Nach Abstürzen in Indonesien und Äthiopien: USA verhängen Flugverbot für Boeing 737-Modelle

Von Barry Grey
15. März 2019

Am Sonntag starben beim Absturz eines Passagierjets vom Typ Boeing 737 Max 8 alle 157 Insassen des Flugzeugs. Regierungen auf der ganzen Welt verhängten daraufhin Flugverbote für die gesamte Flotte der 737 Max. Am Mittwoch, drei Tage später, beendeten die USA ihren Alleingang und kündigten ebenfalls ein unbefristetes Flugverbot für die Maschinen an.

Präsident Trump kündigte dies am Mittwochnachmittag an. Einige Stunden zuvor hatte auch Kanada seine Entscheidung für ein Flugverbot bekanntgegeben, das bereits in ganz Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika in Kraft getreten war. Bis dahin war Kanada das letzte Land der Welt neben den USA, das diesen Schritt hinausgezögert hatte. Der kanadische Verkehrsminister Marc Garneau gab seine Entscheidung bekannt, nachdem Berichte ans Licht gekommen waren, laut denen Berufspiloten zwischen April und Dezember 2018 mindestens elf Beschwerden wegen der vor kurzem eingeführten 737 Max-Flugzeuge im Berichtssystem der amerikanischen Luftverkehrsbehörde eingereicht hatten.

Eine Boeing 737 MAX 9

Boeing und die US-Fluggesellschaften, zu deren Flotte die 737 Max gehört (Southwest Airlines, American Airlines und United), hatten zuvor behauptet, die Flugzeuge seien absolut sicher und sollten weiter fliegen dürfen. Auch die Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) unterstützte diese Position. Mittlerweile hat sie sich jedoch als unhaltbar erwiesen. Der Absturz am Sonntag ereignete sich sechs Minuten nach dem Start am Flughafen von Addis Abeba und war umso beunruhigender, weil er scheinbar genauso ablief wie der Absturz einer Boeing 737 Max 8 der indonesischen Lion Air im letzten Oktober. Die Lion-Air-Maschine stürzte acht Minuten nach dem Start vom Flughafen Jakarta ab, alle Passagiere und die gesamte Besatzung, insgesamt 189 Menschen, kamen dabei ums Leben.

Luftfahrtexperten glauben, dass das Flugzeug der Lion Air nach einem Hin- und Herpendeln zwischen Auf- und Abstieg in die Javasee gestürzt ist, weil ein automatisches Flugkontrollsystem, das auf den aktualisierten 737-Modellen installiert wurde, die Nase des Flugzeugs immer wieder nach unten geneigt hat und die Piloten es nicht abschalten konnten. Nach dem Absturz erklärten indonesische und amerikanische Piloten, niemand habe sie über das neue System informiert oder sie in dessen Anwendung ausgebildet.

Daraufhin kündigte Boeing ein Software-Update und eine Korrektur des Schulungshandbuchs für den Flugzeugtyp an. Diese werden jedoch erst im nächsten Monat verfügbar sein.

Der Vorstandschef von Ethiopian Airlines erklärte am Dienstag, der Pilot des abgestürzten Flugs 302, ein erfahrener Flugkapitän mit Tausenden Flugstunden, habe kurz nach dem Start den Flughafentower angefunkt. Er soll „Probleme bei der Flugkontrolle“ gemeldet und die Erlaubnis zur Rückkehr auf den Flughafen angefordert haben.

Der kanadische Verkehrsminister Garneau erklärte am Mittwoch, neue Satellitendaten zur vertikalen Geschwindigkeit des äthiopischen Jets beim Start und die entsprechenden Daten des Lion-Air-Absturzes hätten ähnliche „vertikale Fluktuationen“ und „Schwankungen“ gezeigt.

Trump erklärte später am Mittwochabend, das Flugverbot für die Boeing 737 Max 8 und Max 9 (eine längere Version des Flugzeugs, die von United eingesetzt wird) trete ab sofort in Kraft. „Die Sicherheit der amerikanischen Bevölkerung und aller Menschen ist unser oberstes Anliegen“, so Trump.

Das ist eine offensichtliche Lüge. Die Trump-Regierung hat die Flugzeuge noch mehrere Tage weiterfliegen lassen, während die restlichen Staaten der Welt Flugverbote gegen den Typ verhängten und ihnen den Zugang zu ihrem Luftraum verwehrten.

Boeing-Vorstandschef Dennis Muilenburg äußerte sich in seiner eigenen Stellungnahme ähnlich. Dabei ignorierte er, dass er noch am Dienstagabend, während die ganze Welt außer Kanada, den USA und Neuseeland die Flugzeuge verboten hatte, darauf beharrt hatte, dass sie absolut sicher seien und im Einsatz bleiben würden. Am Mittwoch vollzog er einen Kurswechsel und erklärte, das Unternehmen habe den „proaktiven Schritt“ unternommen, die 737 Max-Flugzeuge „höchst vorsorglich“ stillzulegen.

