Waldbrand in Mecklenburg-Vorpommern

Von Marianne Arens
5. Juli 2019

Auch am sechsten Tag nach Ausbruch des riesigen Waldbrands in Mecklenburg-Vorpommern ist die Gefahr noch immer nicht gebannt. Munitionsreste und Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg haben die Löscharbeiten massiv behindert und auf großen Strecken beinahe unmöglich gemacht.

Der Brand auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lübtheen hat sich auf ein 1300 Hektar großes Gebiet ausgeweitet. Es ist der größte Waldbrand in der Landesgeschichte. Seine Rauchwolken sind noch aus dem Weltraum zu sehen, und der Brandgeruch war zeitweise auch in Berlin zu riechen. Die Brandursache ist noch ungeklärt; von Brandstiftung ist die Rede. Doch auch die ungewöhnlich große Hitze und Trockenheit können eine Rolle spielen.

In jedem Fall hat der Brand die tödlichen Konsequenzen und jahrzehntelangen Spätfolgen von Aufrüstung und Krieg erneut ins Bewusstsein gerückt. Zudem sind erst letzte Woche zwei Kampfjets der Bundeswehr über der Mecklenburgischen Seenplatte abgestürzt. Nur knapp entging die Region einer Katastrophe.

Katastrophenalarm wurde in dieser Woche im Landkreis Ludwigslust-Parchim ausgerufen. Fünf Dörfer wurden innerhalb von Minuten geräumt. Ihre Bewohner, im Ganzen fast tausend Einwohner, mussten in die umliegenden Dörfer und das nahegelegene Städtchen Lübtheen ausweichen. In vielen Fällen hatten sie kaum Zeit, das Nötigste mitzunehmen. Bis am Freitagmorgen konnten die meisten zurückkehren, doch das Dorf Alt Jabel, das am dichtesten an Waldbrand liegt, ist weiterhin abgesperrt.

Bis zu 3000 Angehörige der Feuerwehr, des Technischen Hilfswerks THW, der Bundespolizei und der Bundeswehr waren fünf Tage lang rund um die Uhr im Einsatz. Sie bekämpften das Feuer aus der Luft mit Löschhubschraubern, und am Boden aus sicherer Distanz. Erst mussten sie die Dörfer sichern und mit Hilfe von Räumpanzern kilometerlange Schneisen durch den Wald schlagen. Diese mussten von Munitionsresten befreit werden, ehe die Feuerwehr herankommen konnte.

Näher als 1000 Meter durfte sich dem Brand niemand nähern: Es bestand akute Lebensgefahr. Die Blindgänger und Munitionsreste, die im Waldboden liegen, konnten sich jederzeit durch die große Hitze entzünden und explodieren. Laut der Aussage von Landes-Umweltminister Till Backhaus (SPD) hat man in dieser Gegend bei Probegrabungen bis zu 45,5 Tonnen Munitionsreste pro Hektar Wald gefunden.

Das gesamte Gelände, das der Bundesrepublik gehört, steckt voller Blindgänger und explosiver Altlasten. Doch wo kommt dies alles her? Wer hat diese Gegend derart mit todbringendem Schrott verseucht?

Da ist als erstes das Naziregime zu nennen: Die Wehrmacht unterhielt hier von 1936 bis 1945 das größte Munitionsdepot der Marine. Das Artilleriearsenal bestand aus 300 Gebäuden und Bunkern. Nach Kriegsende wurden sie zwar unter Aufsicht der Roten Armee gesprengt, doch nicht alle Munition wurde vernichtet.

Aus dem Zweiten Weltkrieg stammen zweitens auch die zahlreichen Blindgänger, die hier noch liegen sollen. „Der Raum um Berlin war nun einmal Hauptkampfgebiet im Zweiten Weltkrieg“, sagte Claus Rüdiger Seliger, der leitende Förster der Spree-Neiße-Region, dem Tagesspiegel. „Wir finden ja auch in den Städten noch jede Menge Blindgänger.“

Nach dem Krieg nutzte drittens die Nationale Volksarmee (NVA) das Gelände zu Truppenübungen der DDR. Und viertens zog nach 1989 die Bundeswehr hier ein, die das Waldgebiet ebenfalls als Truppenübungsgelände nutzte. Als die Soldaten im Jahr 2013 den Übungsbetrieb auf dem Gelände einstellten, hinterließen sie tonnenweise explosive Altlasten. Seither ist der Munitionsbergungsdienst von Mecklenburg-Vorpommern damit beauftragt, die Flächen zu räumen.

Aus dem Marinemunitionsdepot der Nazis seien hier noch „richtig dicke Granaten“ übrig, sagte der Chef dieses Kampfmittelräumdienstes, Robert Mollitor, am Mittwoch dem Heute-Journal; davon sei noch „unheimlich viel Munition im Boden“.

Auf die Frage, wie lange es dauern werde, bis alles geräumt sei, versicherte Mollitor, dass das nicht in zehn Jahren zu schaffen sei: „Wenn man von hundert Jahren spricht, so ist das eine Zeit, von der man sagen kann: Das kriegen wir hin. Oder auch 200 Jahre“, setzte er hinzu.

Das Waldgebiet bei Lübtheen ist nicht der einzige kampfmittelverseuchte Wald: Allein in Mecklenburg-Vorpommern sollen laut offiziellen Schätzungen 38.000 Hektar mit Munition belastet sein, das sind vier Prozent der Gesamtfläche. Auch in den andern Bundesländern steckt der Boden in weiten Teilen noch voller Munition.

Auch in Hessen kam es an dem extrem heißen letzten Wochenende südlich von Frankfurt zu einem Waldbrand in der Nähe des ehemaligen Munitionsdepots bei Münster-Breitefeld (Darmstadt-Dieburg). Auch dort mussten die Feuerwehrleute unter Lebensgefahr löschen.

Gleichzeitig werden auch in den Städten immer wieder Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Sie müssen unter großen Gefahren entschärft werden, und dafür werden dann Wohnsiedlungen und ganze Stadtviertel geräumt. Gerade am gestrigen 4. Juli wurde in Bielefeld wieder ein 500-Kilo-Blindgänger aus dem Weltkrieg gefunden, worauf über 700 Anwohner evakuiert werden mussten. In Frankfurt mussten im September 2017 für die Räumung einer Fliegerbombe über 60.000 Einwohner ihre Wohnung verlassen.

Ein Dreiviertel-Jahrhundert ist seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen. Noch immer bricht seine verseuchte Hinterlassenschaft bei jeder Gelegenheit aufs Neue mit tödlicher Gewalt hervor. So beleuchten die Flammen dieses Waldes auch den allgemeinen Wahnsinn der Politik, die zurzeit jede Regierung betreibt: die Bundesregierung, die ihre Rüstungsausgaben gerade verdoppelt, die Nato, die vor den Grenzen Russlands für den Dritten Weltkrieg probt, und die amerikanische Trump-Regierung, die drauf und dran ist, den Iran anzugreifen.

So fügt diese schreckliche Erfahrung von Mecklenburg-Vorpommern dem Kampf gegen Militarismus und Krieg ein weiteres starkes Argument hinzu.

 

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