Streik der Flugbegleiter in Taiwan zeigt wachsenden Unmut der Arbeiter in der globalen Luftfahrtbranche

Von Ben McGrath
27. Juni 2019

Die Flugbegleiter der taiwanesischen EVA Air Fluglinie streiken für höhere Löhne und kürzere Wochenarbeitszeiten. Ihr Kampf ist nur einer von zahlreichen Ausständen und Protesten, mit denen Beschäftigte von Fluggesellschaften und Flughäfen weltweit auf die Angriffe auf Löhne und Arbeitsbedingungen in einer der global am stärksten vernetzten Branchen der Welt reagieren.

Das Kabinenpersonal von EVA Air fordert eine Erhöhung des Stundenlohns bei internationalen Routen von derzeit 90 Taiwan-Dollar (2,54 Euro) auf 150 Taiwan-Dollar (4,24 Euro). Außerdem verlangen die Streikenden die Abschaffung von Schichten, bei denen sie Hin- und Rückflüge der neun regionalen Routen abdecken und mehr als zwölf Stunden am Tag arbeiten müssen. EVA Air ist nach China Airlines die zweitgrößte Fluggesellschaft Taiwans.

Eine Pressekonferenz der Gewerkschaft (Quelle: Facebook-Seite der Taoyuan Flight Attendants Union)

Aufgrund des Streiks musste die Fluggesellschaft unmittelbar zu Beginn der Sommerferienzeit Hunderte von Flügen absagen. Ein Sprecher von EVA Air erklärte, das Unternehmen müsse bis Freitag 852 Flüge stornieren. Laut Bloomberg werden Verbindungen zwischen Taipeh und Hongkong, eine der am stärksten frequentierten internationalen Luftfahrtrouten, sowie von Taiwan nach Japan, Singapur, London und New York betroffen sein. Insgesamt beschäftigt EVA Air 4.305 Männer und Frauen als Kabinenpersonal.

Der Streik hatte letzten Donnerstag begonnen, als 3.000 Beschäftigte der Gewerkschaft Taoyuan Flight Attendants Union (TFAU) die Arbeit niederlegten. Vom 13. Mai bis zum 6. Juni hatten mehr als 80 Prozent der Flugbegleiter für den Streik gestimmt. Auch 1.000 TFAU-Mitglieder von China Airlines beteiligten sich an der Abstimmung und sprachen sich für einen Streik bei EVA aus.

Der stellvertretende Generalsekretär der Gewerkschaft Chou Sheng-kai erklärte: „Nachdem die Gewerkschaft mit dem Unternehmen mehrmals ergebnislos über die strittigen Fragen verhandelt hat, erkennt sie, dass Diskussionen zu keiner Lösung führen werden. Deshalb erklären wir hiermit, dass alle Gewerkschaftsmitglieder in den Streik treten werden.“ Er fügte jedoch sicherheitshalber hinzu: „Wir sind jedoch weiterhin zu einer Wiederaufnahme der Verhandlungen bereit, wenn EVA Vorschläge hat, um die Situation zu ändern.“

Die TFAU ist bereits dabei, den Streik zu beenden, ohne dass eine ihrer Forderungen erfüllt worden wäre. Am Mittwoch sollten die Verhandlungen wieder aufgenommen werden, und die Gewerkschaft erklärte, sie werde nicht auf der Lohnerhöhung von 150 Taiwan-Dollar bestehen. Sie hatte bereits die ursprüngliche Forderung der Flugbegleiter fallengelassen, die Schichten bei 21 Hin- und Rückflügen auf eine Strecke zu begrenzen. Die TFAU hat vorgeschlagen, am Samstag über ein Ende des Streiks abzustimmen.

