Frankfurter Societätsdruckerei: Streik in der dritten Woche

Von Marianne Arens
12. Dezember 2018

Schon seit dem 27. November, also seit über zwei Wochen, streiken 150 Beschäftigte der Frankfurter Societätsdruckerei in Mörfelden-Walldorf. Sie kämpfen gegen Entlassungen, Tarifflucht und die Missachtung ihrer hart erkämpften Rechte durch den neuen Besitzer.

„Gelbwesten“ vor der FSD in Mörfelden

Viele Kollegen, die vor der Druckerei Streikposten stehen, tragen gelbe Warnwesten und erinnern von weitem an die „Gelbwesten“, die zurzeit in Frankreich gegen die Macron-Regierung und für soziale Gleichheit kämpfen. Darauf angesprochen, antworten die streikenden Arbeiter sofort: „Aber sicher! Die machen es richtig. Wir müssen uns hier genauso wehren.“

Die Frankfurter Societätsdruckerei (FSD) existiert schon seit über 150 Jahren, erst in Frankfurt, heute im Süden der Metropole in Mörfelden. Sie ist eine der größten Zeitungsdruckereien Europas für Rollen-Offsetdruck. Hier werden die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), das Handelsblatt, die Frankfurter Rundschau (FR) und die Frankfurter Neue Presse (FNP) gedruckt.

Im April 2018 wurde die Druckerei von ihrem letzten Besitzer, der FAZ-Gruppe, an die Zeitungsholding Hessen (ZHH) verkauft, die der Mediengruppe Ippen (München) und der Gießener Verlegerfamilie Rempel gehört. Im Oktober ist die neue Geschäftsführung aus der Tarifbindung ausgestiegen, und kurz darauf hat sie Massenentlassungen angekündigt. Nach den neusten Nachrichten sollen 126 von 300 Stellen wegfallen.

Als Grund gibt der neue Besitzer den Verlust der Druckaufträge des Axel-Springer-Verlags an: Der Druckauftrag für eine Teilauflage der Bild-Zeitung und der Welt soll ab nächstem Jahr an die – ebenfalls in Mörfelden-Walldorf stehende – Hürriyet-Druckerei wechseln. Allerdings haben die Drucker und Verlagsarbeiter allen Grund für die Annahme, dass der Wechsel nur als Vorwand benutzt wird, um bis anhin tariflich bezahlten Arbeitsplätze durch Zeitarbeit und billigere Werksverträge zu ersetzen.

Der Arbeitskampf bei der FSD ist Teil eines zurzeit breiten Kampfs in der gesamten Branche: Der Bundesverband Druck und Medien (bvdm) ist gerade dabei, hart erkämpfte Rechte für über 130.000 Beschäftigte massiv anzugreifen. Zum 30. September hat der Arbeitgeberverband den Manteltarifvertrag aufgekündigt.

Der bvdm kritisiert auf seiner Website „veraltete Maschinenbesetzungsvorschriften, unflexible Arbeitszeiten sowie Zuschläge weit über den steuerlichen Freibeträgen“. Laut Verdi-Informationen wollen die Druck- und Medien-Unternehmer mit einem zweiten Manteltarif für Neueingestellte, der bis zu 30 Prozent unter dem alten liegt, eine Zweiklassen-Gesellschaft im Betrieb etablieren. Auch fordern sie die ungewöhnlich lange Laufzeit von 30 Monaten für den neuen Vertrag.

Insbesondere haben sie es auf die 35-Stundenwoche abgesehen, die tatsächlich im Druckgewerbe heute noch auf dem Papier steht. Die 35-Stundenwoche, die vor über dreißig Jahren in erbitterten Streiks erkämpft wurde, wird vom bvdm als „nicht mehr zeitgemäß“ bezeichnet. Die Drucker der Frankfurter Societätsdruckerei hatten bei den damaligen Kämpfen eine wichtige Rolle gespielt und im Sommer 1984 dreizehn Wochen lang gestreikt.