Trump, der Boeing und Muilenburg als Vorbilder der industriellen Stärke Amerikas unter dem Motto „America First“ gefeiert und dafür im Gegenzug von Muilenburg gelobt wurde, gab sich auch in seiner Ankündigung größte Mühe, das Unternehmen zu preisen. „Boeing ist ein unglaubliches Unternehmen“, erklärte er. „Sie arbeiten jetzt sehr, sehr hart und werden hoffentlich sehr schnell die Lösung finden. Aber bis dahin müssen die Flugzeuge am Boden bleiben.“

Die gemeldeten Beschwerden über die Flugleistung der 737 Max, die von US-Piloten in die Datenbank eingegeben wurden, sind äußerst aufschlussreich und beunruhigend. In einer davon meldete ein Flugkapitän einen Fehler des Autopiloten, der dazu führte, dass die Nase des Flugzeug nach unten zeigte, ähnlich wie es scheinbar bei den Abstürzen von Lion Air und Ethiopian Air geschah.

In einer weiteren Beschwerde eines ersten Offiziers heißt es, die Nase des Flugzeugs habe sich nach Einschalten des Autopiloten nach dem Start nach unten geneigt. Das Flugzeug konnte stabilisiert werden, nachdem der Autopilot ausgeschaltet wurde.

Im November 2018 bezeichnete ein Pilot es als „unverantwortlich“, dass Boeing, die FAA und die namentlich nicht genannte Fluggesellschaft Piloten erlaube, das Flugzeug ohne angemessene Ausbildung oder Dokumentation zu fliegen. Das Flughandbuch bezeichnete er als „unangemessen und auf beinahe kriminelle Weise unzureichend“. Weiter erklärte er, Teile des Flugsystems seien „in unserem Flughandbuch nicht beschrieben.“

Boeing hat unter Muilenburg eine gnadenlose Offensive zur Kostensenkung und zum Arbeitsplatzabbau sowie einen erbitterten Kampf um Märkte und Profite gegen das europäische Unternehmen Airbus begonnen. Die 737 Max-Serie wurde 2017 eingeführt, um mit dem kosteneffizienteren Airbus-Modell A320neo auf dem lukrativen Mittelstreckenflugmarkt konkurrieren zu können. Das Unternehmen behauptet, die 737 Max erfordere nahezu keine zusätzliche Ausbildung für Piloten, die bereits frühere 737-Modelle geflogen haben, sodass es für Fluggesellschaften billiger sei, sie in Dienst zu stellen.

Die 737 Max hat sich zum größten Verkaufsschlager in der 100-jährigen Firmengeschichte entwickelt und ist für bis zu 40 Prozent der steigenden Profite des Unternehmens verantwortlich. Weltweit sind bereits etwa 370 Flugzeuge des Typs im Einsatz, mehr als 70 davon in den USA; weitere 5.000 wurden bestellt. Der Aktienkurs von Boeing, der sich seit Trumps Wahlsieg im November 2016 verdreifacht hat, ist für 30 Prozent des Anstiegs des Dow Jones im gleichen Zeitraum um insgesamt 7.000 Punkte verantwortlich.

Als größter amerikanischer Exporteur übt Boeing immensen Einfluss auf das politische System aus. Die Lobbyisten des Unternehmens spenden große Beträge an beide Parteien. Zu den Empfängern gehört unter anderem die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi von den Demokraten. Letztes Jahr gab das Unternehmen fünfzehn Millionen Dollar für Lobbyarbeit aus und beauftragte mehr als ein Dutzend Lobbyfirmen. Der amtierende Verteidigungsminister Patrick Shanahan ist ehemaliges Vorstandsmitglied.

Die staatliche Aufsicht von Boeing und der ganzen Luftfahrtindustrie ist nach Jahrzehnten der Deregulierung kaum noch mehr als eine Farce. Die Abschaffung der staatlichen Kontrolle über die Fluggesellschaften und Hersteller begann während der Präsidentschaft des Demokraten Jimmy Carter mit der Verabschiedung des Airline Deregulation Act von 1978. Für diese Maßnahme hatte die liberale Ikone Edward Kennedy geworben. Seither wurde die staatliche Kontrolle immer weiter abgebaut, vorgeblich um zum Wohl der Verbraucher den Wettbewerb zu fördern. Diese Entwicklung hat zu einer Monopolbildung in der Luftfahrt geführt, mit der Folge, dass heute vier große Fluggesellschaften 80 Prozent des gesamten Flugverkehrs in den USA kontrollieren.

Vor allem in den letzten zehn Jahren – unter Bush, Obama, und jetzt noch offener unter Trump – wurden die staatlichen Regulierungsbehörden zu Vasallen und Beschützern der Industrie. Die aktuelle Verkehrsministerin Elaine Chao ist eine rechte Republikanerin und mit dem Mehrheitsführer im Senat Mitch McConnell verheiratet. Während George W. Bushs zwei Amtszeiten war sie Arbeitsministerin. In dieser Funktion war sie für die Aushöhlung von Gesundheits- und Sicherheitsbehörden wie der Mine Safety and Health Administration (MSHA) und der Occupational Health and Safety Administration (OSHA) verantwortlich.

Im Jahr 2005 führte die FAA ein neues Programm ein, durch das Flugzeughersteller wie Boeing in die Lage versetzt wurden, ihre eigenen Angestellten als „Bevollmächtigte“ der FAA zu ernennen. Diese sind dann dafür zuständig, die Sicherheit ihrer eigenen Verkehrsflugzeuge zu zertifizieren.

„Es ist eine sehr gemütliche Beziehung“, erklärte dazu Jim Hall, der ehemalige Chef des National Transportation Safety Board. „Der Hersteller wird praktisch gleichzeitig zum Inspekteur, weil die Regierung nicht in der Lage ist, diesen Job zu machen.“

 

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