Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka)

Teil 9

Von der Socialist Equality Party (Sri Lanka)
7. Juni 2012

Die World Socialist Web Site veröffentlicht einen weiteren Teil des Dokumentes Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka), das auf dem Gründungskongress in Colombo vom 27. bis 29. Mai einstimmig angenommen wurde. Es wird in zwölf Teilen veröffentlicht.

Teile 1-12

20. Der Zusammenbruch der zweiten Koalitionsregierung

20.1 Nach dem Aufstand der JVP 1971 musste sich die Koalitionsregierung aus SLFP, LSSP und KP mit einer wachsenden wirtschaftlichen und politischen Krise auseinandersetzen. Sie reagierte mit weiterer Unterdrückung und singhalesischem Kommunalismus. Im Jahr 1972 spielte Colvin R. de Silva, nun Minister für Verfassungsangelegenheiten, die Hauptrolle bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung. 1956 war de Silva noch dagegen gewesen war, Singhalesisch zur einzigen Amtssprache zu erklären. Jetzt wurde der Buddhismus offiziell Staatsreligion, und Singhalesisch die einzige Amtssprache. Im öffentlichen Dienst und beim Zugang zu Universitäten wurden diskriminierende Maßnahmen gegen Tamilen eingeführt. Die tamilischen Parteien – die Federal Party, der All Ceylon Tamil Congress und der Ceylon Workers Congress, die wichtigste Organisation der Plantagenarbeiter – kämpften erbittert gegen die neue Verfassung und gründeten die Tamil United Front (TUF), aus der 1975 die Tamil United Liberation Front (TULF) hervorging.

20.2 Die Ölkrise und die weltweite Rezession von 1973-74 hatten schwerwiegende Auswirkungen auf Sri Lanka. Steigende Verbraucherpreise vor allem bei Öl- und Nahrungsmittelimporten führten zu einer akuten Krise auf dem Devisenmarkt. Finanzminister N.M. Perera weitete die nationale Wirtschaftsregulierung aus, führte strenge Kontrollen von Lebensmittelimporten und ein staatliches Monopol auf die Beförderung von Reis sowie einen Lohnstopp ein. Diese Politik führte bei der Arbeiterklasse und den Massen auf dem Land zu akutem wirtschaftlichem Elend. Auf den Plantagen führten Arbeitslosigkeit und steigende Preise zu extremer Armut und zu hunderten von Hungertoten. Bandaranaike reagierte darauf, indem sie 1974 die Zwangsausweisung der Plantagenarbeiter durch ein Abkommen mit der indischen Premierministerin Indira Gandhi beschleunigte. Allgemeiner Widerstand gegen die Koalitionsregierung führte zu wachsender Militanz der Arbeiterklasse.

20.3 Dass die RCL 1970 ihre politische Linie klargestellt hatte, erwies sich als wichtig für das Eingreifen der Partei in der wachsenden Massenbewegung. Ihre Forderung, die LSSP und die KP sollten mit der SLFP brechen und für eine Regierung der Arbeiter und Bauern kämpfen und sozialistische Politik durchführen, entsprach den Ansichten großer Teile der Arbeiter, die der Koalitionsregierung zutiefst feindselig gegenüberstanden. Die Partei konnte in den Eisenbahnwerken bei Ratmalana, der Zentralbank, der Regierungspresse und dem staatlichen Textilwerk Thulhiriya und, in Einklang mit ihrem Kampf für die Einheit zwischen singhalesischen und tamilischen Arbeitern, in der Fabrik Ceynor auf der Halbinsel Jaffna große Gewerkschaftsfraktionen aufbauen.

20.4 Als die Krise der Regierung schlimmer wurde, griff Bandaranaike auf undemokratische Methoden zurück. Die SLFP-Regierung hatte ihre Mehrheit in der Verfassungsgebenden Versammlung von 1972 benutzt, um ihre Amtszeit willkürlich um zwei Jahre, bis 1977, zu verlängern. Sie behielt den Notstand bei, den sie während des Aufstandes der JVP verhängt hatte und benutzte die Notstandsregelungen, um Presse und politische Gegner zum Schweigen zu bringen. Nach zunehmenden Streitigkeiten über die Wirtschaftspolitik entließ Bandaranaike 1975 die LSSP-Minister und unternahm die ersten Schritte zur Öffnung der Insel für ausländische Investitionen.

