Mindestens 290 Todesopfer bei Bombenanschlägen in Sri Lanka

Von K. Ratnayake
23. April 2019

Bei einer koordinierten Serie von schweren Bombenanschlägen in Sri Lanka wurden am Ostersonntag mehr als 290 Menschen getötet und weitere 500 verwundet. Unbekannte Terroristen griffen zwischen 8:45 und 9:00 Uhr morgens drei christliche Kirchen und drei von Touristen frequentierte Luxushotels an. Etwa 35 der Toten sind Ausländer, u.a. aus den USA, aus europäischen Ländern, China und Japan.

Die drei Kirchen (St. Antonius in Colombo, St. Sebastian in Negombo nördlich der Hauptstadt und die Zeon Church in Batticaloa an der Ostküste der Insel) waren wegen der Ostersonntags-Gottesdienste brechend voll. Durch die Explosionen wurden die Dächer weggerissen, die Trümmer waren übersät mit Leichenteilen. Die Krankenhäuser, vor allem in Negombo, wo es die meisten Todesopfer gab, waren überfordert mit der Masse an Verletzten. Viele der Verwundeten befinden sich noch in kritischem Zustand.

Bergung von Leichen in der Kirche St. Sebastian

Die drei Luxushotels (das Shangri-La, das Cinnamon Grand und das Kingsbury) befinden sich alle in Colombo. Mehrere Stunden später forderten zwei weitere Explosionen in der Hauptstadt weitere Todesopfer. Bei einer davon, im Vorort Dehiwela, gab es zwei Tote; bei der zweiten in Dematagoda wurden sieben Menschen getötet, darunter drei Polizeibeamte.

Die Socialist Equality Party von Sri Lanka verurteilt diese barbarischen Morde an unschuldigen Männern, Frauen und Kindern unmissverständlich. Unabhängig davon, wer für dieses schreckliche Verbrechen verantwortlich ist und welche Motive dahinter stecken, wird das politische Establishment die Tat ausnutzen, um den Staatsapparat zu stärken und weitere Angriffe auf demokratische Grundrechte durchzusetzen.

Die Regierung verhängte sofort eine landesweite Sperre von Social-Media-Seiten, darunter Facebook, Instagram, YouTube, Snapchat, WhatsApp und Viber, da diese angeblich zur Verbreitung von „Falschmeldungen“ benutzt wurden. Sie behauptete zwar, die Sperre sei nur vorübergehend, allerdings ist sie ein Teil von Regierungsmaßnahmen überall auf der Welt, um das Internet zu zensieren, so dass nur von der Regierung abgesegnete Nachrichten jederzeit verfügbar sind.

Bisher hat noch keine Organisation oder Einzelperson die Verantwortung für die Terroranschläge übernommen. Der Verteidigungs- und Medienminister Ruwan Wijewardena behauptete, die Regierung kenne die „Identität der Täter“, ging jedoch nicht näher darauf ein. Die Polizei hat dreizehn Personen verhaftet, ihre Identität jedoch nicht enthüllt. Auch die Art der Bombenanschläge ist nicht klar, allerdings deutet einiges darauf hin, dass Selbstmordattentäter beteiligt waren. Die Regierung macht am Montag offizielle die islamistische Gruppierung National Thowheeth Jama'ath (NTJ) verantwortlich.

Agence France-Presse berichtete, die srilankische Regierung und die Polizei hätten zehn Tage zuvor eine Warnung erhalten, dass Selbstmordattentate auf bekannte Kirchen geplant seien. In der Warnung des Geheimdienstes an hohe Polizeibeamte hieß es: „Ein ausländischer Geheimdienst hat uns mitgeteilt, dass die NTJ Selbstmordanschläge auf bekannte Kirchen und die indische Auslandsvertretung in Colombo plant.“

Obwohl die Warnung sehr spezifisch war und die Osterfeiertage wegen der vollen Kirchen ein offensichtliches Ziel sind, haben weder Polizei noch Regierung die Öffentlichkeit vor den drohenden Anschlägen gewarnt. Ebenso wenig gibt es Hinweise darauf, dass die Polizei irgendetwas unternommen hätte, um die Anschläge zu verhindern.

Premierminister Ranil Wickremesinghe gab am Sonntag zu, dass eine Warnung von einem nicht genannten ausländischen Geheimdienst vorlag. Er behauptete jedoch, er und seine Minister hätten nichts über diese Warnung gewusst. Er kündigte an, es werde eine Untersuchung geben, ob „den Informationen ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt wurde“.

Die NTJ ist eine islamistische Organisation aus Sri Lanka, der man Beziehungen zu islamischen Extremisten im Rest der Welt nachsagt. Momentan kann man jedoch auch andere Möglichkeiten nicht ausschließen.

Das politische Establishment in Colombo, das drei Jahrzehnte lang einen brutalen Krieg gegen die separatistischen Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) geführt hat, unterhält enge Beziehungen zu singhalesischen buddhistisch-chauvinistischen Gruppen. Diese haben in der Vergangenheit immer wieder Anschläge auf Christen, Kirchen und die tamilische und muslimische Minderheit der Insel verübt. In vielen Fällen hat die Polizei solche Anschläge ignoriert.

