Halil Celik, ein Kämpfer für den Sozialismus (1961–2018)

Von Peter Schwarz
2. Februar 2019

Am 31. Dezember 2018 starb Halil Celik, der Gründer und Leiter der Gruppe Sosyalist Eşitlik,im Alter von 57 Jahren in Istanbul an einem Krebsleiden. Er hatte über 40 Jahre seines Lebens dem Kampf für den Sozialismus gewidmet, das letzte Viertel dem Aufbau einer Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI) in der Türkei.

Halil Celik 2016 in Berlin

Halil kam zum Trotzkismus und zum IKVI, nachdem er zahlreiche politische Tendenzen einer kritischen Prüfung unterzogen und grundlegende Fragen geklärt hatte. Das erforderte politische Standhaftigkeit, persönlichen Mut und unerschöpfliche Energie – Eigenschaften, über die er im Übermaß verfügte. Ausgehend von langen, bitteren Erfahrungen mit der prinzipienlosen, nationalistischen und opportunistischen Politik pseudolinker Organisationen verstand Halil, dass die Entwicklung der trotzkistischen Bewegung in der Türkei nur auf der Grundlage des revolutionären Internationalismus erfolgen kann und ein gründliches Verständnis der strategischen Erfahrungen der internationalen Arbeiterklasse im Verlauf des 20. Jahrhunderts erfordert. Beides fand er in den Dokumenten und der Geschichte des IKVI.

Erste politische Erfahrungen

Halil Celik wurde am 23. November 1961 in Istanbul geboren. Sein Vater war Seemann, seine Mutter Hausfrau. Bereits als Schüler schloss er sich im Alter von 16 Jahren der Jugendorganisation einer pro-albanischen stalinistischen Partei an. Ein Jahr später, 1978, verließ er auf deren Aufforderung hin das Gymnasium und die Familie und arbeitete als vollzeitlicher Organisator und Propagandist in verschiedenen Fabriken und Arbeiterwohngebieten.

Es war eine Zeit, in der sich viele türkische Jugendliche radikalisierten. Die Jahre 1968 bis 1971 waren, wie in zahlreichen anderen Ländern, auch in der Türkei von einer militanten Welle des Klassenkampfs geprägt gewesen. Es war zu zahlreichen Streiks, Fabrikbesetzungen, Studentenprotesten, Landbesetzungen durch arme Bauern und heftigen Protesten gegen die USA gekommen. Im März 1971 hatte dann, in Abstimmung mit den USA, das Militär eingegriffen, die zivile Regierung von Süleyman Demirel zum Rücktritt gezwungen und für zwei Jahre selbst die Macht übernommen.

Es folgte eine Welle der blutigen Repression, von Parteiverboten, Verhaftungen und Hinrichtungen. Doch es gelang dem Militär nicht, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die 1970er Jahre waren durch heftige Klassenkämpfe, instabile Regierungen und immer neue Wellen der Repression geprägt, bis schließlich das Militär im September 1980 erneut putschte und unter General Evren eine brutale Diktatur errichtete.

In dieser Periode erlebten linksradikale Organisationen starken Zulauf. Die „Konföderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften der Türkei“ (DISK), die 1967 als linke Alternative zum regierungsfreundlichen Gewerkschaftsverband Türk-Is gegründet worden war, wuchs auf 300.000 Mitglieder an und wurde vom Staat und der faschistischen Rechten rücksichtslos verfolgt. Einer Quelle zufolge waren 1978 rund eine Million Arbeiter, Angestellte und Studenten in Massenorganisationen organisiert, die unter der Kontrolle verschiedener Gruppen, Parteien und Strömungen standen, die sich als sozialistisch bezeichneten.

Die meisten dieser Organisationen waren von nationalistischen und stalinistischen Konzeptionen geprägt. Etliche orientierten sich an den Lehren von Mao Zedong oder Che Guevara, einige propagierten den bewaffneten Kampf. Der revolutionäre Marxismus, wie ihn Leo Trotzki und die Vierte Internationale gegen den Stalinismus verteidigt hatten, war dagegen in der Türkei kaum bekannt. Das lag nicht nur am Mangel an türkischen Übersetzungen trotzkistischer Schriften, sondern auch an der Politik des pablistischen Vereinigten Sekretariats von Ernest Mandel, der damals international bekanntesten „trotzkistischen“ Tendenz, die ebenfalls Mao Zedong und Che Guevara verherrlichte.

