Expressionisten im Nationalsozialismus

Erster Teil: Emil Nolde – eine deutsche Legende

Von Sybille Fuchs und Stefan Steinberg
26. Juni 2019

Zwei Ausstellungen in Berlin werfen wichtige Fragen über das Verhältnis moderner Künstler zur politischen Macht im Nationalsozialismus auf. Das Museum Hamburger Bahnhof der Nationalgalerie widmet sich dem Maler Emil Nolde (1876-1956) und seinem Verhältnis zu den NS-Machthabern und ihrer Ideologie. Das Brücke Museum in Berlin Dahlem greift das gleiche Thema in Bezug auf die Künstler Erich Heckel (1883-1970), Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976), Max Pechstein (1881-1950) und Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) auf, die der 1905 gegründeten Künstlergruppe Die Brücke angehörten.

Dieser Artikel befasst sich mit der Nolde-Ausstellung, ein weiterer Teil mit den Brücke-Malern.

Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin, 12. April bis 15. September 2019

Emil Nolde in München, Januar/Februar 1937. Foto von Helga Fietz, der Ehefrau von Noldes Münchner Kunsthändler Günther Franke © Nolde Stiftung Seebüll

Emil Nolde war 1937 mit zahlreichen Bildern in der Ausstellung „Entartete Kunst“ vertreten. Hunderte seiner Arbeiten wurden vernichtet und 1052 aus den Museen entfernt. Trotzdem blieb er bis zum Untergang des Nazi-Regimes 1945 Hitlerverehrer und Antisemit.

Emil Nolde gilt nicht nur in Deutschland als einer der Hauptvertreter der Klassischen Moderne. Seine Gemälde hängen in vielen Museen und zieren zahllose Kunstbände. Seine Blumen und Landschaften sind in unzähligen Drucken und Reproduktionen verbreitet und hängen in vielen Wohnzimmern.

Die große Beliebtheit der Kunst Noldes war nicht zuletzt auch der Tatsache geschuldet, dass er von den Nazis als „entarteter“ Künstler diffamiert und nach 1945 wie ein Widerständler gefeiert wurde. Wie die Widersprüche in seiner Biografie und der Rezeption seiner Kunst zusammenhängen und historisch einzuordnen sind, darüber gibt die Ausstellung im Museum Hamburger Bahnhof Aufschluss.

Während bisher in der Öffentlichkeit vor allem die Verfolgung des Malers unter der Naziherrschaft bekannt war, wo er zeitweise nicht mehr malen dufte, haben neuere Forschungen die ganze Dimension seines Antisemitismus und seiner nationalsozialistischen Überzeugungen aufgedeckt, die er und seine Anhänger nach 1945 unter der Decke zu halten versuchten.

Die Ausstellung folgt dem künstlerischen Werdegang Noldes und zeigt seine Gemälde, Aquarelle und Grafiken zusammen mit Briefen und anderen Dokumenten im jeweiligen historischen Kontext, um dem Besucher offenzulegen, wie er künstlerisch und als Mensch auf die Zeitumstände reagiert hat. Zur Ausstellung ist ein zweibändiger Katalog erschienen, der sowohl die Kunst als auch die schriftlichen Zeugnisse ausführlich dokumentiert. (1)

Noldes Herkunft

Nolde, eigentlich Hans Emil Hansen,wird 1867 als Bauernsohn im Dorf Nolde nahe Tondern (Nordschleswig, heute Dänemark) geboren. Von Kind an begeistert er sich fürs Malen, wovon die Eltern nichts halten. Ihrer Meinung nach sollte er Handwerker oder Bauer werden. Nach einer Holzschnitzerlehre in Flensburg wird er Lehrer für gewerbliches Zeichnen und Modellieren im schweizerischen Sankt Gallen. Er arbeitete als Schnitzer in Möbelfabriken in Karlsruhe, München und Berlin.

1898 wird er von der Münchener Kunstakademie abgelehnt. Seine Malausbildung erhält er an privaten Malschulen. Er reist nach Paris, besucht die Académie Julian, an der auch Paula Modersohn und Clara Westhoff studierten.1900 bezieht er ein Atelier in Kopenhagen, 1902 heiratet er die Pfarrerstochter und Schauspielerin Ada Vilstrup. Er ändert seinen Namen nach seinem Geburtsort in Nolde, offensichtlich ein Bekenntnis zu seiner nordischen Heimat.

