Schändung von Karl Marx‘ Grab: Eine Warnung

20. Februar 2019

Innerhalb von nur zwei Wochen gab es zwei Anschläge auf das Grab von Karl Marx auf dem Londoner Highgate Friedhof. Beim ersten Anschlag entstand der meiste Schaden, als Unbekannte versuchten, den Namen von Marx mit einem Hammer aus dem ursprünglichen Grabstein herauszuschlagen, der die Grabstätte von Karl und seiner Frau Jenny markiert. Der Grabstein ist Teil der Gedenkstätte, die 1956 auf dem Friedhof errichtet wurde. Der zweite Anschlag fand am vergangenen Wochenende statt und bestand aus antikommunistischen Schmierereien auf dem Sockel, der die Bronzebüste von Marx trägt.

Marx' Grabstätte ist ein Ort von weltgeschichtlicher Bedeutung, der jedes Jahr von Tausenden besucht wird. Menschen ehren hier den Mann, dessen Schriften entscheidend den Lauf des 20. Jahrhunderts geprägt haben und der einen besonderen Platz in den Herzen von Millionen Arbeitern und Unterdrückten einnimmt. Er war ein überragender Theoretiker und Politiker, sein ganzes Leben widmete er der Emanzipation der Arbeiterklasse und der sozialistischen Weltrevolution, um die gesamte Menschheit von Unterdrückung zu befreien. Die Oktoberrevolution unter der Führung von Lenin und Trotzki war die höchste Bestätigung dieses Kampfs.

Der Angriff auf Marx‘ Grab ist daher eine Warnung vor der wachsenden Gefahr für die Arbeiterklasse in ganz Europa und international, die von rechtsextremen Kräfte ausgeht. Letztere wurden von der Bourgeoisie und ihren Massenmedien bewusst herangezogen und unterstützt.

Wie zur Zeit als die Nazis in Deutschland an der Macht waren, finden in ganz Europa faschistische Angriffe auf linke Gedenkstätten und Gräber statt. Allein in Spanien wurden in den letzten Wochen die Gräber von Dolores Ibárruri, Führerin der stalinistischen Kommunistischen Partei während des Bürgerkriegs, und von Pablo Iglesias, dem Gründer der Sozialistischen Partei, Ziel von Anschlägen. Darüber hinaus wurde eine Gedenktafel zu Ehren der Internationalen Brigaden beschädigt.

In den letzten Monaten wurden Hakenkreuze auf jüdischen Grabsteine und ein Holocaust-Mahnmal bei Straßburg geschmiert. Ähnliche Vorfälle gab es in Litauen, Polen, Griechenland, der Ukraine und England. Solche Anschläge gehen einher mit einer wachsenden Welle gewaltätiger Übergriffe gegen Einwanderer und Linke, so wurden u.a. der britische Gewerkschaftsführer Steve Hedley und sein Partner so schwer angegriffen, dass Letzterer stationär im Krankenhaus behandelt werden musste.

Und obwohl faschistische Parteien in mehreren europäischen Ländern mittlerweile im Parlament sitzen, darunter auch die AfD in Deutschland, provoziert der Anschlag auf Marx‘ Grab keine Reaktion von denen, die sich als politische „Linke“ ausgeben.

Die politischen Kommentare zum faschistischen Anschlag stammen größtenteils von rechtsbürgerlichen Zeitungen, die ihn pro forma missbilligen, dann aber erklären, dass es historisch richtig sei, Marx als „Architekt des Terrors“, „Unterdrücker“ und „Massenmörder“ zu bezeichnen. Sofern es überhaupt Bemerkungen von „linker“ Seite gibt, so akzeptieren sie die Oktoberrevolution in Russland als schreckliches Ereignis, für das man Marx jedoch nicht „direkt“ verantwortlich machen könne.

Am aufschlussreichsten schweigt die britischen Labour Party.

Der Angriff auf Marx' Grab findet in London statt und richtet sich gegen den Autor des bedeutendsten Buches der letzten 200 Jahre, Das Kapital, der hierher aus Deutschland, Frankreich und Belgien geflohen war. Marx fand Zuflucht vor staatlicher Verfolgung in einer Stadt, die sich rühmte, politische Flüchtlinge aufzunehmen. Doch ganz wie es sich für einen rechten Schurken gehört, hat der Londoner Labour-Bürgermeister Sadiq Khan kein Wort verloren über die Schändung des Grabes vom wohl berühmtesten historischen Stadtbewohner.

Weder Labour-Chef Jeremy Corbyn noch sein Schattenfinanzminister John McDonnell haben den Anschlag verurteilt oder Marx mit nur einem Wort verteidigt. Beide haben sich früher vor Marx verneigt. Corbyn nannte ihn noch 2018, anlässlich der 200. Geburtstags von Marx, „den großen Ökonomen....von dem wir viel lernen können“. McDonnell, der von der hyperventilierenden Presse als „marxistischer Finanzminister“ bezeichnet wird, bezeichnete sich selbst als „letzten aufrechten Vertreter einer Rehabilitierung der Marx‘schen Schriften“ und das Kapital „einen der interessantesten Bestandteile politischen Denkens, den wir seit anderthalb Jahrhunderten haben“.