Die wachsende Repression und der Militärputsch offenarten den Bankrott einer Politik, die auf Nationalismus und militante Aktionen kleiner Gruppen statt auf die systematische Mobilisierung der Arbeiterklasse auf der Grundlage eines sozialistischen Programms setzte. Der Staat verschärfte die Repression und zerschlug viele linke Organisationen.

Halil selbst wurde im September 1978 wegen seinen politischen Aktivitäten verhaftet. Er verbrachte eineinhalb Jahre im Militärgefängnis, wo er misshandelt wurde. Bereits in der Haft begann er, sich von der stalinistischen Politik zu distanzieren, wollte aber nicht offen mit seiner Organisation brechen, da er dies unter Bedingungen der Repression als Verrat empfunden hätte.

Nach dem Militärputsch vom September 1980 arbeitete er in einer illegalen stalinistischen Druckerei. Bald wurde er bei der Verteilung von Flugblättern gegen das Militärregime erwischt und vier Monate später erneut verhaftet. Da er keine Aussagen machte, kam er im Sommer 1981 wieder auf freien Fuß. Als er über einen Anwalt erfuhr, dass die meisten stalinistischen Führer in der Haft andere verraten hatten, brach er endgültig mit dem Stalinismus. „Ich beschloss, meinen eigenen Weg zu gehen“, schrieb er dreißig Jahre später über diesen Abschnitt seines politischen Lebens.

In den folgenden Jahren schloss Halil auch seine berufliche Ausbildung ab. Immer wieder unterbrochen von Verhaftungen, gelang es ihm, die Zulassungsprüfung zur Universität zu bestehen und ein Soziologiestudium an der Universität Istanbul zu beginnen, das er 1985 abschloss. Aufgrund eines Berufsverbots für kommunistische Aktivisten konnte er aber nicht als Lehrer arbeiten und setzte das Studium bis zu einem Masterabschluss 1987 fort. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Maler, Pförtner, Korrekturleser und Journalist.

Etwa zur selben Zeit als er sich vom Stalinismus abwandte, das heißt etwa im Alter von zwanzig Jahren, stieß Halil erstmals auf Schriften Trotzkis. In einem politischen Lebenslauf, den er 2013 für das Internationale Komitee verfasste, berichtet er: „In dieser Periode fand ich Leo Trotzkis Buch über den deutschen Faschismus, ‚Der Kampf gegen den Faschismus in Deutschland‘, das in den späten 70er Jahren übersetzt und veröffentlicht worden war. Es war das erste Buch von Trotzki, das ich zu Gesicht bekam und las. Es versetzte sämtlichen Vorurteilen, die ich über Trotzki und den Trotzkismus hatte, einen schweren Schlag. Ich begann, Marx, Engels und Lenin erneut zu lesen, und stellte fest, dass Stalin der Gegner des Marxismus war.“

Der langwierige Weg zum Trotzkismus

Der Weg zum Trotzkismus erwies sich als lang und schwierig. Halil und der Kreis von Genossen, mit denen er während der gesamten Zeit eng zusammenarbeitete, machten dabei in der Türkei und international die Bekanntschaft nahezu aller politischen Tendenzen, die in der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg mit den programmatischen Grundsätzen der Vierten Internationale gebrochen und versucht hatten, sie im Sinne einer Anpassung an den Stalinismus, die Sozialdemokratie, die Gewerkschaftsbürokratie und an nationale Bewegungen zu verfälschen: Pablisten, Lambertisten, Morenisten usw. Die publizistischen und politischen Projekte, bei denen er mit ihnen zusammenarbeitete, endeten alle in einer Sackgasse.

Halil Celik 2007 in Istanbul

Während sich dieses Milieu in den 1980er und vor allem nach der Auflösung der Sowjetunion in den 1990er Jahren kontinuierlich nach rechts bewegte und schließlich völlig in die bürgerliche Herrschaft integrierte, bewegten sich Halil und seine engsten Genossen in entgegengesetzter Richtung. Sie suchten nach einer Orientierung auf die Arbeiterklasse und einer wirklich internationalen, sozialistischen Perspektive.

