Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka)

Teil 8

Von der Socialist Equality Party (Sri Lanka)
5. Juni 2012

Die World Socialist Web Site veröffentlicht einen weiteren Teil des Dokumentes Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka), das auf dem Gründungskongress in Colombo vom 27. bis 29. Mai einstimmig angenommen wurde. Es wird in zwölf Teilen veröffentlicht.

Teil 1-12

18. Der Kampf der RCL gegen den kleinbürgerlichen Radikalismus

18.1. Die Gründung der RCL fiel zusammen mit dem Beginn einer Welle revolutionärer Kämpfe der internationalen Arbeiterklasse, die von 1968 bis 1975 viele Teile der Welt erschütterten. Auf die Streikbewegung in Frankreich im Mai und Juni und den „Prager Frühling“ in der Tschechoslowakei folgten eine Reihe von Erhebungen, darunter der „heiße Sommer“ in Italien 1969, der britische Bergarbeiterstreik von 1974, der zum Sturz der Heath-Regierung führte, und der Zusammenbruch der faschistischen Regimes in Portugal und Griechenland. Diese Kämpfe waren ein Produkt der wirtschaftlichen Verwerfungen durch das Ende des Booms der Nachkriegszeit und des Zusammenbruchs des Währungssystems von Bretton Woods im August 1971 und damit den Wegfall der Möglichkeit, US-Dollars gegen Gold umzutauschen. Die Bürokratien von Sozialdemokratie, Stalinisten und Gewerkschaften spielten die Hauptrolle dabei, diese revolutionären Bewegungen zu verraten. Aber wie das IKVI schon aus dem Verrat der LSSP 1964 richtig erkannt hatte, spielten die diversen pablistischen Organisationen ebenfalls eine entscheidende Rolle zugunsten des Kapitalismus, indem sie einen politischen Kampf der Arbeiterklasse gegen den Verrat der alten Parteien und Organisationen verhinderten.

18.2. In Sri Lanka hing die Kapitalistenklasse direkt von der LSSP ab. Sie lieferte die wichtige „trotzkistische“ Tarnung für die zweite Bandaranaike-Regierung, die im Mai 1970 mit einem Erdrutschsieg an die Macht kam und bis zu ihrer schmählichen Niederlage 1977 regierte. Die LSSP-Führer N.M. Perera, Colvin R. de Silva und Leslie Goonewardene wurden allesamt Minister. In dieser ganzen Zeit beteiligten sich die LSSP (R) und ihre verschiedenen Fragmente daran, die Koalition aus SLFP, LSSP und KP gegen den wachsenden Widerstand der Arbeiterklasse zu verteidigen, indem sie verschiedene Abwandlungen der United Left Front propagierten und die Illusion schürten, die LSSP und die KP ließen sich dazu zwingen, die Interessen der Arbeiter zu verteidigen – ähnlich wie es ihre pablistischen Mitstreiter in anderen Ländern der Welt taten.

18.3. In der Wahl von 1970 forderte die RCL trotz der überwältigenden Ablehnung der Arbeiterklasse gegenüber der UNP-Regierung dazu auf, für die Koalition aus SLFP, LSSP und KP zu stimmen. Michael Banda kritisierte diesen schweren taktischen Fehler in einem Brief an die RCL und nannte diese Politik „ein unberechtigtes Zugeständnis an die Reformisten und die radikale Bourgeoisie.“ Er fuhr fort: „Jetzt darf es nicht unsere Aufgabe sein, einer neuen Koalition (wie viele Koalitionen denn noch?) die Tür zu öffnen, sondern jede Unterstützung für die SLFP abzulehnen und zu versuchen, die Arbeiterklasse aus der Falle der Kapitalisten zu befreien, indem wir fordern, dass die Führer von LSSP und KP mit der SLFP brechen.“

