University of Cambridge: Akademiker und Studenten protestieren gegen Vergabe eines Forschungsstipendiums an Eugeniker Noah Carl – Teil 1

Von Thomas Scripps
20. April 2019

Diese Artikelserie erschien im Dezember 2018 in englischer Sprache, als Noah Carl an die Cambridge University berufen wurde. Die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) in Großbritannien organisierten am 23. Februar 2019 eine Veranstaltung gegen die Propagierung von Eugenik.

Die Ernennung Noah Carls für ein prestigeträchtiges Forschungsstipendium an der Cambridge University hat große Empörung ausgelöst. Fast 600 Akademiker und 900 Studenten hatten im Dezember letzten Jahres eine Petition unterschrieben, die Carls „ethisch suspekte und methodisch fehlerhafte“ Forschung verurteilt. Diese würde rassistische Stereotypen legitimieren und „von extremistischen und rechtsextremen Medienkanälen benutzt, um fremden- und migrantenfeindliche Rhetorik zu schüren“.

Die Petition forderte die Universität dazu auf, die Gewährung des Stipendiums zu überdenken und eine Stellungnahme zu veröffentlichen. Darin sollte sie „sich von seiner Forschung distanzieren, die versucht, einen Zusammenhang zwischen Rasse, Genen, Intelligenz und Kriminalität herzustellen, um das eine vom anderen abzuleiten“.

Cambridge kündigte an, zwei Untersuchungen einzuleiten. Unterdessen erhielt Carl die volle Unterstützung von einem großen Teil der rechten Presse. Unabhängig davon, wie die Sache für seine weitere Karriere ausgeht, ist seine Ernennung Ausdruck eines Rechtsrucks in der akademischen Welt, der mit dem Niedergang in der offiziellen bürgerlichen Politik zusammenhängt.

Carl hat in den ersten Jahren seiner akademischen Laufbahn für die Oxford University gearbeitet. In dieser Zeit verfasste er 34 Paper, von denen viele seine eigene rechte Politik untermauern. Unter seinen „Gefällt mir“-Angaben auf Facebook finden sich unter anderem Enoch Powell, der 1968 die berüchtigte „Ströme von Blut“-Rede gegen Einwanderer hielt. Desweiteren der ultrarechte Tory-Politiker Jacob Rees-Mogg, der rechtsextreme Brexit-Hardliner Nigel Farage und der ehemalige britische Außenminister Boris Johnson. Ein von Carl 2016 verfasster Artikel trägt die Überschrift: „Die Opposition in der Bevölkerung gegenüber Einwanderern verschiedener Nationalitäten korreliert stark mit ihrer Verhaftungsrate“. Darin argumentiert er, dass die immigrantenfeindlichen Einstellungen in Bezug auf die Kriminalität „ziemlich genau“ sind. Darauf folgte 2017 ein Artikel mit dem Titel: „Basiert die Schwerpunktsetzung in der Einwanderungspolitik auf zutreffenden Stereotypen?“

In dem Aufsatz „Eine globale Analyse Islamistischer Gewalt“ behauptet Carl, dass ein großer „Anteil von Muslimen in der Bevölkerung“ die Ursache für eine erhöhte Gefahr von Terroranschlägen sei. In „Ethnizität und Wahlfälschung in Großbritannien“ stellt er eine Verbindung zwischen der Eheschließung unter Blutsverwandten und Wahlfälschung in pakistanischen und bengalischen Gemeinschaften her.

Ein anderer Artikel trägt den Titel: „IQ und sozio-ökonomische Entwicklung in Gemeinden Großbritanniens“.

Als häufigste Co-Autoren von Carls Artikeln gibt ResearchGate unter anderem Heiner Rindermann, Richard Lynn und Emil Kirkegaard an.