Das führte sie schließlich zum Internationalen Komitee der Vierten Internationale. Als sich Halil nach einem gründlichen Studium der Perspektiven und der Geschichte des IKVI überzeugt hatte, dass es allein die Kontinuität der Vierten Internationale verkörpert, widmete er die gesamte Energie seiner letzten Lebensjahre dem Aufbau einer Sektion des Internationalen Komitees in der Türkei.

Nach seinem Bruch mit dem Stalinismus versuchte Halil, die vergangenen Erfahrungen aufzuarbeiten und neue Kontakte zu Arbeitern und Jugendlichen zu knüpfen. Er organisierte Schulungszirkel für junge Arbeiter und führte Propagandaaktivitäten an Universitäten durch. Er bemühte sich mehrmals, in Zusammenarbeit mit Tendenzen, die sich auf den Trotzkismus beriefen, Publikationen und Organisationen zu bilden. Doch diese Initiativen führten alle nirgendwo hin.

Zeitweise arbeitete er auch in Gewerkschaften – so 1983 in der unabhängigen Gewerkschaft Otomobil-Is, die von der Militärdiktatur verboten und von Mitgliedern der DISK reorganisiert worden war, und 1992 als Leiter der Schulungs- und Presseabteilung der DISK, die ihre Arbeit nach dem Verbot wieder aufgenommen hatte. Aufgrund von Artikeln, Flugblättern und einer linken, oppositionellen Plattform, die er geschrieben hatte, wurde er aber bald wieder entlassen und von einem Staatsanwalt mit Sondervollmachten angeklagt.

1987 nahm Halils Gruppe an einer gemeinsamen Wahlkampagne für „unabhängige“ sozialistische Kandidaten teil. 1988 beteiligte sie sich an den Publikation Isci Sözü (Arbeiterwort) und Sosyalism (PGBS – Sozialismus ohne Bosse, Generäle und Bürokraten), deren offizieller Herausgeber Halil war. Rückblickend schrieb er darüber: “Die Gründung von PGBS war das Ergebnis einer prinzipienlosen Vereinigung. Aufgrund unserer theoretischen Rückständigkeit, politischen Naivität und unserem blinden Vertrauen in unsere ‚alten trotzkistischen Genossen‘, war uns das nicht bewusst.“

Wegen politischer Differenzen über den Stalinismus und der Anbiederung der PGBS an rechte Gewerkschaftsbürokraten verließ Halils Gruppe die Organisation Anfang 1991. Später arbeitete sie mit einer morenistischen Gruppe zusammen, mit der sie die gemeinsame monatliche Publikation Enternasyonal Bülten (EB – Internationales Bulletin) herausgab.

1996 trat Halils Gruppe für kurze Zeit in die ÖDP (Partei der Freiheit und Solidarität)ein, die damals aus dem Zusammenschluss mehrerer stalinistischer und linker, kleinbürgerlicher Gruppierungen entstand und viele Arbeiter und militante Jugendliche anzog. Die Gruppe tat dies mit dem Ziel, die besten Elemente daraus zu gewinnen, und nicht, die ÖDP in eine sozialistische Partei zu verwandeln, was sie für unmöglich hielt. In diesem Rahmen kam es zu einer Neubildung der PGBS, die aber bald wieder auseinanderbrach. Halils Gruppe gab nun eine monatliche Publikation unter dem Namen Sozialismus ohne Grenzen, Klasse und Ausbeutung (sss-S) sowie ein Linkes Oppositionsbulletin in den Gewerkschaften heraus.

Als sich der Bürgerkrieg mit der kurdischen PKK seinem Höhepunkt zubewegte, die politische Repression zunahm und Halil aus politischen Gründen eine jahrzehntelange Gefängnisstrafe drohte, beschloss seine Gruppe Ende 1994, ihn ins Ausland zu schicken. Ein Tag nach seiner Abreise stürmten Anti-Terror-Spezialeinheiten sein Haus.

Halil Celik spricht 2016 in Istanbul auf eine Veranstaltung über die Krise des Kapitalismus und die Rückkehr des Klassenkampfs

Außerhalb der Türkei sollte Halil Kontakt zu internationalen „trotzkistischen“ Tendenzen aufnehmen. Er lebte für mehrere Jahre im norddeutschen Bremen, wo er sich seinen Lebensunterhalt zeitweise als Sozialarbeiter verdiente.

