Klimawandel kündigt wachsende Weltkrise an

Von Bryan Dyne
26. Januar 2013

Die neueste Klimaforschung zeigt auf, dass es nicht genügt, die Kohlenstoffdioxidemission (CO2) auf dem gegenwärtigen Niveau zu stabilisieren, um die Zunahme der Konzentration von CO2in der Atmosphäre aufzuhalten oder die durchschnittliche globale Erderwärmung einzudämmen. Setzt man sich zum Ziel, den CO2-Gehalt unter dem Doppelten des vorindustriellen Niveaus und die globale Temperaturerwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu halten, so müsste die gegenwärtige CO2-Emission als „Maximum gelten, in den nächsten Jahrzehnten gesenkt werden und schließlich auf null fallen.“

Ein Team von Wissenschaftlern aus den Vereinigten Staaten und China (Steven J. Davis et al.) veröffentlichte die Untersuchung in den Environmental Research Letters [Umweltforschungsbriefe], Ausgabe Januar 2013.

Seit den frühen 1990er Jahren assoziiert man zwei Werte mit der Eindämmung der globalen Erwärmung. Die Kohlenstoffdioxidkonzentration in der Atmosphäre muss unter 450 ppm (parts per million - Teile von einer Million) gehalten werden, damit die Erdtemperatur nicht um zwei Grad Celsius über das zu Beginn des 20. Jahrhunderts gemessene Niveau steigt.

Um einen „gefährlichen anthropogenen Eingriff in das Klimasystem“ zu verhindern, wurden diese beiden Werte in der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (United Nations Framework Convention on Climate Change – UNFCCC) festgelegt. Die gegenwärtigen Werte betragen einerseits 392 ppm bei der CO2-Konzentration sowie andererseits einen Anstieg von 0,8 Grad Celsius über den vorindustriellen Temperaturen.

Die UNFCCC-Werte haben zu der Irrmeinung geführt, dass Veränderungen unter zwei Grad Celsius in Ordnung, und dass CO2-Emissionen unter diesem Wert harmlos seien. Dies ist nicht der Fall, wie die Erfahrung inzwischen gelehrt hat. Die globalen Witterungsbedingungen werden bereits immer extremer und das Eis der Antarktis schmilzt Berichten zufolge jetzt schon, mit der Folge, dass die Meeresspiegel steigen.

Dies stellt lediglich die Anfangsphase der Erderwärmung dar. Bevor der mehr oder weniger willkürliche Punkt von zwei Grad Celsius erreicht ist, wird beides sogar noch weiter zugenommen haben. Diese Probleme haben indessen eine Eigenbedeutung unabhängig von den später eintretenden Konsequenzen wie dem Abbrechen massiver Eisdecken des Antarktiseises in den Ozean, das zu einem fast sofortigen Ansteigen der Meeresspiegel um mehrere Meter führen wird.

Vor neun Jahren wurde in Science (Pascala & Socolow - August 2004) eines der bahnbrechenden Dokumente publiziert, das detailliert Schritte aufzeigte, wie die globale Erwärmung aufzuhalten sei. In diesem Papier besprachen die Autoren eine Reihe notwendiger Maßnahmen, die sie „Stabilisierungskeile“ nannten, um die Erderwärmung zu stoppen. Sie entwickelten einen dreistufigen Plan, um das Emissionswachstum zu verlangsamen, aufzuhalten und schließlich zu reduzieren. Die Dringlichkeit aufzeigend, erklärten sie, in den kommenden 50 Jahren reiche schon eine Verlangsamung und ein Stop der Emissionszunahme, um zu verhindern, dass die Erwärmung um zwei Grad Celsius zunimmt. Dem Papier von 2004 zufolge könne die Reduzierung der Emissionen weitere 50 Jahre in Anspruch nehmen.

In den vergangenen Jahren wurde nicht einer der Orientierungswerte eingehalten, die 2004 ermittelt worden sind. Ganz im Gegenteil wurde der CO2-Ausstoß in die Atmosphäre beschleunigt. Allein im Jahr 2010 überschritten die weltweiten CO2-Emissionen neun Gigatonnen. Auf diesem Niveau wird es sehr wahrscheinlich nicht mehr ausreichen, selbst wenn die Emissionen in den nächsten 50 Jahren konstant blieben, eine Kohlendioxidkonzentration von 500 ppm oder eine globale Temperaturzunahme von zwei Grad Celsius zu verhindern.

Um die notwendigen Maßnahmen in vollem Umfang aufzuzeigen, mit denen der Grenzwert von 2 Grad Celsius zu vermeiden ist, erstellten Davis et al. Simulationen mithilfe des Klima-CO2-Zyklusmodells HadCM3L des britischen Met Office. Sie errechneten damit Durchschnittsoberflächentemperaturen auf Grundlage früherer Annahmen der CO2-Reduktion.