20.5 In der Zeit nach dem Ausschluss der LSSP aus der Regierung vom September 1975 bis zur verheerenden Wahlniederlage im Juli 1977, befand sich die srilankische Bourgeoisie in einer akuten Krise. Das war Bestandteil der revolutionären Unruhen, die seit 1968 auf der ganzen Welt stattfanden. Bandaranaikes Sparpolitik führte zu einer anschwellenden Streikwelle, bei der die RCL eine immer wichtigere Rolle spielte. Die Regierung war über den Einfluss der RCL beunruhigt und griff sie im Parlament offen an. Der Höhepunkt kam Ende 1976. Im November beteiligten sich Zehntausende von Arbeitern an großen Studentendemonstrationen gegen die Erschießung eines Studenten der Universität Peradeniya. Im Dezember 1976 begann ein Generalstreik mit einem Ausstand in den Eisenbahnwerkstätten von Ratmalana, der sich schnell über den Eisenbahnsektor hinaus ausbreitete. Die Regierung ließ den Streik verbieten, aber das führte nur zu weiteren Ausständen anderer Arbeiter im öffentlichen Dienst. Wochenlang hing das Schicksal der Bandaranaike-Regierung in der Schwebe.

20.6 Die bürgerliche Herrschaft konnte diese entschlossene Offensive der Arbeiterklasse nur dank der Führungen der LSSP, der KP und der LSSP(R) überleben. Sie verhinderten, dass sich die Massenbewegung zu einem Kampf um die Macht entwickelte. Die KP blieb in der Regierung und unterstützte die Anwendung von Polizeistaatsmethoden gegen Streikende. Erst im Februar 1977, als die Streiks niedergeschlagen waren, verließ sie die Regierungskoalition. Die LSSP-Führung erklärte, die Streikbewegung sei unpolitisch gewesen und weigerte sich, die streikenden Arbeiter zu unterstützen oder die Forderung nach dem Sturz der Bandaranaike-Regierung zu erheben. Die Ceylon Mercantile Union (CMU), die von LSSP(R)-Chef Bala Tampoe geleitet wurde, weigerte sich, am Streik teilzunehmen und stellte sich gegen die Versuche der RCL, CMU-Mitglieder zu mobilisieren.

20.7 Die LSSP (R) und ihre diversen Abspaltungen spielten die wichtigste Rolle dabei, die Forderung der RCL nach einem Kampf der LSSP und der KP für eine Arbeiter- und Bauernregierung und sozialistische Politik anzugreifen. Tulsiri Andradi kritisierte die RCL, weil sie angeblich Illusionen in die reformistischen Parteien – die LSSP und die KP – schürte, wenn sie diese zur Machtübernahme aufforderte. Die Forderung der RCL zielte jedoch nicht darauf ab, diese Parteien zu propagieren, sondern ihre Kontrolle über die sozialistisch gesinnten Teile der Arbeiterklasse zu brechen, die immer noch widerwillig zur Führung der LSSP und der KP hielten. Andradis links daher kommende Kritik war ein Versuch, der wichtigen politischen Aufgabe auszuweichen, die LSSP und die KP zu entlarven und die Arbeiter unter der Kontrolle dieser Parteien zu lassen. Der Verrat an dieser Massenbewegung durch die LSSP, KP und LSSP(R) ermöglichte es der UNP, wieder an die Macht zu kommen. Bei der Wahl im Juli 1977 erlitten die Koalitionsparteien eine schwere Niederlage: Die UNP gewann 140 der 168 Sitze im Parlament, die SLFP kam nur auf acht, die LSSP und die KP verloren alle ihre Sitze.

20.8 Während die RCL ihren politischen Kampf gegen die alte Führungsschicht der srilankischen Arbeiterklasse verschärfte, nahm die britische WRP von diesem Kampf Abstand. Nach dem Sturz der Regierung Heath 1974 durch einen entschlossenen Streik der britischen Bergarbeiter kam eine Minderheitsregierung der Labour Party an die Macht. Da die WRP ein Jahr zuvor hauptsächlich auf der Grundlage der starken Anti-Tory-Stimmung in der Arbeiterklasse gegründet worden war, stand die Partei nun vor einer politischen Krise. Sie verlor hunderte von Mitgliedern und sah sich gezwungen, gegen verbliebene Illusionen der Arbeiter in die Sozialdemokratie anzukämpfen. Diese Illusionen wurden von einer prinzipienlosen rechten Fraktion unter Leitung von Alan Thornett verbreitet, einem Mitglied des Zentralkomitees und führendem Gewerkschafter. Diese Fraktion argumentierte, die Labour-Regierung werde mit der Bourgeoisie in Konflikt geraten. Statt einen Kampf zur Klärung des Klassencharakters der Labour-Anhänger für ihre Mitglieder – und damit die Arbeiterklasse – zu führen, schloss die WRP Thornetts Gruppe ohne politische Diskussion aus. Dass die WRP den geduldigen Kampf zur Ausbildung der Arbeiter aufgab, zeigte sich im Juli 1975, als sie zum Sturz der Labour-Regierung aufrief, die zu diesem Zeitpunkt noch bei der Mehrheit der Arbeiter Rückhalt hatte und die revolutionäre Partei noch keine Alternative dazu war. Während sich die WRP hinter diesem scheinbar linken Ultimatum versteckte, gab sie den politischen Kampf gegen die Labour-Führung auf und passte sich an einen Teil der Gewerkschaftsbürokratie an.