Das Ausmaß der politischen Feigheit ist erschütternd. Corbyn, Liebling der Pseudolinken nicht nur in Großbritannien sondern auch international als Vertreter des Sozialismus im 21. Jahrhundert gefeiert, wird nicht die öffentliche Meinung gegen eine Tat mobilisieren, die kriminell ist und sich gegen die wichtigste historische Figur der Arbeiterbewegung ebenso richtet wie gegen linke Arbeiter und Jugendliche heute.

Dies ist nicht nur ein Ausdruck von Corbyns rückgratloser Persönlichkeit, sondern zeigt auch, wie weit die Arbeits- und Gewerkschaftsbürokratie und das kleinbürgerliche Milieu, das sie umgibt, nach rechts gegangen sind.

1947 druckte die Labour Party das Kommunistische Manifest anlässlich seines hundertjährigen Bestehens nach. In der Einführung von Harold Laski heißt es, dass „die britischen Sozialisten sich nie von ihren Mitstreitern auf dem europäischen Kontinent isoliert haben. Unsere eigenen Ideen unterscheiden sich von denen des kontinentalen Sozialismus, der mehr direkt von Marx stammt, aber auch wir wurden in hundertfacher Hinsicht von europäischen Denkern und Kämpfern und vor allem von den Autoren des Manifests beeinflusst.“

1981 veranlasste ein Farbangriff auf Marx' Grab Corbyns politischen Mentor Tony Benn zu folgender Erklärung: „Es tut mir sehr leid zu hören, dass das Grab angegriffen wurde. Marx war eine der größten Persönlichkeiten der Geschichte. Was er über die Gesellschaft sagte, war sehr wichtig, er wird immer noch auf der ganzen Welt studiert, und das kann man nicht über viele Menschen mehr als 100 Jahre nach ihrem Tod sagen.“

Heute sind solche Aussagen nicht mehr akzeptabel. Keine Spur von antikapitalistischer Stimmung kann innerhalb der bürokratischen Organisationen toleriert werden, die ihren endgültigen Bruch mit der Arbeiterklasse vollzogen haben und heute eindeutig das Profitsystems verteidigen. Corbyn und McDonnell ziehen es vor, das auf dem Highgate Friedhof begangene politische Verbrechen unerwähnt zu lassen; andernfalls würden sie riskieren, die fanatischen Antikommunisten, die die rechte Parlamentsmehrheit von Labour bilden, gegen sich aufzubringen oder gar Labour in Worten mit dem echten Sozialismus in Verbindung bringen.

Die politische Verrottung der Labour Party und der alten bürokratischen Organisationen auf der ganzen Welt birgt ernste Gefahren - und entwaffnet die Arbeiterklasse angesichts der wachsenden politischen Reaktion. Wie das Internationale Komitee der Vierten Internationale in seiner Neujahrserklärung Die Strategie des internationalen Klassenkampfs und der politische Kampf gegen die kapitalistische Reaktion im Jahr 2019 warnte:

„Das Wachstum rechtsextremer und faschistischer Bewegungen, einschließlich des Antisemitismus, stellt eine große Gefahr für die Arbeiterklasse dar. Im Zusammenhang mit der sich vertiefenden kapitalistischen Krise, der beispiellosen sozialen Ungleichheit und der Vorbereitung auf einen neuen Weltkrieg greifen die herrschenden Eliten auf den politischen Abschaum zurück, der für die schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts verantwortlich war. [...]

Im Gegensatz zu den 1930er Jahren ist der Faschismus noch keine Massenbewegung. Aber es wäre leichtfertig, die wachsende Gefahr zu ignorieren, die von ihm ausgeht. Mit Unterstützung von Teilen der herrschenden Klasse und des Staats konnten die rechten Bewegungen mit ihrer Demagogie die Frustration und Wut breiter Bevölkerungsmassen ausnutzen. In dieser Situation stellt sich die dringende politische Aufgabe, das Wiederaufleben rechtsextremer und faschistischer Bewegungen zu bekämpfen.“

Diese Aufgabe obliegt dem IKVI, der trotzkistischen Weltbewegung, dem Marxismus von heute. Die politische Verantwortung besteht darin, die internationale Arbeiterklasse für den Sturz des Kapitalismus zu mobilisieren. Die Bedingungen dafür reifen rasch heran, wie sich im globalen Aufschwung des Klassenkampfes zeigt, der im offenem Widerspruch zu den ehemaligen reformistischen und stalinistischen Parteien sowie Gewerkschaften stattfindet.

Chris Marsden

 

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