3.000 Dollar pro Sekunde für Jeff Bezos – Armutslöhne für Amazon-Arbeiter

19. Juli 2018

Am Montag kletterte das Vermögen von Amazon-Chef Jeff Bezos auf über 150 Milliarden US-Dollar – und machte ihn damit zum reichsten Menschen der modernen Weltgeschichte.

Diese gewaltige Summe ist nur schwer greifbar. Sie lässt sich erst wirklich ermessen, wenn man sie der sozialen Situation der 500.000 Amazon-Arbeiter gegenüberstellt.

Die Existenz solcher Vermögen offenbart den oligarchischen Charakter der Gesellschaft in den USA und weltweit. Im Kapitalismus dominieren Milliardäre wie Jeff Bezos die Parteien, entscheiden, wer in öffentliche Ämter gewählt wird, bestimmen die Regierungspolitik und diktieren die „öffentliche Meinung“, indem sie Kontrolle über wissenschaftliche Einrichtungen und Medien ausüben. Auch hier ist Bezos ein Paradebeispiel. Er kaufte 2013 die Washington Post – für 250 Millionen Dollar, also weniger als das, was er heute an einem Tag verdient.

Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen. Bezos hat seine Milliarden durch die rücksichtslose Ausbeutung der Amazon-Arbeiter gemacht. Auf ihrem Rücken konnte er sein Vermögen seit 2015 – damals noch 60 Milliarden Dollar – mehr als verdoppeln. Amazon hat seitdem etwa 300.000 neue Arbeiter eingestellt, ein ganzes Heer von Ausgebeuteten, die den Mehrwert produzieren, mit dem sich Bezos die Taschen füllt.

Amazon hat sich seinen Wettbewerbsvorteil verschafft, indem es die Ausbeutungsmethoden des 21. Jahrhunderts einführte, um seine Arbeiter bis auf den letzten Schweißtropfen auszupressen. Sie müssen Überwachungsgeräte tragen, die ihre Arbeitsleistung messen, und sind gezwungen, bis zu 25 Kilometer am Tag zu laufen oder zu rennen. Es kommt häufig zu Verletzungen und immer wieder zu Todesfällen und Selbstmorden. Die US-Organisation „National Council for Occupational Safety“ (Nationaler Rat für Arbeitssicherheit) zählt Amazon zu den gefährlichsten Arbeitgebern in den USA.

Amazon ist tief in die Verbrechen der US-Regierung verstrickt – sowohl in die imperialistischen Kriege im Ausland als auch in die Gestapo-ähnlichen Angriffe auf die demokratischen Rechte im eigenen Land.

Das Unternehmen hostet die Webserver für das US-Militär und die Central Intelligence Agency (CIA). Es verkauft seinen Cloud-Service an Palantir, ein Datenanalyse-Unternehmen, das Software anbietet, die von der US-Einwanderungs- und Zollbehörde (Immigration and Customs Enforcement, ICE) verwendet wird, um Razzien durchzuführen und Immigranten festzunehmen. Im Mai berichtete die amerikanische Nichtregierungsorganisation American Civil Liberties Union, dass Amazon auch Orwell’sche Gesichtserkennungssoftware an die Polizei und das US-Heimatschutzministerium verkauft.

Gegen diesen Konzerngiganten wächst der Widerstand, auch innerhalb des Unternehmens selbst.

Im Juni veröffentlichten mehrere Amazon-Mitarbeiter einen Brief, in dem sie das Unternehmen aufforderten, seine Beteiligung an den Massendeportationen und der polizeilichen Überwachung einzustellen. „Dies wird ein weiteres mächtiges Werkzeug für den Überwachungsstaat sein und letztendlich dazu dienen, gegen die am stärksten marginalisierten Menschen vorzugehen“, heißt es in dem Brief. Darin wird auch auf die Zusammenarbeit des US-Konzerns IBM mit Hitler verwiesen, der den Nazis die Technologie lieferte, die zur Ermordung von Millionen Menschen in Konzentrationslagern genutzt wurde.

In diesem Jahr kam es auch zu einer Reihe von Streiks bei Amazon-Standorten auf der ganzen Welt. In Spanien, Polen und Deutschland bricht sich die Wut der Arbeiter über niedrige Löhne, „dauerhafte Zeitarbeit“ und brutale Arbeitsbedingungen überall Bahn und zwang die Gewerkschaften zu begrenzten Streiks am „Amazon Prime Day“, ein Rabatt-Tag, der am 16. und 17. Juli stattfand.

Die Ziele der Gewerkschaften, die am Prime Day zum Streik aufgerufen hatten, stehen im Gegensatz zu den Zielen der Arbeiter, die ihrem Aufruf folgten.

