„Jahrestag der Revolution“ – abendfüllender Dokumentarfilm über die Russische Revolution wiederhergestellt

Von Gregor Link
25. April 2019

Durch bahnbrechende experimentelle Filme wie „Der Mann mit der Kamera“ aus dem Jahr 1929 wurde der sowjetische Filmemacher Dsiga Wertow (eigentlich Dawid Abelewitsch Kaufman) weltberühmt. Heute gilt er als einer der Wegbereiter des Dokumentarfilms. Weniger bekannt ist jedoch, dass Wertow schon im Jahr 1918, im Alter von nur 22 Jahren, einen abendfüllenden Dokumentarfilm über die Russische Revolution produzierte, der heute, über hundert Jahre später, wieder veröffentlicht werden konnte.

Der Schwarzweißstummfilm entstand innerhalb weniger Wochen anlässlich des ersten Jahrestages der Oktoberrevolution und besteht aus Aufzeichnungen, die Wertow und anderen Kameraleuten im Verlauf des vorherigen Jahres gelungen waren. Zusammen mit Michail Kalinin, dem Staatsoberhaupt Sowjetrusslands, bereiste Wertow anschließend bis 1921 das ganze Land und führte seinen Film in Bahnhöfen, Arbeiterklubs und Kinos auf. Nach dem Bürgerkrieg ging der Film in seiner ursprünglichen Fassung verloren.

Den Film ereilte ein Schicksal, das er mit so vielen Dokumenten der Revolution teilte: Die stalinistische Bürokratie zerstückelte ihn, entstellte und verdrehte seinen Inhalt und missbrauchte einzelne Szenen für ihre eigenen reaktionären Zwecke. Einzig ein zwölfminütiger Bruchteil überlebte.

Neue Hoffnung gab es erst, als eine vollständige Liste der Szenen und Zwischentitel des Films gefunden wurde. Mithilfe dieser Liste gelang es dem russischen Filmhistoriker Nikolai Izvolov und seinem Team schließlich, den Film aus Material des Russischen Staatsarchivs für Film- und Fotodokumente in Krasnogorsk zu rekonstruieren. Dieser Arbeit ist es zu verdanken, dass Wertows Meisterwerk der Filmkunst heute von einem zeitgenössischen Publikum wieder erlebt werden kann.

Die Uraufführung des restaurierten, zwei Stunden umfassenden Werks fand am 20. November des vergangenen Jahres auf dem International Documentary Film Festival (IDFA) in Amsterdam statt. Die offizielle Filmvorschau des IDFA kann hier abgerufen werden.

Der Film ist thematisch in zwei Teile gegliedert. Er beginnt mit den revolutionären Ereignissen in Petrograd und Moskau von Februar bis Oktober 1917.

Der Zuschauer wird Zeuge von Massenkundgebungen gegen den Krieg und die Autokratie des Zaren. Szenen streikender Arbeiter wechseln sich ab mit Prozessionen bewaffneter Soldaten. Tatsächlich scheint die gesamte Bevölkerung auf den Beinen zu sein. Die Kamera fängt Bilder jubelnder Menschen ein: Alt und Jung, Männer und Frauen, füllen das Bild. Oft sind auch kleine Kinder und streunende Hunde mitten im Geschehen zu sehen. Von den Balkonen der Häuser hängen Banner mit politischen Slogans. Der Rote Platz ist voller Menschen.

Unterdessen bilden bürgerliche Politiker und Menschewiki die Provisorische Regierung um Alexander Kerenski. Der Film zeigt die führenden Persönlichkeiten bei politischen Konferenzen und in Verhandlungspausen. Für kurze Zeit scheint Normalität einzukehren, doch die ruhigen Aufnahmen des schneebedeckten Taurischen Palasts sind trügerisch. Unter der Oberfläche brodelt es noch immer.

Ein Trauermarsch für die Gefallenen der Kerenski-Offensive markiert sodann einen Wendepunkt. Während die Särge der Toten in einem Massengrab beigesetzt werden, erahnt der Zuschauer das Ende der Provisorischen Regierung. Wieder kehren Soldaten von der Front zurück. Lachend fahren sie auf Automobilen durch die Straßen, oft stehen zehn von ihnen auf einem Wagen. Sie recken ihre Gewehre in die Höhe und schwenken rote Fahnen. Jungen werfen Flugblätter und Zeitungen in Richtung Kamera und grinsen begeistert.