In dieser Zeit entstehen erste religiöse Bilder, die aus „Kindheitserinnerungen und seiner eigenen Phantasie“ entspringen. (2) Eines davon, „Pfingsten“, das er 1910 für eine Ausstellung der Berliner Secession einreicht, wird durch deren Präsidenten, den (jüdischen) Maler Max Liebermann, entschieden abgelehnt. „Wenn det Bild ausjestellt wird, lege ick mein Amt nieder“, soll Liebermann gesagt haben. Nolde beleidigt ihn daraufhin so übel, dass er aus der Secession ausgeschlossen wird.

Die Affäre wird zu einem Auslöser für die Spaltung der Secession und für Noldes künftig immer schärfer werdenden, giftigen Antisemitismus. Von da an wütet er heftiggegen die ihn verkennende, angeblich jüdisch dominierte Kunstkritik und Kulturszene.

Immer wieder sieht er sich als Opfer, als verkanntes Genie, und macht dafür angeblich jüdische Kunstkritiker verantwortlich. Mit der jüdischen Kunstkritikerin Rosa Schapire, die die Brücke-Künstler protegierte und auch Nolde sehr gefördert hatte, kündigen Nolde und seine Frau die Freundschaft auf: „Die schnell auflodernde Freundschaft zwischen ihr und uns brach wieder in sich zusammen. Nur Asche blieb. Vom Wind verweht. In der Kunst war es meine erste bewusste Begegnung mit einem Menschen, anderer Art als ich es war. … Juden haben viel Intelligenz und Geistigkeit, doch wenig Seele und wenig Schöpfergabe“, schrieb er später in seiner Autobiografie. (3)

In den Originalausgaben der ersten beiden Teilbände seiner Autobiografie, Das eigene Leben (1930) und Jahre der Kämpfe (1934), die die Jahre von 1867 bis 1914 umfassen, finden sich zahlreiche nationalistische, rassistische und antisemitische Äußerungen.

Expressionismus

Noldes Kunst wird dem Expressionismus zugerechnet, obwohl er selbst diesen Begriff für sich ablehnte. Diese Kunst- und Literaturrichtung entstand in Deutschland in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert als Gegenbewegung zum Naturalismus und Impressionismus. Vorbild war der französische Fauvismus mit seiner expressiven Farbigkeit. Seine Anhänger lehnten jede Naturnachahmung ab, bedienten sich in ihren jeweiligen subjektiv expressiven Ausdrucksformen aggressiver Deformation und Destruktion, Archaismus und Wildheit. Starke Farben und markante, oft an der Kunst der „primitiven“ Völker Afrikas oder der Südsee orientierte Formen zeichneten ihre Werke aus.

Emil Nolde, Verlorenes Paradies, 1921 Öl auf Leinwand © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Fotowerkstatt Elke Walford, Hamburg, und Dirk Dunkelberg, Berlin

Den Begriff prägte der Journalist Herwarth Walden mit seiner Zeitschrift Der Sturm, in der viele Expressionisten ein Sprachrohr fanden und publiziert wurden. Auch die Zeitschrift Die Aktion von Franz Pfemfert war ein wichtiges Organ, das sowohl literarische Texte als auch zahlreiche Grafiken expressionistischer Künstler enthielt.

Den expressionistischen Malern ging es darum, in ihren Werken die Welt nach ihren subjektiven Empfindungen und Eindrücken zu gestalten und nicht die physische Realität abzubilden. Exemplarisch dafür waren die Werke der Künstlervereinigungen „Die Brücke“ und „Der blaue Reiter“. Viele von ihnen, auch Nolde, begrüßten 1914 begeistert den Ersten Weltkrieg als reinigendes Gewitter gegen die verkrustete Zeit.

Politisch war der Expressionismus keineswegs festgelegt, sondern blieb in seinen Aussagen relativ unklar und diffus. Seine Repräsentanten begriffen sich zwar als Rebellen gegen die bürokratische Verfestigung der rückwärtsgewandten Kulturpolitik der Wilhelminischen Zeit, aber sie orientierten sich weniger an sozialistischen Ideen, als an antibürgerlichen Stimmungen, die den irrationalen Philosophien von Friedrich Nietzsche, Arthur Schopenhauer oder Henri Bergson entsprachen.

