Streiks in Mexiko: Die Antwort der Arbeiterklasse auf die kapitalistische Reaktion an der US-mexikanischen Grenze

18. Januar 2019

An der US-mexikanischen Grenze zeigen die beiden Klassen des Kapitalismus – die Kapitalistenklasse und die Arbeiterklasse –, was die Alternativen für die Zukunft der Menschheit sind.

Die kapitalistische Klasse hat Tausende schwer bewaffnete US-Soldaten mobilisiert, die Stacheldraht quer durch die Wüste legen und Tränengas auf asylsuchende Flüchtlinge schießen. Einwanderer, die im Zuge der Migrantenkarawane letztes Jahr Tausende Kilometer weit von Honduras in Richtung USA gelaufen waren und dabei „Wir sind internationale Arbeiter“ gerufen hatten, harren jetzt nur wenige Meter hinter der US-Grenze in Zeltstädten aus, in denen Krankheiten grassieren.

Grenzbeamte werden entsendet, um auf brutale Weise den Nationalstaat zu schützen und die Einwanderung von Arbeitern zu stoppen, die vor Armut und Gewalt fliehen. Sie entreißen den Migranten ihre Kinder und sperren sie monatelang ein – was in vielen Fällen fatale Folgen hat. Die Leichen von Tausenden Menschen liegen verstreut in der kargen Wüste.

Beim Shutdown, der durch den Haushaltsstreit der US-Regierung ausgelöst wurde, steht die Frage der „Grenzsicherung“ im Mittelpunkt, wobei Republikaner wie Demokraten versprechen, Barrieren zu bauen, Drohnen einzusetzen und noch mehr Polizisten zu bewaffnen, um Immigranten fernzuhalten.

Aufgrund des Shutdowns warten hunderttausende Behördenmitarbeiter vergeblich auf ihr Gehalt, weil die beiden Parteien sich nicht darüber einigen können, wie viele hundert Kilometer Mauer sie bauen sollen und wie viele Milliarden sie ausgeben wollen, um die Grenzen zu befestigen. Trump – der verkommenste Vertreter des US-Finanzkapitals – hat damit gedroht, Immigranten sofort zu erschießen, einen „nationalen Notstand“ auszurufen und das Recht auf ein ordentliches Verfahren und auf Asyl zu beseitigen.

Auf der anderen Seite beginnt die Arbeiterklasse, gegen diese abstoßende Realität zu rebellieren. In der mexikanischen Grenzstadt Matamoros sind 70.000 Arbeiter in den Streik getreten und haben damit die Produktion in Dutzenden „Maquiladora“-Montagebetrieben stillgelegt. In den Maquila-Fabriken werden die Arbeiter gnadenlos ausgebeutet.

Überall sollten die Arbeiter sich ein Beispiel an den Streikenden von Matamoro nehmen und genau verfolgen, welche ersten Schritte sie in ihrem Kampf unternommen haben.

Nachdem die Arbeiter erfahren hatten, dass man sie um ihren versprochenen Bonus betrügt, beriefen sie als erste Maßnahme eine Massenversammlung ein und wiesen die Gewerkschaft zurück, die wegen ihrer Zusammenarbeit mit den Unternehmen verhasst ist.

Damit hatten sich die Arbeiter von Matamoros aus der Zwangsjacke der Gewerkschaften befreit und konnten endlich offen miteinander reden. Sie begannen Diskussionen in den Betrieben und den sozialen Netzwerken, in denen sie demokratisch debattierten, was ihre weiteren Möglichkeiten sind. Es wurde deutlich, dass die überwältigende Mehrheit für einen Streik war. Ohne von der Gewerkschaft geknebelt zu werden, formulierten sie ihre eigenen Forderungen: eine massive Lohnerhöhung, die Zahlung gestohlener Boni und die Abschaffung der Gewerkschaftsbeiträge.

Dann taten die Maquiladora-Arbeiter das, was die Gewerkschaft seit Jahren verhindert hat: Sie vereinigten sich mit Arbeitern in anderen Betrieben und aus anderen Teilen der Arbeiterklasse. Sie gingen in die Industrieparks und riefen ihre Kollegen auf, sich ihnen anzuschließen und in den Streik zu treten.

Die Arbeiter umgingen die offiziellen Kanäle der Konzernmedien und der verlogenen Gewerkschaftsfunktionäre, indem sie die sozialen Medien nutzten und so ihren Kampf überall in der 500.000 Einwohnerstadt bekannt machten. Die wichtigste Nachrichtenquelle für die Arbeiter waren sie selbst, da die große Presse in den USA und Kanada den Streik in ihrer Berichterstattung weitgehend ausgeblendet hatte. Lokale Zeitungen in anderen Grenzstädten veröffentlichten Leitartikel, in denen sie erschrocken davor warnten, dass sich die Streiks ausbreiten könnten.