18.4. Die Reaktion von Keerthi Balasuriya und der RCL war ein klassisches Beispiel, wie sich eine marxistische Partei ihren Prinzipien gemäß korrigiert. Die Parteiführung begann zuerst eine ausführliche interne Diskussion über Bandas Korrespondenz und die politischen Auswirkungen ihres Fehlers. 1970 erschien eine Stellungnahme, in der die RCL ihren Fehler korrigierte und erklärte: „Eine Partei, die in der Lage sein soll, die Macht zu übernehmen, kann nur in Gegnerschaft zur LSSP- und KP-Führung aufgebaut werden. Ohne einen Kampf gegen die Koalitionsperspektive der LSSP- und KP-Führung, auf Grundlage der Perspektive einer Arbeiter- und Bauernregierung können wir die Arbeiterklasse nicht unabhängig mobilisieren. Der Kampf für die Klassenunabhängigkeit der Arbeiterklasse führt über den Kampf, die samasamajistischen und stalinistischen Führer zum Bruch mit der Koalitionsregierung und der Koalitionsfront zu zwingen.

18.5. Die neue taktische Orientierung der RCL sollte keine Illusionen in die LSSP und die KP schüren, sondern im Rahmen der unabhängigen Mobilisierung der Arbeiterklasse und der bäuerlichen Massen für die Machtübernahme deren Klassenkollaboration enthüllen. Wie es im Übergangsprogramm der Vierten Internationale heißt: „Von allen Parteien und Organisationen, die sich auf die Arbeiter und auf die Bauern stützen und in ihrem Namen sprechen, fordern wird, politisch mit der Bourgeoisie zu brechen und den Weg des Kampfes um die Macht der Arbeiter- und Bauern zu beschreiten. Auf diesem Weg versprechen wir ihnen unsere volle Unterstützung gegen die kapitalistische Reaktion. Gleichzeitig entfalten wir eine unermüdliche Agitation für die Übergangsforderungen, die unserer Meinung nach das Programm der 'Arbeiter- und Bauernregierung' ausmachen sollten.“[1]

18.6. Die RCL korrigierte jedoch nicht nur ihren unmittelbaren Fehler. Als Marxist verstand Balasuriya, dass sein Fehler das Ergebnis beträchtlichen politischen Drucks sein musste, der auf die Partei ausgeübt wurde – vor allem durch die Agenturen des kleinbürgerlichen Radikalismus‘ und Opportunismus. Die Stellungnahme der RCL erklärte, es sei notwendig, „den Fehler bei der Wurzel zu packen, da der feindliche Klassendruck, der auf die RCL ausgeübt wurde, in anderer Form und unter anderen Umständen zurückkehren könnte.“ Nach der Diskussion widmete Balasuriya ein ganzes Buch der Kritik an der JVP, der Partei, die der Inbegriff der radikalen Mittelschicht war. Das Programm der JVP war gekennzeichnet von den damals modernen Theorien – der Bauern-Guerillataktik des Castroismus und Maoismus, die auch von den Pablisten propagiert wurde. Mit dieser detaillierten Kritik an der JVP vertiefte Balasuriya die Klassenposition der RCL und grenzte sie vom radikalen singhalesischen Populismus und allen Parteien, einschließlich der LSSP und der LSSP (R), ab, die sich daran angepasst hatten,

18.7. Im Vorwort seines Buches erklärte Balasuriya: „Viele Elemente, die behaupten, sich an den Erfahrungen von Mao Zedong und der chinesischen Revolution zu orientieren, versuchen, die Frage der Revolution darauf zu beschränken, auf die eine oder andere Weise einen langen ‚Volkskrieg‘ oder eine andere Form des bewaffneten Kampfes auszutragen. Diese Ausrichtung hat nichts mit der marxistischen Auffassung von der Revolution zu tun. Die Frage der Revolution kann gar nicht ohne objektive Auswertung der inneren Beziehungen zwischen den Klassen und ihrer Dynamik erklärt werden.... Die marxistische Konzeption, die betont, dass die Arbeiterklasse nicht mit friedlichen Mitteln an die Macht kommen kann, hat nichts zu tun mit der dummen Formel, der Sieg sei schon gesichert, wenn man sich bewaffnet. Wer auch nur den geringsten Respekt vor den Erfahrungen der Revolutionen hat, in denen die Arbeiterklasse, obwohl sie Waffen hatte, von der Bourgeoisie geschlagen und vernichtet wurde, wird solche Ansichten nicht unterstützen.[2]