Nun machte Halil auf internationaler Ebene dieselbe Erfahrung wie zuvor in der Türkei. Er nahm Kontakt zu pablistischen und morenistischen Tendenzen auf und lernte mehrere ihrer Führer kennen, aber es erwies sich als unmöglich, eine prinzipielle Grundlage für eine Zusammenarbeit zu finden. Halil erzählte später oft mit Grauen über seine Erlebnisse auf internationalen Zusammenkünften, auf denen internationale Bündnisse ohne politische Übereinstimmung geschmiedet wurden und unter deren Teilnehmern sich nicht nur knallharte Stalinisten, sondern auch offene Rechte befanden.

Am längsten dauerten seine Kontakte zum Coordinating Committee for the Refoundation of the Fourth International (CRFI), das vom argentinischen Partido Obrero (PO) Jorge Altamiras dominiert wird. 1999 wurde Halil als Beobachter zu einer Konferenz der Tendenz in Athen und 2000 in Buenos Aires eingeladen. Doch die Veranstalter waren nicht an der Klärung politischer Fragen interessiert, sondern nur daran, ihre Gruppierung möglichst groß erscheinen zu lassen.

Das CRFI beruhte auf dem „‘Prinzip‘, dass es keine Diskussion über frühere Meinungsverschiedenheiten oder die historische Entwicklung der beteiligten Tendenzen geben darf“, wie die World Socialist Web Site später kommentierte. Grundlage der „Neugründung“ der Vierten Internationale sollte die Übereinkunft sein, „dass es jedem Anhänger der CRFI weiterhin frei steht, ohne Kritik oder Einmischung seine eigene nationale opportunistische Politik zu verfolgen“.

In Griechenland arbeitete Halil im Rahmen des Sozialistischen Balkanzentrums Christian Rakowski eine Zeit lang mit der Revolutionären Arbeiterpartei (EEK) von Savas Michael-Matsas zusammen, der 1985 mit dem IKVI gebrochen hatte und jetzt das CRFI unterstützte. Das Sozialistische Balkanzentrum gab vor, den imperialistischen Interventionen auf dem Balkan entgegenzutreten und für eine sozialistische Balkanföderation zu werben. Tatsächlich handelte es sich um ein prinzipienloses Sammelbecken von Tendenzen, die weder sozialistisch noch trotzkistisch waren. Es bestand vorwiegend aus Freunden von Matsas-Michael aus dem stalinistischen und nationalistischen Milieu. Das Ganze entpuppte sich als politischer Betrug.

Aufbau der türkischen Sektion des IKVI

Halil schrieb später über die Lehren, die er aus dieser Periode seines Lebens zog: „Nach diesen Erfahrungen gelangte ich zum Schluss, dass sich all diese prinzipienlosen Spaltungen nicht aus dem korrupten Charakter der beteiligten Individuen und Gruppen erklären lassen, sondern dass sie historische und allgemeine materielle Ursachen haben müssen. Daher beschlossen wir, die Geschichte und die Erfahrungen der Vierten Internationale zu studieren. Diese Arbeit beschäftigte uns annähernd fünf Jahre lang.“

Halil Celik vor dem Logo des türkischen Mehring Verlags

Bereits nachdem er ins Ausland gegangen war, hatte Halil nach eigener Aussage damit begonnen, „so gut wie alles zu übersetzen, was ich über die Vierte Internationale finden konnte“ – Dokumente der Internationalen Linken Opposition, Gründungsdokumente der Vierten Internationale und vieles mehr. 1999 stieß er erstmals auf die World Socialist Web Site und begann, Artikel daraus zu übersetzen.

2003 nahm Halil an einer Vorstandssitzung der EEK in Athen teil. Dort konfrontierte er Savas Michael-Matsas mit den Dokumenten des Internationalen Komitees über sein Verhalten im Jahr 1985. Michael-Matsas war damals Sekretär der griechischen Sektion des IKVI. Als in der britischen Workers Revolutionary Party (WRP) eine Krise ausbrach, weigerte er sich, an internationalen Führungstreffen teilzunehmen, die über die opportunistische Degeneration der WRP diskutierten, und brach selbst mit dem Internationalen Komitee. Die Mitglieder seiner Organisation schirmte er von allen Informationen über die internationale Diskussion ab.