20.9 Die WRP versuchte, auch der RCL eine ähnliche Haltung aufzudrängen. Mike Banda erklärte in einem Brief an Balasuriya vom September 1975: „Ich fürchte, der Schwanz der Propaganda wedelt wieder mit dem marxistischen Hund. Das zeigt sich an eurer Presse, in der ihr viel Raum dafür verwendet, (zurecht) die Revisionisten zu entlarven, aber ihr tut nicht genug um die Abstraktionen durch einen Kampf um die Macht zu entwickeln und zu konkretisieren.“ Banda forderte die RCL auf, ihre Forderungen an die LSSP und die KP fallenzulassen und warnte, die Partei würde letztendlich „vor den Zentristen kapitulieren.“ Stattdessen solle sie zum Sturz der SLFP-Regierung aufrufen. Die RCL ließ sich nicht davon abbringen, die LSSP und die KP mit der Forderung nach einer Arbeiterregierung zu entlarven. Außerdem war der „Propagandismus“ – Balasuriyas Polemiken gegen die diversen pablistischen Gruppen, darunter auch seine Antwort auf Andradi in Buchform mit dem Titel „Verteidigung der Vierten Internationale: Antwort auf einen antitrotzkistischen Scharlatan“ von 1975 – eine wichtige Vorbereitung für die Intervention der RCL in die Arbeiterklasse.

20.10 Die Unruhen von 1975-77 erwiesen sich als entscheidender politischer Test. Nachdem die RCL 1970 ihre politische Linie klargestellt hatte, konnte sie in dieser Zeit ihren Rückhalt unter den klassenbewussten Arbeitern stark vergrößern. Sie war die einzige Partei, die dafür gekämpft hatte, die Arbeiterklasse auf sozialistischer Grundlage gegen die Bandaranaike-Regierung zu mobilisieren. Alle Fragmente der LSSP(R) unter Führung von Bala Tampoe, Samarakkody und Andradi hatten sich als mangelhaft erwiesen und verschwanden innerhalb der nächsten Jahre aus der srilankischen Politik. Ihr Platz wurde von der Nava Sama Samaja Party (NSSP) eingenommen, die 1978 von ehemaligen LSSP-Mitgliedern gegründet wurde. Die Gründer der NSSP hatten den Verrat von 1964, die zweite Koalitionsregierung und ihre kommunalistische Politik unterstützt, waren während der Streikwelle in der LSSP geblieben und verließen die Partei erst nach der Wahlniederlage von 1977. Wie ihr Name andeutete, war die NSSP nur der alte Samasamajismus in einem neuen Gewand. Sie setzte die Klassenkollaboration und Koalitionspolitik der LSSP fort und wurde passenderweise 1981 die srilankische Sektion des pablistischen Vereinigten Sekretariats.

20.11 Der Aufstieg und Fall der Bandaranaike-Regierung in Sri Lanka fand in anderen Ländern Südasiens seine Parallele. Mitten in der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre versuchten die Regierungen von Zulfikar Ali Bhutto in Pakistan und Indira Gandhi in Indien die Arbeiterklasse und die unterdrückten Massen mit pseudosozialistischer Rhetorik und populistischem Nationalismus an sich zu binden. Beide Regierungen führten anfangs sehr begrenzte Reformen durch, stürzten sich dann kopfüber in den Konflikt mit der Arbeiterklasse und griffen auf autoritäre Methoden zurück, um den Widerstand zu unterdrücken. In Pakistan und Indien spielten die diversen stalinistischen Parteien die Hauptrolle dabei, die Arbeiterklasse daran zu hindern, diese angeblich linken Regimes anzugreifen, sodass die Bourgeoisie wieder die Initiative ergreifen konnte. 1977 verloren Bhutto, Gandhi und Bandaranaike die Macht. Die bürgerliche Politik machte einen scharfen Rechtsruck, Indira Gandhi verkörperte diesen Rechtsruck sogar selbst, als sie 1980 wieder an die Macht kam. In Pakistan wurde Bhutto durch einen Militärputsch unter Führung von General Muhammad Zia-ul-Haq mit Unterstützung Washingtons gestürzt. Bhutto, Gandhi und Bandaranaike hinterließen ein reaktionäres Vermächtnis: Ihr mit Chauvinismus und Appellen an nationale und religiös-kommunalistische Identitäten angereicherter „linker“ Populismus legte die Grundlagen für eine Eskalation der ethnisch-kommunalistischen Politik in Südasien in den 1980er Jahren.

