Am Vorabend der Tarifverhandlungen:

VW-Arbeiter in Tennessee stellen sich erneut gegen Gewerkschaft

18. Juni 2019

Letzte Woche stimmten die Beschäftigten des Volkswagen-Montagewerks in Chattanooga (Tennessee) mit 833 zu 776 gegen das Angebot der United Auto Workers (UAW), die Anerkennung als Tarifvertragspartner im Werk zu erlangen. Dies war die zweite Rüge der Arbeiter im VW-Werk seit 2014 und die jüngste in einer Reihe von Niederlagen für die UAW, darunter im Nissan-Werk in Canton (Mississippi) und dem Zulieferer Fuyao Glass America in der Nähe von Dayton (Ohio).

Die Arbeiter in Chattanooga hatten Recht, als sie die „Vertretung“ durch die UAW ablehnten, die in Wirklichkeit die Interessen der Unternehmensleitung verteidigt. Diese hatte in den letzten vier Jahrzehnten katastrophale Arbeitsplatzverluste und Lohnrückgänge für amerikanische Autoarbeiter zu verantworten.

Weit davon entfernt, die Interessen der Arbeiter zu verteidigen, ist die UAW berüchtigt dafür, mit den Auto-Bossen bei der Schaffung mehrerer Stufen von Löhnen und Leistungen zusammenzuarbeiten. Sie hat dazu beigetragen, einen großen Teil der Belegschaft der Detroiter Automobilhersteller in Teilzeitkräfte umzuwandeln, die Gewerkschaftsbeiträge zahlen und dabei nicht einmal über die elementarsten Rechte verfügen.

Die UAW hat keinen ernsthaften Widerstand gegen die Schließung von General-Motors-Werken und die Ausweitung von Entlassungen in der gesamten Automobilindustrie aufgeboten. Stattdessen hat sie ihren amerikanischen Nationalismus angefacht, der die US-Arbeiter von ihren Klassenbrüdern und -schwestern auf internationaler Ebene trennt, die mit den gleichen Angriffen der Weltkonzerne konfrontiert sind. Mit einem solchen nationalistischen Gift hausieren zu gehen, wird kaum die Unterstützung von Arbeitern in den ausländischen Autowerken in den USA finden, darunter auch dem von VW aus Deutschland.

Der Korruptionsskandal bei der UAW hat die Umwandlung dieser Organisation in ein Konzern-Syndikat und Billiglohnunternehmen aufgedeckt. Bundesanwälte haben die gesamte UAW als „Mitverschwörer“ in der Schmiergeldaffäre mit Fiat Chrysler angeklagt. Die wichtigsten UAW-Verhandlungsführer wurden verurteilt, weil sie Schmiergelder in Millionenhöhe akzeptiert haben. Im Gegenzug dafür haben sie Tarifverträge unterzeichnet, die den Konzernen zugute kamen, den Arbeitern jedoch ihre Arbeitsplätze, Löhne und Rechte entzogen.

Am Vorabend der VW-Abstimmung bewies die UAW auch ihre Rolle als Streikbrecher. Sie rief ihre Mitglieder im Krankenhaus Mercy Health St. Vincent Medical Center in Toledo (Ohio) dazu auf, den Streik der Krankenschwestern zu sabotieren, die auch UAW-Mitglieder sind. UAW-Funktionäre sagten außerdem einseitig den sechswöchigen Streik der Krankenschwestern ab und riefen sie zurück an die Arbeit, bevor sie abstimmen oder auch nur die von der UAW unterstützte Vereinbarung mit dem Krankenhausmanagement hätten einsehen können.

Die UAW konnte trotz der bedauernswerten Bedingungen für die VW-Arbeiter, deren Einstiegslohn für Vollzeitbeschäftigte nur 16 US-Dollar pro Stunde beträgt und höchstens 23,50 US-Dollar erreicht, keine Unterstützung gewinnen. Ein großer Teil der Chattanooga-Beschäftigten sind Zeitarbeitskräfte oder Leiharbeiter. Ein Personaldienstleister, Aerotek, stellt 30 bis 40 Prozent der Arbeiter, mit einem Anfangsgehalt von rund 14,50 Dollar pro Stunde.

