Wie öffentliche Bildung durch staatlich sanktioniertes Profitstreben weltweit demontiert wird

Von Erika Zimmer
20. März 2019

The State, Business and Education dokumentiert das rapide Wachstum von Privatschulen auf Kosten der öffentlichen Bildung als globalen Prozess.

The State, Business and Education Public: Private Partnerships Revisited

Milliardäre, einflussreiche Organisationen wie die Weltbank, globale Technologiekonzerne, sogenannte Denkfabriken und nationalstaatliche Regierungen arbeiten gemeinsam daran, das grundlegende soziale Recht auf universelle und kostenlose öffentliche Bildung durch ein gebührenpflichtiges System zu ersetzen.

Die in diesem Sammelband enthaltenen Studien beleuchten verschiedene Formen gegenwärtiger Privatisierung. Dazu gehören Public Private Partnerships (PPP), Gutscheinsysteme, Formen profitabler, gebührenpflichtiger Grundbildung sowie andere Arten staatlicher Unterstützung für den Privatsektor.

Die Beiträge beschäftigen sich insbesondere mit dem weitreichenden Einfluss des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank, der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (USAID), des britischen Ministeriums für Internationale Entwicklung (DFID) und anderen internationalen und bilateralen Trägern, die Privatisierungsstrategien verbreiten und finanzieren.

Dabei wird eine Entwicklung ersichtlich, bei der die Rolle des Staates zunehmend auf Fragen der Standardsetzung und der Erfolgskontrolle reduziert wird. Standardisierung, so die Autoren, war Voraussetzung, damit Unternehmen erfolgreich in den Bildungsmarkt eintreten konnten. Anschließend haben Großkonzerne Bildungsangebote fortschreitend modularisiert, um die Herstellungs- und Verbreitungskosten für ihre Produkte und Dienstleistungen zu senken und die Zahl ihrer Abnehmer zu vergrößern.

Die Autoren machen auf den zynischen Unterton aufmerksam, mit dem die zerstörerischen Bildungskonzepte verkauft werden, etwa mit Phrasen wie „dem Bekenntnis zur Inklusion, der Berücksichtigung von Diversität und der Vielfalt individueller Entwicklungsgänge“. Die Realität stellt sich als Massenproduktion für den Profit heraus. Unterricht nach Drehbuch, international abgestimmte Standards der Lernverfahren und vorgeschriebene Ergebnisse sowie ein Fokus auf Messbarkeit der Leistungen, das sind die Leitplanken dieses fabrikmäßigen Ansatzes.

Das Ziel dieses Buches mit Beiträgen von Wissenschaftlern und Bildungsfachleuten ist es, der Zerstörung „des internationalen und nationalen Engagements für das Recht auf freie und tiefgreifende Bildung“ entgegenzuwirken.

Die Socialist Equality Party (Australien) hat diesen Prozess anlässlich der Gründung ihres „Komitees für öffentliche Bildung“ („Committee for Public Education“) bereits sehr direkt analysiert: „Seit über dreißig Jahren haben die herrschenden Eliten im Weltmaßstab alles daran gesetzt, jede frühere Errungenschaft der Arbeiterklasse wieder zu kassieren. Der Angriff auf die öffentliche Bildung ist eine zentrale Komponente dieser sozialen Gegenrevolution. Der globale Bildungs-‚markt‘ von zurzeit schätzungsweise mehr als 4 Billionen Dollar wird neu aufgeteilt, um riesigen transnationalen Konzernen neue Profitchancen zu eröffnen. Öffentliche Ausgaben für Schulen und Universitäten werden als unerträgliche Verschwendung vorbei an den Konten bedeutender Finanzinstitute, großer Konzerne und der Ultra-Reichen betrachtet.“

The State, Business and Education stellt wertvolle Informationen und Einsichten bereit, wie sich dieser Angriff auf die öffentliche Bildung im Wesentlichen hinter dem Rücken der Bevölkerung entfaltet.

Ein Kapitel, das die Entwicklungen in Indien am Beispiel von Hyderabad beschreibt, stammt von Carole Anne Spreen, Privatdozentin an der New York University und Sangeeta Kamat, Professorin am Amherst College der Universität von Massachusetts. Ihr Ziel ist es, über die „faktische Demontage öffentlicher Bildung“ aufzuklären.