18.8. Balasuriya erklärte, die JVP sei – wie Castro, Guevara und Mao – der Arbeiterklasse gegenüber organisch feindselig eingestellt und beherrscht von reaktionärem Nationalismus. Im verzerrten Sprachgebrauch der JVP waren mit „dem Proletariat“ die unterdrückten Massen der Bauernschaft gemeint. Die Organisation tat die wirtschaftlichen Kämpfe der Arbeiter als „Rangeleien um eine Schüssel Brei“ ab, die vom „patriotischen Kampf“ gegen den Imperialismus ablenkten. Mit Castro als Vorbild erklärte die JVP: „Ein Aufstand unter Führung einer Gruppe von Patrioten könnte die Macht der herrschenden Klasse untergraben.“ Wie die Stalinisten schürte die JVP gefährliche Illusionen in die progressive Natur der nationalen Bourgeoisie. Ihre Behauptung, wenn der „antiimperialistische Hass aller gesellschaftlichen Klassen zusammengeführt“ würde, käme dabei Patriotismus heraus, wirkt wie eine Neuauflage von Stalins Formel für die chinesische Revolution von 1925-27.

18.9. Von Anfang an hatte die Propaganda der JVP einen spalterischen, kommunalistischen Charakter: Mit Patriotismus meinte sie singhalesischen Patriotismus; der antiimperialistische Kampf beinhaltete den Kampf gegen „indischen Expansionismus,“ und „privilegierte“ tamilischsprachige Plantagenarbeiter wurden zu Feinden der singhalesischen Arbeiter erklärt. Balasuriya sprach die prophetische Warnung aus: „In einer Zeit, in der der britische Imperialismus und die lankische Bourgeoisie von ihren eigenen Klasseninteressen dazu getrieben werden, die Lebensbedingungen der Plantagenarbeiter zu verschlechtern, wird die kleinbürgerliche Feindschaft gegen diese Arbeiter zu einer Waffe in den Händen des Monopolkapitalismus. Dieser Rassismus wird zum Faschismus führen. Die JVP baut in Lanka eine arbeiterfeindliche Bewegung auf, die genauso gut von einer faschistischen Bewegung benutzt werden könnte. JVP-Führer Rohana Wijeweera reagierte auf die Veröffentlichung des Buches, indem er Balasuriya drohte, er werde ihn aufhängen, sollte die JVP an die Macht kommen.

18.10 Die RCL bereitete sich mit der prinzipientreuen Korrektur ihres Fehlers auf die politischen Prüfungen vor, die vor ihnen lagen. Innerhalb von Monaten setzte die JVP ihre Theorie, ein Aufstand einer Gruppe von Patrioten könne die Macht der herrschenden Klasse untergraben, in die Tat um. Im April 1971 organisierte ihr Kader eine Serie von Anschlägen auf Polizeistationen im Süden der Insel. Die Bandaranaike-Regierung reagierte, mit voller Unterstützung der LSSP und der KP, mit einer brutalen Unterdrückungskampagne. Mehr als 15.000 Jugendliche aus der Landbevölkerung wurden von Armee und Polizei getötet, und mehr als 30.000 verhaftet. Der Notstand wurde ausgerufen und drakonische neue Gesetze wurden verabschiedet, durch die Sondergerichte eingesetzt wurden, um die JVP-Führung wegen Verschwörung zu verurteilen.

18.11. Diese Periode begann nur drei Jahre nach der Gründung der Revolutionary Communist League und war eine Feuertaufe für sie. Trotz ihrer fundamentalen politischen Differenzen mit der JVP stellte die RCL sich getreu ihrer Prinzipien gegen die mörderische Unterdrückungskampagne gegen die JVP und die Landjugend. Als Reaktion darauf verbot die Regierung die Publikationen der RCL und die Partei musste in den Untergrund gehen. Sie setzte ihre politische Aktivität trotz der Notstandsverordnungen fort und musste dafür teuer bezahlen: Zwei RCL-Mitglieder – die Zentralkomitee-Mitglieder Lakshman Weerakoon und L.G. Gunadasa – wurden verhaftet und ermordet.