21. Die UNP-Regierung und der Beginn des Kriegs

21.1 Die Machtübernahme der UNP-Regierung in Sri Lanka war Teil eines größeren weltweiten wirtschaftlichen und politischen Prozesses. Nach der Niederlage der revolutionären Kämpfe in der Zeit von 1968-1975 begann die herrschende Klasse eine Gegenoffensive gegen die Arbeiterklasse, die sich 1979 politisch in der Machtübernahme der Thatcher-Regierung in Großbritannien und 1980 der Reagan-Regierung in den USA ausdrückte. Ein Jahr später schlug Reagan mit Unterstützung des Gewerkschaftsbundes AFL-CIO den Streik der Fluglotsengewerkschaft PATCO nieder, indem er 11.000 Fluglotsen entließ. An die Stelle keynesianischer Wirtschaftsregulierung trat als neuer Richtwert der Regierungen der Welt monetaristische und marktfreundliche Politik. Von Ost- und Südostasien aus begannen die Länder mit der Schaffung von Billiglohnplattformen. Singapur, Hongkong, Südkorea und Taiwan, die in den 1980ern als „Tigerstaaten“ bekannt wurden, boten ausländischen Investoren Anreize, von Billiglohnarbeit zu profitieren. In China kündigte Deng Xiaoping 1978 seine Marktwirtschaftsreformen an.

21.2 Mit der Übernahme dieser Politik in Sri Lanka zog die UNP deutliche Schlüsse aus den Unruhen von 1975-77, als Bandaranaike versucht hatte, Marktreformen einzuführen. Premierminister J.R. Jayewardene begann, Investitionen aus dem Ausland anzulocken, die Staatsausgaben zu senken und Privatisierungen durchzuführen. Er bereitete sich auch auf den Krieg gegen die Arbeiterklasse vor, indem er den Staatsapparat stärkte und kommunalistische Spannungen auf die Spitze trieb, um seine eigene soziale Basis zu stärken und die arbeitende Bevölkerung zu spalten. 1978 nutzte die UNP ihre überwältigende Mehrheit im Parlament für eine Verfassungsänderung. Jayewardene schuf eine Exekutivpräsidentschaft mit undemokratischen Vollmachten und wurde als Präsident eingesetzt. Im Juli 1979 setzte die Regierung das Antiterrorgesetz Prevention of Terrorism Act durch, das es der Polizei erlaubte, Haft ohne Prozess zu verhängen.

21.3 Die UNP hatte in ihrem Wahlkampf zwar versprochen, auf die Probleme der Tamilen einzugehen, allerdings verlegte sich Jayewardene schnell auf antitamilischen Rassismus. 1976 nahm die TULF die Vaddukodai-Resolution an, die einen eigenständigen tamilischen Staat namens Eelam forderte. Dieser sollte aus den nördlichen und östlichen Provinzen der Insel bestehen. Die Wut der tamilischen Jugend über die Diskriminierung, die sie erlitt, führte zur Gründung verschiedener kleiner bewaffneter Gruppen. Im August 1977 nutzte Jayewardene einen kleinen Angriff auf örtliche Polizisten aus, um die Armee nach Jaffna zu schicken und anderswo ein brutales Pogrom zu inszenieren. Die Regierung verurteilte die TULF, welche ihrerseits erklärte, ihr Wahlerfolg habe ihr das Mandat gegeben, über ein getrenntes Eelam zu verhandeln. Im Parlament erklärte der Premierminister provokant: „Wenn Sie einen Kampf wollen, werden Sie ihn bekommen.“ Jayewardene hatte den Anstoß für den schnellen Ausbruch eines Bürgerkriegs gegeben. In jedem Stadium nutzte die UNP einzelne Angriffe auf Polizisten als Vorwand für massive staatliche Repression und Pogrome gegen die tamilische Minderheit.