Die Strategie von Privatschulen mit niedrigen Gebühren

In Indien ist der Anteil Jugendlicher an der Gesamtbevölkerung im internationalen Vergleich extrem hoch, der Bildungshaushalt jedoch völlig unzureichend. Budgetkürzungen im öffentlichen Schulsystem haben Eltern, die verzweifelt auf der Suche nach hochwertiger Bildung waren, gezwungen, Privatschulen mit niedrigen Gebühren, sogenannte LFPS-Privatschulen (Low Fee Private Schools) auszuwählen. Da aktuell 37% der indischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben und sich noch nicht einmal die günstigsten Privatschulen leisten können, zielen Unternehmer, die die Privatisierungen vorantreiben, nun auf die Schichten knapp oberhalb der Armutsgrenze und verlangen Schulgelder, die im Durchschnitt 30% des Budgets dieser Familien verschlingen.

Zwei Akteure haben die sog. LFPS-Bewegung in Indien besonders stark vorangetrieben, wie die Autorinnen vermerken. Der eine ist James Tooley von der Universität Newcastle im Vereinigten Königreich, der dafür eintritt, den Staat ganz aus der Bildungsversorgung zu verdrängen. Der andere ist Pearson, der weltweit größte Bildungsdienstleister. Pearson operiert in Indien durch den Pearson Affordable Learning Fond (PALF), dessen Chefin Katelyn Donnelly verkündet, dass Indien der erster Markt sei, bevor man auf andere Märkte expandiere.

Hyderabad, bekannt als das Silicon Valley des Ostens, ist dazu offenbar das perfekte Testlabor. Über Jahrzehnte war es der „Technikstandort“ führender multinationaler Konzerne wie Google, Microsoft und Amazon. Nach der Finanzkrise von 2007–2008 bot sich Hyderabads gut entwickelte Softwarebranche und der dortige Überfluss an hoch qualifizierten Arbeitskräften als erste Wahl an, um Geschäfte im Bildungsmarkt auszubauen und zu optimieren.

Das Bildungsgeschäft mit mobilen Geräten wird für 2020 auf 75 Milliarden Dollar geschätzt, wobei der Markt für Lerntablets und Ähnliches 32 Milliarden Dollar wert sein soll. „IT-Lernanbieter stehen bereit, um von diesem Markt zu profitieren, einschließlich Pearson mit seinen Angeboten an Inhalten und Tests, oder Mobilnetzwerkbetreiber und Firmen, die Baukastensysteme und Computertablets bereitstellen“, schreiben Spreen und Kamat.

Der Profitjäger Bridge International Academies

Ein bedeutender Profitjäger in Asien und Afrika ist das Unternehmen Bridge International Academies (BIA), das als Großanbieter auf Skaleneffekte setzt. BIA wird von Pearson, den Milliardären Bill Gates, Mark Zuckerberg und Pierre Omidyar und von Organisationen der Entwicklungshilfe wie DFID-UK und der Weltbank finanziert. Seinen Anteilseignern verspricht es „große Gewinne durch schnelle Expansion bei geringem Aufwand an Ressourcen, sowie standardisierte und skalierbare Schulmodelle, bei denen die bereits bestehenden technologischen Investitionen der Anleger vorteilhaft eingesetzt werden können.“ Im Geschäftsbericht für die Investoren von 2015 wurden „Umsätze und Einnahmen von einer Milliarde Dollar im Zeitraum von zehn Jahren“ in Aussicht gestellt.

BIA gründet seine Prognosen auf eine geschätzte Zielgruppe von 800 Millionen Vorschul- und Grundschulkindern in Liberia, Kenia, und Indien, aus Familienhaushalten, die von weniger als 2 Dollar pro Tag leben und in denen 70 Prozent der Eltern „eine bessere Alternative“ als Schule suchen. In einem Bericht stellt BIA Spielräume für einen „aggressiven, technologiegestützten, IT-basierten und modularisierten Forschungs- und Entwicklungsansatz“ heraus.

Die Autoren der neuen kritischen Studie erklären hingegen, dass „multinationale Technologiegiganten wie Microsoft, Dell, eBay und Facebook bedeutende Investitionen in diesem Sektor vornehmen, um den Markt in Schwung zu bringen und ein umfassendes Angebot an Produkten und Dienstleistungen bereitzustellen, einschließlich Datenverarbeitung, Prüfungsverfahren, Lehrplänen, Lehrerausbildung, Online-Kursen und virtuellem Unterricht, was schließlich den Staat als Bildungsanbieter überflüssig macht.“

Spreen und Karnat stellen fest, dass die avisierten technologiebasierten Neuerungen keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. Mehr noch, die genannten Technologiegiganten „ersetzen oder bieten dieselbe Art Dienstleistung an, die auch nationale Regierungen anbieten würden“ und „in vielfältiger Weise haben neue Bildungstechnologien den Bildungsalltag umgestaltet, den Lernzuwachs und die Lehrer-Lerner-Beziehungen auf einfach quantifizierbare und wiederholbare Abläufe reduziert sowie Bildungsfachleute von der individuellen Ausgestaltung ihres Bildungsauftrags entfremdet.“

Ganz im Gegensatz zu hochwertigen Bildungsangeboten operieren die „Privatschulen mit niedrigen Gebühren“ (LFPS) mit unausgebildeten und unqualifizierten Lehrern, die zu Niedriglöhnen völlig überfüllte Klassen unterrichten.

