Amazon Prime Day: Weltweite Proteste gegen Ausbeutung

Von Kayla Costa
17. Juli 2019

Tausende von Amazon-Lagerarbeitern und Technikern in den USA, Großbritannien, Deutschland, Polen und Spanien haben sich an Streiks und Demonstrationen zum „Amazon Prime Day“ beteiligt. Der Onlineversandkonzern hat diesen „Schnäppchentag“ ins Leben gerufen, um durch Sonderangebote an Abonnenten der Amazon-Prime-Mitgliedschaft die Umsätze anzukurbeln.

Dieses Jahr hat Amazon den Prime Day von 36 auf 48 Stunden verlängert. Der eine Billion Dollar schwere Konzern unter Führung von Jeff Bezos rechnet für diese zwei Tage mit Umsätzen von mehr als fünf Milliarden Dollar, d.h. einem neuen Rekord für die jährliche PR-Aktion des Unternehmens.

Die Verkaufs-Bonanza findet auf dem Rücken von den Arbeitern statt, die in dieser Zeit schneller arbeiten und mehr Aufträge abwickeln müssen, ohne dass ihre Armutslöhne angehoben werden.

Seit dem Prime Day im letzten Jahr, bei dem amerikanische und europäische Arbeiter ebenfalls streikten, haben sich die Bedingungen noch weiter verschlechtert. Vertreter von Amazon rühmten sich am Montag vor der Presse: „Unsere Löhne liegen oberhalb des Durchschnitts für vergleichbare Arbeitsplätze.“ In den USA behaupteten sie, die protestierenden Arbeiter seien nur „schlecht informiert“, denn das Unternehmen habe seinen Mindestlohn auf 15 US-Dollar pro Stunde erhöht. Dabei erwähnten sie nicht, dass Bezos gleichzeitig die Bonuszahlungen abgeschafft hat, sodass einige Arbeiter netto sogar weniger verdienen.

Die Arbeiter berichten weiterhin über Verstöße gegen Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften, Hetze, erhöhte Quoten, Belästigungen und Verletzungen. Diese Bedingungen haben die Amazon-Arbeiter in vielen Teilen der Welt dazu gebracht, gegen gefährliche Arbeitsbedingungen, unzureichende Vergütung und die groteske Ungleichheit der Einkommen zu protestieren. Die Amazon-Arbeiter solidarisieren sich außerdem mit den Immigranten, welche die Trump-Regierung und europäische Regierungen derzeit zu Sündenböcken erklären und brutal verfolgen. Angesichts der Razzien am Sonntag in den USA und Trumps jüngsten Angriffen auf das Asylrecht verurteilten amerikanische Arbeiter auch die guten Beziehungen von Amazon zur Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE).

In Deutschland beteiligten sich 2.000 Arbeiter an Streiks in den Lagerhäusern in Werne, Rheinberg, Leipzig, Graben, Koblenz und Bad Hersfeld. Die Gewerkschaft Verdi hatte mit der Parole „Kein Rabatt auf unsere Einkommen“ zu den Streiks aufgerufen. Allerdings brachten die Arbeiter neben Löhnen auch andere Forderungen vor.

In Großbritannien beteiligen sich diese Woche Hunderte von Arbeitern im ganzen Land an Protesten, um ihren Widerstand zum Ausdruck zu bringen. Dabei hat die Gewerkschaft GMB nicht zum Streik oder Boykott aufgerufen: Der Gewerkschaftsbürokrat Mick Rix erklärte ausdrücklich, die Gewerkschaftsfunktionäre wollten „Amazon keinen wirtschaftlichen Schaden“ zufügen.

Auch in Spanien und Polen nehmen Arbeiter im Verlauf dieser Woche an Demonstrationen teil.

In den USA habe etwa 1.500 Arbeiter eines Logistikzentrums nahe Minneapolis (Minnesota) an einem sechsstündigen Streik von Montag auf Dienstag teilgenommen. Hierbei handelt es sich um die zweite größere Arbeitskampfmaßnahme der Beschäftigten in dieser Einrichtung. Schon vor 18 Monaten erhob eine Gruppe von ostafrikanischen Arbeitern ihre Stimme. Gleichzeitig ist es auch der erste größere Streik von Amazon-Arbeitern in Nordamerika.

Abgesehen von den üblichen Schikanen, der Arbeitshetze und den Verletzungen, von denen alle Lagerarbeiter bedroht sind, wurde den muslimischen Immigranten anfangs auch ausreichend lange Gebetspausen verwehrt. Selbst nachdem das Unternehmen die Pausen bewilligt hatte, mussten sie weiterhin die Quote von 230 Artikeln pro Stunde erfüllen, wodurch die Verletzungsgefahr und die Gefahr einer willkürlichen Entlassung stiegen. Die Immigranten begannen, sich gemeinsam mit den in den USA geborenen Arbeitern zu organisieren und wurden dabei von der lokalen Immigranten-Rechtsorganisation Awood Center unterstützt.