Sie rebellierten gegen die Dekadenz und Saturiertheit des Bürgertums der Gründerzeit und die etablierten Kunstrichtungen, den Impressionismus, Historismus, Naturalismus und Jugendstil. Aus dem gleichen Impuls entstanden damals auch die Lebensreform- und die Jugendbewegung, oder die Anthroposophie Rudolf Steiners. Es waren vorwiegend von Schichten des Kleinbürgertums getragene Strömungen, die heftig gegen die [groß]bürgerliche Welt, die Industrialisierung und Verstädterung rebellierten, das ablehnten, was sie als den vulgären „Materialismus“ der kapitalistischenGesellschaft bezeichneten, und sich nach einer romantischen, eher bäuerlichen Naturverbundenheit sehnten. Mit Marxismus oder Sozialismus oder der Arbeiterklasse hatten sie wenig im Sinn.

Was Leo Trotzki über den Futurismus schrieb, trifft auch auf den Expressionismus zu: Er war ein „arabesker Seitentrieb der bürgerlichen Kunst … und anders hätte er nicht entstehen können. Sein stürmisch oppositioneller Charakter steht dazu in keinerlei Widerspruch. …Es ist kein Zufall und kein Missverständnis, sondern völlig gesetzmäßig, dass der italienische Futurismus im Strom des Faschismus aufgegangen ist.“ (5)

FarbenstürmeNolde und Die Brücke

Die Künstlergruppe Die Brücke (Erich Heckel, Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff), die sich in Dresden gebildet hatte, empfand Nolde als einen der Ihren. Daher schrieb Schmidt-Rottluff am 4. Februar 1906 einen Brief an den etwa 15 Jahre älteren Nolde und lud ihn ein, Mitglied der Vereinigung zu werden: „Sehr geehrter Herr Nolde, denken Sie, was Sie wollen, wir haben Ihnen hiermit den Zoll für Ihre Farbenstürme entrichten wollen.“

Nolde folgte gern der Einladung und blieb den Brücke-Mitgliedern auch weiter verbunden, nachdem er selbst die Gruppe bereits im folgenden Jahr wieder verlassen hatte. Er fühlte sich „gestört“ von dem angeblichen Trend zu deren künstlerischem Einheitsstil und äußerte: „Ihr solltet euch nicht Brücke, sondern van Goghiana nennen.“ Aber auch seine eigene Kunst war durchaus von Vincent van Gogh wie auch von Paul Gauguin beeinflusst.

1912 stellte Nolde gemeinsam mit dem „Blauen Reiter“ aus, der von Franz Marc und Wassily Kandinsky gegründeten anderen bedeutenden expressionistischen Künstlervereinigung. In dieser Zeit war Nolde bereits in der Kunstwelt anerkannt und konnte recht gut von seiner Malerei leben.

1913 konnten Nolde und seine Frau an einer vom Reichskolonialamtorganisierten Südseeexpedition teilnehmen, die sie nach Neuguinea führte. Noldes Aufgabe dabei war die Erforschung der „rassischen Eigentümlichkeiten der Bevölkerung“. Er sieht die fortschreitende Kolonialisierung als Gefahr für die Urvölker, die vermeintlich noch im Einklang mit der Natur leben. Schon zuvor hatte er im Berliner Völkerkundemuseum auf der Suche nach dem „Fremden, Urweltlichen und Urrassigen“ die Kunst der „primitiven“ Völker studiert.(6) Auf dem Rückweg wird er vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht, den er begrüßt.

In Zusammenhang mit einem frühen Selbstbildnis Noldes, das etwas an Rembrandts Selbstporträts erinnert, weisen die Kuratoren Bernhard Fulda und Aya Soika in der Einleitung zum Katalog darauf hin, dass Nolde und seine Frau Ada Julius Langbehn (1851-1907) und dessen Werk Rembrandt als Erzieher verehrten. Das Buch versucht Rembrandt als „deutschesten aller deutschen Maler“, als Vertreter einer „rein deutschen Kunst“ zu vereinnahmen und als großdeutsche Identifikationsfigur darzustellen. Es gehört zu den ideologischen Wurzeln des Nationalsozialismus.

Für Nolde sei Langbehns Bild des „individuellen Künstlers als Heilsfigur“ und „nationaler Erlöser“ außerordentlich attraktiv gewesen, schreiben die Kuratoren, vor allem, weil er sich immer wieder als verkanntes Genie, als heroischen Propheten verstanden habe, dessen Zeit noch kommen müsse.

