Ford-Saarlouis kündigt massiven Arbeitsplatzabbau an

Von Ulrich Rippert
12. Dezember 2018

Die Angriffe auf die Autoarbeiter nehmen zu. Es vergeht kaum eine Woche ohne neue Hiobsbotschaft. Nachdem General Motors in den USA und Kanada die Schließung von fünf Werken mit knapp 15.000 Beschäftigen angekündigt hat, zieht nun Ford nach.

Auf einer Betriebsversammlung in Saarlouis gab die Konzernleitung am Montag bekannt, dass die Produktion des Modells C-Max eingestellt werde. Ein Viertel der gegenwärtig 6300 Arbeitsplätze bei Ford-Saarlouis, etwa 1600 würden abgebaut. Voraussichtlich werde der Schichtbetrieb von drei auf zwei Schichten reduziert. Wie viele Arbeitsplätze genau wegfallen, sei noch unsicher, erklärte eine Unternehmenssprecherin und deutete an, dass es auch mehr werden könnten.

Der Betriebsrat bemühte sich sofort zu beschwichtigen. Es sei noch nichts entschieden, betonte er und wies darauf hin, dass 400 Beschäftigte das Unternehmen sowieso Ende des Jahres verließen, weil sie in den Ruhestand gingen. Zudem liefen 500 Leiharbeitsverträge Mitte nächsten Jahres aus und würden nicht verlängert. Außerdem könnten mehrere Hundert Beschäftige ein Altersteilzeit-Angebot annehmen.

Mehrfach betonte der Betriebsrat, er werde sich für eine „sozialverträgliche Lösung“ des Arbeitsplatzabbaus einsetzen. Die Formulierung „sozialverträglicher Arbeitsplatzabbau“, die von Betriebsräten und Gewerkschaftsfunktionären ständig benutzt wird, gleicht einer Drohung. Denn sie bedeutet, dass die so genannten Arbeitnehmervertreter den Arbeitsplatzabbau unterstützen, eng mit der Konzernleitung zusammenarbeiten, hinter dem Rücken der Belegschaft Geheimverhandlungen führen und schlechteren Bedingungen zustimmen, während sie gleichzeitig jeden ernsthaften Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze unterdrücken.

Ungeachtet der Beschwichtigungsversuche des Betriebsrats ist klar, dass die bisherigen Ankündigungen in Bezug auf Ford-Saarlouis erst der Anfang eines massiven Kostensenkungsprogramms sind und noch weitaus mehr Arbeitsplätze bei Ford abgebaut werden sollen.

Auf einer Betriebsversammlung im Hauptwerk in Köln am gestrigen Dienstag war die Stimmung sehr angespannt. Die Beschäftigten erwarteten eine klare Auskunft über die Zukunft ihrer Arbeitsplätze, aber weder die Geschäftsleitung noch der Betriebsrat machten eindeutige Angaben. Beide verwiesen darauf, dass die Verhandlungen über ein Kostensenkungsprogramm noch nicht abgeschlossen seien.

Gunnar Herrmann, der Chef von Ford-Deutschland, der auch in Saarlouis persönlich anwesend war, sprach im Kölner Stammwerk allgemein über „unvermeidbare Anpassungsmaßnahmen“, die angesichts des „strengen Sparkurses“ der Konzernzentrale im amerikanischen Dearborn (Michigan) notwendig seien.

Herrmann referierte ausführlich über die schlechte Ertragslage bei Ford-Europa. Die Zahlen seien alarmierend. Im zweiten Quartal dieses Jahres habe der US-Konzern in Europa schon 73 Millionen Dollar verloren. Im Sommer habe sich die Lage noch einmal deutlich verschlechtert: Für das dritte Quartal weise Ford einen Verlust von 245 Millionen Euro aus.

Das Handelsblatt berichtet, dass die US-Konzernleitung auf einer Mindestrendite von sechs Prozent bestehe, die in der gesamten Autobranche heute als unverzichtbar angesehen werde. Bei Ford in Köln, von wo aus das Europa- und das Deutschlandgeschäft gesteuert werden, glaube niemand an eine Wende bis zum Jahresschluss: „Der US-Konzern wird 2018 in Europa tiefrot abschließen.“ Der eingeschlagene Sparkurs, der für das Werk in Saarlouis bereits einschneidende Konsequenzen habe, werde am Kölner Stammwerk mit seinen 18.500 Beschäftigen nicht vorübergehen.

Auf Anfrage der WSWS-Redaktion erklärte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Martin Hennig nach der Betriebsversammlung, er habe keine weiteren Informationen. Auf die Frage, ob es denn keine Verhandlungen im Wirtschaftsausschuss oder in anderen Gremien gebe, sagte Hennig: „Natürlich gibt es Gespräche und auch Verhandlungen, aber noch keine Ergebnisse.“ Er könne nur so viel sagen, dass das Werk in Köln eines der effektivsten Werke sei und dass eine Beschäftigungssicherung-Vereinbarung bis 2021 bestehe. Der Betriebsrat anerkenne die schwierige Lage des Unternehmens, verlange aber die Einhaltung der Beschäftigungssicherung.