In Simulationen der Variante aus dem Jahr 2004 – mit aktuellen Zahlen für die CO2-Konzentration – wurde festgestellt, dass das Kohlenstoffdioxidniveau im Jahr 2042 500 ppm erreicht, und die atmosphärische Erwärmung im Jahr 2052 um zwei Grad zugenommen haben würde. Eine Simulation mit der Annahme, die jetzige CO2-Emission würde auf dem Niveau von 2010 verharren, ergab eine Erwärmung von 1,92 Grad Celsius im Jahr 2060 und eine CO2-Konzentration von 500 ppm für das Jahr 2049. Selbst wenn die Zunahme des CO2-Ausstoßes gestoppt wird, werden innerhalb eines halben Jahrhunderts die Grenzwerte überschritten sein.

Davis et al. gesellen sich zu einer Fülle an Literatur, die aufzeigt, dass die aktuellen Erwärmungstendenzen nicht hinnehmbar sind. An erster Stelle steht hier der Vierte Sachstandsbericht (AR4) des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC – Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen), einer Körperschaft, die tausende Wissenschaftler aus der Klimaforschung zusammenführt, um die lang- und kurzfristigen Auswirkungen des Klimawandels zu erforschen.

Das grundsätzliche Fazit von AR4 besagt, dass bei den gegenwärtigen globalen Erwärmungstendenzen eine Zunahme von 1,1 bis 6,4 Grad Celsius der durchschnittlichen Oberflächentemperatur auf der Erde zu erwarten ist, und zwar zusätzlich zu der bereits erreichten Temperatur, die schon um 0,8 Grad gestiegen ist. Mit anderen Worten: die niedrigste Veranschlagung, basierend auf dem niedrigsten angenommenen Ausstoß, ergibt eine durchschnittliche globale Temperaturzunahme von 1,9 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau.

Der nächste IPCC- Sachstandsbericht wird 2013 herausgegeben. Es wird erwartet, dass diese Annahmen weitere Bestätigung erhalten. Zwischenzeitliche Studien, welche speziell die IPCC-Annahmen überprüften, bekräftigen dies. Alles deutet darauf hin, dass die Erderwärmung mit den jetzigen CO2-Emission ungemindert weitergehen wird.

Dieselben Studien widerlegen auch die Auffassung, dass kurzfristige Variablen für die gegenwärtigen Temperaturzunahmen verantwortlich sein könnten. Es bestehen hauptsächlich drei Möglichkeiten, wie globale Temperaturen außer durch Treibhausgase beeinflusst werden können: durch die El-Niño-Südliche Oszillation (ENSO), durch vulkanische Aktivität und durch die wechselhafte Sonnenenergieausstrahlung. Die Berichte zeigen klar auf: während saisonal und alljährlich auftretende Temperaturschwankungen Ergebnis kurzfristiger Effekte sind, existiert als langfristiger Effekt eine lineare Tendenz steigender Temperaturen und Meeresspiegel, die mit der zunehmenden Kohlenstoffdioxidkonzentration in der Atmosphäre korrespondieren.

Auf diese Berichte gestützt, kommen Davis et al. zu dem Schluss, dass die Weltgesellschaft den kumulierten Ausstoß um 775 Gigatonnen reduzieren müsse. Ebenso führen sie aus, dass der Grenzwert von 450 ppm der CO2-Konzentration technisch nicht mehr realisierbar sei, selbst wenn die gegenwärtigen CO2-Emissionen sofort gestoppt werden sollten. Solche Gedankenspiele legen sogar negativen CO2-Ausstoß – etwa das Entfernen des Kohlenstoffdioxids aus der Atmosphäre und sein Verschluss – als notwendig nahe.

Weiter werfen sie einen Blick auf verschiedene Reduzierungsvarianten des CO2-Ausstoßes, wobei sie den Bestfall bei minimalem CO2-Ausstoß prüften. Sie fanden heraus, dass selbst dann, wenn die CO2-Emission auf einem Maximum von 10,3 Gigatonnen jährlich im Jahr 2020 zu stehen kommt, und dann bis 2060 deutlich auf zwei Gigatonnen jährlich absinkt, „die CO2-Konzentration in der Atmosphäre nichtsdestoweniger 443 ppm im Jahr 2050 erreichen wird.“ Alle Emissionsvarianten mit höheren Zahlen ergaben Konzentrationen von 500 ppm und höher.

Ihr Forschungsbericht führt die Autoren Davis et al. zu der Schlussfolgerung, dass „50 Jahre auf jetzigem Emissionsniveau keine Lösung für den Klimawandel ist (…) Die endgültige Lösung des Klimaproblems besteht in einem vollständigen Abbau der CO2-Emission“.

Dem Bericht fehlt nicht die notwendige Eindringlichkeit. Die Menschheit verfügt über genügend Kreativität und Technologie, um der Herausforderung, vor der die moderne Gesellschaft angesichts der Erderwärmung steht, zu begegnen. Die notwendigen Entwicklungen werden indessen einzig durch das Nationalstaatssystem und das Verlangen nach privatem Profit aufgehalten. Leo Trotzki bemerkte im Jahr 1940, dass „die Menschheit am Widerspruch zwischen den Produktivkräften und dem zu engen Korsett des Nationalstaates leidet.“ Die durch die Erderwärmung ausgelöste Krise veranschaulicht diese Feststellung.