Expressionismusstreit der nationalsozialistischen Kulturfunktionäre

Innerhalb der NSPAD hatte sich schon in den 1920er und frühen 30er Jahren eine heftige Auseinandersetzung über den Expressionismus entwickelt. Insbesondere drehte sich der Disput dabei um Nolde. Wie die Ausstellungsmacher belegen, gab es über ihn unter den Nazis überraschend viele positive Stimmen. Seine religiösen Bilder, die später von Hitler als Ausgeburten entarteter Kunst diffamiert und 1937 prominent in der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt wurden, priesen etliche Kritiker zunächst als vom Geist der deutschen Gotik inspiriert.

Emil Nolde, Reife Sonnenblumen, 1932, Öl auf Leinwand © Nolde Stiftung Seebüll

Beispielhaft für die anfänglich schwankende Haltung mancher Nationalsozialisten, was die Avantgardekunst betraf, sind die Äußerungen von Hitlers Chef-Ideologen Alfred Rosenberg. Rosenberg, der noch 1922 den Expressionismus als wegweisenden deutschen Stil gepriesen hatte, nannte in seinem Werk Der Mythus des 20. Jahrhunderts (1930) die Mehrzahl der zeitgenössischen Maler, darunter Ernst Barlach, Käthe Kollwitz und Nolde „Kulturbolschewisten“ und „Stümper“. Mit seinem Urteil über Nolde tat er sich sichtlich schwer: Kritik sei sicherlich angebracht, meinte er 1933, dennoch glaubte er Nolde und Ernst Barlach eine gewisse Begabung nicht absprechen zu können. Später prangerte er im Völkischen Beobachter Noldes „Bildnisversuche“ als „negroid, pietätlos und bar jeder echten inneren Formkraft“ an. (6)

Nolde dagegen setzte große Hoffnungen auf den Nationalsozialismus und versprach sich von Seiten der Nazis höchste Anerkennung. Um seine ideologische Übereinstimmung zu beweisen, trat er 1934 der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig bei, einem dänischen Ableger der NSDAP. Er war seit dem Versailler Vertrag dänischer Staatsbürger.

Obwohl er öffentlich den Nationalsozialismus begeistert begrüßte und einige führende Nazis – wie Josef Goebbels, Hermann Göring oder Albert Speer – Bilder von ihm besaßen und seine Kunst als deutsch, nordisch und kraftvoll schätzten, geriet er wie die übrigen expressionistischen Künstler schon bald nach Hitlers Machtübernahme 1933 ins Visier der „Blut und Boden“ propagierenden Nazi-Ideologen sowie von Adolf Hitler, dem verhinderten Kunstmaler, selbst. Je mehr sich die autoritäre Machtstruktur der Nazis festigte und sie auf den Krieg zusteuerten, desto rigoroser wurde die Kunstzensur.

Am 8. November 1933 folgte Nolde einer Einladung Heinrich Himmlers nach München zum zehnten Jahrestag von Hitlers erfolglosem Staatstreich 1923. Der Künstler erwartete offenbar, dass seine Malerei durch die Nationalsozialisten anerkannt würde. Er ging – vergeblich – davon aus, dass sie den Expressionismus zur nationalen „deutschen Kunst“ erklären würden.

Hermann Göring hatte Aquarelle des Künstlers in seinerWohnung hängen – allerdings nur bis Hitler bei einem Besuch seinen Unmut darüber erkennen ließ. Trotz der anfänglichen Unterstützung der Expressionisten beugten sich Kulturminister Joseph Goebbels und andere Nazis schließlich dem kitschig romantisierenden, reaktionären Kunstgeschmack des Führers. Schon 1933 wird Nolde aufgefordert, aus der Preußischen Akademie der Künste auszutreten, was er verweigert. Sein Antrag auf Mitgliedschaft in dem von Alfred Rosenberg gegründeten Kampfbund für deutsche Kultur wird abgelehnt.

Im Sommer 1933 entwarf Nolde sogar einen „Entjudungsplan“ für Deutschland, den er Hitler vorlegen wollte. Er sah darin eine Umsiedlung der Juden vor. Seinen Brücke-Kollegen Max Pechstein denunzierte er allein wegen seines Namens als Juden, was dieser durch einen „Ariernachweis“ entkräften musste. Im gleichen Jahr sandte Nolde zwei Bilder an Goebbels, damit dieser sie Hitler zeige. Seine Kunst beschrieb Nolde gegenüber Goebbels als „deutsch, stark, herb und innig“.