18.12. Die RCL wurde jedoch nicht zerstört, sondern ihre politische Statur wurde durch diese Feuerprobe beträchtlich gestärkt. In der Illegalität versuchte sie, die Arbeiterklasse gegen die staatliche Unterdrückung zu mobilisieren. Als die Beschränkungen gelockert wurden, veranstaltete die RCL eine inselweite Kampagne zur Verteidigung der verhafteten Jugendlichen. Auf den Grundlagen der Theorie der permanenten Revolution erklärte die Partei den Arbeitern, sie hätten eine politische Verantwortung für die Massen auf dem Land, und müssten mit der armen Bauernschaft ein Bündnis gegen den kapitalistischen Staat schließen. Die RCL warnte davor, dass die Angriffe auf die Jugend vom Land ein Vorgeschmack auf Angriffe auf die Arbeiterklasse selbst sein würden. Ihre Forderung nach Freiheit für die politischen Gefangenen wurde zu einem der Schlagworte, die die Arbeiter Mitte der siebziger Jahre in ihrer Streikbewegung übernahmen. Nach seiner Freilassung 1978 besuchte JVP-Führer Wijeweera persönlich den Hauptsitz der RCL, um der Partei für die Kampagne zu danken.

18.13. Ein Aspekt der Verteidigungskampagne der RCL muss besonders erwähnt werden. Die Partei schritt leidenschaftlich für die Verteidigung der demokratischen Rechte von Künstlern ein, die von den Notstandsgesetzen nach dem Aufstand der JVP bedroht waren. Die Kampagne der RCL und ihre Veröffentlichung von Kritiken über neue Dramen, Filme und Literatur erregten viel Aufmerksamkeit, vor allem unter Jugendlichen. Die RCL übersetzte Trotzkis bahnbrechendes Werk „Kultur und Sozialismus“ und entwickelte eine marxistische Herangehensweise an die Kunst, die den herrschenden bürgerlichen Ideologien genauso widersprach wie denen, die auf dem stalinistischen „sozialistischen Realismus“ basieren. Die Schriften der RCL waren so einflussreich, dass der führende Akademiker Professor Ediriweera Sarachchandra, sich 1985 genötigt sah, die Arbeit der Partei anzugreifen. Als Antwort schrieb Keerthi Balasuriya zusammen mit Suchiratha Gamlath, damals ein Mitglied des Zentralkomitees der RCL, ein Buch, in dem er die historischen materialistischen Grundlagen der marxistischen Literaturkritik herausarbeitete. Piyaseeli Wijegunasinghe beteiligte sich an dieser theoretischen Entwicklung durch viele Kritiken in der Parteipresse und drei Büchern – das letzte richtete sich gegen Professor Gamlath, der 1989 die RCL verlassen hatte und die Partei und den Marxismus verbittert angegriffen hatte.

18.14. Der Aufstand vom April 1971 und die Zeit unmittelbar danach führten innerhalb der Partei zu beträchtlichen politischen Schwierigkeiten. Mehrere führende RCL-Mitglieder verließen die Bewegung, unter ihnen auch Anura Ekanayake, der mitgeholfen hatte, Balasuriya für den Trotzkismus zu gewinnen. Wie bereits bei dem früheren taktischen Fehler reagierte Balasuriya auch auf diese Krise, indem er deren politische Ursachen klarstellte. Um den Bruch von Ekanayake und den anderen zu verstehen, untersuchte er vom Standpunkt des Kampfes gegen den pablistischen Opportunismus die Geschichte der RCL und der verschiedenen Kräfte, die sie gebildet hatten. Wie seine vorherige Analyse der JVP sollte auch diese Parteigeschichte den Bruch der RCL mit allen Formen des kleinbürgerlichen Radikalismus vertiefen.

