Blutbad im Jemen eskaliert, Regionalmächte bedrohen einander

Von Thomas Gaist
14. April 2015

Die Koalition, die von Saudi-Arabien angeführt und von den USA unterstützt wird, verschärft ihre seit fast drei Wochen andauernden Luftangriffe auf den Jemen. Die humanitäre Situation in dem Land war bereits vor Beginn der Luftangriffe katastrophal, laut Vertretern der Vereinten Nationen hat sie sich mittlerweile noch weiter verschärft.

Am Sonntag wurden bei Angriffen der arabischen Koalition auf die südjemenitische Provinz Taiz mindestens acht Zivilisten getötet. Laut einem Informanten aus der Regierung wurden bei den Angriffen Wohngebiete nahe einer Militärbasis zerstört.

Am Samstag bombardierten Flugzeuge der Arabischen Liga außerdem Ziele in der Hafenstadt Hodeida am Roten Meer. Seit dem 26. März haben die Luftstreitkräfte der saudischen Koalition mehr als 1.200 Angriffe gegen den Jemen geflogen, hunderte von jemenitischen Zivilisten wurden getötet, zehntausende mussten aus ihrer Heimat fliehen.

„Die Intensität der Luftangriffe hat deutlich zugenommen. Es wird noch immer über erbitterte Kämpfe in Wohngebieten berichtet, die Militäroperationen decken völlig neue Gebiete ab“, erklärte das Büro der Vereinten Nationen zur Koordinierung der humanitären Hilfe am Wochenende.

Als Vorbereitung auf eine umfassende Invasion mit Bodentruppen setzen Seestreitkräfte der saudischen Koalition eine Blockade des jemenitischen Luftraums und seiner Hafenanlagen durch.

Der saudische General Ahmed al-Assiri erklärte am Samstag vor der Presse: „Wir werden zu gegebener Zeit Kampfhandlungen im Jemen aufnehmen.“

Im Jemen, der bereits vor dem Angriff das ärmste Land der arabischen Welt war, mangelt es zunehmend an medizinische Hilfsgüter, Strom, Wasser und Grundnahrungsmitteln. Wie offizielle Stellen berichten, liegen in der südjemenitischen Hafenstadt Aden seit Tagen Leichen und Abfall auf den Straßen, während sich die grundlegendsten sozialen Aufgaben nicht mehr erfüllen lassen.

Es werden weiterhin hunderte von Zivilisten evakuiert. Am Wochenende verließen Staatsbürger des Sudans, Äthiopiens, der USA, Südkoreas, Nigerias, Syriens, Indonesiens und mehrerer europäischer Staaten das Land per Flugzeug. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk sind letzte Woche mindestens 900 Menschen über die Meerenge nach Somalia geflohen.

Auslöser für den Bürgerkrieg war der Sturz der von den USA unterstützten Regierung durch aufständische Stammesgruppen, welcher mit der Einnahme der Hauptstadt Sanaa durch Huthi-Kämpfer im September 2014 begann.

Seit Beginn des Kriegs Ende März kam es in fünfzehn der zweiundzwanzig Provinzen des Jemen zu neuen Zusammenstößen zwischen militanten Gruppen. An diesen Gefechten waren al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), südjemenitische Separatistengruppen wie die „Südliche Bewegung“, die Huthi und eine Reihe weiterer militanter Fraktionen beteiligt, die auf der Seite des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh kämpfen.

Huthi-Kämpfer haben am Freitag bei Kämpfen an der saudisch-jemenitischen Grenze mindestens drei saudische Soldaten getötet. Laut offiziellen saudischen Stellungnahmen wurden in den letzten Wochen bei Grenzgefechten etwa 500 Huthi getötet.

Die amerikanische Regierung hat ihre Unterstützung für die Truppen der saudischen Koalition seit Beginn des Krieges immer weiter verstärkt. Wie sogar CNN offen zugibt, wird die arabische Koalition, zu der u.a. die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Kuwait, Katar, Jordanien, Marokko, Sudan und Ägypten gehören, mit „frischen, modernen Waffen aus amerikanischer Herstellung“ versorgt.