In diesen beiden Entwicklungen an der US-mexikanischen Grenze zeigt sich, wie die Kapitalistenklasse einerseits und die Arbeiterklasse andererseits die Krise des kapitalistischen Systems zu lösen suchen. Die WSWS schrieb am 5. Januar in ihrer Erklärung „Die Strategie des internationalen Klassenkampfs und der politische Kampf gegen die kapitalistische Reaktion im Jahr 2019“:

Wie die Todeskrise des kapitalistischen Systems gelöst wird – durch die kapitalistischen Methoden der Diktatur, des Faschismus, des imperialistischen Kriegs und des Rückfalls in die Barbarei oder durch die revolutionäre Machteroberung der internationalen Arbeiterklasse und den Übergang zu einer sozialistischen Gesellschaft – hängt vom Ausgang des Klassenkampfs auf internationaler Ebene ab.

Alle großen Kämpfe der Arbeiter in diesem Jahr – von den Gelbwesten in Frankreich über den Lehrerstreik in Los Angeles bis zum Widerstand der Plantagenarbeiter in Sri Lanka – sind Teil einer wachsenden internationalen Bewegung für soziale Gleichheit. Alle diese Kämpfe sind ihrem Wesen nach international.

Heute gibt es kein einziges Auto mehr, das „American Made“ oder „Mexican Made“ wäre. In der Automobilindustrie werden 36 Prozent der in den USA produzierten Autoteile nach Mexiko exportiert, und 45 Prozent der in die USA importierten Autoteile kommen aus Mexiko.

Ein Fahrzeug, das in Mexiko oder den USA vom Band rollt, besteht aus Teilen, die nationale Grenzen dutzende oder hunderte Male überschritten haben.

Um beispielsweise den Steuerungsknopf eines Autositzes herzustellen, wird ein in Asien produzierter Kondensator in die USA verschickt und von dort nach Ciudad Juárez, wo ihn mexikanische Arbeiter in eine Leiterplatte einsetzen. Dann wird er zurück in die USA verschifft, wo Lagerarbeiter in Texas die Leiterplatte bewegen und lagern, bis sie nach Mexiko zurückgeschickt wird, nach Matamoros, wo die Leiterplatte in einen Sitzaktivierungsknopf eingesetzt wird. Dieser wird dann entweder nach Texas oder Kanada verschifft, wo ihn Autoarbeiter in den Sitz selbst installieren. Schließlich wird der Sitz an ein Montagewerk geschickt und in die Karosserie des Autos eingebaut.

Der Aufruf zur internationalen Vereinigung der Arbeiterklasse ist keine leere Phrase, sondern eine strategische Notwendigkeit und die wesentliche Grundlage, um die große gesellschaftliche Kraft der Arbeiterklasse zur Entfaltung zu bringen.

Deshalb müssen die Arbeiter das Gift des Nationalismus zurückweisen, das Donald Trump und die Gewerkschaftsfunktionäre in den USA und Kanada verbreiten. Sie werfen den mexikanischen Arbeitern vor, sie würden „Arbeitsplätze stehlen“, während sie an die Autokonzerne lediglich die Bitte richten, die Produktion am lokalen Standort zu erhalten. Auch mexikanische Arbeiter werden nichts erreichen, wenn sie denken, sie hätten einen Verbündeten in Andres Manuel Lopez Obrador (AMLO) gefunden. AMLO hat den Banken versprochen, dass er die Vermögen der Reichen nicht enteignen wird, und er hat der Forderung von Donald Trump zugestimmt, dass Mexiko den USA helfen soll, mittelamerikanische Arbeiter davon abzuhalten, Asyl in den Vereinigten Staaten zu beantragen.

Das kapitalistische System und die Aufteilung der Welt in Nationalstaaten sind ein Hindernis für die fortschrittliche Entwicklung der globalen Produktivkräfte. Dieses System bringt das irrationale und ungerechte Paradox hervor, dass ein Sitzknopf das Recht hat, eine nationale Grenze zu überschreiten, aber ein Mensch nicht.

Die Arbeiterklasse ist die einzige soziale Kraft, die dieses Paradox lösen kann, indem sie das kapitalistische System stürzt, die Vermögen der Reichen enteignet und die Unternehmen in öffentliche, von Arbeitern geführte Versorgungsunternehmen verwandelt. Erst dann kann die Macht der global integrierten Wirtschaft genutzt werden, um Ressourcen und Güter nach den Bedürfnissen der Menschen bereitzustellen.

Eric London

 

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