18.15. Als Balasuriya 1972 nach Großbritannien ging, legte er dem Parteichef der SLL, Gerry Healy, eine englische Übersetzung der Analyse „Die Aprilkrise und die Geschichte der Partei“ vor und fragte ihn nach seiner Meinung. Im Jahr 1972 war die SLL jedoch dabei, ihren bisherigen Kampf gegen den Pablismus aufzugeben. Statt dem 23-jährigen Trotzkistenführer gutgemeinten Rat zu geben, wie er es in der Vergangenheit getan hätte, lehnte Healy das Dokument ab und behauptete, die RCL brauche eine Perspektive, keine Geschichte. In einem Brief an ein RCL-Mitglied in Großbritannien antwortete Balasuriya auf diese falsche Gegenüberstellung von Geschichte und Perspektive: „Dieses Dokument ist kein Ersatz für ein Perspektivdokument, sondern eine Voraussetzung dafür. Wir haben ein Perspektivdokument angenommen, das wir Euch schicken werden, sobald die Übersetzung beendet ist. Aber um ein Perspektivdokument zu erstellen, müssen wir zuerst unser Verhältnis zu den vergangenen Kämpfen der Arbeiterklasse und der marxistischen Bewegung verstehen. Ohne dieses Verhältnis zu definieren und zu verstehen, wird es nicht möglich sein, die Rolle zu verstehen, die wir in den kommenden Klassenschlachten zu spielen haben. Das ist die Bedeutung der Geschichte.“[3]

18.16. Balasuriya und die RCL-Führung bewiesen politische Reife, als sie Healys Kommentare ignorierten und dem RCL-Kongress von 1972 zwei Dokumente vorlegten – über die Geschichte der Partei und ihre Perspektiven. In den nächsten vier Jahren verstärkte er die Abgrenzung der Partei zu den diversen Vertretern pablistischer Politik in Sri Lanka mit einer langen Serie in der Parteizeitung der RCL gegen die Politik von Samarakkody, Bala Tampoe und einem von Samarakkodys Verbündeten namens Tulsiri Andradi. Samarakkody hatte 1968 mit der LSSSP (R) gebrochen und seine Gruppe schloss sich den Spartakisten an. Diese teilten seine zentristische Politik und tiefe Feindseligkeit gegen das IKVI. Unter Bala Tampoe, dem Vorsitzenden der Ceylon Mercantile Union, wurde die LSSP (R) ein Anhängsel dieser Gewerkschaft und ein Sprachrohr des Syndikalismus. Dennoch war sie bis 1981 offizielle srilankische Sektion des Vereinigten Sekretariat.

19. Die politische Degeneration der britischen SLL

19.1. Die Unstimmigkeiten zwischen Balasuriya und Healy über die Bedeutung der Geschichte der RCL war symptomatisch für einen allgemeinen internationalen Prozess. Die neuen Sektionen des IKVI – die Workers League in den USA, der im September 1971 gegründete Bund Sozialistischer Arbeiter in Deutschland und die im November 1972 gegründete australische Socialist Labour League– wurden auf der Grundlage der Lehren aus den Spaltungen von 1953 und 1961-63 aufgebaut. Gleichzeitig verabschiedete sich die SLL jedoch von den Prinzipien, für die sie in den 1950er Jahren und Anfang der 1960er Jahre gekämpft hatte.

19.2. Nach dem dritten Kongress des IKVI 1966 begann die französische Sektion des IKVI, die Organisation Communiste Internationaliste (OCI), die die SLL damals unterstützt hatte, erneut die Frage der Notwendigkeit eines „Wiederaufbaus“ der Vierten Internationale aufzubringen. Hinter dieser Phrase versteckte sich eine Anpassung der OCI an zentristische Organisationen, die dem Kampf des IKVI gegen den Pablismus die grundlegende Bedeutung absprachen. Die SLL stellte sich gegen die OCI, geriet jedoch unter ähnlichen Klassendruck. In dem Dokument „Probleme der Vierten Internationale“ von 1966 erklärte Gerry Healy, die Hauptaufgabe der SLL sei es, in Großbritannien eine starke politische Partei aufzubauen, die Revolutionäre in anderen Ländern der Welt dazu „inspirieren“ würde, es ihnen nachzumachen. Diese nationalistische Konzeption war ein deutlicher Rückschritt von dem Internationalismus, der die Grundlage der Vierten Internationale war, nämlich der Auffassung, dass nationale Sektionen nur als Teil des internationalen Kampfes der Weltpartei gegen alle Formen des nationalen Opportunismus aufgebaut werden können.

