet.

Und mit Beginn der Arbeitswoche ging das Morden weiter. Am Dienstagmorgen wurden zwei Arbeiter im Supermarkt Walmart in Southaven (Mississippi), einem Vorort von Memphis (Tennessee), erschossen. Der Attentäter verwundete auch einen Polizisten, bevor er selbst getroffen und verhaftet wurde.

Die Medienreaktionen auf diese Tragödien verfolgen zwei Ziele: Erstens nutzen sie die Schießereien, um die besonderen politischen Hintergründe beim Attentat von Gilroy zu verschleiern. Und zweitens argumentieren sie für eine Verschärfung repressiver Maßnahmen. Nicht nur die üblichen liberalen Forderungen nach einer Einschränkung der Waffengesetze, sondern auch Rufe nach mehr Polizeikräften werden vorgebracht.

Besonders bemerkenswert war ein Leitartikel der Washington Post, die dem Milliardär und reichsten Mann der Welt Jeff Bezos gehört. Der Post-Journalist erwähnt die rechtsextremen Standpunkte des Attentäters nicht einmal und erklärt die Schießerei stattdessen zu einer „Anklage gegen unsere Waffengesetze“. Außerdem betont er die große Polizeipräsenz während des Attentats und die schnelle Reaktion der Sicherheitskräfte, die Legan nur eine Minute nach dem ersten Schuss getötet hatten. Die Logik ist klar: schnellere und umfassendere polizeiliche Repression ist nötig.

In den letzten zwanzig Jahren seit dem Columbine-Massaker, mit dem die „Massenschießereien“ in den USA zu einer bekannten Kategorie wurden, hat die World Socialist Web Site daran gearbeitet, ein kritisches Verständnis dieser Ereignisse zu entwickeln, die in Amerika meist als „sinnlose Gewalt“ abgetan werden.

Wie wir jüngst in einem Kommentar schrieben, waren die zwanzig Jahre seit Columbine vom Zerfall der amerikanischen Gesellschaft geprägt, der in der wachsenden sozialen Ungleichheit und den endlosen imperialistischen Kriegen am Schärfsten zum Ausdruck kam:

„Vor zwei Jahrzehnten wurde der „Krieg gegen den Terror“ ausgerufen. Rund 20 Jahre sind vergangen seit dem Einmarsch erst in Afghanistan und dann im Irak, und seit der Fälschung der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000, mit der sich die amerikanische Bourgeoisie von demokratischen Normen verabschiedete. Seit 20 Jahren wächst die soziale Ungleichheit und werden die Lebensbedingungen der Arbeiter gnadenlos verschlechtert. [...]

Die amerikanische kapitalistische Gesellschaft ist in Auflösung begriffen. Gegen Taten gestörter Einzeltäter wie in Columbine helfen keine frommen Wünsche, geschweige denn die Gleichgültigkeit der Machthaber.“

Die allgemeine Kategorie der „Massenschießereien“ hat sich insofern verändert, dass die Attentate immer mehr einen politischen Charakter angenommen haben.

Natürlich hatte auch das Columbine-Massaker, das die Welle der Massenschießereien auslöste, ein politisches Element. Der Täter plante den Angriff an Hitlers Geburtstag und am vierten Jahrestag des Bombenanschlags auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City. Jetzt finden aber regelmäßig politisch motivierte Massaker statt – so das Attentat eines rechtsextremen Schützen auf eine Synagoge im kalifornischen Poway in diesem April und das Massaker in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh im Oktober 2018.

Weit davon entfernt, „fromme Wünsche“ über ein baldiges Ende der Gewalt zu erfüllen, stachelt die amerikanische Regierung heute gezielt zu solchen Gewalttaten an, wie die Schießerei von Gilroy zeigt. Trump verfolgt – mithilfe der Demokraten – eine bewusste politische Strategie, um Gewalt zu schüren und die Bedingungen für immer mehr autoritäre Maßnahmen zu schaffen.

Das gesamte kapitalistische System ist für die Gewalt verantwortlich. Die bittere Enttäuschung über Obama und die faschistische Hetze von Trump, verbunden mit sozialem Elend und endlosen Kriegen, haben in den USA ein neues Phänomen hervorgebracht: den offen rechten Massenmörder.

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[30. April 2019]

Patrick Martin

 

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