Rindermann ist der Autor von Kognitiver Kapitalismus, in dem postuliert wird, dass globale Ungleichheit aus genetischen und ethnischen Unterschieden in der Intelligenz resultiert. Er ist Inhaber der Professur für Pädagogische und Entwicklungspsychologie an der TU Chemnitz, der Stadt, in der im vergangenen August über 7000 Neonazis randalierend durch die Straßen zogen. Seine Arbeiten werden auf den rechtsextremen Webseiten VDARE, The Unz Review und New Observer promotet. Ein Artikel mit dem Titel „Ingenieure auf Realschulniveau” warnt vor der Verwässerung deutscher Intelligenz durch Einwanderer. Darin wird behauptet: „Der Bildungsstandard der meisten Einwanderer aus Vorderasien und Afrika ist niedrig, ihre Fähigkeiten sind limitiert. Die Folgen werden bitter sein.“

Emil Kirkegaard ist ein dänischer „White supremacist“. Er behauptet, es gäbe unterschiedliche rassische „Stufen“, und tritt für ein Verbot muslimischer Einwanderung ein, weil diese „selbstzerstörerisch“ für das Gastland sei. Er hat ein Foto von sich veröffentlicht, in dem er den Hitler-Gruß empfängt mit der Überschrift „Es wird einen Erben des Führers geben“. Er behauptet auch, dass Geschlechtsverkehr mit schlafenden Kindern eine Kompromisslösung für Pädophilie sei.

Lynn hat Kirkegaards „ausgezeichnete Arbeit bei der Bestimmung der Gene, die für eine unterschiedliche Intelligenz der Rassen verantwortlich sind“, gelobt. Lynn, ehemaliger emeritierter Professor für Psychologie an der Ulster Universität hat dazu aufgerufen, „die Bevölkerung von inkompetenten Kulturen“ „allmählich auslaufen“ zu lassen. Er ist Leiter der „Pioneer“-Stiftung, die vom Southern Poverty Law Center als „hate group“ (volksverhetzende Gruppe) gelistet wird.

Carls Beförderung folgt auf einen Skandal im Januar dieses Jahres, nachdem herauskam, dass James Thompson, Honoraprofessor an der University College London (UCL), die eugenistische Konferenz London Conference on Intelligence (LCI) auf dem Campus abhielt. Thompson, dessen Forschung Unterschiede genetischer Intelligenz zwischen Geschlechtern, politischen Ausrichtungen und Ethnizitäten ausmachen will, hat mehrere jährlich stattfindende LCI Konferenzen auf dem UCL Campus organisiert. Carl, Rindermann und Kirkegaard waren regelmäßig als Teilnehmer und Redner anwesend.

Zum LCI-Skandal schrieb die World Socialist Web Site damals: „Eugenik wird in der akademischen Welt und in der Politik gefördert, weil sie im Dienst bestimmter sozialer Interessen steht.“ Sie rechtfertigt soziale Ungleichheit und rechtsextreme Ideologie. Thompson wurde stillschweigend in den Ruhestand versetzt, während die im Januar angekündigten Ermittlungen der UCL zu keinen Ergebnissen führten. Fast 12 Monate später wurde Carl nicht nur verteidigt, sondern sogar befördert – indem ihm ein prestigeträchtiges Forschungsstipendium an einer der renommiertesten akademischen Institutionen der Welt gewährt wurde.

Es gibt nicht die geringste Spur akademischer Glaubwürdigkeit für die sozial-darwinistischen Ideen Carls und seiner pseudowissenschaftlichen Kollegen. Zuallererst gibt es keine ernsthafte Grundlage für die Behauptung, es gäbe unterscheidbare und definierte „Rassen“. Wie der Genetiker und 10-jährige Herausgeber von „Nature“, Adam Rutherford, zu Carls Schriften erklärt „Sobald man anfängt über schwarze Menschen und IQ zu sprechen hat man ein Problem, weil „schwarze Menschen“ genetisch betrachtet keine homogene Gruppe sind. [...] Genetisch unterscheiden sich zwei Menschen afrikanischer Herkunft wahrscheinlich deutlich stärker voneinander, als sie sich jeweils von jemandem woanders auf der Welt unterscheiden.“

Menschengruppen die eine hohe Anzahl an genetischem Erbgut teilen (in der Wissenschaft spricht man von „Bevölkerungsgruppen”) stimmen nicht mit den Kriterien von „Rasse“ überein, die von Carl, Lynn und ihresgleichen verwendet werden.

Ohnehin ist die bei allen Menschen vorkommende (Gen)Variation insgesamt betrachtet bemerkenswert gering im Vergleich zu anderen Säugetieren, was auf den relativ jungen Ursprung der Spezies zurückzuführen ist.