UAW-Funktionäre gaben dem Management und den US-Arbeitsgesetzen die Schuld für die Niederlage in Chattanooga. „Das Unternehmen hat eine brutale Kampagne aus Angst und Fehlinformationen geführt“, sagte Tracy Romero, Organisatorin der UAW. „Über einen Zeitraum von neun Wochen – eine beispiellose Zeitspanne dank seiner Taktik – konnte Volkswagen den Willen von genügend Arbeitern brechen, um ihre Mehrheit zu zerstören.“

Der Versuch, das Management zu beschuldigen, ist ein Betrug. Im Jahr 2014 unterstützte die VW-Geschäftsführung das Gewerkschaftsprojekt der UAW, um eine rechtliche Bewilligung für einen „Betriebsrat“ zu erhalten, ähnlich dem System der „Sozialpartnerschaft“, das sie in ihren deutschen Werken mit der IG Metall hat. Die zweijährige Kampagne von Gewerkschaft und VW ist gescheitert.

Viele Arbeiter in Chattanooga werden sich zweifellos daran erinnert haben, dass die UAW 2014 die Unterstützung des Managements erhielt, indem sie einer Neutralitätsvereinbarung zustimmte, die die UAW verpflichtete, „die Kostenvorteile und andere Wettbewerbsvorteile [von Volkswagen] zu erhalten und im Vergleich zu seinen Konkurrenten in den Vereinigten Staaten und Nordamerika wo immer möglich zu verbessern.“

Unter Bedingungen, unter denen einige VW-Arbeiter mehr als viele Neueingestellte in den von der UAW vertretenen Werken von GM, Ford und Fiat Chrysler verdienten, verpflichteten sich die UAW damals, die Löhne der Chattanooga-Arbeiter zu senken, um die Kostenvorteile von VW zu „verbessern“.

Nach der Niederlage begrüßte der damalige UAW-Präsident Bob King die Unternehmensleitung von VW sowie die IG Metall, weil sie ihr Bestes getan haben, um eine freie und offene Atmosphäre zu schaffen, in der die Arbeitnehmer ihr grundlegendes Menschenrecht auf die Gründung einer Gewerkschaft ausüben können“.

Wie die US-Autohersteller vertraut auch VW seit langem auf die Absprachen mit der IG Metall, die die Hälfte der Sitze in ihrem Aufsichtsrat hält, um die Opposition zu unterdrücken. Die IG Metall hat nicht nur den Abbau von Arbeitsplätzen unterstützt, sondern auch den berüchtigten „Zukunftspakt“ 2016 mitgestaltet, der zur Zerstörung von 30.000 Arbeitsplätzen weltweit führte, darunter 23.000 in Deutschland.

Im Gegenzug wurden die IG-Metall-Funktionäre großzügig belohnt. Als Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats des Volkswagen-Konzerns erhält der Gewerkschaftsfunktionär Bernd Osterloh jährlich 750.000 Euro.

Die UAW soll im nächsten Monat Gespräche über neue Tarifverträge für 155.000 Arbeiter von General Motors, Ford und Fiat Chrysler in den USA aufnehmen, deren Verträge am 14. September auslaufen. Inmitten der Anzeichen einer drohenden wirtschaftlichen Rezession sind die Autohersteller und ihre Investoren an der Wall Street entschlossen, noch verheerendere Rückschläge durchzusetzen.

Insbesondere zielen sie auf Gesundheitsleistungen ab sowie auf jegliche Einschränkungen, die der Umwandlung von Arbeitnehmern in Billiglöhner ohne die geringste Arbeitsplatzsicherung noch entgegenstehen. Die UAW verpflichtet sich, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Vorgaben der Unternehmensleitung durchzusetzen.