Michael-Matsas spekulierte darauf, dass er, befreit von den Zwängen des Internationalen Komitees, ungehemmt in Griechenland einen nationalistischen und opportunistischen Kurs verfolgen könne. Bereits vor der Spaltung mit dem IKVI war er hinter dessen Rücken in den Iran gereist, wo er die Regierung Khomeini unterstützte. Nach der Spaltung entwickelte er innerhalb Griechenlands Bündnisse mit der bürgerlichen Partei Pasok, der stalinistischen Kommunistischen Partei und der Gewerkschaftsbürokratie. Auf internationaler Ebene unterstützte er Michail Gorbatschow, der die kapitalistische Restauration in der Sowjetunion in die Wege leitete.

Halil schilderte mir später mit einer Mischung aus Spott und Verachtung, was geschah, als er Michael-Matsas mit den Dokumenten des Internationalen Komitees konfrontierte. Dieser reagierte mit einem hysterischen Wutausbruch, brüllte die Führungsmitglieder seiner eigenen Partei an und beschimpfte sie mit obszönen Kraftausdrücken. Halil folgerte daraus, dass Michael-Matsas ein Scharlatan und die EEK ein Kult sei. Diese Erfahrung bestärkte ihn darin, die Dokumente des Internationalen Komitees gründlich zu studieren.

Aus diesem Studium zog er den Schluss, „dass alles falsch war, was wir von unseren pablistischen Führen über die Geschichte der Vierte Internationale gelernt hatten“, und „dass die Gründungsprinzipien der Vierten Internationale ihren Ausdruck in den Dokumenten des IKVI fanden“.

Er begann nun, die WSWS genauer zu verfolgen und interne Schulungen über wichtige Dokumente des IKVI durchzuführen. So übersetzte er die neun Vorträge, die führende Vertreter des Internationalen Komitees im Januar 1998 auf einer internationalen Sommerschule in Sydney, Australien, zum Thema „Marxismus und die Grundprobleme des zwanzigsten Jahrhunderts“ gehalten hatten, und „Globalisierung und internationale Arbeiterklasse“, eine Polemik gegen die Spartacist-Tendenz.

Das Studium dieser Dokumente versetzte Halil und seine Genossen in die Lage, wichtige Fragen der politischen Orientierung zu klären. So änderten sie ihre Haltung zu den Gewerkschaften, nachdem sie den Vortrag „Marxismus und Gewerkschaften“ von David North, dem Vorsitzenden der Socialist Equality Party in den USA und Chefredakteur der WSWS, diskutiert hatten.

David North tritt darin der weitverbreiteten Auffassung entgegen, Sozialisten müssten „die Gewerkschaften als die Arbeiterorganisationen anerkennen, als die den gesellschaftlichen Interessen der Arbeiterklasse entsprechende Organisationsform“. Gestützt auf eine sorgfältige historische und gesellschaftliche Analyse weist er nach, dass die Gewerkschaften, weil sie sich auf den Boden der kapitalistischen Produktionsverhältnisse stellen, „von ihrem ganzen Charakter her dazu gezwungen [sind], gegenüber dem Klassenkampf eine feindliche Haltung einzunehmen“. „Die organische Entwicklung der Gewerkschaften geht nicht in Richtung Sozialismus, sondern läuft ihm zuwider“, lautet sein Fazit.

Im November 2007 schrieb die Redaktion von Sozialismus dem IKVI über die damaligen Diskussionen: „Euch ist bekannt, dass wir das IKVI während der letzten beiden Jahre genau verfolgt und einige seiner Dokumente ins Türkische übersetzt und diskutiert haben. In unseren Treffen und Diskussionen gelang es uns, Antworten auf viele Fragen zu finden, die uns beschäftigten. Kurz gesagt, unsere Diskussionen in Istanbul haben den Prozess beschleunigt, in dessen Verlauf unsere Genossen und Sympathisanten die grundlegenden Standpunkte des IKVI verstanden.“

2008 gründeten Halil und seine Genossen den Verlag Prinkipo Yayincilik (der Name bezieht sich auf die vor Istanbul gelegene Insel, auf der Trotzki sein Exil verbrachte) und veröffentlichten drei Bücher: „Über den historischen Materialismus“ von Franz Mehring, das „Rotbuch“ über die Moskauer Prozesse von Leon Sedov, und ein Buch von Halil mit dem Titel „Die Erste Internationale“.

