Polnische Lehrer erklären, warum sie streiken

Von Will Morrow
26. April 2019

Seit fast 20 Tagen führen über 300.000 Lehrer in ganz Polen einen landesweiten Streik, der zeitlich nicht beschränkt ist. Im ganzen Land wurden die Schulen geschlossen, um gegen die jahrzehntelangen Kürzungen in der Bildung und Lohnsenkungen bis auf Armutsniveau zu protestieren.

Der Streik ist der größte seit Jahrzehnten in Polen und der erste landesweite Lehrerausstand seit 25 Jahren. Er ist Bestandteil eines starken Anstiegs von Kämpfen der Arbeiterklasse in Europa und weltweit im Verlauf des vergangenen Jahres, einschließlich Lehrerstreiks in den Vereinigten Staaten von Amerika, Argentinien, Portugal, Algerien, Marokko, Indien und Frankreich.

Die Regierung der extrem rechten Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS – Recht und Gerechtigkeit) hat die Forderung der Lehrer nach einer 30-prozentigen Lohnerhöhung zurückgewiesen. Die Regierung fürchtet, dass eine solche Erhöhung Streikaktionen anderer Teile der Arbeiterklasse ermutigen würde. In den drei Jahrzehnten seit der Wiedereinführung des Kapitalismus im Jahr 1989 haben soziale Ungleichheit und Armut rapide zugenommen. „Dies ist bereits eine Rebellion und kein durchschnittlicher Streik mehr“, warnte am Mittwoch die führende liberale Gazeta Wyborcza.

Unter diesen Bedingungen versuchen die Gewerkschaften verzweifelt, die Arbeitsniederlegungen zu beenden, ohne eine einzige Forderung der Lehrer erfüllt zu haben. Am Mittwoch rief der Präsident der polnischen Lehrergewerkschaft ZNP (Związek Nauczycielstwa Polskiego) in der Region Westpommern, Adam Zygmunt, zur Beendigung des Streiks auf, um den Schülern zu ermöglichen, ihre Abschlussprüfungen abzulegen.

„Wir wollen nicht diejenigen sein, die den Schülern das Ablegen des Abiturs unmöglich machen“, erklärte Zygmunt. „Deshalb bitte ich Sie im Kommuniqué“ für die Ortsgruppen, „den Streik für die Dauer der Abiturprüfungen zu unterbrechen“. Er versicherte, dies sei lediglich seine „persönliche Meinung“ und nicht die Ansicht der Gewerkschaftsführung insgesamt.

Während die Gewerkschaften daran arbeiten, die Streiks auszuverkaufen, machten die Lehrer in Gesprächen mit der WSWS ihre eigene Kampfentschlossenheit und auch die der Schüler deutlich. „Uns wurde immerzu gesagt, dass Lehrer nicht streiken sollten“, erklärte Ania, eine Lehrerin mit 21-jähriger Berufserfahrung in Knurów, einer Industriestadt in der Bergbauregion Oberschlesien. „Wir werden ununterbrochen von den Politikern angegriffen“, und „sogar von einigen Priestern, die während der Messe predigen, wir seien faul und sollten das Streiken aufhören.“

Sie fügte hinzu: „Seit siebzehn Tagen gibt es keinen Unterricht, weil unsere Regierung nicht hilft, sondern versucht, die Bevölkerung gegen uns aufzubringen. Der stellvertretende Justizminister verglich die Lehrer mit der Wehrmacht [die 1939 Polen überfiel]. Andere verunglimpften uns als ‚Terroristen‘, die die Schüler als ‚Geiseln‘ nähmen, das heißt, sie nicht unterrichteten.“

Ania beschrieb die Arbeitsbedingungen und Armutslöhne, mit denen die Lehrer konfrontiert sind: „Ich habe erst einen Bachelor-, dann einen Master-Abschluss erworben und anschließend Gehörlosenpädagogik studiert, das bedeutet, ich bin qualifiziert für die Unterrichtung von hörgeschädigten Kindern. Ich beherrsche zwei Fremdsprachen und habe zahlreiche weitere Kurse belegt, zumeist auf eigene Kosten. Ich verdiene etwa 700 Euro monatlich.“

Das Gleiche gilt für meinen Ehemann. Er hat zwei Arbeitsstellen, nur damit wir ein normales Leben führen können“, sagte sie. „Er hat eine zweite Schule gefunden, wo er zwei Tage die Woche für jeweils drei Stunden unterrichten kann. Er muss 14 km fahren, um dort hin zu kommen“, und am Ende „erhält er 200 Euro monatlich“. Davor hatte er Zweitjobs auf Baustellen oder als Pizzazusteller angenommen.