21.4 Die RCL kämpfte stets für den Rückzug der Sicherheitskräfte aus dem Norden und Osten und für die Einheit der Arbeiterklasse. Die Partei bestand darauf, dass das Proletariat die einzige gesellschaftliche Kraft sei, die in der Lage wäre, die unerledigten demokratischen Aufgaben zu erfüllen und einen bevorstehenden Bürgerkrieg zu verhindern. In dem Klima kommunalistischer Reaktion, das die UNP geschaffen hatte und das von der SLFP, der LSSP und der KP unterstützt wurde, verlangte die Position der RCL beachtlichen Mut. 1979 wurde das RCL-Führungsmitglied R.P. Piyadasa brutal von Schlägern ermordet, die von der UNP organisiert und von der Polizei unterstützt worden waren.

21.5 Der Widerstand gegen die Privatisierungs- und Umverteilungspolitik der UNP erreichte im Juli 1980 seinen Höhepunkt mit dem Ausbruch eines Generalstreiks für höhere Löhne. Präsident Jayewardene erklärte den Streik sofort für rechtswidrig und drohte, jeden zu entlassen, der sich daran beteiligte. Die LSSP und die KP bezeichneten den Streik als unpolitisch und weigerten sich, die Notstandsvollmachten der UNP-Regierung zu kritisieren oder für ihren Sturz zu kämpfen. LSSP(R)-Chef Bala Tampoe forderte seine CMU nicht zum Streik auf. Die NSSP erklärte, der Streik sei ein normaler Tarifstreit und kritisierte die RCL heftig für ihre Kampagne, ihn in eine politische Bewegung gegen die Regierung zu verwandeln. Aufgrund des Verrats dieser Führungen konnte die UNP 100.000 Angestellte im öffentlichen Dienst fast ohne Widerstand entlassen und der Arbeiterklasse eine vernichtende Niederlage zufügen.

21.6 Die Niederlage des Generalstreiks von 1980, des letzten großen Streiks der srilankischen Arbeiterklasse, bereitete den Weg für einen offenen Bürgerkrieg. Die UNP reagierte auf jeden politischen Angriff und jede Krise mit antitamilischen Provokationen, die ihren Höhepunkt in den schrecklichen Pogromen im Juli 1983 fanden. Nachdem dreizehn Soldaten von tamilischen Aufständischen getötet worden waren, schürte die UNP-Regierung vorsätzlich kommunalistische Stimmungen, indem sie die Leichen nach Colombo bringen ließ. Am nächsten Tag brach auf der ganzen Insel antitamilische Gewalt in beispiellosem Ausmaß aus, bei der sich Schläger der UNP besonders hervortaten. Wohnungen und Geschäfte von Tamilen wurden angezündet und hunderte von Menschen getötet. Die Regierung und die Polizei duldeten das Treiben, so dass es vier Tage lang ungehindert weitergehen konnte, und verhängten drakonische Zensurmaßnahmen, um alle Nachrichten darüber zu unterbinden.

21.7 Das mörderische Pogrom war der Anfang eines offenen Bürgerkrieges, der das Land im nächsten Vierteljahrhundert verwüsten sollte. Am 4. August setzte die UNP-Regierung eine Verfassungsänderung durch. Der sechste Zusatzartikel verbot jetzt, einen eigenständigen Staat Eelam zu fordern, und zwang alle öffentlichen Bediensteten dazu, einen Treueeid abzulegen. Dies war praktisch eine Kriegserklärung. Da sich die TULF-Abgeordneten weigerten, den Eid abzulegen, verloren sie alle ihr Mandat. Im Dezember 1983 wurde die Halbinsel Jaffna zum Kriegsgebiet erklärt. Tausende von tamilischen Jugendlichen schlossen sich aus Empörung über die UNP-Regierung den diversen bewaffneten Gruppen an.

21.8 Im Verlauf des Pogroms wurde auch die RCL Ziel eines Angriffs. Das Haus von K. Ratnayake, dem Redakteur der Kamkaru Mavatha, wurde niedergebrannt und ein Versuch, die Druckerei der Partei zu zerstören, konnte nur knapp verhindert werden. Die RCL trotzte der Zensur der Regierung. Sie veröffentlichte eine lange Erklärung, in der sie die Regierung und die Oppositionsparteien anklagte und die Arbeiterklasse zur Verteidigung der Tamilen aufforderte. Die RCL war gegen den Krieg, entlarvte die Komplizenschaft der LSSP, der KP und der indischen Regierung und forderte den Rückzug des Militärs aus dem Norden und Osten. Im Mai 1984 wurde Ananda Wakkumbura, der rechtlich für die Zeitung der RCL verantwortlich war, verhaftet und zwei Wochen mit der Begründung in Polizeigewahrsam genommen, er habe den sechsten Zusatzartikel verletzt. Dank einer heftigen Kampagne der RCL sah die Regierung davon ab, ihn anzuklagen.

