Klimawandel, Kapitalismus und Sozialismus

Neuer Bericht zum Klimawandel: Globale Erwärmung „schon spürbar”

Von Brian Dyne
6. Dezember 2018

Ein Bericht der US-Regierung vom 23. November lenkt erneut die Aufmerksamkeit auf die Gefahren des Klimawandels und die fortdauernden Probleme, die durch die Erderwärmung hervorgerufen werden.

Die Vierte Nationale Klimabewertung war vom Kongress in Auftrag gegeben worden. Wie sie betont, sind die Auswirkungen des Klimawandels heute „schon spürbar”. Es heißt darin: „Der künftige Klimawandel wird viele Lebensbereiche noch weiter zerstören und die schon existierende Bedrohung des Wohlergehens durch alternde Infrastruktur, gestresste Ökosysteme und wirtschaftliche Ungleichheit noch weiter verschärfen.“

Das Amerikanische Forschungsprogramm zum Globalen Wandel (US Global Change Research Program) hat den Bericht erstellt, und dreizehn Bundesagenturen und über 300 auf Klimaforschung spezialisierte Wissenschaftler haben daran mitgearbeitet. Der erste Band erörtert die Gesetzmäßigkeiten hinter dem Klimawandel und die Daten, die aufzeigen, dass die durchschnittlichen globalen Temperaturen 1,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau liegen. Der Bericht bestätigt, was die Forschung seit Jahrzehnten besagt, dass die gegenwärtigen globalen Trends der Temperaturerhöhung durch „menschliche Aktivitäten, insbesondere durch Treibhausgas-Emissionen“ verursacht werden.

Da der Bericht auf die Quellen der Treibhausgas-Emissionen nicht näher eingeht, müssen wir hier darauf hinweisen, dass die Kategorie „menschliche Aktivitäten“ sich nicht auf jeden Menschen in gleicher Weise bezieht. Der Report von 2017 über die großen Treibhausgas-Emittenten (Carbon Majors Report) zeigt deutlich, dass 70 Prozent aller von 1988 bis 2015 ausgestoßenen Treibhausgase von lediglich hundert Unternehmen stammen, die sich alle im Besitz von Multimillionären und Milliardären aus den führenden Kreisen der Kapitalistenklasse befinden.

Der zweite Band führt die Auswirkungen der globalen Erwärmung, die bereits in verschiedenen Regionen der Vereinigten Staaten aufgetreten und noch zu erwarten sind, im Einzelnen auf. Wetterextreme wie Hurrikan Michael, der im Oktober dutzende Menschen das Leben kostete, und das zerstörerische „Camp Fire“, dem in Kalifornien Hunderte zum Opfer gefallen sind, werden zur Normalität. Zu 49 Städten wurden Daten gesammelt, und sie weisen darauf hin, dass die vielen Dutzend Todesfälle, die jährlich infolge extrem heißer oder kalter Tage anfallen, exponentiell zunehmen. Bis im Jahr 2090 werden sie auf 9300 Todesfälle jährlich ansteigen. Krankheiten wie Dengue-, Zika-, Chikungunya- und Gelbfieber werden sich ausbreiten. Bis 2050 wird mit einer Verdoppelung von West-Nil-Virusinfektionen gerechnet, da höhere Temperaturen bessere Bedingungen für Mücken und andere parasitische Organismen bieten.

Höhere Temperaturen könnten auch Hungersnöte auslösen. Wenn die Temperaturen steigen, wird man im Mittleren Westen der USA 75 Prozent weniger Mais und 25 Prozent weniger Sojabohnen ernten können. In den Great Plains (Großen Ebenen) werden längere Dürren erwartet, die die Weizen-, Gerste-, Kartoffel-, und Bohnen-Ernten reduzieren werden, die in den USA und weltweit Grundnahrungsmittel sind. Frischwasserquellen werden besonders im Sommer im ganzen Land knapper werden.

Eine weitere Folge des Klimawandels wird die zunehmende innerstaatliche Migration sein. Laut den Vereinten Nationen wurden seit dem Jahr 2008 etwa 210 Millionen Menschen weltweit infolge von Wetterextremen oder Dürren vertrieben. Während die meisten dieser Klimaflüchtlinge aus Südasien, Südostasien und dem Nahen Osten stammen, werden auch die 26.000 Einwohner des kalifornischen Städtchens Paradise, deren Wohnungen nicht mehr existieren, unter die Zehntausenden in den Vereinigten Staaten gerechnet, die in diese Kategorie fallen. Mit der zunehmenden globalen Erwärmung wird sich diese Zahl weiter erhöhen.

Solche Bedingungen haben das Potential zur sozialen Explosion. Wie die Bewertung feststellt, verteilen sich die Auswirkungen des Klimawandels nicht gleichmäßig. „Menschen, die heute schon anfällig sind, wie Geringverdiener und andere marginalisierte Gruppen, haben weniger Möglichkeiten, sich auf extreme wetter- und klimabedingte Ereignisse vorzubereiten und mit ihnen fertigzuwerden. Sie werden erwartungsgemäß stärker unter den Auswirkungen leiden.“ Mit anderen Worten, den Flächenbränden, Fluten, Krankheiten und Hungersnöten werden diejenigen am meisten ausgesetzt sein, die am schlechtesten damit fertig werden.