Die Regierung versucht verzweifelt, die wachsende Wut über die Bombenanschläge abzulenken. Wickremesinghe deutete an, Präsident Maithripala Sirisena sei verantwortlich, weil er nichts unternommen hat, um die Anschläge zu verhindern. Sirisena hat letzten Dezember das Justizministerium übernommen, dem auch die Polizei untersteht. Dies war Teil eines erbitterten Konkurrenzkampfs zwischen ihm und dem Premierminister. Der Präsident hat in seiner zusätzlichen Funktion als Verteidigungsminister bereits die Kontrolle über die drei Waffengattungen der Armee.

Die Opposition unter Führung des ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapakse verurteilte die Anschläge vom Samstag, machte jedoch die Regierung dafür verantwortlich. Rajapakses Regierung war allerdings verantwortlich für das brutale Ende des Kriegs gegen die LTTE. Während der letzten Militäroperationen wurden Zehntausende Zivilisten getötet und Hunderte Menschen von Todesschwadronen aus dem Umfeld des Militärs verschleppt.

Rajapakse hat die „Kriegshelden“ gegen alle Vorwürfe verteidigt, sie hätten Kriegsverbrechen begangen, und setzt bei seinem Versuch an die Macht zurückzukehren auf die Unterstützung des Militärs. Am Sonntag erklärte er, die Anschläge seien eine „schreckliche Konsequenz, die unschuldige Menschen zu tragen haben, weil die Regierung die Geheimdienstmitarbeiter und die Offiziere der drei Waffengattungen paralysiert hat“.

Doch sowohl die Regierungs- als auch die Oppositionsparteien sind für den kommunalistischen Krieg gegen die tamilische Minderheit und die enorme Ausweitung des Militär- und Staatsapparats sowie der Polizeistaatsbefugnisse verantwortlich. Die Regierung wird die Bombenanschläge vom Sonntag zweifellos benutzen, um ihr Anti-Terror-Gesetz durchzusetzen, welches den berüchtigten Prevention of Terrorism Act ersetzt, aber den Großteil seiner umfassenden undemokratischen Vollmachten beibehält.

Sirisena und Wickremesinghe riefen die Bevölkerung in getrennten Stellungnahmen auf, „ruhig“ zu bleiben, während die Sicherheitsmaßnahmen in Kraft gesetzt werden – nach den Anschlägen. Abgesehen von der Sperrung der sozialen Netzwerke wurden in Colombo Spezialeinheiten der Polizei eingesetzt, um u.a. den Bahnhof und den Katunayake International Airport zu bewachen. Mehrere Hundert Soldaten wurden auf die Straßen Colombos geschickt, außerdem wurden eine Ausgangssperre und der Notstand verhängt.

Die Polizei mit Wasserwerfern nahe dem National Hospital

Am Sonntag beeilten sich internationale Staatsoberhäupter, die Terroranschläge zu verurteilen. US-Präsident Donald Trump verurteilte die „schrecklichen Terroranschläge“, äußerte seine „von Herzen kommende Anteilnahme“ und erklärte, die USA seien „bereit zu helfen“. Auch die britische Premierministerin Theresa May verurteilte die Anschläge und erklärte „die Gewalt als wahrlich erschreckend.“ Der indische Premierminister Narendra Modi erklärte: „In unserer Region gibt es keinen Platz für solche Barbarei.“

Die Heuchelei kennt keine Grenzen! Die USA und ihre Verbündeten sind für die verbrecherischen Kriege im Nahen Osten, Zentralasien und Nordafrika verantwortlich, die die islamistischen Extremisten stark gemacht haben, die möglicherweise auch für die Bombenanschläge am Sonntag verantwortlich waren. Washington hat mehrere aufeinander folgende Regierungen in Colombo unterstützt, die einen brutalen Krieg auf der Insel geführt haben, durch den die kommunalistischen Spannungen und der Hass entstanden sind. Die sri-lankische Elite schürt und manipuliert diese Spannungen und diesen Hass weiterhin.

Angesichts der zunehmenden Kämpfe der Arbeiterklasse schüren die herrschenden Klassen der Welt Fremdenfeindlichkeit und fördern bewusst faschistische Parteien und Organisationen. Letzten Monat erschoss der australische Faschist Brenton Tarrant 50 Menschen in Moscheen im neuseeländischen Christchurch, darunter Frauen und Kinder. Obwohl Tarrant Beziehungen zu rechtsextremen Kreisen in aller Welt hatte, behaupten Polizei und Geheimdienste, sie seien nicht vorgewarnt gewesen. Die Regierung in Wellington hat dem Internet die Schuld gegeben und zensiert Websites.

Die Regierung in Sri Lanka wird die Anschläge von Sonntag für die gleichen Zwecke benutzen. Im vergangenen Jahr gab es eine Welle von Streiks der Arbeiter und Proteste von Studenten, Bauern und Armen gegen die Austeritätsmaßnahmen der Regierung. Die Polizeistaatsmaßnahmen, die unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung eingeführt werden, werden unweigerlich gegen die Arbeiterklasse eingesetzt werden.

 

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