22. Die RCL, die WRP und die nationale Frage

22.1 Die Position der RCL zur nationalen Frage beruhte von Anfang an auf den Prinzipien des proletarischen Internationalismus, wie sie in Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution entwickelt wurden. Die Partei kämpfte stets gegen alle Formen von Nationalismus, Kommunalismus und Rassismus, um die Arbeiter auf Grundlage ihrer Klassenzugehörigkeit zu vereinigen. Sie stellte sich gegen die immer offeneren Formen offizieller kommunalistischer Diskriminierung gegen Tamilen und verteidigte deren demokratische Rechte. Schon 1970 forderte die RCL den Rückzug des Militärs aus dem Norden der Insel, und tat dies während des ganzen Krieges. Abgesehen von den bürgerlichen tamilischen Parteien war nur die RCL gegen die chauvinistische Verfassung von 1972. Als die RCL-Fraktion in der Gewerkschaft der Regierungspresse einen Antrag gegen die Verfassung einbrachte, der angenommen wurde, begannen LSSP-Funktionäre eine Hetzkampagne gegen Unterstützer der Partei.

22.2 Angesichts der wachsenden Radikalisierung der tamilischen Jugendlichen erklärte die RCL im Juni 1972: „Wir Marxisten erkennen das Recht der tamilischen Nation auf Selbstbestimmung an. Gleichzeitig betonen wir, dass dieses Recht nur durch die Mobilisierung der singhalesischen und tamilischen Arbeiter für die Errichtung einer Arbeiter- und Bauernregierung erreicht werden kann, die sozialistische Politik durchführt und diese Rechte anerkennt.“[1] Im Einklang mit Lenins Schriften über die nationale Frage trat die RCL nicht für einen eigenen tamilischen Staat ein, sondern verteidigte das Recht der Tamilen, einen zu fordern. Hiermit sollte die Doppelzüngigkeit der bürgerlichen tamilischen Politiker entlarvt und tamilische Arbeiter und Jugendliche für eine sozialistische Perspektive in Sri Lanka und auf dem indischen Subkontinent gewonnen werden.

22.3 Auf einem Treffen des IKVI im Jahr 1972 stellte sich die SLL jedoch vehement gegen die Position der RCL. Banda behauptete, die Unterstützung des Rechts der Tamilen auf Selbstbestimmung unterstütze die Pläne der Imperialisten, die Insel aufzuteilen. So wie er die Intervention des indischen Militärs in Ostpakistan unterstützt hatte, basierte auch Bandas Widerstand gegen die RCL auf der Akzeptanz der Rechtmäßigkeit der angeblich unabhängigen Nationalstaaten, die der Imperialismus von 1947-48 in Südasien eingerichtet hatte. Später erklärte Balasuriya: „Die Position der WRP führt unweigerlich zur völligen Kapitulation vor der nationalen Bourgeoisie und dadurch vor dem Imperialismus, weil ihre Theorie vollkommen auf der angeblichen Notwendigkeit beruhte, die Strukturen dieser bürgerlichen Staaten intakt zu halten. Und weil diese staatlichen Strukturen ohne Ausnahme auf der Vorherrschaft einer Nationalität beruhen –deren Bourgeoisie im Bündnis mit dem Imperialismus die anderen Nationalitäten mit brutaler Gewalt unterdrückt -, bedeutet die Verteidigung dieser Staatsstrukturen die Verteidigung des Imperialismus selbst.“[2]

22.4 Zu diesem Zeitpunkt war der Kampf der Tamilen noch im Anfangsstadium und die RCL fügte sich widerwillig der Erfahrung und der politischen Autorität der SLL-Führung. Die RCL verteidigte die demokratischen Rechte der Tamilen weiterhin entschlossen und kämpfte für die Einheit zwischen Tamilen und Singhalesen; allerdings wurde sie von der Tatsache gehemmt, dass sie einen Großteil der 1970er Jahre über ohne eine wichtige taktische Waffe kämpfte. Die Partei musste gegen den wachsenden Einfluss der Maoisten kämpfen, deren Aufrufe zum bewaffneten Kampf bei radikalisierten tamilischen Jugendlichen, die die gandhistische Taktik der TULF ablehnten, auf Anklang stießen. Genau wie die JVP nahmen auch die Maoisten den Verrat der LSSP-Minister in der Bandaranaike-Regierung zum Anlass, die Trotzkisten zu verurteilen. Bis 1977 hatten diese bewaffneten tamilischen Gruppen jedoch kaum politischen Einfluss und wurden von der vorhergehenden Massenbewegung der Arbeiterklasse, die von singhalesischen und tamilischen Arbeitern auf einer Klassengrundlage unterstützt wurde, an den Rand gedrängt.