Die Reaktion der Trump-Regierung auf den Bericht war bezeichnend für einen ignoranten und engstirnigen Flügel der amerikanischen Kapitalistenklasse. Trump selbst schrieb zwei Tage vor dem Erscheinen des Berichts auf Twitter: „Brutaler und großflächiger Kaltwind könnte ALLE REKORDE brechen – Was ist bloß mit der globalen Erwärmung passiert?“, womit er seine Unkenntnis der wissenschaftlichen Forschung zur Schau stellte, die ausdrücklich zwischen lokalen Wettermustern und globaler Wetterverschiebung unterscheidet. Allerdings wurde der Bericht ausgerechnet am Thanksgiving-Freitag veröffentlicht und von den Medien kaum zur Kenntnis genommen. Eine Sprecherin des Weißen Hauses versuchte, ihn herunterzuspielen, indem sie behauptete, seine Einschätzung „basiert weitgehend auf dem extremsten Szenario“ und entspreche somit nicht der Realität.

Das soll nicht heißen, dass die Demokraten, die sich in der Frage des Klimawandels eher „links“ äußern, irgendwie fortschrittlicher als die Republikaner wären. Bernie Sanders behauptet, die Lösung bestehe darin, „unser System auf nachhaltige Energie umzustellen“. Die USA würden darin nicht nur „die Welt bei der Rettung unseres Planeten anführen“, sondern gleichzeitig „Millionen angemessen bezahlter Arbeitsplätze schaffen“. Alexandria Ocasio-Cortez versucht weiter, Nancy Pelosi und andere Demokraten zur Einrichtung eines „Komitees für einen Grünen New-Deal“ zu bewegen.

Mit keinem Wort äußern sich Trumps Rivalen dazu, dass die systemische Quelle des Klimawandels der Kapitalismus ist.

Die globale Erwärmung ist nicht zwangsläufig eine Folge der industriellen Entwicklung an sich. Dies ist der Mythos, den reaktionäre Malthusianer und einige Umweltschützer verbreiten, die eine Rückkehr zur Vergangenheit empfehlen. Die industrielle Entwicklung, die die globale Erwärmung erzeugt, wird vielmehr von den Profitinteressen einer immer schmaleren und raffgierigeren Clique von kapitalistischen Eigentümern angeheizt, die keinen Gedanken an Gesundheit und Wohlergehen der menschlichen Bevölkerung oder des Ökosystems als Ganzem verschwenden.

Seit der industriellen Revolution breiten sich fortgeschrittene Produktionstechniken auf jedes Land der Welt aus. Alle Länder tragen zur Produktion von Treibhausgasen und zur Entwaldung bei, die die Haupttriebkräfte des Klimawandels sind. Daraus folgt, dass jegliche Bemühung, den Anstieg der weltweiten Temperaturen aufzuhalten, grundsätzlich international sein muss, um eine Erfolgsaussicht zu haben. Trotz der Behauptung von Sanders, Ocasio-Cortez und ihren Verbündeten würde eine Reduzierung der Treibhausgas-Emission, die auf die Grenzen der Vereinigten Staaten beschränkt wäre, das Ansteigen der weltweiten Temperaturen nicht aufhalten.

Dies gilt für jedes Land. Die Erfolgsbilanz kapitalistischer Regierungen auf der ganzen Welt – einschließlich jeder internationalen Vereinbarung und jedes Klimagipfels – zeigt, dass keine von ihnen in der Lage ist, die wachsende Krise zu lösen, die mit dem Klimawandel verbunden ist. Dieselben Trennlinien zwischen Nationalstaaten und rivalisierenden Konzernen, die die Wirtschaftskatastrophen und militärischen Konflikte produzieren und in einen Weltkrieg münden werden, hindern die kapitalistischen Regierungen daran, die notwendigen Ressourcen zu koordinieren, um den Klimawandel gemeinsam zu bekämpfen.

Grundsätzlich ist der Klimawandel ein globales Problem, das nach einer globalen Lösung verlangt. Kein Nationalstaat, nicht einmal unter sozialistischen Vorzeichen, wäre eigenständig in der Lage, bedeutenden Einfluss auf die gigantischen Prozesse zu nehmen, die die Ozeane, die gesamte Landmasse des Planeten und die Erdatmosphäre umschließen. Luft- und Wassermoleküle kümmern sich nicht um nationale Grenzen, und isolierte Aktionen nationaler Regierungen haben keine größeren Auswirkungen auf den Klimawandel als der dänische König Knut, als er der Brandung befahl, still zu sein.

Diese Erwägungen müssen zum Ausgangspunkt für die internationale Arbeiterklasse bei der Entwicklung einer realistischen Strategie für die Bekämpfung der Gefahren globaler Erwärmung und des Klimawandels werden.

Die Arbeiterklasse ist die einzige Klasse, die kein Interesse an der Aufrechterhaltung der irrationalen privaten Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln und der Aufteilung der Welt in separate, kriegführende Nationalstaaten hat.

Genauso wie die anderen Katastrophen, die der Kapitalismus produziert– Armut und zunehmende Ungleichheit, Faschismus und Angriffe auf demokratische Rechte sowie die wachsende Gefahr imperialistischer Kriege –, ist auch der Klimawandel eine Klassenfrage, deren Lösung die bewusste politische Mobilisierung der Arbeiter in jedem Land erfordert. Nur mittels der sozialistischen Weltrevolution, die die Organisierung der Produktion im Weltmaßstab ermöglicht, wissenschaftlich plant und demokratisch kontrolliert, erhält die Menschheit vollständigen und ungehinderten Zugriff auf die wissenschaftlichen, technologischen und kreativen Kapazitäten, die benötigt werden, um die Umweltkatastrophe aufzuhalten und abzuwenden.

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