New York Times verteidigt US-Imperialismus und denkt über ethnische Säuberung nach

Von Eric London
23. August 2016

Die Printausgabe des New York Times Magazine vom 14. August ist einem einzigen Thema gewidmet und trägt den Titel: „Zerrüttete Länder: Wie die arabische Welt aus den Fugen geriet“ (Fractured Lands: How the Arab World Came Apart). Der Autor Scott Anderson berichtet auf 60 Seiten ausführlich aus dem Leben von sechs Menschen aus unterschiedlichen Regionen des Nahen Ostens. Die Schilderungen beginnen in den Jahren vor der amerikanischen Invasion des Irak 2003, handeln vom arabischen Frühling, dem Aufstieg des IS in 2014/15 und den Migrantenströmen aus der vom Krieg zerrissenen Region.

Der Herausgeber des Magazins, Jake Silverstein, schreibt im Vorwort:

„Über ein Thema wie dieses haben wir noch nie geschrieben… Es geht um die Katastrophe, die zum Zerfall der arabischen Welt führte. Alles begann mit der Invasion des Irak vor 13 Jahren, die den IS entstehen ließ und die weltweite Flüchtlingskrise ausgelöst hat. Die Katastrophe ist überall zu spüren. Die Ursachen sind bestimmt vielfältiger Art, doch ihre Folgen, Terror und Unsicherheit auf der ganzen Welt, sind uns allen vertraut.“

Silverstein schließt mit den Worten: „Zum ersten Mal konzentrieren wir unsere ganze Energie und Aufmerksamkeit auf eine einzige Geschichte und bitten unsere Leser darum, dies ebenfalls zu tun. Wir sind nämlich überzeugt, dass sie hier eine der klarsten, beeindruckendsten und menschlichsten Erklärungen dafür finden werden, was in dieser Region falsch gelaufen ist.“

Die Veröffentlichung hat objektive Bedeutung. Darstellungsform, Inhalt und Ton der Artikel bringen das Gefühl der amerikanischen herrschenden Klasse zum Ausdruck, dass sie im Nahen Osten auf eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes zusteuert. Die Frage, die Anderson eingangs aufwirft, „Weshalb ist es so gekommen?“ stellt sich auch die herrschende Klasse, die konsterniert vor den verheerenden Folgen ihrer eigenen rücksichtslosen und kurzsichtigen Politik steht.

In den letzten 25 Jahren hat der US-Imperialismus von Nordafrika bis Zentralasien ein Gebiet in der Größe von Tausenden von Quadratkilometern verwüstet und dabei über eine Million Menschenleben vernichtet. Mit den Kriegen der USA kamen eine Reihe neuer Begriffe auf wie „Furcht und Entsetzen“, „außerordentliche Überstellungen“, „Geheimgefängnisse“, „gezielte Hinrichtungen“ und „Terror-Dienstag“. Sehr viele der 200 Millionen Bewohner dieser Region verloren ihr Zuhause oder suchten ihr Heil in der Flucht. Wenn Barack Obama im Januar aus dem Amt scheidet, wird er der erste Präsident in der Geschichte Amerikas sein, der zwei Amtszeiten in Folge ununterbrochen Krieg geführt hat.

Fractured Lands stellt eine Rechtfertigung der Verbrechen des amerikanischen Imperialismus dar. Scott Anderson war 33 Jahre lang Kriegsberichterstatter und arbeitet seit 17 Jahren für die New York Times. Er schreibt viel und ist ein sehr gebildeter Mann. Erst vor Kurzem brachte er ein Buch über die imperialistische Aufteilung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg heraus. Fractured Lands ist, ob Anderson das will oder nicht, eine „human interest“ story, eine Geschichte, die Gefühle manipuliert, um den „Menschenrechts“-Imperialismus zu rechtfertigen und den Weg für weitere Kriege freizumachen.

Fractured Lands argumentiert, dass das nach dem Ersten Weltkrieg errichtete Nationalstaatensystem die vielen ethnischen und religiösen Unterschiede in der Region nicht ausreichend berücksichtigt habe. Anderson schließt aus dem Zusammenbruch der bürgerlich-nationalistischen Regierungen in Syrien, Ägypten, Irak und Libyen, dass Gruppen, die sich rassisch und ethnisch definieren, das politische Vakuum ausfüllen und untereinander um die Errichtung von Stammesgebieten und Machtbereichen kämpfen müssten. Ethnische Säuberungen, räumt der Text ein, könnten ein Teil davon sein. Anderson stellt Überlegungen an, ob Pogrome und Völkermord nötig sein könnten, um in der Region Ordnung herzustellen.