Halil Celik auf einer Versammlung zum 100. Jahrestag der Russischen Oktoberrevolution, mit Broschüren aus dem eigenen Verlag

Im Juni 2007 traf Halil in Berlin erstmals persönlich mit führenden Mitgliedern des Internationalen Komitees zusammen. Ich kann mich sehr genau an diese Begegnung erinnern. Halil sprach nicht nur sehr gut englisch und deutsch, er sprach auch politisch dieselbe Sprache wie wir. Er kannte die Geschichte und die politischen Standpunkte des Internationalen Komitees und war daran interessiert, sein Verständnis in der Diskussion zu vertiefen.

Anders als vielen anderen internationalen Kontakten, die ich im Laufe der Jahre kennen lernte, ging es ihm nicht darum, die Autorität des IKVI für seine nationale Arbeit in der Türkei zu borgen, sondern grundlegende Fragen der politischen Orientierung und Perspektiven zu klären. Auch persönlich war er frei von jener Eitelkeit und Arroganz, die man bei den Führern pseudolinker Organisationen meist im Überfluss findet. Er war ein hochpolitischer Mensch, aber stets auch an Fragen der Kultur und anderen Themen interessiert.

Bereits bei diesem Treffen wurde deutlich, wie komplex und anspruchsvoll der Aufbau einer Sektion des IKVI in der Türkei ist. In einem Land, in dem jahrzehntelang stalinistische und nationalistische Strömungen die Arbeiterbewegung beherrscht hatten, galt es, eine Vielzahl politischer Fragen aufzuarbeiten, zu klären und weiterzuentwickeln: der Charakter der Bourgeoisie in einem Land mit verspäteter kapitalistischer Entwicklung, die nationale Frage in der Türkei und im gesamten Nahen Osten, die Beziehung zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, usw.

Nach diesem Treffen führte Halil in der Türkei eine Seminarreihe zur Geschichte der Vierten Internationale, zur Globalisierung, zur nationalen Frage, zu den Gewerkschaften, zum Stalinismus und zu anderen Themen durch. Nach einem weiteren Zusammentreffen in Istanbul beschloss die Redaktion von Sozialismus, eng mit dem Internationalen Komitee zusammenzuarbeiten.

Während des Treffens in Istanbul war es zu einer langen Diskussion über die Kurdenfrage gekommen, die einen wichtigen Mechanismus bildete, die gesamte „Linke“ einem bürgerlichen Programm unterzuordnen. Unter türkischen „Linken“ herrschte die Haltung vor, die Diskriminierung der Kurden durch den türkischen Staat verpflichte sie zur bedingungslosen Verteidigung des kurdischen Selbstbestimmungsrechts, was sie in eine vollständige Unterordnung unter den kurdischen Nationalismus übersetzten. „Linke“ Gruppen führten den Wahlkampf für die pro-kurdische, heutige HDP (aufgrund ständiger Verbote hat die Partei ihren Namen und ihre Zusammensetzung immer wieder geändert), obwohl die Partei ein rein bürgerliches Programm vertritt.

Halil und seine Genossen waren, gestützt auf die Dokumente der ersten Kongresse der Kommunistischen Internationale, ebenfalls für das Selbstbestimmungsrecht der Kurden eingetreten, hatten sich allerdings nicht derart unkritisch an die HDP und ihre Vorgänger angepasst. Nach einer gründlichen Diskussion änderten sie 2007 ihren Standpunkt.

Das Internationale Komitee hatte seine Haltung zum Selbstbestimmungsrecht der Nationen nach der Auflösung der Sowjetunion einer gründlichen Überprüfung unterzogen. Die imperialistischen Mächte schürten zu dieser Zeit gezielt nationalistische, ethnische und religiöse Spannungen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Die nationalen Bewegungen in Jugoslawien, der ehemaligen Sowjetunion und im Nahen Osten strebten nicht nach der Vereinigung verschiedener Völker in einem gemeinsamen Kampf gegen den Imperialismus, wie dies bei den nationalen Bewegungen in Indien oder China der Fall gewesen war, sondern nach der Aufspaltung bestehender Staaten im Interesse der imperialistischen Mächte und lokaler Ausbeuter. Das Internationale Komitee nahm gegenüber solchen separatistischen Bewegungen eine kritische und ablehnende Haltung ein und stellte ihnen die internationale Einheit der Arbeiterklasse entgegen. Im Nahen Osten bedeutete dies, dass die demokratischen Rechte nationaler, ethnischer und religiöser Minderheiten nur im Rahmen Vereinigter Sozialistischer Staaten des Nahen Ostens gesichert werden können, und nicht durch das Ziehen neuer Grenzen.