Amazon-Arbeiter und ihre Angehörigen protestieren auch gegen die Beziehungen zwischen Amazon Web Services (AWS) und der Einwandererbehörde ICE, sowie gegen die schlechten Arbeitsbedingungen bei AWS. In San Francisco, Portland und New York fanden Demonstrationen mit Hunderten Teilnehmern statt, außerdem eine Protestveranstaltung vor der Firmenzentrale in Seattle (Washington). Aktivisten der Organisation Jobs with Justice wollen eine Petition an Bezos' Büro in Manhattan und die Unternehmenszentrale in San Francisco schicken, um AWS aufzufordern, dass sie der ICE ihre Technologie zur Gesichtserkennung nicht länger zur Verfügung stellt. Schon 270.000 Personen haben die Petition unterzeichnet.

Im Juni 2018 hatten Amazon-Techniker einen offenen Brief an Bezos geschickt, in dem sie gegen den Vertrag zwischen AWS und der ICE protestierten. Zuvor hatten Beschäftigte von Google und Microsoft mit ähnlichen Briefen gegen die Verbindungen ihrer Unternehmen mit dem US-Militarismus protestiert. In Boston haben vor kurzem Hunderte von Beschäftigten des Online-Möbelhändlers Wayfair die Arbeit niedergelegt, um gegen die Entscheidung des Unternehmens zu protestieren, mit den Haftzentren profitable Geschäfte zu machen.

Die Proteste diese Woche zeigen, welche Macht die Amazon-Arbeiter weltweit entfesseln könnten. Innerhalb der globalen Versorgungsketten für Logistik und Technologie stellen sie eine weltweite Kraft im Zentrum der Weltwirtschaft dar. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass die amerikanischen Arbeiter nicht nur gegen die schlechten Löhne und Arbeitsbedingungen, sondern auch gegen die Rolle protestierten, die das Unternehmen für die US-Regierung bei deren brutalem Vorgehen gegen Immigranten spielt.

Die World Socialist Web Site sprach mit mehreren Amazon-Arbeitern über die Ereignisse am Prime Day. Michelle, eine verletzte Lagerarbeiterin aus Texas, hat über die WSWS eine Botschaft an die streikenden Amazon-Arbeiter geschickt: „Gebt nicht nach. Jeff Bezos versteht nicht, dass es die Arbeiter sind, die die Macht in der Hand haben, und nicht das Unternehmen. Ihre Stärke liegt in ihrer Zahl … Die Arbeiter brauchen Amazon nicht, aber Amazon seine Arbeiter.“

Michelle wies auf ein „kleines Problem“ der aktuellen Streiks hin: dass sie zu kurz und zu isoliert sind, um in einen so riesigen Konzern auch nur „eine Delle zu schlagen“. Allerdings erklärte sie: „Wenn sie länger dauern würden und wenn auch die Lieferfahrer und Piloten auch nur ein paar Tage die Arbeit verweigern würden ... das wäre was.“

Michelle sprach über die gemeinsamen Interessen von unterschiedlichen Teilen der Arbeiterklasse, etwa von Amazon-Arbeitern und Autoarbeitern, die „so hart kämpfen und so viel opfern, während die Unternehmen so viel Profit aus ihrem Leid schlagen“.

Die Amazon-Arbeiter haben mit ihren Protesten am Prime Day erste Schritte unternommen. Nun müssen sie ihren Kampf auf der Grundlage ihrer internationalen Stärke ausweiten. Die Unternehmensführung gibt damit an, dass die isolierten kurzen Streiks in einigen verstreuten Häusern kaum die massiven Profite aus ihrer Online-Verkaufsorgie beeinträchtigen. Als Antwort auf diese Äußerung müssen die Arbeiter gegen die globale Strategie von Amazon zur Maximierung der Ausbeutung mit einer global koordinierten Strategie des Widerstands reagieren.

In diesem Kontext müssen sie verstehen, was die Gewerkschaften und die angeblich „arbeiterfreundlichen“ und „progressiven“ Politiker für eine verräterische Rolle spielen. Während die Amazon-Arbeiter immer radikaler und militanter werden, versuchen die Gewerkschaften, die Kontrolle über sie zu gewinnen. Sie wollen die Arbeiter isolieren, ihren Widerstand einschränken und unterdrücken und sich gleichzeitig neue Quellen für Mitgliedsbeiträge eröffnen.

