Berlinale 2019: Midnight Traveler – „Das Leben geht manchmal durch eine Hölle“

Von Verena Nees
19. Februar 2019

Es gibt schon mehrere Filme über die weltweite Flüchtlingstragödie, und einige wurden in den vergangenen Jahren vom Berlinale-Festival mit Preisen ausgezeichnet. Aber „Midnight Traveler“, der auf der diesjährigen Berlinale gezeigt wurde und bei der Publikumsabstimmung über die Dokumentarfilme die zweitmeisten Stimmen erhielt, geht unter die Haut wie kaum ein anderer.

Im Mittelpunkt des Films stehen der Filmemacher und seine Familie, die ihre eigene Flucht aus Afghanistan mit drei Mobiltelefonen dokumentiert haben. Die Handy-Aufnahmen schickte das Ehepaar noch während der Flucht an die befreundete Drehbuchautorin in den USA, Emelie Mahdavian, die die Produktion in die Hand nahm.

In Echtzeit und schmerzlicher Nähe erlebt der Zuschauer mit, wie Hassan Fazili, Fatima Hussaini und ihre beiden Töchter Nargis und Zahra, zu Beginn 11 und 6 Jahre alt, Heimat, Freunde und Verwandte verlassen müssen und versuchen, über Iran, Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn ihr Ziel Deutschland und die Europäische Union zu erreichen.

Er glaube nicht an eine Hölle, sagt Hassan Fazili später, aber „das Leben geht manchmal durch eine Hölle“.

Nargis in der Transitzone. © Old Chilly Pictures

Es ist, als ob man selbst dabei wäre, wenn die Fazilis von Schleppern illegal über Grenzen gebracht werden und dabei alles, was sie erspart haben, verlieren; wenn sie monate-, sogar jahrelang in den Lagern der Balkanroute auf ein Weiterkommen warten, in unerträglicher Enge und manchmal voller Moskitos, oder bei Regen und Kälte im Wald campieren und in Todesangst die letzten Meter zur Grenze rennen. Am Ende des Films quälende Monate in der Transitzone der ungarischen Grenze, dem Tor zur Europäischen Union, eingesperrt durch Mauer und Stacheldraht wie in einem Hochsicherheitsgefängnis.

2018, nach drei Jahren, hat es die Familie endlich nach Deutschland geschafft, angekommen ist sie jedoch noch nicht. Seit zehn Monaten wartet sie auf eine Anerkennung des Asylantrags im Rheinland. Wegen der Residenzpflicht war es lange unsicher, ob die Behörden die Fahrt nach Berlin zur Vorstellung ihres Films erlauben.

Hassan Fazili ist kein gläubiger Muslim. Er hat, wie er anfangs mit einer Portion Humor erzählt, als einziger seiner Familie, im Gegensatz zu Vater, Großvater, Urgroßvater und allen Brüdern, nicht den Beruf des Mullahs ergriffen, sondern ist Filmregisseur geworden. Auch Hassans Frau Fatima, Schauspielerin und Kamerafrau, hat an Filmen mitgewirkt.

In Afghanistan ist Fazili durch Theaterproduktionen, Dokumentar- und Kurzfilme sowie TV-Serien bekannt. Zuletzt porträtierte er in der TV-Dokumentation Peace in Afghanistan einen Taliban-Führer, der aussteigen wollte und nach der TV-Premiere ermordet wird. Danach gerät Hassan Fazili selbst auf die Todesliste der Taliban. Das von ihm gegründete Künstlercafé in Kabul wird geschlossen, die Lage der Familie wird immer bedrohlicher.

Nach Europa zu fliehen, kommt der Familie anfangs nicht in den Sinn. Sie reist zunächst zu Freunden im benachbarten Tadschikistan, stellt einen Asylantrag für Australien, der Hunderte Seiten umfasst und trotzdem abgelehnt wird.