In den folgenden Jahren gestaltete sich die Zusammenarbeit zwischen dem Internationalen Komitee und Halils Gruppe zunehmend enger. Im Sommer 2014 nahm Halil am Plenum des Internationalen Komitees teil. Er gab einen ausführlichen Bericht über die wirtschaftliche und politische Lage der Türkei, die er im Rahmen der globalen Krise des Kapitalismus analysierte. Er ging auf die massive Zunahme der sozialen Ungleichheit, das Anwachsen der türkischen Arbeiterklasse, die Innen- und Außenpolitik Erdogans und die Rolle der verschiedenen kleinbürgerlichen, „linken“ Parteien ein.

Das Plenum verabschiedete einstimmig eine Resolution, in der es heißt: „Das Plenum des Internationalen Komitees der Vierten Internationale akzeptiert förmlich den Antrag, den Genosse H. im Namen der Organisation Toplumsal Esitlik gestellt hat, Diskussionen mit dem Ziel der Gründung einer Sektion des Internationalen Komitees in der Türkei aufzunehmen. Das IK wird eng mit den türkischen Genossen zusammenarbeiten, um sie bei der theoretischen und politischen Vorbereitung einer Gründungskonferenz zu unterstützen.“

In der Diskussion betonte David North: „Die Entwicklung einer Sektion in der Türkei ist jetzt eine große Herausforderung, der sich das IK stellen muss. Die wichtigste Frage ist dabei das Niveau der politischen Klarheit und des Verständnisses der Geschichte der trotzkistischen Bewegung sowie der strategischen Erfahrungen, durch die die Arbeiterklasse gegangen ist. Nur auf dieser internationalen Grundlage ist es möglich, sich den politischen Herausforderungen zu stellen. Das gilt für jedes Land.“

Halil vertiefte anschließend die Zusammenarbeit mit dem Internationalen Komitee. Die türkische Redaktion wurde nach und nach in die World Socialist Web Site integriert. Auf der WSWS erschienen fast täglich Übersetzungen und Artikel in türkischer Sprache, und ab dem Frühjahr 2014 veröffentlichte die englischsprachige Seite regelmäßig Artikel unter Halils Namen. Er schrieb vor allem zur politischen und sozialen Entwicklung in der Türkei und zu den Kriegen im Nahen Osten.

Am 5. April 2017 (auf Deutsch am 14. April) veröffentlichte die WSWS eine umfangreiche Erklärung der Gruppe Toplumsal Esitlik (Soziale Gleichheit), die zur Ablehnung von Erdogans Verfassungsreferendum aufrief und für Vereinigte Sozialistische Staaten Europas und des Nahen Ostens eintrat. Sie setzte sich ausführlich mit der Kriegsgefahr im Nahen Osten, der Krise des Nationalstaatensystems, dem kurdischen Nationalismus und den kleinbürgerlichen Verteidigern des Imperialismus auseinander, trat für eine unabhängige Politik für die Arbeiterklasse ein und rief zum Aufbau von Sektionen des IKVI in der Türkei und dem gesamten Nahen Osten auf.