Obwohl diese Anbiederungsversuche wenig erfolgreich waren, erfreute sich Nolde in den nächsten Jahren noch immer einer gewissen Wertschätzung in der Kunstwelt. Er konnte ausstellen und seine Bilder verkauften sich gut.

Entartete Kunst

1937 wendete sich das Blatt für Nolde entscheidend, obwohl das Jahr für ihn zunächst noch recht gut begonnen hatte. Seine Werke wurden in München, Berlin und Mannheim ausgestellt.

Hitler hatte bereits im September 1935 auf dem Reichsparteitag in Nürnberg seine Auffassung der deutschen Kunst verkündet. Sie müsse „wirklich Verkünderin des Erhabenen und Schönen und damit Trägerin des Natürlichen und Gesunden sein“, erklärte er. Sämtliche Richtungen der modernen Kunst verteufelte er als „jüdisch-bolschewistische Kulturverhöhnung“: „Es ist nicht die Aufgabe der Kunst, im Unrat des Unrates wegen zu wühlen, den Menschen nur im Zustand der Verwesung zu malen, Kretins als Symbol der Mutterwerdung zu zeichnen und krumme Idioten als Repräsentanten der männlichen Kraft hinzustellen.“

Im Juli 1937 begannen dann die Vorbereitungen der Ausstellung „Entartete Kunst“, in der Noldes Werke zusammen mit denen von Pablo Picasso, Piet Mondrian, Marc Chagall, Wassily Kandinsky, Paul Klee, sowie George Grosz, Ernst Ludwig Kirchner u. a. ausgestellt wurden.

Joseph Goebbels auf der Ausstellung "Entartete Kunst" in Berlin, Februar 1938, links: "Die Sünderin" © Zentralarchiv - Staatliche Museen zu Berlin

Nolde war in der Ausstellung prominent mit 57 Werken vertreten. Er schrieb zahlreiche Protestbriefe, in denen er herausstellte, er sei, solange er Künstler sei, gegen „Überfremdung der deutschen Kunst, gegen den unsauberen Kunsthandel und gegen die übergroße jüdische Vorherrschaft in allem Künstlerischen in offenerem Kampf gestanden“. Daher müsse es sich um „Missverständnisse“ handeln, die einer Klärung bedürften. (7)

Schließlich erreichte er immerhin, dass seine Bilder aus der Ausstellung entfernt wurden, als diese auf Wanderschaft durch viele deutsche Städte geschickt wurde. Ein großer Teil seiner Werke wurde jedoch konfisziert. Aus den Museen wurden all seine Werke entfernt. Viele seiner Bilder wurdengegen Devisen ins Ausland verkauft, eine große Anzahl aber auch vernichtet.

1941 wurde er aus der Reichskammer für bildende Künste ausgeschlossen. Jede berufliche oder auch nebenberufliche Betätigung auf dem Gebiet der bildenden Künste wurde ihm untersagt, da seine Bilder „nicht den Ansprüchen entsprachen, die seit 1933 von allen in Deutschland tätigen bildenden Künstlern erwartet wurden“. Der 74-jährige Künstler kann daraufhin nicht mehr ausstellen oder verkaufen und darf auch keine Mal-Utensilien mehr erwerben. Ein ausdrückliches „Malverbot“ war dies jedoch nicht.

Auch diese drastische Maßnahme ließ ihn bis zum Ende des Krieges nicht am Nationalsozialismus zweifeln. Nolde und seine Frau glaubten bis zuletzt an den „Endsieg”, mussten jedoch nach der Bombardierung ihrer Berliner Wohnung 1944 den Verlust von etwa 3000 Werken hinnehmen.

Nolde schuf in diesen Jahren zahlreiche kleine Aquarelle, die als Vorlagen für Ölgemälde dienen sollten. Von ihm und späteren Kunsthistorikern wurden sie als die „ungemalten Bilder“ bezeichnet. Obwohl zum Teil scheinbar spontan nur auf winzige Papierschnipsel gemalt, sind sie doch recht sorgfältig komponiert. Einige wenige davon konnte er schon damals als Ölbilder realisieren. Seine Sujets in dieser Zeit waren meist Blumen, Landschaften oder Gestalten aus der nordischen Mythologie. Statt „jüdischer“ biblischer Figuren bevorzugte er nach 1933 nordische Helden, Schlösser, Opferstellen und Landschaften, auch wenn er sich nie dem von Hitler bevorzugten Malstil anpasste.