19.3. Dass die SLL sich vom Kampf gegen den Pablismus verabschiedete, führte zu einer Schwächung der Verteidigung von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. David North schrieb später: „In den späten sechziger Jahren wies [Mike] Banda in seinen Schriften über Vietnam, China und die revolutionären Bewegungen in den zurückgebliebenen Ländern zwei wesentliche Grundsätze der Theorie der permanenten Revolution zurück: 1) dass die demokratische Revolution in den zurückgebliebenen Ländern nur durch die Diktatur des Proletariats vollendet werden kann, und 2) dass die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft ohne den weltweiten Sturz des Kapitalismus durch das internationale Proletariat nicht denkbar ist. Bandas Schriften wurden zu Rechtfertigungen für die nationale Bourgeoisie und vertraten die stalinistische Zweistufentheorie der Revolution.“[4]

19.4. Im Newsletter vom Januar 1967 äußerte sich Banda unkritisch lobend über Maos „große proletarische Kulturrevolution“ und erklärte: „Die Mao-Führung kämpft mit Unterstützung der Roten Garten unter dem Banner der 'Gleichheit aller' gegen diese Gruppe. Sie kämpfen gegen Privilegien; gegen autokratische Vollmachten; für die Demokratie in China; für das Recht auf Kritik und entsprechendes Handeln; für das Recht, den Richtern, der Polizei und den Ministern zu sagen, was die Menschen wirklich über diese Politik denken; und sie hinauszuwerfen, wenn sie sich nicht bessern.“[5] Der Grund, warum Mao 1966 die Kulturrevolution begann, hatte nichts mit dem Kampf für Gleichheit, mit Kultur oder mit dem Proletariat zu tun. Er hatte die Roten Garden im Rahmen seines Fraktionskampfes innerhalb der Führung der KPCh mobilisiert. Als sich Arbeiter daran beteiligten – vor allem nach einem Aufstand in Schanghai, setzte Mao, der stets alle unabhängigen Bewegungen des Proletariats fürchtete, schnell das Militär ein, um die Protestbewegung unter Kontrolle zu bringen.

19.5. In einem Leitartikel in der Zeitschrift Fourth International vom Februar 1968, mit dem Titel: „Die vietnamesische Revolution und die Vierte Internationale“ lobte Banda den „langen Krieg des Volkes“, den Ho Chi Minh in Vietnam führte und nannte Mao „den derzeit führenden Vertreter des Guerillakampfes.“ Die Virodhaya-Gruppe in Sri Lanka schrieb der SLL und wies darauf hin, dass diese Lobrede auf den Maoismus die Arbeiter und Jugendlichen in ganz Asien nur auf falsche Fährten führen würde. In der nächsten Ausgabe der Fourth International war eine kleine Notiz hinzugefügt, laut der der Leitartikel die „persönliche Meinung“ von Mike Banda wiedergebe, allerdings gab es keine Kritik an den geäußerten Ansichten. Die leben-und-leben-lassen-Haltung der SLL gegenüber Bandas pro-maoistischen Positionen war ein großer Rückschritt von der prinzipientreuen Verteidigung der Theorie der permanenten Revolution in den Jahren 1961 bis -63 gegen die SWP und eine Anpassung an die Verherrlichung des „bewaffneten Kampfes“ von Castro, Mao und Ho Chi Minh durch die Pablisten.