22.5 Als der tamilische Befreiungskampf im Jahr 1979 die Aufmerksamkeit der Welt erregte, machte die WRP eine Wende um 180 Grad. Banda schickte der RCL einen Entschuldigungsbrief, in dem er zugab, dass die WRP die Bedeutung der nationalen Frage in Sri Lanka ignoriert habe. Aber weder in dem Brief noch später erklärte er, warum er erst spät das Recht der Tamilen auf Selbstbestimmung einforderte. Die neue Position der WRP zu Sri Lanka basierte genauso wenig auf der Theorie der Permanenten Revolution wie die alte. Sie war nur von der Ablehnung des nationalen Befreiungskampfes der Tamilen zu unkritischer Unterstützung gewechselt. Die Kehrtwende der WRP hing zusammen mit einer Verschiebung ihrer Klassenachse nach dem politisch ungeklärten Zerwürfnis mit Thornett 1974. Als die WRP im Jahr 1976 durch die internationale Gegenoffensive der Bourgeoisie vor neuen politischen Problemen stand, begann sie, bei anderen Klassenkräften Unterstützung zu suchen: bei den Bürokratien der Labour Party und der Gewerkschaften in Großbritannien und bei den bürgerlichen arabischen Regimes im Nahen Osten.

22.6 Parallel zu ihren prinzipienlosen Beziehungen zur arabischen Bourgeoisie knüpfte die WRP Bande zu den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE). Die LTTE war eine der größeren bewaffneten Tamilenorganisationen, darunter befanden sich außerdem die Tamil Eelam Liberation Organisation (TELO), die Eelam People’s Revolutionary Liberation Front (EPRLF), Eelam Revolutionary Organisation of Students (EROS) und später auch die People’s Liberation Organisation of Tamil Eelam (PLOTE). Alle diese Gruppen waren zu unterschiedlichen Graden entweder vom Stalinismus oder Maoismus beeinflusst und erklärten, wie die TULF, ihr Ziel sei ein sozialistischer Staat Tamil Eelam. Die WRP unterstützte den „Theoretiker“ der LTTE, Anton Balasingham, indem sie ihm einen verfeinerten „sozialistischen Deckmantel“ für sein bürgerliches Programm der „nationalen Befreiung“ lieferte.

22.7 1979 veröffentlichte die WRP Balasinghams Schrift „Über die nationale Frage der Tamilen“ in ihrer Zeitung Labour Review, und forderte von der RCL, sie ebenfalls zu veröffentlichen. Balasingham stellte Lenins Schriften über die nationale Frage völlig auf den Kopf. Während Lenin darauf bestanden hatte, dass für Marxisten die wichtigste Erwägung in der nationalen Frage die „Selbstbestimmung der Arbeiterklasse“ sein sollte, erklärte Balasingham, Lenin habe von den Marxisten gefordert, unkritisch die separatistischen Bestrebungen der tamilischen Bourgeoisie zu unterstützen. Er erklärte, die Aufgabe eines proletarischen Revolutionärs sei es, „den Kampf der Tamilen zu unterstützen, auch wenn ihn die Bourgeoisie anführt, und eine Strategie für den Kampf zur nationalen Befreiung und zur sozialistischen Revolution zu entwickeln.“ Balasinghams Bezugnahme auf die „sozialistische Revolution“ geschah nur zu dekorativen Zwecken. Dahinter verbarg sich kein Kampf für die von der Bourgeoisie unabhängige Vereinigung und Mobilisierung der Arbeiterklasse. Er erklärte: „Das tamilische Volk hat genug von der verkommenen Ideologie der Einigkeit der Arbeiterklasse und der Revolution auf ganz Sri Lanka. Eine nationale Minderheit, die von der Mehrheit unterdrückt wird, muss zuerst für ihre Befreiung kämpfen.“

22.8 Die RCL kämpfte weiterhin unermüdlich für die Einheit der singhalesischen und tamilischen Arbeiter auf Grundlage gemeinsamer Klasseninteressen. Sie führte große Kampagnen zur Verteidigung der demokratischen Rechte der Tamilen und um die Beteiligung der UNP an den Pogromen von 1983 bekannt zu machen. Aber durch die unkritische Unterstützung, die die LTTE von der WRP erhielt, konnte die RCL die Politik der LTTE und der anderen bewaffneten Tamilenorganisationen nicht untersuchen, sodass diese ihren Einfluss auf die tamilische Jugend verstärken konnten. Erst nach dem Zerwürfnis mit der WRP von 1985-87 konnten die RCL und das IKVI sich wieder der nationalen Frage widmen, besonders mit ihrer Beziehung zu den Erfahrungen der Arbeiterklasse in Sri Lanka.