60 der „ungemalten Bilder“ wurden in den Nachkriegsjahren ebenfalls zu Ölbildern. Sie stellen einen großen Teil des Noldeschen Nachkriegswerks dar.

Nach dem Krieg: Verehrung Noldes als Widerstandsheld

Wegen der Ablehnung seiner Kunst durch die Nazis wurde Nolde 1946 im Entnazifizierungsverfahren problemlos vollständig entlastet. Wie die Berliner Ausstellung dokumentiert, wurde Nolde in der Nachkriegszeit aufgrund der Verfemung seiner Werke durch die Nazis als Personifikation des verfolgten modernen Künstlers und quasi als Widerstandskämpfer gegen die Nazidiktatur dargestellt. Zu diesem Image trugen er selbst und die Nolde Stiftung kräftig bei. Seine NS-Mitgliedschaft wurde verschwiegen und seine vierbändige Autobiografie von antisemitischen und rassistischen Passagen gesäubert. Sein Anwesen in Seebüll wurde zu einer Art Wallfahrtsort.

Emil Nolde, Altes Bauernpaar, o. D. (vor 1942), Aquarell © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin

Bis zu seinem Tod 1956 und danach erhielt er zahlreiche deutsche und internationale Ehrungen und Ausstellungen. 1950 bestand Bundespräsident Theodor Heuß (FDP), ein studierter Kunsthistoriker, darauf, dass Nolde ihn bei einem Besuch in Schleswig-Holstein begleite. 1952 erhielt er den Orden Pour le Mérite, die höchste deutsche Auszeichnung für Wissenschaft und Kunst. Seine Bilder werden mehrfach auf der Biennale in Venedig und 1955 auf der documenta 1 in Kassel gezeigt, die den von den Nazis als „entartet“ diffamierten Künstlern gewidmet war.

Nolde und seine Kunst spielten in der Bundesrepublik in der Zeit des Kalten Krieges und der Verdrängung der Naziverbrechen eine wichtige Rolle. So schrieb der Kunsthistoriker Werner Haftmann im Katalog zur documenta 1, die Idee der kreativen Freiheit sei wesentlich gewesen, um die Instrumentalisierung der Kunst unter dem Bolschewismus zu bekämpfen. Haftmann war auch einer der wichtigsten Verbreiter der Legenden um Noldes „ungemalte Bilder“. (8)

Quer durch alle Parteien wurde Nolde als „Widerständler“ verehrt. Politikern und Kulturfunktionären diente der von den Nazis verfemte Künstler als Identifikationsfigur für den angeblichen demokratischen „Neuanfang“ der Bundesrepublik. Er eignete sich perfekt dazu, die Spuren zu verwischen und sich von jeder Schuld oder Mitschuld an den Nazi-Verbrechen zu befreien. Auch nach seinem Tod ließ sich Nolde so unter eifriger Mitwirkung der Stiftung in Seebüll bei der sogenannten „Vergangenheitsbewältigung“ instrumentalisieren. Selbst 2013 wurde der Nolde-Biografin Kirsten Jüngling noch der Zugang zum Noldearchiv verweigert. Aber sie konnte sich bereits auf zahlreiche andere zugängliche Briefe und Dokumente stützen. (9)

Einer der großen Förderer von Noldes Kunst war Helmut Schmidt. Der spätere Bundeskanzler schrieb an den mit ihm befreundeten Autor Siegfried Lenz, Nolde sei der größte deutsche Künstler dieses Jahrhunderts. Dass seine Kunst in die Ausstellung Entartete Kunst aufgenommen worden sei, habe ihn als 17-Jährigen mit dem Nationalsozialismus brechen lassen. Als Bundeskanzler (1974-1982) ließ er Gemälde von Nolde im Bonner Kanzleramt ausstellen. Nicht unwesentlich trug auch Lenz Roman Die Deutschstunde zur Noldeverehrung bei, ein literarisches Werk, das vielfach wie eine Dokumentation über den verfolgten Künstler gelesen wurde.

Kurz vor seinem Tod 2015 schrieb Helmut Schmidt noch die Einleitung zu einer Nolde-Ausstellung in Hamburg. Darin erwähnt er nur kurz, es habe eine Kontroverse über die Nazivergangenheit Noldes gegeben, ohne näher darauf einzugehen.

