Lehrerstreiks breiten sich über fünf Kontinente aus

Von Eric London
8. März 2019

Auf der ganzen Welt, in Dutzenden von Ländern, auf allen fünf Kontinenten, beteiligen sich Lehrer an einer Streikbewegung von beispiellosem internationalem Ausmaß.

Die Lehrer kämpfen überall für das gleiche Ziel, in Industrienationen wie in Entwicklungsländern: die Verteidigung des öffentlichen Bildungswesens. Sie gehören der gleichen Klasse an – der Arbeiterklasse – und haben die gleichen Feinde. Regierungen und Konzerne, die Privatisierungen und Kürzungen fordern; und die Gewerkschaften, die sie isolieren und verraten.

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Südamerika

Argentinien

Am Mittwoch beteiligten sich etwa eine Million Lehrer im ganzen Land am ersten Tag eines 72-stündigen Streiks für massive Gehaltserhöhungen und ein Ende der Privatisierungsbestrebungen durch die Regierung von Präsident Mauricio Macri. Ebenfalls am Mittwoch veranstalteten die Lehrer eine Großdemonstration auf der Plaza del Mayo in der Hauptstadt Buenos Aires.

80 Prozent der Lehrer verdienen so wenig, dass sie nicht über die Armutsgrenze hinauszukommen, darunter mehr als 100.000 aus dem Bundesdistrikt der Hauptstadt, wo mehr als 75 Prozent aller Kinder in Armut leben.

Die Regierung Macri hat nur eine minimale Erhöhung der Grundgehälter für neu eingestellte Lehrer von 12.000 auf 15.000 Pesos angeboten. Diese Summe liegt deutlich unter der Inflationsrate, die im Jahr 2018 47 Prozent betrug. Obwohl die Lehrergewerkschaften wissen, dass Macris Regierung den Forderungen der Lehrer nicht zustimmen wird, begrenzen sie den Streik auf drei Tage, damit die Regierung ihre Austeritätsmaßnahmen durchsetzen kann.

Brasilien

In Sao Paulo besetzten Anfang der Woche etwa 100 streikende Lehrer die regionale Bildungsbehörde und sprengten ein Treffen zwischen der Gewerkschaft und der Regierung, die gerade hinter verschlossenen Türen über Kürzungen der Gehälter und Pensionsansprüche verhandelten.

In São Paulo wird den streikenden Lehrern von offizieller Seite ihre Bezahlung verweigert. Außerdem droht man ihnen, sie durch Streikbrecher zu ersetzen. Der Bürgermeister von São Paulo Bruno Covas wurde vor kurzem dabei gefilmt, wie er Streikende auslachte, die ihn umzingelt hatten und ihr Gehalt forderten. Als Antwort darauf ließ er die Polizei mit Tränengas auf die Lehrer losgehen.

Kolumbien

Am 19. und 20. März werden etwa 300.000 Lehrer und Professoren landesweit gegen die Versuche der kolumbianischen Regierung von Ivan Duqué streiken, einen vom Internationalen Währungsfonds verfassten nationalen Entwicklungsplan durchzusetzen. Dieser sieht Kürzungen der Mittel für das öffentliche Bildungswesen, Schulbusse und die Gesundheitsversorgung innerhalb der Schulen vor.

Seit dem Jahr 2000 hat die Regierung die Pro-Kopf-Ausgaben für Studenten um die Hälfte gesenkt. Die finanzielle Unterstützung durch die Weltbank hat zur Entstehung von profitorientierten und privaten Universitäten geführt.

Afrika

Algerien

Während im ganzen Land Demonstrationen für den Rücktritt von Präsident Abdelaziz Bouteflika stattfinden, haben sich algerische Lehrer den Protesten an Universitäten angeschlossen und organisieren selbst spontane Streiks und Sitzblockaden.

Laut der Zeitung El Watan sind die Dozenten an der Universität Mouloud Mammeri in Tizi Ouzou am Dienstag „von sich aus“ aktiv geworden: „Die Dozenten begannen ihre Aktion mit einer Massenveranstaltung auf dem Campus, danach organisierten sie eine gemeinsame Demonstration mit Studenten, die sich auch an einem Sitzstreik vor der Zentralbibliothek beteiligten.“

Ähnliche Proteste fanden auch an anderen Universitäten statt. El Watan berichtete, dass Lehrer Anfang der Woche eine öffentliche Erklärung veröffentlichten, in der sie „die Universitätsdozenten aufriefen, am Dienstag an allen Universitäten Massenveranstaltungen abzuhalten. Sie werden sich jetzt der Bewegung anschließen, die einige Wochen zuvor von den Studenten ins Leben gerufen wurde.“

Elfenbeinküste

Zehntausende von Grund- und Vorschullehrkräften verweigerten den Befehl der Regierung, die Arbeit wieder aufzunehmen und setzten ihren kraftvollen, seit sieben Wochen andauernden Streik fort.