Viele europäische Lagerarbeiter sind bereits Mitglied der deutschen Verdi oder der britischen GMB, die ihre Arbeitskämpfe bewusst auf kurze Streiks oder isolierte Demonstrationen beschränken, um jede Gefahr für die Profite von Amazon zu verhindern. In Polen und Spanien berichten die Gewerkschaften kaum über die Proteste. Schon im letzten Jahr haben die Gewerkschaften die Streiks abgewürgt.

In den USA haben Amazon-Arbeiter keine Gewerkschaft, allerdings versuchen „progressive“ Politiker, Pseudolinke und Gewerkschaftsfunktionäre, die wachsende Unzufriedenheit in die sicheren Kanäle der Gewerkschaften und der Demokratischen Partei zu lenken.

Mehrere Gewerkschaften erklärten ihre Unterstützung für die streikenden Arbeiter. Der Präsident der Gewerkschaft United Food and Commercial Workers International, Marc Perrone, schrieb in einer Stellungnahme: „Die Amazon-Arbeiter haben Jeff Bezos an diesem Prime Day eine kraftvolle Botschaft zukommen lassen: Es ist an der Zeit, Profite nicht mehr länger über Menschen zu stellen … Mit dem jüngsten Schritt, Aufträge am gleichen Tag auszuliefern, werden Amazon-Arbeiter gezwungen, unmögliche Vorgaben zu erfüllen bei zunehmend gefährlicher Geschwindigkeit.“

Es ist noch nicht klar, welche Gewerkschaft siegreich aus dem Wettkampf zwischen rivalisierenden Bürokratien um die Lizenz für Amazon hervorgehen wird, allerdings liegt die Teamsters-Gewerkschaft in Führung.

Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei, die bisher jeden Ausverkauf der Gewerkschaften unterstützt haben, benutzen die Streiks als Gelegenheit, um sich als Verbündete der Arbeiter auszugeben. Elizabeth Warren twitterte: „Ich unterstütze den Prime-Day-Streik der Amazon-Arbeiter uneingeschränkt. Ihr Kampf für sichere und zuverlässige Arbeitsplätze erinnert uns erneut daran, dass wir zusammenhalten müssen, um die großen Konzerne zur Verantwortung zu ziehen.“

Kurze Zeit später twitterte Bernie Sanders: „Ich erkläre mich solidarisch mit den mutigen Amazon-Arbeitern, die wegen der unzumutbaren Arbeitsbedingungen in ihren Lagerhäusern die Arbeit niedergelegt haben.“ Zuvor hatte er Bezos dafür gelobt, dass er „das Richtige“ tue, weil er den Arbeitern lächerliche 15 Dollar Stundenlohn bezahlt.

Die ehemalige Amazon-Arbeiterin Shannon Allen wurde nach einer Verletzung am Arbeitsplatz obdachlos, veröffentlichte ihre Geschichte im Internet und gewann damit zahlreiche Unterstützer. Sie antwortete Senatorin Warren mit einer klaren Botschaft: „Sie sind eine Kapitalistin. Sie sind eine der reichen Millionärinnen … Was tun Sie für diese Leute, außer Ihre Meinung zu äußern und mehr Stimmen zu bekommen? Es geht um wirkliche Menschenleben.“

Sie schreibt, die verbale Unterstützung durch Politiker komme und gehe, aber „das ist eine Seuche, die es schon lange gibt. Erst in den letzten paar Jahren haben die Leute angefangen, ihre Meinung zu sagen.“

Shannon Allen erklärte, wenn Arbeiter wirklich gegen die hemmungslose Ausbeutung und die Missstände kämpfen wollen, dann „müssen sie alle zusammenhalten und alle auf einmal streiken. Trefft sie da, wo es wehtut.“

Um einen effektiven Kampf zu führen, müssen die Arbeiter neue, von den Gewerkschaften und sämtlichen kapitalistischen Parteien unabhängige Organisationen aufbauen. Sie müssen Aktionskomitees errichten, die alle Tech- und Logistikzentren miteinander verbinden und gemeinsame Forderungen aufstellen. Diese Forderungen müssen sich nicht danach richten, was das Unternehmen für vertretbar erklärt, sondern nach den Interessen der Arbeiter: Zum Beispiel anständige und sichere Vollzeitstellen, angemessene Pausenzeiten, deutliche Erhöhungen der Löhne und Zusatzleistungen, eine Arbeiterkontrolle über die Arbeitsgeschwindigkeit und die Produktion.

Durch die Gründung solcher Komitees an den Amazon-Standorten auf der ganzen Welt wird ein international koordinierter Kampf zur Vereinigung der Arbeiter gegen das transnationale Unternehmen möglich sein. Ihre Kämpfe müssen mit denen anderer Logistik-Beschäftigter, Autoarbeiter, Beschäftigter im Dienstleistungsbereich, der Pflegekräfte, Lehrer und anderer Teile der internationalen Arbeiterklasse verbunden werden.

 

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