Christof

„Wir arbeiten hier noch immer 35 Stunden“, erklärt uns Christof, der seit zehn Jahren bei der FSD arbeitet. „Was wir darüber hinaus arbeiten, kriegen wir heute noch alles vernünftig als Überstunden bezahlt.“ Er erklärt, dass es mindestens vier verschiedene Schichtmodelle gebe, und dass die Drucker, die sehr häufig auch samstags und sonntags arbeiten, an den großen Maschinen eine wirkliche Qualitätsarbeit ablieferten.

Das sei jetzt alles in Frage gestellt, fährt Christof fort. „Die wissen selbst nicht, wie viele Stunden sie uns jede Woche aufdrücken wollen, und wie das künftig mit den Nacht- und Wochenendzuschlägen aussehen soll.“

Christof, der wie viele Streikende eine gelbe Warnweste trägt, erklärt, er identifiziere sich gerne mit den französischen „Gilets jaunes“. Der Kampf in Frankreich beweise ja, dass man was erreichen könne. „Das fehlt in Deutschland. Da stecken viele den Kopf in den Sand, das ist unser großes Problem“, sagt der Drucker. Jetzt müssten besonders die jungen Arbeiter auf die Straße gehen, „denn ihre Zukunft wird ja kaputtgemacht“, fährt er fort. „Die Jungen müssen sich einfach zusammenschließen und sagen: Jetzt langt‘s, wir machen nicht mehr mit.“

Streikposten

Christof berichtet, dass die Geschäftsführung Streikbrecher anheuert, um die Aufträge abzuwickeln, die unter abenteuerlichen Bedingungen arbeiteten. Er sagt: „Das Paradoxe ist ja: Da drinnen arbeiten zurzeit Drucker von Zeitarbeitsfirmen als Streikbrecher, die wissen ganz genau, dass der Manteltarif niemals auf sie angewandt wird. Sie arbeiten für weniger Geld und machen Streikbruch, und das Ergebnis ist, dass sie selbst später niemals nach Tarif bezahlt werden.“

Er wäre sofort bereit, den Kampf auszuweiten „und für alle zu führen, damit alle die gleichen Rechte haben“, sagt Christof. Er sieht ein großes Problem darin, dass sich heute die Bundesregierung weigert, die Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklären zu lassen. „Damit wäre dem Lohndumping ganz schnell ein Ende gesetzt. – Das verhindern die Politiker aber mit Absicht.“ Tatsächlich habe er „in diese Regierung überhaupt keine Hoffnungen mehr (…) Für Geld machen die alles.“

Christian

Für Christian, einen jüngeren Kollegen, geht es „im Moment hauptsächlich um die Arbeitsplätze. Der Kampf um den Tarif kommt erst an zweiter Stelle.“ Er findet es ein Unding, dass so viele langjährige Kollegen gekündigt werden: „Schließlich haben die Arbeiter hier im Betrieb diese Druckerei erst groß gemacht, und nicht die Aktionäre.“

Zu der „Gelbwesten“-Bewegung in Frankreich sagt Christian: „Vielleicht sind die Franzosen radikaler als wir in Deutschland. Aber ich bin ganz sicher, dass das in Frankreich nur der Anfang ist. Das wird sich auf jeden Fall noch ausweiten.“

Der Arbeitskampf um die Arbeitsplätze und Tarifrechte der Drucker wirft ernste Fragen auf. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi führt den Kampf offenbar auf Sparflamme.

Obwohl die Arbeiter der Frankfurter Societätsdruckerei vor denselben Problemen stehen wie sehr viele Kollegen in ähnlichen Betrieben, und obwohl die Entwicklung in Frankreich gerade jetzt eine aktive Solidarisierung und Ausweitung der Kämpfe erfordert, vermeidet es die Gewerkschaft, einen wirklichen Arbeitskampf zu organisieren, und ruft stattdessen seit dem 26. November täglich einen neuen „Warnstreik“ aus – ohne dies einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Tatsächlich haben die Gewerkschaften die heutige Situation selbst mit herbeigeführt. Während der rot-grünen Regierungskoalition haben sie besondere Tarifverträge für Leih- und Zeitarbeiter erst eingeführt, ohne die es rechtlich unmöglich wäre, verschiedene Tarife für die gleiche Arbeit im gleichen Betrieb zu bezahlen.

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