Koaci News berichtete am 4. März, dass die „Anweisung der zwölf verantwortlichen Gewerkschaftsorganisationen, dass der Streik der Grund- und Vorschullehrkräfte beendet werden soll, nicht befolgt“ worden sei. Die Anweisung habe „unter den Lehrern keine wohlwollende Reaktion“ hervorgerufen. Einen Tag zuvor hatte der Sprecher der Gewerkschaft ISEPPCI David Bli Blé die Lehrer aufgefordert, wieder an die Arbeit zu gehen und „den Verhandlungen mit der Regierung eine Chance zu geben.“

Die Lehrer fordern massive Gehaltserhöhungen und deutliche Erhöhungen der staatlichen Bildungsausgaben in einem der Länder mit der ausgeprägtesten sozialen Ungleichheit der Welt.

Kenia

Im siebtgrößten Staat Afrikas haben mehr als 180.000 Lehrer mehrfach für landesweite Streiks gestimmt. Sie protestieren gegen erzwungene Versetzungen von tausenden Lehrern an andere Schulen und fordern ein Ende der Leistungsbewertung sowie eine Gehaltserhöhung um 60 Prozent. Der Präsident der nationalen Lehrergewerkschaft (KNUT) Wilson Sossion hat in den letzten sechs Monaten mehrfach Streiks beendet.

Letzten August erklärte Sossion vor der Presse: „Zu Beginn dieses Schuljahres hätten die Lehrer die Arbeit niederlegen sollen. Allerdings haben wir beschlossen, den Streik auf Ende September zu vertagen, wenn wir uns mit der [staatlichen] Teachers Service Commission treffen, um strittige Fragen zu klären.“ Später sagte die KNUT zwei weitere Streiks ab; einer sollte im Dezember beginnen, der zweite im Januar.

Mali

Am Mittwoch demonstrierten zehntausende Lehrer im ganzen Land im Rahmen eines Streiks für Wohnkostenzuschläge, Gehaltserhöhungen und bessere Finanzierung der Schulen. Mali Presse berichtete, der anhaltende Streik habe „das malische Schulsystem lahmgelegt“, weswegen das ganze Jahr über der Unterricht ausfallen könnte.

Ein streikender Lehrer erklärte gegenüber Mali Presse: „Das ist ein Kampf, der vor drei Jahren begann. Diesmal werden wir nicht für Krümel wieder an die Arbeit gehen. Wir sind entschlossen.“

Südafrika

In ganz Südafrika wurden die Lehrer diesen Monat daran gehindert zu streiken, da sich mehrere Gewerkschaften weigerten, ihre Streikpläne zu akzeptieren. Laut Independent Online News hat die South Africa Democratic Teachers Union (SADTU) den Lehrern erklärt, der Streik „wäre illegal“. Auch die National Teachers Union bezeichnete den Streik als „unrechtmäßig“. Die Lehrer wollen für sicherere Arbeitsbedingungen in ärmeren Gebieten streiken, in denen Lehrer an ihrem Arbeitsplatz ermordet werden.

Nordamerika

Mexiko

Gegen die massiven Kürzungen der Regierung von Andrés Manuel López Obrador (AMLO) im Bildungsbereich formiert sich eine landesweite Streikbewegung der Lehrkräfte. Letzte Woche streikten die Lehrer an 13.400 Schulen im Bundesstaat Oaxaca, um den Präsidenten daran zu hindern, Teile des Privatisierungsplans seines Vorgängers Enrique Peña Nieto umzusetzen.

An den Wissenschaftlichen und Technischen Hochschulen streiken etwa 30.000 Lehrkräfte, weitere 60.000 werden diese Woche an den Bachelor-Hochschulen in fünfundzwanzig Bundesstaaten für zwei Tage die Arbeit niederlegen. Diese Streiks richten sich gegen AMLOs Plan, die Bildungsausgaben für Hochschulen im Bundeshaushalt um 500 Millionen Pesos (25,8 Millionen Dollar) zu kürzen.

Außerdem protestieren die Lehrkräfte gegen AMLOs Vorschlag, armen Müttern die Fördermittel für Kindertagesstätten um 46 Prozent zu kürzen. Auch an der Autonomen Städtischen Universität (UAM) und der Autonomen Universität Chapingo (UAC) findet seit mehreren Wochen ein Streik der Lehrkräfte statt.

Letzten Monat blockierten streikende Lehrer in Michoacán die Zugverbindung zwischen dem Zentrum der mexikanischen Autoindustrie und einer wichtigen Hafenstadt an der Pazifikküste.