22.9 Die Pogrome gegen die Tamilen von 1983 verursachten große Empörung in Indien, vor allem im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Die indische Premierministerin Indira Gandhi bot sich für Friedensverhandlungen an. Gleichzeitig autorisierte die indische Regierung das Militär, die diversen Tamilenorganisationen auszubilden. Sie wollte die Kontrolle über ihre Aktivitäten behalten und sie als Druckmittel in Verhandlungen mit der srilankischen Regierung verwenden. Alle Tamilenorganisationen schürten Illusionen in die indische Bourgeoisie, sie würde die Tamilen verteidigen, und forderten eine direkte Intervention Indiens, wie es in Bangladesch geschehen war. Die indischen stalinistischen Parteien – die KPI und die KPM – waren direkt an den Machenschaften der indischen Regierung beteiligt und gaben der tamilischen Jugend unter Aufsicht des indischen Geheimdienstes „politische Ausbildung.“ Die Ausnahme hierbei war die LTTE. Sie hielt Distanz zur indischen Regierung. Sie rückte dafür direkt ins Lager der regionalen tamilischen Bourgeoisie in Indien und Sri Lanka. Die LTTE pflegte enge Beziehungen zum Ministerpräsidenten (Chief Minister) von Tamil Nadu, M.G. Ramachandran und seiner bürgerlichen Partei All India Anna Dravida Munnetra Kazhagam (AIADMK), die ihre Beziehungen zur LTTE nutzten, um ihr eigenes politisches Image zu verbessern. Um ihre Beziehungen zur LTTE nicht zu stören, wandte sich die WRP gegen die Absicht der RCL, den Kampf für den Trotzkismus in Tami Nadu und Indien aufzunehmen.

22.10 Von 1983-85 versuchte die WRP im Rahmen ihrer Angriffe auf das Internationale Komitee, die srilankische Sektion vorsätzlich zu zerstören. Auf dem Höhepunkt des Pogroms gegen die Tamilen im Juli 1983 veröffentlichte die News Line einen Kommentar von Banda, in dem es hieß: „Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, dass die Polizei und die Armee die willkürlichen und unkontrollierten Befugnisse, die sie durch die Notstandsgesetze erhalten haben, dazu benutzt haben, unsere Genossen zu töten und unsere Presse zu zerstören.“ Später verurteilte Keerthi Balasuriya die WRP für ihre kaltblütige Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der RCL und erklärte: „Dennoch habt ihr absolut nichts unternommen, um eine Kampagne zu unserer Verteidigung zu führen. Auf diese Weise habt ihr der UNP-Regierung im Voraus zu verstehen gegeben, dass ihr selbst dann keinen Finger rühren werdet, wenn unsere Partei physisch zerstört würde. In jener Periode hat sich die RCL selbst verteidigt und die Anerkennung vieler Teile der Arbeiterklasse und der Jugend nur deshalb gewonnen, weil wir niemals die theoretischen und politischen Grundlagen der trotzkistischen Weltbewegung aufgegeben haben. Es war genau diese Tatsache, die unsere Partei zur ständigen Zielscheibe der politischen Provokationen durch Healy, Banda und Slaughter machte.“

22.11 Während die WRP die LTTE unkritisch unterstützte, hatte sie keine Probleme damit, politische Beziehungen zu einer Gruppe aufrechtzuerhalten, die sich von der RCL abgespalten hatte und diese vom Standpunkt singhalesischen Chauvinismus‘ angriff. Die WRP drängte die RCL zu einer Versöhnung mit diesen Abtrünnigen, die allerdings scheiterte, und unterwanderte die RCL weiterhin mit ihrem bösartigen Klatsch. Healy und Banda forderten aufgrund der „Berichte“ der Gruppe auf dem zehnten Kongress des IKVI den Ausschluss der RCL. Obwohl dieser Ausschluss nie vollzogen wurde, war die die Führung der WRP offenbar darauf aus, die RCL und das IKVI zu zerstören.

Wird fortgesetzt

Fußnoten:

51. Vierte Internationale, Jg. 14, Nr. 1, Frühjahr 1987, S.62.

52. Ibid.

53. Vierte Internationale, Jg. 14, Nr. 2, Sommer 1987, S. 113.