„Die meisten Gebäude sind nicht für mehrere hundert (und oft fast tausend Schüler) ausgelegt, also sind deren sanitäre Anlagen unzureichend. Hinzu kommen die üblen Gerüche in heißen, unbelüfteten und überfüllten Klassenräumen“, so berichten die Autoren. „Um die Schülerzahlen in die Höhe zu treiben, wurde jeder Raum als Klassenraum genutzt, sodass kein Platz für Labore, Sporthallen oder Bibliotheken übrig blieb. Oft waren Bereiche für Spiel und Sport einfach nicht vorhanden…

Anders als die Behauptungen der Befürworter der LFPS, die meinen, ihr Modell sei besser und innovativer und die Nutzung von Technologie sei ein Indikator für eigenständiges Arbeiten und Problemlösungen, haben wir beobachtet, dass es in diesen Schulen ganz schematisch zuging und die Didaktik einem Skript oder Tablet entnommen wurde.“

Ein weiterer Beitrag in dem Sammelband untersucht den Übergang der weltgrößten Nicht-Regierungsorganisation, der BRAC in Bangladesch, von einem Modell kostenlosen Unterrichts für die ärmsten Kinder, finanziert durch internationale Geber, hin zu einem Ansatz, bei dem die Eltern alles bezahlen müssen.

Die BRAC-Schulen brüsteten sich damit, „benachteiligten Kindern, die aus dem formalen Bildungssystem wegen extremer Armut, gewaltsamen Auseinandersetzungen, Vertreibung oder Diskriminierung ausgeschlossen worden sind, eine zweite Chance zum Lernen zu bieten.“ Sie operierten ursprünglich nach dem Konzept: „ein Raum, ein Jahrgang, ein Lehrer“. 65 % der Schüler waren Mädchen und 100 % der Lehrkräfte Frauen, lokal angeworben und nur zwei Wochen lang angelernt.

Dann änderte BRAC im Jahr 2016 den Bildungsansatz. Aus 20 Schulen eines Pilotprogramms, den sog. „Shishu-Niketon“-Schulen, gingen 7.390 solcher Schulen hervor. Shishu-Niketon-Schulen nahmen Schulgeld, wurden aber grundsätzlich ähnlich wie die BRAC-Schulen geführt. Wie die Autorin dieses Beitrags, Emily Richardson von der Colombia Universität schildert, sollte es 2018 keine BRAC Schulen mehr geben, während die Zahl der Shishu-Niketon-Schulen auf 15.000 ansteigen sollte.

Zwei andere Beiträge betonen das „besonders offensive“ Auftreten von Befürwortern der Privatschulen in „Ländern mit niedrigen Einkommen und solchen, die wegen humanitärer Krisen gefährdet sind“. Die Weltbank hat LFPS-Schulen in diesen Ländern vorangetrieben. „In ihrer Sektorstrategie für 2020 hat die Weltbank die LFPS als potentielle Partner für die Bereitstellung von Bildung in den Ländern des Südens identifiziert und insbesondere als wünschenswerte Option für sozial und wirtschaftlich benachteiligte Schüler.“ Es begann z.B. mit einem Weltbankdarlehen von über 10 Millionen Dollar an BIA, um deren Expansion in Kenia zu fördern.

Im Jahr 2016 hat laut eines Guardian-Artikels ein hohes Gericht in Kampala die Schließung von 63 BIA Schulen in Uganda angeordnet, nachdem nachgewiesen wurde, dass sie unausgebildete Lehrer eingesetzt hatten, eine unhygienische Lernumgebung aufwiesen und nicht ordnungsgemäß lizensiert waren.

Eine weitere Studie in diesem Buch beschäftigt sich damit, wie Befürworter der Privatisierung Katastrophenfälle als Gelegenheit für Experimente genutzt haben. In El Salvador wurde nach dem Bürgerkrieg ein Programm namens „schulbasiertes Management“ (SBM) aufgelegt, bei dem die Eltern Lehrer auf der Grundlage von Einjahresverträgen einstellen bzw. entlassen mussten. Das Management der Schulen beruhte dann in erheblichem Maße auf unbezahlter Elternarbeit.