Vereinigte Staaten

In den letzten Wochen haben die Lehrergewerkschaften versucht, die Arbeiter zu isolieren. Dazu verzögerten sie das Timing der Streiks für allgemeine Forderungen und setzten Etatkürzungen und Gehaltserhöhungen unterhalb der Inflationsrate durch. Dennoch sind Lehrer im ganzen Land weiter zu Streiks bereit, u.a. in Sacramento (Kalifornien), Fremont (Kalifornien), San Ramon (Kalifornien), Philadelphia (Pennsylvania) und in den Bundesstaaten Indiana, Oklahoma, Arizona, Alaska, South Carolina und Kentucky. Auch in Mississippi, Louisiana, Maine, Nevada, North Dakota, Arkansas, Delaware, Georgia und New Mexico fordern Lehrer Gehaltserhöhungen.

Streikende Lehrer in Oakland (Kalifornien)

Europa

Deutschland

In den letzten Wochen streikten Lehrer in vielen Regionen Deutschlands im Rahmen der Tarifauseinandersetzung der öffentlich Beschäftigten der Länder. Neben den niedrigen Löhnen gerade angestellter Lehrer ging es ihnen vor allem um eine Verbesserung der miserablen Arbeitsbedingungen und eine Verbesserung der Bildung insgesamt.

Polen

Laut der Gazeta Wyborcza, werden Lehrkräfte aller Bildungsstufen ab 8. April in einen unbefristeten Streik treten. Die französischen Medien wiesen darauf hin, dass dieser „kurz vor den Prüfungen an den weiterführenden Schulen und den Abschlussprüfungen an den Grundschulen beginnt.“

Großbritannien

Am Montag wiesen Lehrer in Schottland das Angebot der Regierung zurück, ihre Gehälter um neun Prozent zu erhöhen. Damit wird ein Streik im April wahrscheinlich. Die Gewerkschaft hat die Lehrer angebettelt, das Angebot anzunehmen und erklärte, sie wolle „die Gelegenheit haben, Arbeitskämpfe zu vermeiden.“ Ab nächstem Montag werden die Lehrer über einen Streik abstimmen.

Asien

Iran

Zehntausende oder sogar Hunderttausende von Lehrern an mehr als 1.000 Grund- und Sekundarschulen in 100 Städten im ganzen Land befinden sich seit Montag im Streik. Daten des iranischen Bildungsministeriums zeigen, dass die Gehälter der Lehrer auf einem Niveau zwischen 66 und 75 Prozent der offiziellen Armutsrate liegen. Ende November 2018 lag die Inflationsrate im Iran bei 40 Prozent, hauptsächlich aufgrund der Sanktionen durch die USA. Die Lehrer fordern massive Gehaltserhöhungen und die Freilassung von Lehrern, die wegen der Teilnahme an Streiks verurteilt wurden. Sie fordern außerdem deutliche Erhöhungen der Mittel für Schulen.

Lehrer im Iran bei einer Demonstration gegen niedrige Löhne am 4. März

Iranische Lehrer waren mit brutalen Angriffen der Regierung konfrontiert. Ein Lehrer wurde verhaftet und zu Peitschenhieben verurteilt, ein anderer wurde entführt und in eine psychiatrische Klinik gebracht.

Indien

Diese Woche setzten streikende Dozenten der Universität Delhi ihren Arbeitskampf fort und planten einen Protestmarsch durch die Stadt. Auch in Bhubaneswar im ostindischen Bundesstaat Odisha befinden sich Lehrkräfte im Streik.

In Patiala (Punjab) nahe der pakistanischen Grenze protestieren arbeitslose Lehrer. In den lokalen Medien war zu lesen: „Am Montag kletterten fünf arbeitslose Jugendliche auf einen Wassertank, um die Regierung zur Schaffung von Arbeitsplätzen aufzufordern. Nachdem ihnen kein Treffen mit dem Ministerpräsidenten zugesagt wurde, beschlossen sie, auf dem Tank zu bleiben und drohten mit der Verschärfung ihrer Proteste.“

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In den letzten drei Monaten kam es auch in Tunesien, Frankreich, Simbabwe, Costa Rica, Guinea Bissau, Portugal, Deutschland, Belgien, Israel und Venezuela zu Streiks und Protesten von Lehrkräften.

Durch den Prozess der Globalisierung nehmen die Streiks der Lehrer und anderer Arbeiter in allen Ländern immer offener den Charakter eines weltweiten Kampfes an. Die Aufgabe besteht darin, allen Arbeitern diesen Prozess bewusst zu machen und Aktionskomitees aufzubauen, die deren Kämpfe in einem gemeinsamen Angriff auf das kapitalistische System zusammenführen.

 

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