69. Berlinale: Hoffnung auf ein besseres Leben – drei türkische Filme

Von Bernd Reinhardt
16. März 2019

Wenn sich Lebensbedingungen ändern, verändern die Menschen oftmals auch ihr Verhältnis zu überkommenen kulturellen Traditionen. Die von Rassisten, aber auch von angeblich linken Identitätspolitikern beschworenen unüberbrückbaren kulturellen Unterschiede werden, näher betrachtet, von sozialen Gegensätzen überlagert. Während Rassismus gegenüber den ärmsten Migranten und Flüchtlingen immer stärker die offizielle Politik bestimmt, spricht aus den drei hier besprochenen türkischen Filmen der humanistische Geist von Aufklärung und Dialog: Jeder, egal welchen ethnischen, religiösen oder kulturellen Hintergrund er hat, soll das Recht auf ein besseres Leben haben.

A Tale of Three Sisters

A Tale of Three Sisters (Kız Kardeşler) © Liman Film.jpg

Der türkische WettbewerbsfilmA Tale of Three Sisters von Emin Alper spielt in einem entlegenen anatolischen Gebirgsdorf. Im Winter ist der schmale Fahrweg in die Stadt unpassierbar. Früher ernährte ein Kohlebergwerk die Einwohner. Seit der Stilllegung ist es einsam. Nur einige Alte steigen unter Lebensgefahr in den Stollen, um ausgekratzte Restkohle zu verkaufen. Die meisten Bewohner sind weggezogen. Der verwitwete Şevket (Müfit Kayacan) lebt mit drei Töchtern und dem Ehemann der ältesten Tochter Reyhan in einer engen Hütte ohne Strom.

Der Vater hatte, wie in armen Dorffamilien üblich, Reyhan (Cemre Ebüzziya) als Dienstmädchen zu einer reicheren Familie in die Stadt geschickt. Schwanger kam sie zurück. Die Zweitälteste Nurhan (Ece Yüksel) wurde von derselben Arztfamilie entlassen, als sie krank wurde. Dann preist Şevket dem Arzt die jüngste Tochter Havva (Helin Kandemir) als Arbeitskraft an, obwohl anzunehmen ist, dass bereits Reyhans uneheliches Kind von ihm ist. Bei einem Umtrunk im Gebirge, bei dem Reyhans Ehemann, der als Viehhirte kaum etwas verdient, den Arzt verzweifelt um die Vermittlung von Arbeit in einer Tankstelle anfleht, schwärmt dieser von der Erholsamkeit der malerischen Bergidylle, die für ihre Bewohner die Hölle bedeutet.

Die alten Steinhäuser wirken zeitlos. Aber etwas ist in Bewegung. Die meisten Bewohner sind weggezogen, und der traditionelle Respekt vor den Alten zeigt Risse. Was ist ein Dorfvorsteher ohne Dorfgemeinde und ein Familienoberhaupt, das die Familie nicht ernähren kann. Die Schwestern ordnen sich nur widerwillig dem Vater unter. Sie wollen aus der Armut hinaus. Türkische Frauen auf dem Dorf seien heute selbstbewusster als noch in den 1970er Jahren, so Alper. Sein Anliegen, Hoffnung auf ein besseres Leben zu zeigen, sei ein universelles Thema. „Viele Menschen weltweit hoffen auf ein besseres Leben.“ Die meisten Migranten, die alles daransetzten, in die EU zu gelangen, kämen aus den untersten Arbeiterschichten, seien Bürger zweiter Klasse, wenn überhaupt.

Wie hilflos erdrückende äußere Bedingungen Menschen machen können, verkörpert eindrucksvoll die Figur des Vaters. In der aussichtslosen Situation will er für seine Töchter das Beste, tut es auf die überlebte traditionelle Weise. Die mitunter märchenhafte Atmosphäre des Films erweckt den Eindruck, man lebe noch in Nachbarschaft mit Geistern. Reyhans Mann wittert überall Gefahr und fürchtet sich wie in alter Zeit vor dem strafenden Gott. Die anderen, die die Stadt kennengelernt haben, verspotten seine Einfalt. Eine andere Kultur? – Es ist einfach Armut.

Töchter zweier Welten

Töchter zweier Welten. © Berrakkarasu

Quasi eine Fortsetzung des Themas findet sich in dem sehenswerten Dokumentarfilm Töchter zweier Welten(1991) der deutsch-türkischen Filmemacherin Serap Berrakkarasu. Die 24-jährige Meral ist in einem türkischen Dorf geboren, aber in Deutschland aufgewachsen. Die Mutter ist, ihrer Generation entsprechend, stark von der Tradition des Heimatdorfs geprägt. Danach hat Meral Schande über die Familie gebracht, als sie den Ehemann durch Flucht verließ, den die Eltern nach Dorfsitte für sie ausgesucht hatten. Inzwischen lebt sie unverheiratet glücklich mit einem deutschen Mann zusammen.