Von Tadschikistan kehrt sie vorübergehend nach Afghanistan zurück. In Masar-e Scharif berät sie sich mit Verwandten. In der Nähe ist die Bundeswehr stationiert, die für das Kunduz-Massaker im Jahr 2009 verantwortlich war. Auf einem Hügel zeigt ein Onkel die Verwüstungen durch den Krieg der US-geführten Nordallianz gegen die Taliban, die ehemalige Gebäude der Stadt ausradiert haben. Die Lage ist gefährlich.

Schließlich fällt die Familie den Entschluss zur Flucht nach Europa. „Was ist das?“ fragt Hassan bei laufender Handykamera seine Töchter Zahra und Nagris, die in der Sonne vor einer Landkarte sitzen. „Eine Weltkarte“, antwortet er selbst und fährt fort: „Weißt Du, wo wir gewesen sind und wo wir jetzt sind?“ Nargis mit ihrer Kinderstimme: „Keine Ahnung.“

Zahra friert beim Campen im Wald. © Old Chilly Pictures

Die Kinder sind die Helden des Films. Sie lachen, spielen, begreifen anfangs die neue Lage als Abenteuer. Sie weinen, wenn sie sich langweilen, ihre Freunde vermissen, von Moskitos gebissen werden, im Wald unter einer zu kurzen Decke frieren – oder, wie in der bulgarischen Hauptstadt Sofia geschehen, von einem Rassisten geschlagen werden.

Nargis ist am Ende der Odyssee 14 Jahre alt geworden und nicht mehr Kind. Bevor die letzte schreckliche Etappe in der ungarischen Transitzone anbricht, die sie am liebsten „schnell vergessen“ will, vertreibt sie sich die Zeit im engen Schlafraum des Lagers in Serbien mit Musik auf ihrem Handy und Tanz. Ihre Arme und Beine zucken und schlenkern zu den Rhythmen, steigern sich zu einem wilden Ausdruck von Lebenslust und Wut.

Als die kleine Zahra im serbischen Lager über eine Stunde verschwunden ist, zittern wir mit. Hassan unterlegt später den Handyfilm mit einem Kommentar und sagt, er habe sich in dieser Situation einen Moment lang die aufregende Suche nach dem Kind als Filmszene vorgestellt: „Ich habe mich dafür gehasst“, so der Vater tonlos. Die Wirklichkeit als Film – mancher Kinobesucher reagiert betroffen.

Hassan, Fatima, Nargis und Zahra im Winter im serbischen Lager. © Old Chilly Pictures

Der Film vermittelt ein authentisches und berührendes Bild von Menschen, die uns nahestehen, nur zufällig zur falschen Zeit im falschen Land gelebt haben. Ihre Sorgen um die Kinder, die kleinen Streitereien unter Eheleuten, ihre Zuneigung und Scherze trotz der verzweifelten Lage, all das kontrastiert mit der Grausamkeit der staatlichen Bürokratie, der Gewalt der Polizei, die rechte Demonstranten vor dem Lager in Bulgarien unterstützt, der Brutalität des Grenzregimes der Europäischen Union.

„Midnight Traveler“ ist ein aufrichtiges, sehr reales Zeugnis der heutigen kapitalistischen Gesellschaft. Der Film zeigt ein inhumanes System, das ein normales Leben für Millionen Menschen unmöglich macht. Er gibt zugleich denjenigen ein Gesicht, die ihr Recht auf Leben einfordern und nicht bereit sind aufzugeben.

Hassan Fazili wird unter seinen Leidensgenossen als Redner geschätzt. Sie versammeln sich in einem Raum und hören ihm gebannt zu: Wir sind für Gleichheit aller Menschen, egal welche Religion sie haben, egal welche Hautfarbe! Hassan klingt überzeugend. „Du wolltest doch nie Mullah sein“, lästert seine Frau danach vor der Handykamera. Sie bricht in Lachen aus. „Und nun rufen alle im Lager, sie möchten den Mullah Hassan hören.“

Der Film endet abrupt. Die Familie Fazili ist immer noch in der Transitzone. Die Zukunft ist ungewiss. Doch ihr Film strahlt trotz der schmerzenden und erschütternden Bilder viel Zuversicht aus, und letztendlich stehen alle vier Filmemacher – Hassan, Fatima, Nargis und Zahra – auf der Bühne der Berlinale.

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