Wirtschaftliche Probleme nach Brexit nehmen zu

Von Nick Beams
5. Juli 2016

Nach dem britischen Referendum am 23. Juni über den Austritt aus der Europäischen Union verschärfen sich die Probleme im internationalen Finanzsystem. Eines der deutlichsten Anzeichen dafür ist der starke Anstieg des Handels von Staatsanleihen mit Negativzinsen.

Im letzten Monat stieg die Gesamtsumme um 1,3 Billionen auf 11,7 Billionen Dollar. Investoren und Finanzinstitute haben ihr Vertrauen in die Aussicht auf ein normales Wachstum der Weltwirtschaft vollständig verloren und flüchten stattdessen in „sichere“ Anlageformen. Letzte Woche sanken die Zinsen für deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit in den Negativbereich, in Japan haben die Zinsen für alle Staatsanleihen mit einer Laufzeit von weniger als fünfzehn Jahren den Negativbereich erreicht.

Negativzinsen entstehen, wenn der Preis für die Staatsanleihe so hoch und die Zinsen so niedrig sind, dass Investoren Geld verlieren würden, wenn sie eine Anleihe bis zum Ablaufdatum behalten würden (Preise und Zinsen entwickeln sich im umgekehrten Verhältnis zueinander).

Die Umwälzung auf den Anleihemärkten deutet darauf hin, dass sich die Aussichten für die Weltwirtschaft nach dem Brexit-Votum verschlechtern werden. Als Reaktion darauf bereiten Zentralbanken auf der ganzen Welt weitere Geldspritzen für die Finanzmärkte vor.

Die Zinsen für britische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit stürzten letzte Woche auf das Rekordtief von 0,78 Prozent, die für Anleihen mit längerer Laufzeit blieben geringfügig besser. Die Zinsen für Anleihen mit zweijähriger Laufzeit sanken jedoch erstmals in den Negativbereich. Ökonomen sagen für die kommenden Monate eine Rezession für Großbritannien voraus. Auch der Gouverneur der Bank von England, Mark Carney, kommt zu einer pessimistischen Einschätzung.

Er erklärte, die Entscheidung für den Austritt aus der EU sei ein „deutlicher Regimewechsel“ und warnte: „Unsicherheit über das Tempo, die Breite und das Ausmaß dieser Veränderungen könnten eine ganze zeitlang Folgen für unsere wirtschaftlichen Aussichten haben.“ Gleichzeitig stellte er für die nächsten Monate „einige geldpolitische Entlastungen“ in Aussicht.

Carney deutete an, dass es neben Unsicherheiten wegen des Brexit auch längerfristige Veränderungen gegen werde. „Diese Herausforderungen werden verstärkt durch tiefere Kräfte, die das Gleichgewicht zwischen Geldanlage und Investition in die Weltwirtschaft radikal verändert haben“, erklärte er. „Egal ob man es ‚säkulare Stagnation' oder ‚globale Liquiditätsfalle' nennt, der Angriff auf Arbeitsplätze, Löhne und Wachstum ist real.“

Mit „säkulare Stagnation“ und „Liquiditätsfalle“ ist eine Situation gemeint, in der die Aussichten auf Investitionen so niedrig sind, dass Senkungen der Zinssätze nicht zu einer Steigerung der Aktivität in der Realwirtschaft führen und wirtschaftliche Stagnation ein dauerhafter Zustand wird. Erstmals wurde diese Situation in den 1930er Jahren beschrieben.

Carney wies auf mehrere miteinander verbundene Faktoren hin, die kurz- und längerfristig die wirtschaftlichen Aussichten verschlechtern. So hätte etwa die Globalisierung und die Automatisierung zur Verlagerung von Arbeitsplätzen geführt. Gleichzeitig sei die Entstehung größerer und globaler Märkte einhergegangen mit Entschädigungssystemen, in denen der Gewinner alles bekommt.

Unmittelbar seien die Anzeichen für politische Unsicherheit in den USA und Japan eineinviertelmal höher als die Durchschnittswerte vor der Finanzkrise, in China sogar dreimal höher. In Großbritannien seien „die Fortschritte seit der Finanzkrise in diesem Jahr mehr als vollständig zunichtegemacht“ worden. Die Indikatoren waren bis zum Beginn des Referendums bis zu fünfmal höher als der Durchschnitt vor der Krise.“

Haushalte, Unternehmen und Finanzmärkte litten unter einer Art „wirtschaftlicher posttraumatischer Belastungsstörung.“ Viele Menschen verspürten wirtschaftliche Unsicherheit.

In der Wirtschaft herrsche „große Enttäuschung“ über die Unternehmensgewinne. „Dass die früheren Verhältnisse, vor allem die Produktivitätsraten, noch immer nicht das Niveau der Vergangenheit erreicht haben, hat auf den Märkten für ein Gefühl von Unsicherheit gesorgt, auf welchen Grundlagen künftiger Wohlstand denn gebaut werden soll,“ so Carney.