Die Times beschönigt 25 Jahre imperialistischer Kriegsverbrechen

Die Artikel beschreiben das Leben der sechs ausgewählten Personen und ihre entbehrungsreiche und tragische Geschichte. Der Leser fühlt mit ihnen angesichts dieser Not. Doch das Material wird so präsentiert, dass die Vereinigten Staaten als wohltätige Macht erscheinen, deren Interventionen Demokratie und Menschenrechte verwirklichen sollen, vor allem für religiöse Minderheiten und Frauen.

Anderson erzählt uns die Geschichte von Khulood a-Zaidi, einer jungen irakischen Frau aus Kut, die zur Zeit der US-Invasion 23 Jahre alt war.

„Vor der Invasion prophezeite Vizepräsident Dick Cheney, die Amerikaner würden im Irak als ‚Befreier begrüßt‘ werden. Am 4. April bestätigten sich diese Worte in den Straßen Kuts. Die Marines festigten ihre Kontrolle über die Stadt, und junge Männer und Kinder umschwärmten sie und boten ihnen Süßigkeiten und heißen Tee an. Als die Ausgangssperre aufgehoben wurde, beobachtete Khulood, wie die meisten Frauen in Kut, aus einer sicheren Distanz, was sich abspielte. ‚Die Amerikaner waren sehr entspannt, freundlich, doch den stärksten Eindruck auf mich machte, dass sie mir riesig erschienen, und auch ihre Waffen und Fahrzeuge. Alles schien jeden Maßstab zu sprengen, als seien Außerirdische bei uns einmarschiert.‘“

Anderson schreibt, dass die Amerikaner „in der Stadt schnell so etwas wie Normalität schufen“, und fährt fort: „Worauf es jetzt wirklich ankam, war der Wiederaufbau der ruinierten Wirtschaft des Landes und die Bildung einer neuen Regierung. Zu diesem Zweck kam unter der Aufsicht der Übergangsverwaltung der Koalition eine kleine Armee ausländischer Techniker, Wirtschaftsfachleute und Berater in den Irak. Die amerikanisch geführte Übergangsverwaltung würde abtreten, sobald eine neue irakische Regierung im Amt wäre.“

Die Invasoren brachten „Menschenrechtsberater“ ins Land, deren Aufgabe es war, „Entwicklungsprojekte zugunsten von Frauen im schiitischen Kernland im Südirak“ zu beaufsichtigen. Khulood profitierte von diesem Programm und wurde bald nach Washington geschickt, um die Kollaborateure der Besatzer dabei zu unterstützen, eine neue, von den USA diktierte Verfassung auszuarbeiten. Als sie zurückkehrte, wurde die junge Frau von ihren Nachbarn verständlicherweise als US-Agentin angesehen.

Anderson spricht begeistert über diese Aspekte des gescheiterten Versuchs Washingtons, in Bagdad ein funktionierendes Marionettenregime zu etablieren. „Ein neuer Irak wurde errichtet“, behauptet er, „wo Demokratie und Respekt für die Menschenrechte an die erste Stelle rückten. Das ist noch nicht alles: Um diesen neuen Irak zu festigen, durfte jeder einen Beitrag leisten, nicht zuletzt die Frauen von Kut.“

Wakaz Hassan, ebenfalls Iraker, erzählt seine Geschichte. Hassan, schreibt Anderson, „erinnerte sich, dass er über die Misshandlung irakischer Gefangener in einem von den Amerikanern betriebenen Gefängnis gehört hatte“ – ein deutlicher Hinweis auf die skandalösen Praktiken im Abu Ghraib-Gefängnis – „und dann kamen einmal amerikanische Soldaten und durchsuchten die Wohnung seiner Familie. Doch diese Soldaten verhielten sich sehr respektvoll, und es kam zu keinem Zwischenfall.“

„‚Ich weiß, dass andere mit den Amerikanern Probleme hatten‘, sagte Wazan, ‚aber meine Familie nicht. Wir waren gar nicht wirklich betroffen‘“. Anderson behauptet, dass die Invasion die „Menschenrechte“ in vielerlei Hinsicht vorangebracht habe. Zum Beispiel wurde festgelegt, dass 25 Prozent der Parlamentssitze Frauen vorbehalten werden.