Betriebsrat und IG Metall helfen offensichtlich mit, die Beschäftigten so lange wie möglich im Unklaren zu halten, um jeden Widerstand gegen den absehbaren Arbeitsplatzabbau zu verhindern.

Ende September hatte schon einmal eine Betriebsversammlung stattgefunden, um die Belegschaft zu beruhigen. Damals gab es Gerüchte, die gesamte Ford-Produktion in Deutschland sei in Gefahr, nachdem die Konzernspitze „harte Einschnitte“ angekündigt hatte. Die britische Zeitung Sunday Times hatte berichtet, dass mehr als 20.000 Jobs akut bedroht seien.

Damals sagte ein Arbeiter auf dem Weg zur Betriebsversammlung: „Wie schnell die da oben einen Standort schließen können, haben wir ja am Beispiel des belgischen Mondeo-Werks in Genk vor vier Jahren gesehen. Das steckt uns allen noch in den Knochen.“

Europaweit hat der Konzern bereits Kürzungen in Frankreich und Großbritannien bekannt gegeben. Das Headquarter der britischen Ford-Werke in Brentwood mit heute noch 1700 Arbeitsplätzen soll geschlossen werden. Im kommenden Jahr sollen alle Aktivitäten in Großbritannien auf Ford Dagenham und Ford Dunton in Basildon konzentriert werden. In Frankreich will Ford bis zum Ende nächsten Jahres sein Werk in Blanquefort bei Bordeaux schließen. Dort sind rund 900 Arbeiter beschäftigt.

Gleichzeitig investiert Ford 200 Millionen Euro in Craiova, Rumänien, um dort ein weiteres Modell bauen zu lassen. Die Zahl der Ford-Arbeiter in Rumänien soll um 1500 auf 6000 erhöht werden. Die rumänischen Ford-Beschäftigten arbeiten unter sklavenähnlichen Bedingungen. Ein Teil von ihnen wird mit gerade mal etwa 300 Euro im Monat abgespeist. Zu Beginn des Jahres 2018 hatten 4000 Beschäftigte in Craiova versucht, durch einen Arbeitskampf einen neuen, erpresserischen Tarifvertrag zu verhindern. Seither wurden ihre Überstundenzulagen gekürzt, und sie müssen neue, „flexible“ Schichtpläne akzeptieren.

Der Arbeitsplatzabbau bei Ford ist Bestandteil eines massiven Angriffs auf Arbeiter in vielen anderen Autowerken und Zulieferbetrieben. Bei Opel finden seit der Übernahme durch PSA Schritt für Schritt immer neue Kürzungen und Angriffe statt. Auch bei Volkswagen können die Arbeiter nicht mehr sicher sein. VW hat gerade beschlossen, mehr Autos in den USA zu bauen, um amerikanischen Zollschranken auszuweichen. Aktuell erwägt der VW-Konzern eine Partnerschaft mit Ford, um dessen amerikanische Produktionsstätten zu nutzen. Zudem soll gleichzeitig die Entwicklung von E-Motoren stärker vorangetrieben werden.

Überall arbeiten die Betriebsräte und Gewerkschaften eng mit der Unternehmensleitung zusammen, um den Arbeitsplatzabbau so zu gestalten, dass der Widerstand dagegen unterdrückt werden kann. Obwohl jeder sehen kann, dass angesichts von Elektrotechnologie, Dieselgate, Brexit, Handelskrieg und einer allgemeinen Wirtschaftskrise die Beschäftigten in allen Autowerken weltweit mit denselben Problemen und Angriffen konfrontiert sind, weigert sich die Gewerkschaft, einen gemeinsamen Arbeitskampf zur prinzipiellen Verteidigung aller Arbeitsplätze, Löhne und Sozialstandards zu führen.

Es ist deshalb notwendig, die Verteidigung der Arbeitsplätze selbst in die Hand zu nehmen und sich unabhängig von der Gewerkschaft zu organisieren.

In diesem Zusammenhang ist die Versammlung von großer Bedeutung, die der Autoworker Newsletter der World Socialist Web Site am vergangenen Sonntag in Detroit (Michigan, USA) durchführte. Die Teilnehmer beschlossen, gegen die geplante Schließung von fünf General Motors-Werken und gegen 15.000 Entlassungen in den USA und Kanada den Kampf aufzunehmen und sich international zu organisieren.

Auf der Versammlung schilderte eine Ford-Arbeiterin aus Dearborn ihre Erfahrung mit der Gewerkschaft UAW (United Auto Workers), die in einem Tarifabschluss weitgehende Zugeständnisse gemacht und den Vertrag mit Hilfe von Lügen, Einschüchterung und Wahlbetrug durchgesetzt hatte. Das habe „gezeigt, dass unsere Gewerkschaft nicht auf unsrer Seite steht. Sie handelt nicht in unserm Interesse“. Von da an hätten sie sich außerhalb der Gewerkschaftsveranstaltungen getroffen, um eine Lösung zu finden.

Auf der Veranstaltung verabschiedeten die Teilnehmer eine Resolution, die zur Bildung von „Basiskomitees in allen betroffenen Betrieben und Wohnsiedlungen“ aufruft, die unabhängig von den Gewerkschaften den Widerstand gegen die Werksschließungen organisieren und für ein internationales sozialistisches Programm kämpfen.

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