„Wir kommen zurück zu den wichtigsten Verhandlungen um Konzessionen in der Automobilindustrie“, sagte Gary Chaison, emeritierter Professor für Arbeitsbeziehungen an der Clark University in Worcester, Massachusetts, gegenüber Bloomberg News. „Die großen Hersteller sagen: Gebt uns einen Grund, warum wir in den USA expandieren sollten, im Gegensatz zu China oder Indien oder sonstwo.“

Nach einem Reallohnverlust von 25 Prozent seit 2002 sind die Autoarbeiter entschlossen, sich zu wehren. Die Autokonzerne haben seit der Umstrukturierung der Automobilindustrie durch die Obama-Regierung, die die Löhne von Neueingestellten halbiert hat, zehn Jahre in Folge Rekordgewinne erzielt. In den letzten fünf Jahren hat GM 25 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe und Dividendenzahlungen an seine reichsten Investoren ausgegeben.

Ein großer Kampf braut sich zusammen, nicht nur zwischen Autoarbeitern und den Konzernen, sondern auch zwischen den Autoarbeitern und der UAW. Jeder Arbeiter weiß, dass die UAW einen Vertrag im Sinne der Unternehmen unterschreiben wird, genau wie im Jahr 2015 und unzählige Male zuvor.

Der WSWS Autoworker Newsletter hat die Forderung veröffentlicht, dass Autoarbeiter den Kampf selbst in die Hand nehmen sollten, indem sie Aktionskomitees bilden, die unabhängig von der UAW und von den Arbeitern selbst demokratisch kontrolliert werden. Diese Ausschüsse sollten ihre eigenen Forderungen aufstellen, einschließlich der Abschaffung des zweistufigen Lohnsystems und der Umwandlung aller Teilzeit- in Vollzeitverträge – und sie müssen sich auf einen landesweiten Streik vorbereiten.

Autoarbeiter auf der ganzen Welt stehen vor dem gleichen Kampf. Die Autoriesen führen eine globale Umstrukturierung ihrer Geschäfte durch, die neue Fusionen, Werksschließungen und Massenentlassungen von Arbeitern umfasst.

Gegen die internationale Strategie der Kapitalisten brauchen die Arbeiter ihre eigene internationale Strategie. Das bedeutet, sich von den nationalistischen und pro-kapitalistischen Gewerkschaften zu lösen und sich in einem gemeinsamen Kampf zu vereinen.

Der mächtige Kampf der Maquiladora-Arbeiter in Matamoros (Mexiko), verdeutlichte das Streben der Arbeiter, ihre Kämpfe über die Grenzen hinweg zu verknüpfen. Sie lehnten sich gegen die Gewerkschaften auf, bildeten unabhängige Streikkomitees und marschierten zur US-Grenze, um an ihre amerikanischen Kollegen zu appellieren.

Die UAW und die anderen pro-kapitalistischen und nationalistischen Gewerkschaften können nicht reformiert werden. Neue Kampforganisationen – Aktionskomitees – sind notwendig, um den wachsenden Widerstand der Arbeiterklasse gegen Ausbeutung und soziale Ungleichheit zu koordinieren.

Die sich entwickelnden Kämpfe der Autoarbeiter und anderer Teile der Arbeiterklasse müssen von einer neuen politischen Strategie geleitet werden, die auf der internationalen Vereinigung der Arbeiterklasse und dem Kampf für die sozialistische Reorganisation des wirtschaftlichen und politischen Lebens basiert.

Die Offensive der herrschenden Klasse wird sowohl von den Demokraten als auch von den Republikanern unterstützt. Die Trump-Regierung speit rassistisches Gift, um die Arbeiter gegeneinander aufzuhetzen, während sie eine weitere massive Umverteilung des Reichtums an die Reichen fordert. Die Demokraten, die unter Obama die Führungsrolle bei der Umstrukturierung der Autoindustrie innehatten, sind nicht minder entschlossen, die Forderungen der Wall Street durchzusetzen.

Die Arbeiterklasse steht nicht nur diesem oder jenem Arbeitgeber gegenüber, sondern einer ganzen Wirtschaftsordnung. Die Arbeiter müssen sich als unabhängige politische Kraft organisieren, um für ihre Macht zu kämpfen. Nur so kann der Griff der Unternehmens- und Finanzoligarchie gebrochen und der riesige Reichtum der Arbeiterklasse genutzt werden, um die menschlichen Bedürfnisse und nicht den privaten Profit zu befriedigen.

Jerry White

 

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