Meral ist sehr offen vor der Kamera. Sie erklärt, dass sie sich überhaupt nicht vorstellen kann, so zu leben, wie die gleichaltrigen Frauen aus ihrem Geburtsdorf, die nichts anderes kennengelernt haben. Sie selbst kennt das Dorf nur von ihren Ferienaufenthalten. Die kulturellen Unterschiede verdeutlichen in den Film eingestreute Bilder einer traditionellen Dorfhochzeit. Wir erleben eine junge Braut, die am „schönsten Tag ihres Lebens“ sehr unglücklich zu sein scheint. Vermutlich wird sie sich in ihr Schicksal fügen – auch das gehört zur Tradition – und sich, eingebettet in das ländlich-konservative Umfeld, an den ungeliebten Mann gewöhnen. In Deutschland hätte sie sich vermutlich so verhalten wie Meral.

Ursprünglich beabsichtigte die Regisseurin, nur Meral auf die Leinwand zu bringen. Zu ihrer Überraschung äußerte die Mutter, auch ihren Standpunkt im Film vertreten zu wollen. Der Dialog zwischen den Generationen (der privat nie stattfand), war Mutter und Tochter so wichtig, dass sie bereit waren, ihn öffentlich und außerhalb der deutsch-türkischen Community auf der Kinoleinwand zu führen. Dass Töchter zweier Welten bis jetzt nicht öffentlich als DVD erhältlich ist, passt zum heutigen gesellschaftlichen Klima, das weniger von Dialog geprägt ist als von gehässigen staatlichen Angriffen auf „integrationsunwillige“ Einwanderer. Der Film plädiert dagegen für gegenseitigen Respekt, Vertrauen und Geduld, um eine Problematik wie die Zwangsehe erfolgreich anzugehen.

Oray

Oray (Deniz Orta und Zejhun Demirov) © Christian Kochmann, filmfaust

Wie leben deutsch-türkische Muslime in ihrer Religion? Der nachdenkliche Spielfilm Oray wurde mit einem Preis für den besten Debütfilm ausgezeichnet. Regisseur Mehmet Akif Büyükatalay ist in Deutschland aufgewachsen. Oray(Zejhun Demiro) heißt der junge Mann, der im Zorn unbedacht seine Frau Burcu (Deniz Orta) verflucht, was nach islamischem Recht dreimonatige Trennung bedeutet. Zum Islam fand der einstige Kleinkriminelle im Gefängnis. Er bemüht sich seitdem, andere zu einem ehrlichen Leben zu bewegen. Nach der Trennung kehrt er zur Familie nach Köln zurück, findet Wohnung und Arbeit. Er führt einen Roma in die islamische Gemeinde ein und hilft ihm später, aus der Gemeindekasse gestohlenes Geld diskret zurückzulegen.

Er selbst gerät in Schwierigkeiten. Mietschulden drücken und die Schulden bei seiner Frau. Er liebt sie nach wie vor. Inzwischen hat er aber mühsam in Köln Fuß gefasst, sie in Hagen, wo sie die Ausbildung abgeschlossen und eine sichere Arbeitsstelle in Aussicht hat. Immer stärker drängt sich ihm die Frage auf (sie verfolgt ihn bis in den Schlaf): Hat er den Fluch nicht doch dreimal hintereinander ausgesprochen, was Scheidung für immer bedeutet? Unter dem Vorwand, besonders reinen Herzens „Gottes Wille“ zu ergründen, benutzt er den Glauben, um seine Liebe zu verraten. In der Gemeinde ahnt man, dass bei Oray etwas nicht stimmt. Mehrmals fragt man ihn, ob er sicher sei. Es sei nicht Gottes Wille, Menschen, die sich lieben, zu trennen.

Vor dem Hintergrund der heutigen politischen Hetze gegen „Islamismus“ hebt der Film die Lebensnähe des Islam hervor. Es geht nicht um die Unterordnung unter starre, lebensferne Regeln. Das zeigen die Auseinandersetzungen im Film über ihre richtige Auslegung. Der Islam predigt (wie das Christentum) Nächstenliebe und grenzt sich von der Gier nach Reichtum ab. Oray sehnt sich nach echter Brüderlichkeit, nach Sauberkeit in den sozialen Beziehungen und einer kraftvollen Idee, die klar dafür einsteht. Wir sind radikal, erklärt er an einer Stelle: Himmel oder Hölle. Er verachtet die lauen staatlichen Integrationsmaßnahmen, wo Jugendliche lediglich Hip-Hop lernen.

Der Film deutet an, dass staatliche Versuche, islamische Gemeinden zu kriminalisieren, erst jenem Konservatismus Auftrieb geben, der die verlogen-hartherzige Welt des Reichtums als deutsches oder christliches Phänomen wahrnimmt. Im Film richtete sich das religiöse Wettern gegen die „Ungläubigen“ in erster Linie gegen die türkischen Anbeter des Geldes. (Im Kino ab 30.Mai)

 

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