In Spanien hat die Gewerkschaft den Streik auf ein einziges Fulfillment-Zentrum beschränkt. In Deutschland hat sich die Mehrheit der Beschäftigten gegen einen eintägigen Streik der Gewerkschaft Verdi entschieden, da sie weiß, dass Verdi regelmäßig zu isolierten Streiks aufruft, die keinerlei Auswirkungen auf die Unternehmensgewinne haben. In Polen hat die Gewerkschaft nur eine teilweise Verlangsamung der Arbeit gefordert, um einen größeren Streik zu verhindern.

Während die Arbeiter Amazons Lieferkette unterbrechen und erhebliche Lohnerhöhungen und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen erreichen wollen, haben die Gewerkschaften von Anfang an erklärt, dass sie die Streiks als begrenzte Proteste organisieren, die keine Auswirkungen auf die Lieferkette haben werden.

Während die Arbeiter danach streben, sich in einem gemeinsamen internationalen Kampf mit ihren Kollegen über nationale Grenzen hinweg zu vereinen, binden die Gewerkschaften die Arbeiter naturgemäß an „ihre“ Nationalstaaten und Regierungen.

Bei Amazon und in anderen Konzernen weltweit fungieren die Gewerkschaften nicht als Vehikel, sondern als Hindernis für die Entwicklung des Klassenkampfs. Sowohl in ihrer politischen Funktion als auch ihrer sozialen Zusammensetzung steht die Gewerkschaftsführung den Arbeitern, deren Beiträge ihre Gehälter mitfinanzieren, feindlich gegenüber. Indem sie den Klassenkampf bei Amazon und anderswo immer wieder unterdrücken, sind die Gewerkschaften dafür verantwortlich, dass Jeff Bezos ein derartiges Vermögen anhäufen konnte.

In ihren Kämpfen gegen die transnationalen Konzerne müssen die Arbeiter die Fesseln der Gewerkschaften abschütteln und neue Organisationen in ihren Werken aufbauen.

Diese Betriebskomitees müssen Kommunikationswege zwischen den Arbeitern an verschiedenen Standorten schaffen – und sie nicht in ihrem Werk isolieren. Ihr Grundsatz muss lauten, dass die Interessen der Arbeiter und die der Kapitalisten unvereinbar sind – nicht dass Arbeiter und Management „zusammenarbeiten“ sollten. Ihr Ziel muss es sein, ein hohes Maß an demokratischer Diskussion, Planung und Debatten unter den Arbeitern zu fördern. Sie müssen auf dem Verständnis beruhen, dass die Arbeiterklasse eine internationale gesellschaftliche Kraft ist. Die Arbeiter sind machtlos, wenn sie sich auf Grundlage ihrer Nationalität spalten lassen.

Die Unterdrückung des Klassenkampfes hat zu einer beispiellosen sozialen Ungleichheit geführt. In den Vereinigten Staaten besitzen drei Individuen soviel Vermögen wie die ärmste Hälfte der Bevölkerung – 160 Millionen Menschen. Im internationalen Maßstab sind es fünf Oligarchen, die genauso soviel besitzen wie die ärmsten 3,6 Milliarden Menschen. Wer nicht zu den reichsten 5 bis 10 Prozent, sondern zur großen Mehrheit der Bevölkerung gehört, ist mit wirtschaftlicher Not konfrontiert, die sich nur in den Nuancen des Elends unterscheidet.

Angesichts dieses extremen Ausmaßes sozialer Ungleichheit wird der Kampf für eine sozialistische Revolution umso dringender. Die Gesellschaft kann sich das kapitalistische System nicht leisten. Die Billionen von Dollar, die in den Tresoren der Firmenbanken und den Trusts der Superreichen versickern, müssen enteignet und für umfassende Sozialprogramme eingesetzt werden, die bis in den letzten Winkel der Welt eine Versorgung aller Menschen mit ausreichend Wasser, Nahrung, Bildung, Kultur, Wohnungen und Infrastruktur sicherstellen.

Die internationale Integration der Weltwirtschaft, die unter dem Kapitalismus zu Konflikten, Krieg und Konkurrenz führt, wird unter dem Sozialismus die Möglichkeiten schaffen, um die Ressourcen einer Region, entsprechend ihrer Bedingungen, an eine andere Region, entsprechend der Bedürfnisse ihrer Bevölkerung, zu verteilen. Amazon – mit seinem komplexen logistischen Netz, das sich über alle Kontinente erstreckt – wird in ein öffentliches Versorgungsunternehmen verwandelt, das Medizin, Baumaterial, Nahrungsmittel und Katastrophenhilfe für die gesamte Welt liefert.

Weder Bezos noch die Kapitalistenklasse werden ihren Reichtum kampflos aufgeben. Die Arbeiterklasse muss sich auf die kommenden Klassenkämpfe vorbereiten, indem sie sich der sozialistischen Bewegung anschließt.

Eric London

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