Interview mit einer Arbeiterin von Ford-Chicago

„Internationale Solidarität würde Arbeiterklasse sehr stärken“

Von Jessica Goldstein
23. Juli 2019

Kelly arbeitet am Band im Montagewerk von Ford in Chicago (CAP). Sie nahm Kontakt mit dem WSWS Autoworker Newsletter auf und berichtete ihm über ihre Arbeitsbedingungen, über die Hinterzimmer-Gespräche der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) mit dem Ford-Management, sowie über die erniedrigende Art und Weise, mit der die Arbeiter im Werk behandelt werden. Kelly erklärte, was die Arbeiter von den bevorstehenden Tarifverhandlungen erwarten, und begrüßte die Forderung des Autoworker Newsletters nach einer internationalen Strategie für die Arbeiterklasse. Wir haben ihren Namen geändert, um sie vor Strafmaßnahmen durch Ford und die UAW zu schützen.

WSWS: Wie sind die Bedingungen im Montagewerk in Chicago?

Kelly: Wir haben ein Problem mit der Schädlingsbekämpfung, aber es gibt keinen Kammerjäger in der Fabrik. In dem Werk hausen Ratten, und sie haben keine Angst vor den Menschen. Nicht ein Dollar von den Milliarden Dollar, die in das Montagewerk in Chicago investiert worden sind, wurde in die Schädlingsbekämpfung gesteckt. Die Arbeiter müssen sich selbst um das Rattenproblem kümmern.

Als es letzte Woche heiß war, sollten wir angeblich Durststiller und Eis zur Verfügung gestellt bekommen. Ich habe keines von beidem gesehen. Sie gaben uns einige Wasserflaschen, die in warmem Wasser schwammen. In dem Bereich Innenausbau, Verkleidung und Chassis, wo es sehr heiß ist, gibt es nicht die leistungsstarken Lüfter wie der Endmontage.“

Ratten im Ford-Montagewerk Chicago

Es gibt eine riesige Heizung, die verwendet wird, um die elektrische Verkabelung biegsam zu halten, damit sie besser zu verarbeiten ist. Wenn es draußen so heiß ist, steigt die Temperatur mancherorts auf 40 Grad.

Immer wenn die Presse sich ankündigt, dann führt das Management die Journalisten in die Auslieferung. Sie lassen sie nie über diesen Punkt hinausgehen, weil es dort sehr sauber ist. Sonst würden sie die Ratten sehen. Wer in die Fabrik kommt, sieht die Ratten sofort, denn sie huschen überall herum. Sie kommen aus dem Müll und laufen in den Aufenthaltsräumen herum. Eine Ratte hat einmal das Essen eines Kollegen gestohlen, als er nicht hinsah.

Wir brauchen auch gutes Essen und Wasser. Du kannst das Wasser dort nicht trinken – es ist verunreinigt. Das Gesundheitsamt hat kürzlich die Cafeteria im oberen Teil des Werks geschlossen.

Ich könnte jetzt irgendwen in der Fabrik anrufen und ihn fragen, worauf er allergisch reagiere, und er würde mir sagen: „Auf alles“. Es ist so viel Zeug in der Luft. Ich nehme jeden Tag eine 24-Stunden-Allergiepille – willkommen bei CAP!

Einmal kam jahrelang ein schrecklicher Geruch aus den Duschen. Viele Arbeiter mussten sich übergeben, wenn sie das rochen. Später wurden diese Waschräume geschlossen, und man baute dort Büros. Wie von Geisterhand war der Geruch weg.

WSWS: Welche Bedingungen gelten für Befristete und für Teilzeit-Arbeiter?

Kelly: Die Teilzeitbeschäftigten (TPT) leisten die gleiche Arbeit und tatsächlich noch härtere Arbeit als die Vollzeitbeschäftigten am Band. Sie haben keinen Kündigungsschutz, eine schlechtere Bezahlung, keine Gesundheitsversorgung und keine Zusatzleistungen. Wenn sie kurzfristig einspringen, könnten sie einen Vollzeit-Job bekommen, aber das ist nicht sicher. Sie können dich jederzeit wieder auf Teilzeit setzen, und du musst wieder von unten anfangen. Das ist nicht richtig, das sollte nicht passieren. Jeder Mensch braucht Arbeitsplatzsicherheit.