Leo Trotzki in "Jahrestag der Revolution"

Nun erscheinen Bilder des Smolny-Instituts in Petrograd, dem Hauptquartier der Bolschewiki. Junge Revolutionäre mit umgehängten Gewehren bewachen das Gebäude.

Der Film porträtiert die Mitglieder des neu gebildeten Rats der Volkskommissare, darunter Trotzki, Rykow, Radek und Kamenew. Ein junger Volkskommissar für Eisenbahnwesen erweckt den Eindruck, als sei er vor wenigen Wochen selbst noch Eisenbahner gewesen.

Später ist auch Lenin lachend unter freiem Himmel zu sehen. Die Hände in den Hosentaschen, die Mütze im Nacken, diskutiert er mit einem älteren Genossen. Es sind Bilder, die auf der ganzen Welt berühmt geworden sind.

Der erste Teil des Films schließt mit den Vorbereitungen der Friedensverhandlungen zu Brest-Litowsk und den historischen ersten beiden Dekreten des Petrograder Sowjets: Der Krieg soll ein Ende finden und der Landbesitz soll an die Bauern übergehen.

Der Separatfrieden mit den Mittelmächten wurde bekanntlich geschlossen, doch nicht alle Kriegsparteien stellten daraufhin die Kampfhandlungen ein. Die „Tschechoslowakische Legion“, eine nationalistische Auslandsarmee unter der Führung tschechischer und slowakischer Exilanten (darunter Masaryk, Beneš, Štefánik), verstand sich als Streitmacht der Triple Entente und war bereit, den Kampf gegen Deutschland und Österreich-Ungarn fortzusetzen. Ab Juni 1918 betrachtete sich die Legion als Vortrupp der westlichen und japanischen Interventionstruppen in Russland und agierte in der Folge als Speerspitze der alliierten Interventionsmächte und der weißen Gegenrevolution.

Die zweite Hälfte des Films begleitet Trotzki und die Rote Armee bei einem Kampfeinsatz während des Bürgerkriegs. Die Tschechoslowakische Legion hat weite Teile der Transsibirischen Eisenbahnstrecke, darunter die Stadt Kasan, besetzt und der jungen russischen Sowjetrepublik wichtige Versorgungswege abgeschnitten. Der Film zeigt, wie sich die Rote Armee auf die bevorstehende Militäroperation vorbereitet. Trotzki, ihr Gründer und Oberbefehlshaber, besteigt einen Zug mit verstärktem Dampfkessel und vorne installierten Maschinengewehren zum Schutz der Lok. Auf dem Weg nach Kasan hält Trotzki Reden vor Arbeitern, Bauern und Soldaten mal aus dem Zug heraus, mal neben ihm stehend. Er gestikuliert dabei in seiner unverkennbaren Art.

Die letzte Etappe der Reise wird per Dampfschiff auf der Wolga zurückgelegt. Trotzki diskutiert mit Offizieren auf Deck, sie beugen sich über Landkarten und Stadtpläne. Die Matrosen sind guter Laune und tanzen. Beim Anlegen nahe der Stadt trifft man auf eine vollständig verbrannte Leiche, offenbar ein Opfer der Weißen.

Nach dem Ende der Kampfhandlungen filmt die Kamera das beschädigte Hauptquartier des Generalstabs der Weißen, auch Tote sind zu sehen. Die von den weißen Truppen gefangen gehaltenen Revolutionäre werden aus den Gefängnissen befreit.

Danach begeben sich die Soldaten auf den Markt von Kasan, kommen mit der Stadtbevölkerung zusammen und essen bei den Bäckerinnen Küchlein um die Wette.

Zum Ende des Films salutieren Trotzki und die Rote Armee der Verstärkung der revolutionären Truppen. Ein kleines Mädchen muss schnell aus dem Weg gehoben werden, damit es nicht von Pferden getreten wird.