Erst nach dem Tod seiner zweiten Frau Jolanthe 2010 und einem Wechsel in der Leitung der Ada und Emil Nolde Stiftung Seebüll wurden die dortigen Archive allmählich der wissenschaftlichen Forschung zugänglich, und seine wirkliche Haltung zum Nationalsozialismus konnte öffentlich diskutiert werden. Vor fünf Jahren wurden solche Dokumente in einer Ausstellung des Städel Museums in Frankfurt erstmals der Öffentlichkeit gezeigt. Darin wurde auch bereits auf den deutlichen Wandel seiner Bildthemen nach Hitlers Machtergreifung hingewiesen.

Die Berliner Ausstellung konnte auf jüngste Forschungsergebnisse der beiden Kuratoren Aya Soika und Bernhard Fulda zurückgreifen, die vollständig freien Zugang zu den Archiven der Nolde Stiftunghatten. Sie ermöglichen es so den Ausstellungsbesuchern, selbst nachzuvollziehen, auf wie vielfältige Weise der Künstler und seine Frau Ada immer wieder versuchten, sich dem Regime anzubiedern, um der Zensur zu entgehen. Die Mehrzahl der zahlreichen Ausstellungsbesucher aller Altersgruppen vertieft sich, wie zu beobachten ist, intensiv nicht nur in die Betrachtung der Bilder, sondern auch in das Studium der Dokumente und Briefe.

Was die Einschätzung Noldes und seiner Kunst vor dem Hintergrund seines Opportunismus und seines Bekenntnisses zum Nationalsozialismus heute schwierig macht, ist die Tatsache, dass er seinen Stil keineswegs dem rückwärtsgewandten, monumentalistischen, kitschigen Kunstgeschmack Hitlers und seiner Anhänger anpasste. Er malte nicht wie der Maler Adolf Ziegler und viele andere Künstler, die in der großen „Deutschen Kunstausstellung“ 1937 im neu erbauten Haus der Kunst in München ausgestellt wurden und zahlreiche öffentliche Gebäude zieren durften.

Auch wenn sein Antisemitismus und seine politische Anbiederung an die Nazis nicht zu entschuldigen sind: Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass er (vergeblich) hoffte, mit seinen Werken der Ideologie des Nationalsozialismus zu entsprechen und ihr dienen zu können. Dass es uns heute möglich ist, ihn und seine Kunst historisch einzuordnen, ist nicht zuletzt das Verdienst der Ausstellung und ihrer Kuratoren.

Die Enthüllungen über Nolde ändern allerdings nichts an dem unverändert hoch gehandelten Marktwert seiner Bilder auf dem kapitalistischen Kunstmarkt. Wie Kirsten Jüngling in einem Interview erklärte: „Direkt nach Erscheinen meines Buches habe ich mich auf der Art Cologne umgehört und Galeristen gefragt, ob sich die jüngsten Veröffentlichungen zu Noldes politischer Vergangenheit auf die Kauflust auswirkten. Da wurde man ungehalten. Dazu muss man wissen: Für expressionistische Bilder werden enorme Summen gezahlt, nicht zuletzt sollen sie stabile Geldanlagen sein. Da konnte man schon unruhig werden, wenn die Firma Nolde schwächelte.“ (10)

Anmerkungen

1) Nolde: Eine deutsche LegendeDer Künstler im Nationalsozialismus. Essay- und Bildband und Nolde: Eine deutsche LegendeDer Künstler im Nationalsozialismus. Chronik und Dokumente. Herausgeber: Bernhard Fulda; Christian Ring; Aya Soika

2) Christian Ring, Die Kunst selbst ist meine Sprache, in: Emil Nolde, Junge Kunst 11, München 2018, S.29

3) Emil Nolde, Jahre der Kämpfe. Rembrandt Verlag, Berlin 1934, S. 101, 102

4) Ring, a. a. O., S. 22f

5) Leo Trotzki, Literatur und Revolution, Berlin 1994, S. 132, 133

6) https://de.wikipedia.org/wiki/Kunst_im_Nationalsozialismus

7) Ring, a. a. O., S. 37

8) Werner Haftmann, Emil Nolde – ungemalte Bilder, 7. Auflage, Köln 1996

9) Kirsten Jüngling, Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten, Berlin 2013

10) Kirsten Jüngling, Interview in der tageszeitung:

http://www.taz.de/Nolde-Biografin-ueber-schwierige-Aufarbeitung/!5432445/

 

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