Wer die Geschichte des Irak kennt, kann nur ungläubig den Kopf darüber schütteln, dass dieses Propagandamärchen erneut aufgetischt wird. Als sei es für die Frauen des Landes ein Fortschritt, wenn 25 Prozent der Parlamentssitze für die Ehefrauen, Schwestern und Töchter der Führer der verschiedenen sektiererischen Parteien im irakischen Parlament reserviert sind.

Die Vorstellung, die Schändung des Landes durch den US-Imperialismus sei im Interesse der Frauen des Irak erfolgt, ist abstoßend. Ungeachtet aller Verbrechen, derer das Baath-Regime von Saddam Hussein schuldig ist, hatten die Frauen im Irak im Vergleich zu jedem anderen Land in der Region den höchsten gesellschaftlichen Status und die meisten Rechte. Ihre Lage verschlechterte sich mit dem ersten Golfkrieg 1991, und die Sanktionen, die die Wirtschaft des Landes zerstörten, sorgten dafür, dass sich ihre Situation weiter verschlimmerte.

Der Krieg selbst machte über eine Million irakischer Frauen zu Witwen. In der Folgezeit der US-Invasion wurden die säkularen rechtlichen Garantien – Gleichheit vor dem Gesetz und im Arbeitsleben – durch religiöse Vorschriften ersetzt, die die Frauen dieser Rechte beraubten. In den dreizehn Jahren nach der US-Invasion verloren die Frauen ihren hohen gesellschaftlichen Status und haben jetzt einen der niedrigsten in der Region.

Auch in Bezug auf Libyen verzerrt Fractured Lands die Realität. Einen jungen Mann, Majdi El-Mangoush, zeigt Anderson als jemanden, der mit falschen pro-Gaddafi-Behauptungen einer Gehirnwäsche unterzogen worden sei, weil er davon ausgeht, dass der „US-Imperialismus“ mit den Kämpfen in Libyen zu tun hat: „Majdi war also nicht wirklich überrascht, als Mitte März 2011 Flugzeuge des westlichen Bündnisses über Tripolis auftauchten und Regierungseinrichtungen bombardierten. Das schien der Beweis zu sein, dass das Land von außen angegriffen wird.“ Majdi läuft schließlich über, liefert Informationen über Soldaten Gaddafis und schlägt sich auf die Seite der von den USA unterstützten Opposition.

Das Times Magazine schreibt über diese Ereignisse allein aus dem Blickwinkel von Einzelpersonen, die unfreiwillig in sie verwickelt wurden. Auf diese Weise verdunkelt es völlig, wer die Entscheidungen traf, die zu diesen Kriegen mitsamt ihren Opfern und der Zerstörung der Gesellschaften führten.

Der Artikel verschweigt bewusst, dass die Bush-Regierung und die Obama-Regierung am Tod und der Verstümmelung von Millionen von Menschen schuld sind. Die erste hatte einen unprovozierten Angriffskrieg gegen den Irak befohlen, letztere 2011 zuerst den Krieg von USA und Nato für einen Regimewechsel in Libyen vom Zaun gebrochen und später den unter Mitwirkung der CIA geführten Stellvertreterkrieg für einen Regimewechsel in Syrien organisiert. Man muss hinzufügen, dass auch die verbrecherische Rolle der New York Times totgeschwiegen wird, die diese Kriege propagandistisch unterstützt hat.

Auch in der Wahl seiner Gesprächspartner ist Anderson nicht aufrichtig. Die New York Times hat entschieden, nicht die Eltern oder Kinder derer zu porträtieren, die in den US-Kriegen getötet wurden. Sie wärmt stattdessen die Propaganda auf, die sie schon vor über zehn Jahren zur Unterstützung der US-Invasion einsetzte.

Die New York Times denkt über ethnische Säuberungen nach

Als Antwort auf die Frage „Weshalb ist es so gekommen?“ weist Anderson auf den Zusammenbruch früherer bürgerlich-nationalistischer Regierungen des Nahen Ostens hin und auf das politische Vakuum, das sie hinterlassen haben. Er redet die Rolle des US-Imperialismus in der Region klein, sagt aber in seiner Vorbemerkung: „Während die meisten der 22 Nationen, die die arabische Welt ausmachen, vom arabischen Frühling in einem gewissen Maß erschüttert wurden, so sind die sechs, die am stärksten betroffen waren – Ägypten, der Irak, Libyen, Syrien, Tunesien und der Jemen – Republiken und keine Monarchien.“