Die Weltbank stellte daraufhin die Expansion dieses SBM-Konzepts sicher, indem sie Bedingungen an die Vergabe ihrer Darlehen knüpfte und damit erreichte, dass mehr als die Hälfte der ländlichen öffentlichen Schulen nach den Grundsätzen des SBM geführt wurden. Die Autoren Antoni Verger und Clara Fontdevila der Universität Barcelona sowie Adrian Zabcajo aus Belgien bewerten das so: „Dieses Experiment war ein wesentlicher Schritt zur weltweiten Verbreitung des SBM, obwohl es keine schlagkräftigen Beweise für die Erfolgswirksamkeit der SBM-Reformen gab.“

Tod durch tausend Kürzungen“ in den USA

Der vorletzte Beitrag beschäftigt sich in einem Kapitel unter der Überschrift „Tod durch tausend Kürzungen“ mit den USA. Joanne Barkan erklärt, dass Präsident Barak Obama mit seinem „Gipfelsturm“-Programm namens Race to the Top zum Hauptbefürworter sogenannter Charterschools wurde. Diese Schulen, die im Wettbewerb um staatliche Zuschüsse stehen, erhielten unter Obama einen erheblichen Anschub.

Barkan zeigt auf, dass Charterschulen, obwohl zahlenmäßig im gesamten Schulsystem vergleichsweise gering vertreten, „geografisch hoch konzentriert sind und eine erhebliche politische Bedeutung haben“. Sie zitiert aus Statistiken, wonach 92 % aller Primar- und Sekundarschüler in New Orleans Charterschulen besuchen, 53 % in Detroit und 45 % im Regierungs-‚District of Columbia‘ in und um die Hauptstadt Washington.

Die Autorin berichtet vom „mäßigen“ Bildungserfolg dieser Schulen und schreibt: „Sowohl die Leitungen der Charterschulen als auch deren sogenannte Gutscheinprogramme sind von Betrügereien gekennzeichnet. So etwas geschieht automatisch, wenn Regierungen mehrere Millionen Dollar ohne Überprüfung der Empfänger und ohne staatliche Aufsicht vergeben.“ Barkan weist auf einen weiteren Effekt der Gutscheinsysteme und Charterschulen hin: Sie vergrößern die soziale Ungleichheit und die Rassentrennung.

Die Herausgeber Gita Steiner-Khamsi and Alexandra Draxler stellen im einleitenden Kapitel folgende Frage: „Verstöße gegen geltendes Recht brachten Public-Private-Partnerships von Anbeginn ins Zwielicht, und jahrzehntelang wurden sie von Schulen fern gehalten. Warum also ist die Bildungsindustrie mit solcher Vehemenz zurückgekehrt?“

Diese Frage wird im Sammelband The State, Business and Education jedoch nicht beantwortet. Die darin ausgesprochenen Empfehlungen für „bessere und stärkere Regulierung“ verpuffen wirkungslos. Aus den Einzelbeiträgen wird nämlich deutlich, dass es reichlich gesetzliche Vorschriften gibt, diese aber von Profitjägern ohne strafrechtliche Konsequenzen ignoriert werden.

Die verheerenden Zustände, die in diesem Buch enthüllt werden, machen eines deutlich: Die demokratischen und egalitären Prinzipien, die die öffentliche Bildung eigentlich auszeichnen, sind unvereinbar mit der sich zuspitzenden Krise des kapitalistischen Profitsystems, die sich seit dem Börsenkrach von 2008 noch beschleunigt. Ein unstillbares Verlangen nach Gewinn seitens der Kapitalgesellschaften ist die treibende Kraft hinter den Angriffen auf das öffentliche Schulsystem. Die einzig mögliche Lösung besteht in einem globalen Kampf von Lehrkräften, Schülern, Eltern und der gesamten Arbeiterklasse für eine sozialistische Perspektive und ein entsprechendes Programm.

Letztendlich üben die Autoren dieses Bands keinerlei Kritik an der Rolle der Gewerkschaften bei der Demontage der öffentlichen Bildung. Wenn sie sich in mehreren Kapiteln kritisch zur Anstellung von „gewerkschaftsfreien Lehrern“ an Privatschulen äußern, dann, um zu unterstellen, dass Gewerkschaften die Interessen der Lehrer vertreten würden. In Wirklichkeit haben die Gewerkschaften grundsätzlich nichts gegen Privatisierungen einzuwenden und arbeiten mit nationalen Regierungen dabei zusammen, die Arbeitsbedingungen von Lehrern zu zerstören. In einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung der United Teachers Gewerkschaft von Los Angeles hat diese typischerweise ihre Forderung gegen die Expansion der Charterschulen zurückgezogen.

 

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