Die Auseinandersetzung zwischen den Flugbegleitern und EVA Air dauert bereits seit 2017 an. Die Gewerkschaft hat zum Streik aufgerufen, um in der Belegschaft Dampf abzulassen, aber isoliert den Arbeitskampf. Zu Beginn des Streiks hatte der stellvertretende TFAU-Generalsekretär Chou sogar die anderen Flugbegleiter zum Streikbruch aufgerufen: „Die Fluggesellschaft hat noch immer etwa 1.000 Flugbegleiter zur Verfügung, und wir haben die Fluggesellschaft außerdem gebeten, ihr Reservepersonal auf Inlandsflügen einzusetzen, um die Folgen für lokale Passagiere zu reduzieren.“

Der Angriff auf das Kabinenpersonal von EVA Air ist Teil einer weltweiten Offensive der Fluggesellschaften. Überall auf der Welt senken sie Löhne und erhöhen die Arbeitszeiten und Aufgabenbereiche, um die Profite und Einnahmen der globalen Investoren zu steigern. EVA Air hatte vor kurzem erklärt, sie habe letztes Jahr aufgrund der erhöhten Passagierzahlen bei Flügen einen Nettoprofit von 6,55 Milliarden Taiwan-Dollar (18,5 Millionen Euro) gemacht, 13,9 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Flugbegleiter bei EVA Air sind in ihrem Kampf nicht alleine, allerdings werden sie keine Verbündeten in der TFAU oder anderen Gewerkschaften finden. Ebenso wenig werden Appelle an die Gutmütigkeit der Vorstandschefs fruchten. Stattdessen müssen sich die Flugbegleiter an ihre Kolleginnen und Kollegen auf der ganzen Welt wenden, die im Namen der „Wettbewerbsfähigkeit“ denselben Angriffen der Fluggesellschaften ausgesetzt sind. Die Sparmaßnahmen werden sich noch weiter verschärfen, weil die Weltwirtschaft auf eine erneute Rezession zusteuert, die durch den Handelskrieg der USA gegen China und andere Konkurrenten beschleunigt wird.

Streikende EVA-Air-Beschäftigte bei einer Protestveranstaltung (Quelle: Facebook-Seite der Taoyuan Flight Attendants Union)

Die Beschäftigten der Fluggesellschaften und alle anderen Arbeiter sind mit dem Kampf gegen das globale kapitalistische System konfrontiert. In allen Ländern hat sich die Wirtschafts- und Finanzoligarchie auf Kosten von Arbeitsplätzen und den Lebensbedingungen der Arbeiter bereichert. Die Beschäftigten der Fluggesellschaften müssen dem Nationalismus der Gewerkschaften die Einheit der internationalen Arbeiterklasse entgegenstellen – gerade in einer so internationalen Branche wie der Luftfahrt.

Gestern streikten die Flugbegleiter von Hawaiian Airlines am internationalen Flughafen in Honolulu. Sie arbeiten seit zwei Jahren ohne Tarifvertrag, während die Lebenshaltungskosten und die Krankenversicherungsausgaben steigen und die Löhne in der ganzen Branche sinken. Einige Flugbegleiter von Airlines wie Frontier aus Denver (Colorado) sind auf Lebensmittelmarken angewiesen, um über die Runden zu kommen. In beiden Fällen sind die Streikenden Mitglieder in der Gewerkschaft Association of Flight Attendands-CWA, die versucht hat, die wachsende Unzufriedenheit abzumildern.

Die Flugbegleiter bei der deutschen Eurowings, dem Billigflieger der Lufthansa, stimmen gerade über einen Streik ab, der sich gegen die niedrigen Löhne richtet. Wenn das Votum positiv ausfällt, beginnt der Streik vermutlich im Juli.

Der Kampf ist nicht auf das Personal der Fluggesellschaften begrenzt. Am 18. Juni streikten etwa 70 Gepäckträger und Rollstuhlbegleiter des internationalen Flughafens Denver gegen unsichere Arbeitsbedingungen wie zum Beispiel den Umgang mit gefährlichen Materialien ohne angemessene Ausbildung. Die Arbeiter sind über das Subunternehmen Prospect Airport Services bei Frontier und Southwestern Airlines beschäftigt.

