Pariser Kathedrale Notre-Dame von Großbrand verwüstet

Von Alex Lantier
17. April 2019

Am Montagabend verwüstete ein verheerender Großbrand die Pariser Kathedrale Notre-Dame, das mit 14 Millionen Besuchern pro Jahr meistbesuchte Kulturdenkmal der Stadt. Das Feuer brach um 18:50 Uhr Ortszeit im hölzernen Dachstuhl der Kathedrale aus. Etwa eine Stunde später stürzte der Spitzturm ein, danach der Rest des Dachs. Eine hohe und dichte, gelbliche Rauchsäule aus der brennenden Kathedrale legte einen Schatten über die Stadt.

Als der Brand ausbrach, evakuierte das Personal rasch die anwesenden Touristen, während die Sicherheitskräfte die an die Île de la Cité angrenzenden Viertel räumten. Als sich die Flammen in der Kathedrale ausbreiteten und um etwa 21 Uhr den Nordturm erreichten, erklärte der stellvertretende Innenminister Laurent Nunez in einem Kommuniqué, man könne nicht garantieren, dass die Bausubstanz der Kathedrale zu retten sei. Doch um 23 Uhr gab die Feuerwehr bekannt: „Die Bausubstanz von Notre-Dame ist gerettet und weitgehend erhalten.“

500 Feuerwehrleute kämpften bis spät in die Nacht gegen die Flammen. Einer von ihnen wurde verletzt. Im Inneren der Kathedrale herrscht aufgrund des geschmolzenen Bleis aus dem eingestürzten Dach weiterhin unerträgliche Hitze.

Um etwa 23 Uhr eröffnete die Pariser Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen „fahrlässiger Brandstiftung“. Die Möglichkeit, dass der Brand bewusst gelegt worden ist, wurde damit offenbar ausgeschlossen. Zu dem Zeitpunkt, an dem das Feuer ausbrach, gab es umfangreiche Instandsetzungsarbeiten am Dach, wo man ein großes Gerüst errichtet hatte. Eine Quelle aus dem Umfeld der juristischen Ermittlungen erklärte, die Ermittler konzentrierten sich beim derzeitigen Stand der Untersuchung auf die Möglichkeit, dass bei den Arbeiten versehentlich ein Feuer ausbrach.

Millionen von Menschen in Frankreich und der Welt reagierten erschüttert auf die Zerstörung eines Gebäudes, dessen Bau 1153 begann und zwei Jahrhunderte dauerte, und das jetzt ein Teil des Weltkulturerbes der gesamten Menschheit ist.

Tausende von Menschen zogen am Montagabend in die Pariser Stadtviertel nahe der Kathedrale. Eine Frau erklärte unter Tränen gegenüber BFM TV: „Ich bin Zeugin einer Katastrophe. Ich bin nicht besonders religiös, aber das ist ein Symbol unserer schönen Stadt. Sie ist ohnehin in keinem guten Zustand, deshalb macht mich das sehr traurig.“

Der britische Tourist Sam Ogden, der nach Paris gekommen war, um die Kathedrale zu besuchen, sagte: „Das ist wirklich traurig; das Traurigste, was ich je im Leben gesehen habe.“

Es ist noch unklar, wie stark die zahllosen Kunstwerke beschädigt wurden, die von Hunderten Millionen Menschen aus der ganzen Welt besucht und fotografiert wurden. Darunter befanden sich drei Fensterrosen aus Buntglas aus dem 13. Jahrhundert, drei Orgeln, darunter die berühmte Hauptorgel mit fünf Manualen, 109 Registern und fast 8.000 Pfeifen. Ebenfalls unklar ist, welche Auswirkungen die starke Hitze auf die bauliche Unversehrtheit der Steine hat, aus denen die Kathedrale gebaut wurde.

Die Trauer über den Verlust für die Menschheit durch den Brand erinnert unweigerlich an andere Tragödien wie die Plünderung des irakischen Nationalmuseums unter den Augen der Nato-Besatzungstruppen nach dem völkerrechtswidrigen Überfall 2003 oder den Brand im brasilianischen Nationalmuseum im letzten Jahr. Aufgrund der Austeritätsmaßnahmen der brasilianischen Regierung fehlten in dem Museum in Rio die notwendigen Brandschutzmaßnahmen. Die Feuerwehr musste ohne Leitern und ohne einsatzbereite Hydranten versuchen, das Feuer zu löschen.

Luftaufnahme des Brandes von Notre-Dame

Es ist momentan schwer zu verstehen, wie die Kathedrale Notre-Dame einem solchen Brand wehrlos ausgeliefert sein konnte. Dass die Türme und Dächer französischer Kathedralen anfällig für Brände sind, ist seit Jahrhunderten bekannt. In den Kathedralen von Reims und Chartres kam es 1481 bzw. 1506 zu ähnlich schweren Bränden.

Notre-Dame blieb nicht nur im Mittelalter und der Renaissance von Großbränden verschont, sondern auch während der Französischen Revolution und der Pariser Kommune, als Pariser Arbeiter beim Aufstand gegen die Kirche das Gebäude attackierten. Auch die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts überstand sie unbeschadet.

Trotz der immensen technologischen Fortschritte, die die Menschheit im 21. Jahrhundert gemacht hat, wurde die berühmte Kathedrale in diesem Jahrhundert von einem Brand verwüstet. Angesichts einer Haushaltspolitik sowohl in Frankreich als auch in ganz Europa, die nur aus Austerität und Steuersenkungen für die Reichen besteht, muss man sich ernsthaft fragen, ob mehr Geld für die Renovierung von Notre-Dame und für Brandschutzmaßnahmen das Feuer verhindert oder zumindest eingedämmt hätten, das schließlich das ganze Gebäude verwüstet hat.

Der Spitzturm von Notre-Dame stürzt ein

Es blieb US-Präsident Donald Trump überlassen per Twitter vorzuschlagen, mit Tankflugzeugen, wie sie auch bei Waldbränden eingesetzt werden, Wasser auf die Kathedrale abzuwerfen. Eine Äußerung, die eine schnelle scharfe Erwiderung der französische Generaldirektion für öffentliche Sicherheit nach sich zog: „Das Gewicht des Wassers und die Intensität des Abwurfs aus niedriger Höhe könnte die ganze Struktur von Notre-Dame instabil machen und Kollateralschäden an den umliegenden Gebäuden verursachen.“

Präsident Emmanuel Macron besuchte Notre-Dame gemeinsam mit Premierminister Edouard Philippe und der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Zuvor hatte Macron eine geplante Rede verschoben, in der er sich zu den Forderungen der Gelbwestenbewegung äußern wollte, die seit fünf Monaten gegen Macron, seine Austeritätspolitik und die wachsende soziale Ungleichheit protestieren.

Frankreich erhielt Solidaritätsbekundungen aus der ganzen Welt. Die deutsche, britische, türkische, italienische, spanische und portugiesische Regierung sowie der Vatikan und die City of London bekundeten allesamt ihr Bedauern. Macron hielt eine kurze und oberflächliche Rede vor der Kathedrale, in der er ihren Wiederaufbau versprach.

Momentan erscheint es wahrscheinlich, dass die Kathedrale mehrere Jahre lang für Reparaturen geschlossen bleiben wird.

 

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