Zweite Woche der Offensive gegen Mossul: Zahl der zivilen Opfer wächst

Von Bill Van Auken
27. Oktober 2016

Im Verlauf der US-geführten Offensive zur Rückeroberung Mossuls vom Islamischen Staat (IS) gibt es immer mehr Meldungen über Tote und das Leiden der irakischen Zivilisten. Die Zivilisten geraten zwischen die Fronten und sind Vergeltungsmaßnahmen sowohl des IS als auch der Truppen und Milizen ausgesetzt, die Bagdad unterstützen.

Abdul-Ghani Asadi, der Kommandeur der Antiterror-Einheit der irakischen Armee, berichtete am Montag, die irakische Artillerie sei weit genug auf Mossul vorgerückt, um die Stadt systematisch beschießen zu können. Mossul war einst Iraks zweitgrößte Metropole und hat noch immer eine Bevölkerung von über einer Million Menschen. Sie wurde 2014 vom IS erobert, als eine weit überlegene Armee aus irakischen, von den USA ausgebildeten Regierungstruppen im Angesicht der sunnitisch-islamistischen Kämpfer floh.

Dass die brutale und reaktionäre islamistische Miliz in der Lage war, die Stadt so lange zu halten, ist zu keinem geringen Teil auf die überwiegende Feindseligkeit der Bevölkerung von Mossul gegenüber der Zentralregierung in Bagdad zurückzuführen. Deren schiitisch dominierte Sicherheitskräfte haben die Sunniten überall im Irak systematisch unterdrückt und misshandelt.

Diese sektiererischen Spaltungen sind das Ergebnis der umfassenden Zerstörungen durch den US-Aggressionskrieg, der 2003 begann, und der anschließenden Methoden des „Teile und Herrsche“ der amerikanischen Besatzungsmacht. Sie werden durch die Offensive von Mossul jetzt noch vertieft. Den Preis dafür muss die Zivilbevölkerung der Stadt bezahlen.

Es gibt bereits Berichte über sunnitische Zivilisten, die aus Mossul fliehen und dabei riskieren, vom IS getötet zu werden, nur um dann von irakischen Sicherheitskräfte eingekerkert und brutal misshandelt zu werden, sobald sie entkommen sind.

Die Washington Post berichtete am Dienstag von einer Frau, die mit ihren sechs Kindern aus Mossul Richtung Süden zu den entgegenkommenden irakischen Sicherheitskräften geflohen war.

„[...] die Frau redete mit uns in einem Lager für kürzlich vertriebene Menschen südlich von Mossul. Dabei wurde sie von Männern mit Maschinengewehren beobachtet. In ihrem Zelt gab es keinen Strom und keine Nahrungsmittel, ihre Kinder spielten draußen im Dreck. Ihre Flucht wirkte dadurch wie das Vorspiel zu einem weiteren elenden Martyrium.“

In demselben Lager erzählten Mitglieder einer Gruppe von Schafhirten, dass „sie von Soldaten geschlagen wurden, nachdem sie vor dem Islamischen Staat geflohen waren“.

Aus einem weiteren Lager östlich von Mossul berichtete die Post: „Dutzende von jungen Männern, die aus Gebieten in und um die Stadt herum geflohen waren, wurden hinter einem verschlossenen Tor gefangen gehalten, abgesondert von Familien, die sich in anderen Teilen des Lagers frei bewegen konnten. Einige waren bereits seit vierzig Tagen dort, ohne Hinweis darauf, wann sie wieder weg dürfen, wie sie erklärten.“

„Mohamed Asad, der mit einer Gruppe von jungen Männern in einem Zelt saß, erklärte: ,Wir sind aus einem Gefängnis geflohen, um im nächsten zu landen.‘“

Bei früheren Offensiven zur Vertreibung des IS aus Städten wie Falludscha und Ramadi in der Provinz Anbar wurden Hunderte von sunnitischen Männern niedergemetzelt und viele von den irakischen Regierungstruppen und den schiitischen Milizen gefoltert.

Unterdessen haben kurdische Peschmerga-Milizen in Kirkuk, der ölreichen Stadt im Süden von Mossul, eine Offensive gegen IS-Kämpfer begonnen. Die IS-Kämpfer haben dort letzte Woche angegriffen, um Kräfte von Mossul abzuziehen. Berichten zufolge ist es dabei zu kollektiven Bestrafungsaktionen gegen die zahlreiche sunnitisch-arabische Bevölkerung von Kirkuk gekommen.

Die New York Times zitierte Vertreter der UNO und Anwohner, die berichten, dass kurdische Verantwortliche in Kirkuk „hunderte arabische Familien vertrieben haben, die dort Sicherheit suchten“.

„Arabische Einwohner von Kirkuk, die Dienstag befragt wurden, haben berichtet, dass bewaffnete kurdische Sicherheitskräfte Familien aus ihren Häusern vertrieben und sie zwangen, in Lager zu ziehen“, berichtete die Times. „Sie sagten, auch mehrere Häuser seien zerstört worden. Offenbar werde hier methodisch versucht, so viele Araber wie möglich zu vertreiben.“

In Kirkuk wie in Mossul selbst bereitet die US-gestützte Offensive den Boden für anschließende sektiererische Konflikte. Dabei besteht auch die Möglichkeit, dass die regionalen Mächte mit hineingezogen werden, wie z.B. die Türkei und der Iran.