Mehr als 11.000 Beschäftigte von Sky Chef, die in 28 Städten überall in den USA Mahlzeiten für die Fluggesellschaften American, United und Delta vorbereiten, stimmten ebenfalls für einen Streik. Die Catering-Arbeiter, die teilweise nur 8,46 Dollar pro Stunde verdienen, fordern höhere Löhne und eine billigere Krankenversicherung.

Dazu gehören auch die Beschäftigten von Sky Chef und Gate Gourmet am internationalen Flughafen Seattle-Tacoma (Washington). Ein Vertreter der Gewerkschaft Unite Here erklärte über die Bedingungen, mit denen die Arbeiter konfrontiert sind: „Weder die Cateringunternehmen noch die Fluggesellschaften sind ernsthaft daran interessiert, große ökonomische Verbesserungen umzusetzen, die notwendig wären, um Armut und fehlende Gesundheitsversorgung in der Branche zu beenden. Unsere Beschäftigten sind von Armut bedroht, sie können ihre Mieten nicht bezahlen und ihre Kinder nicht aufs College schicken.“

Die Äußerungen von Unite Here sind völlig scheinheilig. Im Jahr 2013 führte die Stadt SeaTac (Washington) ein „Existenzminimum“ ein, das von den Demokraten, den Gewerkschaften und Pseudolinken wie der Seattler Stadträtin Kshama Sawant als landesweit erster Mindestlohn in Höhe von 15 Dollar gepriesen wurde. Arbeitgeber mit Tarifverträgen sind davon jedoch ausgeschlossen, was auch Sky Chef betrifft. Das Unternehmen zahlt seinen Beschäftigten mit dem Segen von Unite Here weniger als den Mindestlohn.

Die Streiks und Proteste sind Teil einer Welle von Arbeitskämpfen, die die Beschäftigten der Fluggesellschaften in den letzten 18 Monaten durchgeführt haben. Im Februar traten die Piloten bei China Airlines in den Streik und forderten die Einstellung zusätzlicher Piloten für Langstreckenflüge zur Müdigkeitsbekämpfung. 2016 hatten die Flugbegleiter bei China Airlines, die ebenfalls von der TFAU vertreten werden, den ersten Streik in der Geschichte einer taiwanesischen Fluggesellschaft durchgeführt.

Letzten Sommer organisierten Piloten und Kabinenpersonal der irischen Fluggesellschaft Ryanair einen koordinierten europaweiten Streik gegen niedrige Bezahlung und schlechte Arbeitsbedingungen. Dazu gehörte auch der größte Streik in der Geschichte des Unternehmens im September.

Die Offensive der Unternehmen gegen das Recht auf angemessene Bezahlung und sichere Arbeitsbedingungen erfordert eine internationale Reaktion. Die nationalistischen Gewerkschaften haben in allen diesen Ländern mit den Fluggesellschaften zusammengearbeitet, um die Arbeiter ohne Verträge weiter arbeiten zu lassen, Streiks zu verhindern und ihren Mitgliedern Zugeständnisse aufzuzwingen.

Flugbegleiter, Piloten, Mechaniker und Catering-Beschäftigte müssen sich unabhängig von den Gewerkschaften vereinen, Aktionskomitees bilden und sich mit allen Arbeitern weltweit zusammenschließen, die mit den gleichen Angriffen konfrontiert sind.

Der Streik in Taiwan ereignet sich vor dem Hintergrund der wachsenden sozialen Wut in der asiatisch-pazifischen Region, die sich in den massiven Protesten in Hongkong während der letzten Wochen Bahn brach. Die Arbeiterklasse ist die einzige Kraft, die den Kampf gegen Ungleichheit, wirtschaftlichen Niedergang und Krieg führen kann. Sie muss dafür kämpfen, den Kapitalismus durch eine wissenschaftlich geplante sozialistische Weltwirtschaft zu ersetzen.

 

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