„Eine Freundin von mir, die 28 Jahre alt ist und einen Abschluss in Geschichte hat, ist immer noch an der Universität, wo sie an ihrer Doktorarbeit in Geschichte arbeitet. Sie bekommt etwa 450 Euro pro Monat für eine 22-Stunden-Woche. Dasselbe kann man in einem Supermarkt verdienen.“ Andererseits erhalten Politiker durchschnittlich 3.000 Euro pro Woche.

Wir werden jeden Tag gedemütigt”, erklärte sie.

Agata, eine Lehrerin mit zwanzig Jahren Unterrichtserfahrung in Krakau, teilte mit: „Der Streik, der gerade in Polen stattfindet, ist ein Kampf um die Würde des Lehrerberufes und um die Zukunft der Bildung.Ich leiste Überstunden an meiner Schule, weil es keine Lehrer gibt, die hier arbeiten wollen. Zusätzlich habe ich einen Zweitjob, bei dem ich mehrmals wöchentlich weitere Stunden gebe. In unseren Klassenräumen haben wir nur die allernötigste Ausstattung. Ich stelle alles zuhause auf meine eigenen Kosten her: die Tests, die Klassenarbeiten, die Arbeitsblätter. Ich arbeite an meinem eigenen PC und Drucker, für den ich selbst die Tinte bezahle. Ich schneide und laminiere die Schaubilder selbst.

Es ist bei uns auch oft die Rede von den Lehrern, die während der Ferien in Supermärkten einen Nebenjob annehmen, um sich etwas dazuzuverdienen.“

Dorota, die seit mehr als zwanzig Jahren Lehrerin ist, sagte, sie habe gesehen, was an den Schulen in den Vereinigten Staaten geschieht, „und in meinen Augen bewegen wir uns in dieselbe Richtung“. Die Lehrer in Polen „haben oft zwei Arbeitsstellen oder geben privat Nachhilfestunden. Das System ist so krank, dass Schüler, die nicht mitkommen oder ehrgeizig sind, zusätzlich Geld für Nachhilfe ausgeben müssen.“

Joanna, die seit fünfzehn Jahren unterrichtet, sagte, sie habe von den landesweiten Arbeitsniederlegungen in den USA gehört, sowie von den Lehrerstreiks in Frankreich. Sie meint, die Lehrer in Polen müssten sich mit anderen Lehrern international verbünden. „Jedes Gebäude ist so stark und unzerstörbar wie seine einzelnen Elemente. Vereint haben wir Stärke und wir müssen einander unterstützen“, erklärte sie.

„Als ich in den Beruf eingestiegen bin, wurde der Lehrerberuf noch respektiert”, sagte sie. „Heute ist das nicht mehr so. Für mich ist es sehr schwierig zu streiken. Ich habe den Beruf aus Leidenschaft gewählt, doch die Anforderungen sind so hoch, dass sie nicht zu schaffen sind. Ich arbeite, wenn ich nachhause komme, jede Nacht bis 22-23 Uhr.

Glücklicherweise ist mein Mann kein Lehrer. Trotzdem belastet es mich sehr, dass praktisch der gesamte Unterhalt unserer Familie von ihm abhängt“, sagte sie.

Sie sprach sich gegen die großangelegte Austeritätsoffensive aus, die eine Regierung nach der anderen durchgeführt hat, PiS-Regierungen genauso wie auch Regierungen der Bürgerplattform (PO). „Es gibt in Polen keine Ärzte oder Krankenschwestern. Das Durchschnittsalter ist bald so hoch, dass niemand mehr da sein wird, um uns zu pflegen. Die Politiker kümmert das nicht, weil ihre Kinder auf Privatschulen gehen und sie selbst in Privatkrankenhäusern oder speziell für sie eingerichteten staatlichen Krankenhäusern behandelt werden.“ Währenddessen werden Milliarden Euro für das Militär ausgegeben. „Die Aufrüstung des Militärs bereitet mir schreckliche Angst“, beteuerte sie.

Joanna sagte, sie habe kein Vertrauen, dass die Gewerkschaft für die Interessen der Lehrer kämpfen werde. „Ehrlich gesagt, ich gehöre keiner Gewerkschaft an“, sagte sie. „Ich persönlich glaube, sie repräsentieren nicht ihre Mitglieder. Sie beteiligen sich an politischen und finanziellen Arrangements. Und das ist der Grund, warum so viele Menschen in Polen nicht in den Gewerkschaften sind.“

 

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