Im Sommer 2018 änderte die Gruppe Toplumsal Esitlik (Soziale Gleichheit) ihren Namen in Sosyalist Esitlik (Sozialistische Gleichheit), und zwar aus zwei Gründen, wie sie erklärte: „1) Die SE gibt sich einen Namen in Übereinstimmung mit allen offiziellen Sektionen des IKVI (Socialist Equality Party, Sozialistische Gleichheitspartei, Parti de l’égalité socialiste) und unterstreicht damit ihre Entschlossenheit, zur türkischen Sektion des IKVIs zu werden; 2) mit der Aufnahme des Begriffs ‚sozialistisch‘ in ihren Namen unterstreicht die SE ihr grundlegendes Ziel: die Vereinigung der Arbeiter und Jugendlichen im Nahen Osten über alle nationalen, ethnischen, religiösen und sektiererische Grenzen hinweg mit ihren internationalen Klassenbrüdern, um den Kapitalismus zu stürzen und eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen.“

Zu den wichtigsten Aufgaben, die Halil in Angriff nahm, gehörte die Übersetzung und Herausgabe von Büchern des Internationalen Komitees – ein großes Unterfangen, das neben erheblichem Arbeitsaufwand auch eine organisatorische und finanzielle Herausforderung darstellte.

Halil übersetzte „Das Erbe, das wir verteidigen“, einen mehrhundertseitigen Beitrag zur Geschichte der Vierten Internationale von David North. Das Buch erschien im Januar 2018 mit einem neuen Vorwort von David North, um das Halil ihn gebeten hatte, im Verlag Mehring Yayıncılık, der im Jahr zuvor gegründet worden war.

"Das Erbe, das wir verteidigen" in türkischer Sprache

Halil schrieb auf der WSWS über die Bedeutung dieser Veröffentlichung: „Die Bücher spielen eine zentrale Rolle für die Entwicklung von sozialistischem Bewusstsein in der Türkei, wo die Arbeiterbewegung jahrzehntelang vom Stalinismus, Maoismus und kleinbürgerlichen Nationalismus dominiert wurde. Die Publikation aktueller marxistischer Literatur der trotzkistischen Weltbewegung in türkischer Sprache ist ein bedeutender Schritt, um die theoretischen und politischen Grundlagen für den Aufbau einer türkischen Sektion des IKVI zu schaffen.“

David North erklärte im Vorwort zur türkischen Ausgabe, welche Bedeutung der Aufbau einer türkischen Sektion für die Vierte Internationale hat: „Nicht nur die Beziehung zwischen Trotzkis Exil in der Türkei und der Geschichte der Vierten Internationale verleiht dieser neuen Übersetzung von ‚Das Erbe, das wir verteidigen‘ besondere Bedeutung. Da die Türkei in der Geopolitik des imperialistischen Weltsystems eine Schlüsselstellung einnimmt, wird der Klassenkampf in diesem Land gigantische Dimensionen annehmen. Dies macht den Aufbau der trotzkistischen Bewegung in der Türkei zu einer zentralen strategischen Aufgabe der Vierten Internationale. Zu diesem Zweck müssen die fortgeschrittenen Teile der türkischen Arbeiterklasse und Jugend die Geschichte des langen Kampfs kennenlernen, den die orthodoxen Trotzkisten gegen den antimarxistischen Revisionismus in seinen verschiedenen Formen geführt haben – insbesondere in der Form der liquidatorischen Auffassungen von Michel Pablo (1911–1996) und Ernest Mandel (1923–1995).“

Gleichzeitig mit dem Erbe erschienen vier weitere Bücher: „Fidel Castro und kleinbürgerlich nationalistische Politik“, „Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (USA)“, die Beiträge zur „Internationalen Online-Maikundgebung 2017“ des IKVI und die Erklärung „Sozialismus und der Kampf gegen Krieg“.

In den letzten Monaten seines Lebens vollendete Halil die Übersetzung eines weiteren Buches von David North, „Die Russische Revolution und das unvollendete zwanzigste Jahrhundert“, das wichtige politische und strategische Lehren aus dem letzten Jahrhundert zusammenfasst. Kurz danach, im September, diagnostizierten die Ärzte seine Krebserkrankung.

Parallel zur Arbeit für den Verlag und die WSWS führte Halil eine intensive politische und Schulungsarbeit durch und machte junge Arbeiter mit den historischen und politischen Grundlagen des IKVI vertraut. Sein früher Tod im Alter von 57 Jahren ist ein schwerer Schlag für das Internationale Komitee und seine Genossen in der Türkei. Aber Halil hat ein festes Fundament für den Aufbau einer türkischen Sektion des Internationalen Komitees gelegt. Sein Lebenswerk wird weitergehen. Der größte Tribut zum Gedenken an Genosse Halil besteht darin, sein Ziel zu verwirklichen: Sosyalist Eşitlik als türkische Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale zu etablieren.

 

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