Soldaten der Roten Armee

In einer Art Einschub im letzten Drittel des Films zeigt Wertow Szenen des täglichen Lebens in einer Bauernkommune auf dem Land. Die traditionell gekleideten Bäuerinnen der „Kommune“ sind noch immer gezwungen, sich mühsam zum Ernten des Getreides zu bücken, doch die neue Technik hat bereits Einzug gehalten: Ein Bauer fährt mit einer neuartigen Dreschflegelmaschine, gezogen von einem Pferd, über das Feld. Am Abend treffen sich dutzende Bauern in kommunistischen Gruppen und diskutieren an der frischen Luft lebhaft über die politischen Nachrichten.

Es sind Szenen wie diese, in denen „Jahrestag der Revolution“ nicht nur das Pathos der Ereignisse in all ihrer Wucht vermittelt, sondern darüber hinaus einen humorvollen und poetischen Blick auf die Menschen Sowjetrusslands wirft, während sie dabei sind, den Verlauf der Geschichte für immer zu verändern.

Wertow zeigt dem Zuschauer eindrückliche Momentaufnahmen einfacher Leute, die bewusst in die bisher größte gesellschaftliche Umwälzung eintreten, und dabei trotzdem sie selbst bleiben. Dem Zuschauer bleiben Menschen in Erinnerung, die sich um die Kamera drängen und Späße machen, tanzende Matrosen, die von ihren Kameraden bejubelt werden und Stadtkinder, die der Kamera stolz Flugblätter und Zeitungen präsentieren. Auf dem Markt von Kasan und in der Bauernkommune begegnet man Leuten, deren bisheriges von Entbehrungen gezeichnetes Leben eine jähe Wendung erfährt.

Josef Stalin kommt in dem zwei Stunden umfassenden Dokument aus der Zeit der Revolution nicht vor. Dies ist vor allem damit zu erklären, dass Stalin in dieser Zeit nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt hat. Diese Tatsache erwies sich später als Hindernis für die Herrschaftsansprüche der sich entwickelnden Diktatur.

Die stalinistische Bürokratie „bediente sich der Massenszenen des Films, wenn sie ihrer bedurfte“, erklärte Nikolai Izvolov während einer Aufführung des Films im Rahmen des Filmfestivals „goEast“ in Wiesbaden. Die Darstellung der führenden Rolle Leo Trotzkis in der Revolution konnte nicht akzeptiert werden. „Trotzki“, so Izvolov, „war damals die Persona non grata.“ Sämtliche Szenen, die ihn zeigten, das heißt große Teile des Films, verschwanden in den Archiven. Das gesamte Werk wurde zerstückelt. Von dem zwei Stunden umfassenden Dokument überlebte nur eine zwölfminütige Version.

Nicht zuletzt enthält „Jahrestag der Revolution“ wertvolle Aufnahmen der bolschewistischen Anführer und ihrer Interaktion mit den Massen. Der Film widerlegt machtvoll die antikommunistische Propaganda, dass die Oktoberrevolution ein Putsch oder eine Verschwörung gewesen sei. Er dokumentiert, dass sich in Russland – und wenig später in vielen weiteren Ländern überall auf der Welt – eine Massenbewegung entwickelte, wie sie die Geschichte der Menschheit bis dahin nicht gekannt hatte. Die enorme Popularität der bolschewistischen Führer erklärte sich daraus, dass sie dieser Bewegung bewussten Ausdruck verliehen.

Vor dem Hintergrund zeitgenössischer Versuche, eine postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung zu etablieren, kommt Dsiga Wertows Werk nicht nur eine enorme historische, sondern auch eine brennende politische Bedeutung zu.

Mehrere Szenen, die Wertow in seinem Dokumentarfilm verwendet hat, haben auch Eingang in den Film „Tsar to Lenin“ gefunden, den Herman Axelbank 1937 aus Archivmaterial zusammenstellte, das er mehr als zehn Jahre lang gesammelt hatte. Axelbanks Film behandelt allerdings einen größeren Zeitraum und gibt durch das eindringliche Narrativ Max Eastmans einen tieferen Einblick in die politischen Hintergründe und Zusammenhänge, als dies der durch Musik untermalte Stummfilm Wertows tun kann. „Tsar to Lenin“ ist im Mehring Verlag als DVD mit Untertiteln in fünfzehn Sprachen erhältlich.

 

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