Die Unsicherheit über das globale Wachstum halte die Unternehmen davon ab, in den Industrienationen zu investieren. Das globale Investitionsniveau bleibe „schwach“, in Großbritannien liege es „unterhalb früherer Zyklen.“

Hinsichtlich der Stabilität des britischen Finanzsystems versicherte Carney, dass die Kapitalvorschriften für die großen Banken aufgrund von „Reformen“ heute zehnmal so streng seien wie vor der Krise. Doch wie der Wirtschaftskommentator Martin Wolf von der Financial Times jüngst bemerkte, ist zehnmal nahe Null immer noch nahe Null. Die Eigenkapitalvorschriften würden sehr „riskant“ gehandhabt.

Währenddessen drohen Europa weitere wirtschaftliche und politische Unruhen. Möglicherweise wird sich die italienische Regierung von Ministerpräsident Matteo Renzi der EU widersetzen und Milliarden Euro in das schuldengeplagte italienische Bankensystem pumpen. Nach dem Brexit sank der Aktienkurs der italienischen Banken, die notleidende Kredite im Wert von 360 Milliarden Euro in ihren Büchern haben, um 30 Prozent.

Wie die Financial Times meldete, ist Renzi entschlossen, notfalls mit Steuergeldern einzugreifen, obwohl Berlin und Brüssel solche Rettungsaktionen ablehnen. Laut dem Bericht hat die Drohung einer direkten staatlichen Intervention unter EU-Regulierungsbehörden die Befürchtung ausgelöst, dies würde „die Glaubwürdigkeit der neu eingerichteten Bankenregeln gleich beim ersten ernsthaften Test schädigen.“

Letzte Woche lehnte Bundeskanzlerin Angela Merkel Italiens Bitte ab, die Regeln für staatliche Hilfe auszusetzen, um die Banken des Landes wieder mit Kapital auszustatten. Benoit Coeure, ein hoher Funktionär der Europäischen Zentralbank, erklärte, jede Aussetzung würde das Ende der Bankenunion in ihrer jetzigen Form bedeuten. Als Reaktion auf die Vorwürfe, Renzi würde Regeln brechen, erklärte er, er werde sich nicht „von Besserwissern belehren lassen.“

Renzi macht seine politische Zukunft von einem Verfassungsreferendum im Oktober abhängig, das die Macht des Oberhauses verringern und die Stabilität der Regierung erhöhen soll. Allerdings droht ihm Widerstand von der populistischen und nationalistischen Fünf-Sterne-Bewegung und der Lega Nord. Beide behaupten, durch die geplanten Verfassungsänderungen würde die Regierung zu viel Macht in ihren Händen konzentrieren. Das Finanzunternehmen Citi beschrieb das Referendum als das „nach dem Brexit möglicherweise größte Risiko des Jahres für Europa.“

Die Aktienmärkte reagierten auf die Aussicht auf noch mehr billiges Geld mit Kursanstiegen, ähnlich wie ein Heroinsüchtiger auf einen weiteren Schuss. Allerdings kommen die Finanzeliten zunehmend zu der Erkenntnis, dass die seit 2008 getroffenen Maßnahmen zu einer Katastrophe führen.

Der scheidende Gouverneur der Bank von Indien, Raghuram Rajan, warnte letzten Monat bei einem Treffen der Zentralbanker, das von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich organisiert wurde, man dürfe nicht annehmen, dass Zentralbanken immer eine „große Geldspritze“ in der Hinterhand hätten. Die großen Industrienationen forderten zwar, die Schwellenländer müssten politisch „orthodox“ sein, hätten aber selbst die Orthodoxie „aus dem Fenster geworfen“.

Rajan hatte als Chefökonom des Internationalen Währungsfonds vor 2008 als einer der wenigen vor den Problemen gewarnt, die die Politik des billigen Geldes mit sich bringt. Jetzt erklärte er, das Vertrauen in die Finanzeliten und Finanzinstitutionen sei zusammengebrochen, es gäbe kein gemeinsames wirtschaftliches Paradigma mehr und die Krise hätte bei den großen Wirtschaftsmächten „wieder zu den Bedingungen geführt, die auf den Schwellenmärkten herrschten.“

Mohamed El-Erian, ein hoher Wirtschaftsberater der Allianz-Gruppe, wies am 2. Juli in einem Artikel auf Bloomberg auf die strukturellen Unsicherheiten durch den Brexit und die Verschlechterung der tieferen wirtschaftlichen Bedingungen hin, die sich in einem langsameren Wachstum von Produktivität und Investitionen äußern. Dieser Zustand hätte „es den Zentralbanken und anderen äußerst schwer gemacht, eine Zukunftsperspektive mit genug Überzeugungskraft und Substanz zu vermitteln“. Und daher stehe „ihr Ansatz auf keiner festen Grundlage.“ Außerdem hätten sich die Zentralbanken immer wieder weit auf unbekanntes Terrain vorgewagt.

Diese Entwicklung hat zu einer Situation geführt, in der sich die Bilanzen der internationalen Zentralbanken seit 2008 verdreifacht haben. 2008 standen die Zentralbanken am Rande der Finanzmärkte, heute jedoch sind sie wichtige Spieler. Wenn die „Supernova“ des Anleihenmarkts explodiert, wie es der international tätige Anleihenhändler Bill Gross formuliert, werden die Zentralbanken also stark in Mitleidenschaft und in den Strudel gezogen werden.