WSWS: Welche Rolle spielt die UAW?

Kelly: Management und Gewerkschaft stecken unter einer Decke. Unsere Gewerkschaft ist so korrupt. Sie versuchen, die Solidarität zu untergraben. Mancher denkt vielleicht darüber nach, in die Gewerkschaft einzutreten, um etwas Sicherheit für seinen Arbeitsplatz zu erhalten. Aber ich gehe nicht in die Gewerkschaft, denn ich möchte nicht korrupt werden. Das Dilemma ist, dass du dann einer von denen geworden bist.

Schichtwechsel am Ford-Montagewerk Chicago

Ich bin überzeugt, dass die Wahlen im Ortsverband der UAW gefälscht sind. Gewonnen haben wieder die gleichen, bei allen verhassten Vorstandsmitglieder. Bei der letzten Wahl habe ich viel diskutiert aber diesmal bin ich nicht einmal zur Wahl gegangen, weil es sowieso keinen Unterschied macht.

WSWS: Autoarbeiter sind wütend über ihre Bedingungen und wollen Veränderungen, aber sie brauchen einen Weg, um sich zu wehren. Dies wird nur durch die Bildung von Aktionskomitees unter Leitung der fortschrittlichsten Arbeiter geschehen, die von den Gewerkschaften unabhängig sind und den Willen der Arbeiter zum Ausdruck bringen.

Kelly: Das ist richtig, aber es wird sich noch viel ändern müssen, damit das geschehen kann. Das Management im Montagewerk in Chicago versucht, Angst um die Arbeitsplätze zu schüren. Viele Leute denken, dass es da draußen nichts anderes gibt, und Ford nutzt das aus. Ich versuche, mit den Arbeitern zu sprechen und sie davon zu überzeugen, dass das Management kein Recht hat, sie respektlos zu behandeln.

WSWS: GM, Ford, Volkswagen und andere Unternehmen schließen Fabriken und entlassen Mitarbeiter in aller Welt. Der Autoworker Newsletter kämpft für die Einheit der US-Autoarbeiter mit unseren Kolleginnen und Kollegen in Mexiko, Kanada und der ganzen Welt. Was hältst du von einer internationalen Strategie für Autoarbeiter?

Kelly: Wir sind auf jeden Fall mit den Arbeitern in anderen Ländern verbunden. Alle Teile, die in diesem Werk verarbeitet werden, kommen aus der ganzen Welt, vor allem aus Mexiko und Thailand. Wir haben diese Strategie noch nie angewendet, aber es ist möglich, dass wir sie anwenden könnten, besonders mit der Technologie, die wir heute haben.

Ford-Montagewerk Chicago aus der Vogelschau

Obwohl wir so viele Teile aus aller Welt hier haben, behandelt die Gewerkschaft die Menschen, die aus diesen Ländern kommen, mit Feindschaft. Sie gehen vom eigenen Unternehmen aus und machen Stimmung gegen andere Länder. Wer bei uns ein ausländisches Auto fährt, muss es auf einem Parkplatz namens „die Reisfelder“ parken. Das ist 20 Gehminuten vom Werk entfernt. Ford und die UAW dulden keine Arbeiter im Werk, die asiatischen Ursprungs sind.

Die internationale Solidarität würde die Arbeiterklasse sehr stärken – das ist die wirkliche Macht der Arbeiterklasse.

WSWS: Was denkst du über die Razzien gegen Migrantenfamilien in Städten wie Chicago, die die Trump-Regierung jetzt offen ankündigt?

Kelly: Die Überfälle auf Immigranten, die die Trump-Regierung jetzt plant, zeigen einmal mehr, dass diese Regierung verrückt ist. Ich habe mehrere Artikel gelesen, in denen Einwanderer extra dann abgeholt wurden, als ihre Ehepartner nicht zu Hause waren. Es ist beängstigend, dass sie das wirklich machen. Dass in der heutigen Zeit solche barbarischen Dinge geschehen, ist fast unvorstellbar, aber sie tun es.

Man denkt darüber nach, was diese Familien durchmachen, und kann sich kaum vorstellen, wie schrecklich das ist. Ich habe mit meinen Kindern viel über die Nazis und ihre Konzentrationslager gesprochen, und auch über die Weltwirtschaftskrise. Wenn wir nicht aus der Geschichte lernen, wird sie sich wiederholen.

 

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