Aus Mossul dringen auch Berichte über brutale Vergeltungsmaßnahmen des IS gegen diejenigen, die verdächtigt werden, sich ihrer Herrschaft zu widersetzen.

Der Sprecher des UN-Menschenrechtsbüros Rupert Colville erklärte vor einer UNO-Versammlung in Genf, dass irakische Sicherheitskräfte am 20. Oktober im Dorf Tuloul Naser, in der Nähe von Mossul, die von Kugeln durchlöcherten Leichen von siebzig Zivilisten gefunden hätten. Es wurde außerdem berichtet, dass fünfzig ehemalige Polizisten, die außerhalb der Stadt gefangen gehalten worden waren, ebenfalls getötet wurden.

Bei einem weiteren Vorfall, der aus dem Dorf Safina berichtet wurde, wurden fünfzehn Zivilisten niedergemetzelt und ihre Leichen in den Fluss geworfen. Sechs Männer wurden an ein Fahrzeug gebunden und durch das Dorf geschleift, um die einheimische Bevölkerung zu terrorisieren.

Colville berichtete außerdem, IS-Kämpfer hätten drei Frauen und drei Mädchen erschossen sowie vier Kinder verletzt, die bei einer Zwangsumsiedlung zurückgeblieben waren.

Angesichts der Vorgeschichte des IS sind diese Berichte höchst glaubwürdig, genauso wie Behauptungen, dass die islamistischen Milizen beabsichtigen, die Zivilbevölkerung als „menschliche Schutzschilde“ zu benutzen. Bemerkenswert an der umfassenden Berichterstattung über diese Tatsachen in den westlichen Medien ist allerdings der Kontrast zu deren völligem Schweigen über ähnliche Gräueltaten, die jenseits der Grenze in Syrien von US-unterstützten „Rebellen“ verübt werden, d.h. von den mit al-Qaida verbündeten Milizen.

Diese eklatante Doppelmoral hat eine lange Geschichte. Der IS wurde von Washington so lange nicht als Problem angesehen, bis er über die Grenze in den Irak stürmte und dort ein großes Gebiet überrannte, womit er die totale Fäulnis des irakischen Staats und seiner von den USA ausgebildeten Truppen offenlegte.

Es gibt Berichte, dass eines der Ziele der US-Intervention bei der gegenwärtigen Offensive gegen Mossul darin besteht, die IS-Kämpfer zurück über die Grenze nach Syrien zu schicken, damit sie weiter kämpfen, statt sie zu vernichten.

CNN zitierte Scheich Abdullah Alyawer, einen Stammesführer aus der Stadt Rabia an der Grenze zwischen Irak und Syrien. Er hatte erklärt, Hunderte von IS-Kämpfern und ihre Familien seien an einer vom IS kontrollierten Übergangsstelle bei Ba’aaj, südlich von Sinjar, über die Grenze geströmt.

Der Bericht scheint frühere Vorwürfe der syrischen Regierung sowie Moskaus zu bestätigen, dass die USA und ihre Verbündeten westlich von Mossul absichtlich einen Korridor – eine Art Rattenlinie – offengelassen haben, um es islamistischen Kämpfern zu erleichtern, nach Syrien zu gelangen. Damit soll der erlahmende Krieg für einen „Regimewechsel“ gestärkt werden, den Washington vor über fünf Jahren angezettelt hat.

Bei einer Rede vor einem Treffen der Verteidigungsminister aus dreizehn Ländern in Paris warnte der französische Präsident Francois Hollande vor einer Verlagerung von IS-Kämpfern vom belagerten Mossul nach Raqqa in Syrien. „In diesen Kolonnen von Menschen, die Mossul verlassen, werden sich Terroristen verstecken, die versuchen nach Raqqa zu fliehen“, erklärte er.

Die militärische Führung Russlands gab am Dienstag eine Erklärung heraus, sie überwache die irakisch-syrische Grenze und habe Kampfflugzeug in Bereitschaft, um Luftangriffe auf IS-Einheiten zu fliegen, die zu fliehen versuchen. Eine solche Intervention würde die Ziele der USA durchkreuzen und die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen den beiden großen Atommächten erhöhen.

In einem Leitartikel über die Offensive gegen Mossul wies das Wall Street Journal am Dienstag auf eines der wichtigsten Ziele hin, die Washington mit dem Einsatz tausender US-Soldaten zur Unterstützung dieser Kampagne verfolgt.

In dem Leitartikel heißt es: „Den Islamischen Staat in Mossul zu besiegen ist sehr im Interesse der USA. Aber das einzige Mittel, mit dem die nächste Regierung in der Lage sein wird, das Wiederaufleben des Islamischen Staats oder eine iranische Vorherrschaft in der Region zu verhindern, ist die langfristige Stationierung tausender US-Soldaten im Irak, um politischen Druck auf den Irak und andere regionale Mächte auszuüben und um sie als schnelle Eingreiftruppe einsetzen zu können.“ Mit anderen Worten, der Kampf um Mossul ist nur Teil der Vorbereitungen auf viel größere Kriege im Nahen Osten und darüber hinaus.