Anderson geht kurz auf die Methoden ein, mit denen die imperialistischen Mächte nach dem Ersten Weltkrieg den Nahen Osten aufteilten. Er erwähnt die „Teile und herrsche“-Strategie der Briten und Franzosen, die „eine lokale ethnische oder religiöse Minderheit als ihre lokalen Statthalter einsetzten“, obwohl „hinter den sektiererischen und regionalen Spaltungen in diesen ‚Nationen‘ ein außerordentlich komplexes Geflecht von Stämmen, Unterstämmen und Clans steht.“ Merkwürdig, dass er „vergisst“, dass der US-Imperialismus eben diese Methoden sowohl bei der Zerstückelung des Irak als auch beim Schüren des sektiererischen Bürgerkriegs in Syrien angewandt hat.

Anderson kommt zu dem Schluss, dass der Nationalstaat im Kern unfähig ist, die Interessen der nationalen, ethnischen und religiösen Minderheiten zum Ausdruck zu bringen.

Besondere Aufmerksamkeit widmet der Artikel den jesidischen Christen und den Kurden. Anderson interviewt Azar Mirkhan, einen ultranationalistischen Arzt aus Kurdistan. Im Beisein von Anderson befiehlt Mirkhan einem hohen Peshmerga-Vertreter, im Gebiet südlich des Berges Sindschar im Nordwesten des Irak ein Pogrom gegen arabische Bauern durchzuführen. Mirkhan bezeichnet das als Vergeltung dafür, dass die lokale arabische Bevölkerung ein IS-Massaker an den Kurden nicht verhindert hat.

Anderson stellt Betrachtungen über Mirkhans Handeln an:

„Bis vor Kurzem wäre Azar wegen seiner radikalen separatistischen Ansichten vielleicht als fremdenfeindlich oder sogar faschistisch abgestempelt worden. Angesichts der barbarischen Akte des IS und des Hasses, der sich in den letzten Jahren im ganzen Nahen Osten ausgebreitet hat, tendieren einige Beobachter dazu, seine harte Denkweise als den besten, oder genauer, den einzigen Weg aus dem Schlamassel zu sehen. Die Verzweiflung über das unmögliche Unterfangen, die zerstörten Nationen der Region wieder zusammenzufügen, hat eine ständig wachsende Zahl von Diplomaten, Generälen und Staatsmännern soweit gebracht, genau die Art von ethnischer und sektiererischer Separierung zu erwägen, die Azar vorschlägt, wenn auch in weniger brutaler Form.

„Selbst Befürworter räumen ein, dass Separierungen nicht einfach wären. Wie soll man mit den stark ‚gemischten‘ Bevölkerungen von Städten wie Bagdad oder Aleppo verfahren? Im Irak gibt es bei vielen Stämmen schiitische und sunnitische Subgruppen, in Libyen Separierung durch Jahrhunderte alte geographische Zerstreuung. Werden sich diese Leute für ihren Stamm, ihre Sekte oder ihre Heimat entscheiden? Geschichtliche Parallelen zeigen deutlich, dass diese Politik qualvoll und mörderisch wäre. Man denke an die Politik der ‚Entgermanisierung‘ in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg und an die Teilung des indischen Subkontinents 1947. Doch trotz all des Elends und der vielen Opfer, die zu beklagen wären, ist dies vielleicht die letzte und beste Option, um zu verhindern, dass die gescheiterten Staaten des Nahen Ostens zu immer brutaleren Schlächtereien führen.“

Dass solche Zeilen in der führenden Zeitung des amerikanischen Liberalismus erscheinen können, ist ein Beleg für das reaktionäre politische Klima, das in 25 Jahren permanenten Kriegs kultiviert worden ist. Die „letzte, beste Option“ bedeutet, Bevölkerungen nach ethnischen und religiösen Aspekten zum Zweck der Aufteilung einer ganzen Region aufeinander zu hetzen. Tod und Vertreibung für Millionen wären die Folge.

Doch die von der New York Times vorgeschlagene Politik ist bereits gängige Praxis. Al-Qaida, IS und die Al-Nusra-Front sowie andere ultrarechte islamistische Gruppierungen wurden vom amerikanischen Imperialismus benutzt, um die alten Staatsstrukturen im Nahen Osten zu zerstören, um die ganze Region den Interessen der amerikanischen Banken und Unternehmen unterzuordnen.