Die USA unterstützen die Koalition mittlerweile u.a. mit Luftbetankungsflugzeugen, sodass die saudischen Kampfflugzeuge mehrere Angriffe fliegen können, bevor sie landen müssen.

Die USA haben außerdem bekannt gegeben, dass sie der saudischen Monarchie Geheimdienstdaten zur Verfügung stellen, darunter Informationen zur Unterstützung der Luftangriffe der arabischen Koalition. Ein Vertreter der US-Regierung erklärte am Wochenende: „Wir haben uns entschlossen, etwas mehr [Informationen] mit unseren saudischen Partnern zu teilen.“

Amerikanische und europäische Kriegsschiffe beobachten das Blutbad von Positionen im Indischen Ozean knapp außerhalb des Golfs von Aden.

Der französische Außenminister Laurent Fabius erklärte bei einer Konferenz mit dem saudischen Prinzen Saud al-Faisal, Frankreich unterstütze den Krieg uneingeschränkt.

Fabius sagte, Frankreich sei „natürlich auf der Seite seiner regionalen Partner, die im Jemen wieder für Stabilität sorgen“. Paris ist bestrebt, seine Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien auszubauen und hat der saudischen Regierung angeboten, sie bei der Entwicklung von Atomenergie zu unterstützen.

Die zunehmend kriegerische Wortwahl der regionalen Staatsoberhäupter zeigt nicht nur deutlich, wie ernst die politische Krise ist, sondern auch die wachsende Gefahr, dass sich das Blutbad im Jemen zu einem noch größeren Krieg ausweitet.

Am Sonntag hat Riad den Iran aufgefordert, seine Unterstützung für die Huthi einzustellen, ihm vorgeworfen, „kriminelle Aktivitäten“ der Huthi zu unterstützen und zur Einstellung aller Aktivitäten „gegen die rechtmäßige Ordnung im Jemen“ aufgerufen. Weder Saudi-Arabien noch die USA haben irgendeinen Beweis dafür erbracht, dass der Iran an dem Konflikt im Jemen beteiligt ist.

Der saudische Außenminister Saud al-Faisal erklärte: „Wir sind in den Jemen gekommen, um der rechtmäßigen Regierung zu helfen.“

Der iranische Ajatollah Chamenei hatte Riad Ende letzter Woche vorgeworfen, es organisiere einen „Völkermord“ im Jemen. Pro-saudische Hacker starteten am Sonntag Cyberangriffe auf den iranischen Fernsehsender Al Alam und veröffentlichten Namen und persönliche Informationen iranischer Journalisten, die über den Krieg berichtet haben.

Die Hacker schrieben: „Überlegt es euch nochmal, ob ihr über Saudi-Arabien redet.“

Der Konflikt ist bereits außerhalb des Nahen Ostens, in Zentral- und Südasien, zu spüren. Ein hoher Minister der VAE drohte Pakistan am Sonntag, es werde „einen hohen Preis für seine neutrale Haltung in dem Konflikt im Jemen bezahlen“ und deutete an, dass Islamabad Vergeltungsaktionen der arabischen Mächte bevorstünden, weil es sich geweigert habe, diese in ihrem Krieg zu unterstützen.

Das pakistanische Parlament hat einstimmig entschieden, sich nicht an der saudischen Kriegskoalition zu beteiligen. Davor hatten Vertreter Saudi-Arabiens versucht, Pakistan zu veranlassen, Kampfflugzeuge und Bodentruppen für Operationen im Jemen zu stellen.

Ein Sprecher der pakistanischen Regierung von Premierminister Nawaz Sharif erklärte als Reaktion auf die Drohungen der VAE: „Die pakistanische Nation fühlt sich Saudi-Arabien und den VAE brüderlich verbunden. Doch die Drohungen des Ministers der VAE sind unglücklich und geben uns Anlass zur Sorge.“

Der saudische Regierungsvertreter Scheich Saleh bin Abdulaziz war am Sonntag zu einer Krisensitzung nach Islamabad gereist, auf der über den Jemen und die Krise in der Region diskutiert wurde.