Die Andeutung, dass hochkomplexe geistige Eigenschaften bei verschiedenen Gruppen sich ähnlich wie Merkmale wie z.B. Hautfarbe unterschiedlich entwickeln könnten ist gleichermaßen falsch. Einzelne Genmutationen beeinflussen viele wohlbekannte, kennzeichnende Merkmale. Dagegen hängt eine etwaige genetische Komponente, die die Intelligenz oder das Verhalten eines Individuums beeinflusst, potenziell von tausenden von Genen ab.

Darüber hinaus wird die Rolle, die Gene bei der Entwicklung eines Menschen spielen, von der Gesellschaft ganz zu schweigen, von einer Vielzahl sozialer Faktoren in den Schatten gestellt. Die Eugenik führt alles von unterschiedlichen Bildungsniveaus hin zur Arbeitslosigkeit und Kriminalität – Phänomene, die überwiegend das Produkt einer Gesellschaft sind, die auf Klassenausbeutung und imperialistischer Ausbeutung basiert – auf genetische Ursachen zurück. Dies tut sie fast ausnahmslos um politische Ziele zu verfolgen.

Viele von Carls Artikeln wurden auf der OpenPsych Webseite von Kirkegaard publiziert, um das Peer-Begutachtungssystem zu vermeiden. Seine Redakteure und Gutachter kommen fast alle aus dem rechten Milieu und verfügen häufig nicht über die erforderlichen Qualifikationen in den Feldern, die sie betreuen. Mehr als die Hälfte der Artikel auf der Webseite hat Kirkegaard verfasst oder mitverfasst.

Der Mitbegründer von OpenPsych ist Davide Piffer – ein weiterer pseudo-wissenschaftlicher Forscher der einst behauptet hat, er habe übernatürliche Kräfte – der am von Richard Lynn etablierten Ulster Institute for Social Research (UISR) ansässig ist. UISR wird von Lynns Pioneer Fund gefördert und ist Herausgeber des gleichermaßen unseriösen Mankind Quarterly, das regelmäßig Kirkegaards Schriften publiziert. Hier handelt es sich um ein Netzwerk rechtsextremer Ideologen, die, wie sie zu Recht bezeichnet wurden, „Pseudo-Zeitschriften“ gegründet haben, in denen sie ihre Arbeiten veröffentlichen und gegenseitig „kritisieren“.

Sie konnten erfolgreich arbeiten und zugleich Führungspositionen im akademischen Raum besetzen. Carl hat einen Bachelor, Master und PhD an der Oxford University absolviert und anschließend als Postdoktorand am dazugehörigen Nuttfield College geforscht. RationalWiki zufolge wurde zu dieser Zeit das College informiert, dass Carl seine Oxford Email-Adresse unter Arbeiten angab, die in Kirkegaards Openpsych „Zeitschriften“ publiziert wurden. Oxford wies ihn an, die Email-Adresse zu entfernen, distanzierte sich von seinen Ansichten und ließ die Sache auf sich beruhen.

Thompson hat rassistischen, fanatischen Unfug im Namen der Wissenschaft jahrelang als Honorarprofessor an der UCL publiziert. Rindermann ist Inhaber eines Lehrstuhls an der Technischen Universität in Chemnitz. Lynn hat seine Position als emeritierter Professor an der Ulster Universität dieses Jahr verloren, weil Studentenproteste die Universität zwangen ihn zu entlassen. Er ist weiterhin an der Redaktion von Personality and Individual Differences und Intelligence beteiligt – Zeitschriften die vom angesehenen Elsevier Herausgeber publiziert werden.

Zu diesen Namen kann noch Adam Perkins hinzugefügt werden – ein weiterer LCI-Sprecher, der als Professor am King’s College in London arbeitet. Perkins hat ein Buch namens The Welfare Trait verfasst. Darin argumentiert er, dass die Abhängigkeit von Arbeitslosengeld herausgezüchtet werden kann, indem man Zahlungen reduziert, bis die Geburtenrate in Arbeitslosenhaushalten zurückgeht.

Wir haben es hier nicht mit dem einen oder anderen faulen Apfel zu tun. Ideen von genetisch determinierter Minderwertigkeit – sowohl rassisch als auch bezüglich der sozialen Klasse – haben in der akademischen Welt Fuß gefasst.

Wird fortgesetzt

 

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