19.6. Das Abrücken der SLL von der Theorie der permanenten Revolution sollte schwere Folgen für die politische Arbeit der RCL als Sektion des IKVI in einem rückständigen kapitalistischen Land haben. 1971 brachen zwischen der SLL und der RCL Spannungen über den indisch-pakistanischen Krieg aus. Die SLL veröffentlichte eine Stellungnahme im Namen des IKVI, in dem sie der indischen Armee „kritische Unterstützung“ bei ihrer Intervention in Ostpakistan (das heutige Bangladesch) zusagte, mit der sie die Befreiungsbewegung unterstützen wollte. Die Stellungnahme der RCL erklärte jedoch, die Aufgabe des Proletariats, sei „nicht die Unterstützung der einen oder anderen Seite der kriegführenden Bourgeoisien …, sondern das Ausnutzen jedes Konflikts im Lager des Klassenfeindes mit dem Ziel unter der Perspektive einer föderativen sozialistischen Republik die Macht zu erobern. Nur dadurch ist es möglich, die sozialen und nationalen Ziele der Abermillionen Werktätigen des Subkontinents zu befriedigen.“[6]

19.7. Die RCL, die immer noch unter staatlicher Unterdrückung agieren musste, erfuhr von der Stellungnahme des IKVI erst eine Woche, nachdem sie bereits ihre eigene Stellungnahme entworfen hatte, in der sie die indische Militärintervention ablehnte. Balasuriya schrieb sofort an IKVI-Sekretär Cliff Slaughter und erklärte: „Es ist nicht möglich, den nationalen Befreiungskampf des bengalischen Volkes und die freiwillige Vereinigung Indiens auf sozialistischer Grundlage zu unterstützen, ohne den indisch-pakistanischen Krieg abzulehnen. Wenn man den Krieg nicht aus Indien und Pakistan heraus ablehnt, ist es völlig absurd, von einem vereinigten sozialistischen Indien zu reden, das allein das Recht auf Selbstbestimmung der zahlreichen Völker auf dem indischen Subkontinent gewährleisten kann.“ Balasuriya wies darauf hin, dass der Grund für die indische Militärintervention die Unterdrückung eines revolutionären Kampfes zur Vereinigung von Ost- und Westbengalen und die Aufrechterhaltung des reaktionären Staatssystems war, das von 1947 bis 48 etabliert worden war.

19.8. Nachdem Balasuriya den klaren Widerstand der RCL gegen die Position des IKVI erklärt hatte, akzeptierte er dessen politische Autorität und suchte die Diskussion über die betreffenden Themen. Nachdem er bestätigt hatte, dass die RCL ihre Stellungnahme zurückgezogen habe, schrieb er: „Wir brauchen nicht zu betonen, dass es schwierig ist, die IK-Erklärung zu verteidigen. Trotzdem ist Klarheit in der Internationale wichtiger als alles andere, weil es für uns unmöglich ist, eine nationale Sektion aufzubauen ohne für den Aufbau der Internationale zu kämpfen.“[7] Statt sich einer internationalen Diskussion zu stellen, verzichtete die SLL darauf, den Brief der RCL den anderen Sektionen des IKVI zur Verfügung zu stellen, und machten sich daran, die RCL zu isolieren.

19.9. Dass sich die SLL weigerte, die politischen Fragen zu diskutieren, die der indisch-pakistanische Krieg aufwarf, war Teil eines allgemeinen Abrückens vom Programm des Trotzkismus. Im November 1971 hatte die SLL angekündigt, sich von der OCI, der einzigen anderen langjährigen Sektion des IKVI, zu trennen. Die Charakterisierung der OCI und ihrer politischen Linie als zentristische Partei durch die SLL war zwar korrekt, aber die SLL versuchte nicht, die zugrunde liegenden politischen Fragen zu klären und behauptete stattdessen, bei der Spaltung sei es um „marxistische Theorie“ gegangen. David North schrieb dazu später: „Die verfrühte Spaltung mit der OCI im Herbst 1971 nahm Slaughter zum Anlass für das Argument, ‚die Erfahrung im Aufbau der revolutionären Partei in Großbritannien‘ habe gezeigt, dass ‚ein tiefgehender und schwieriger Kampf gegen idealistische Denkweisen notwendig war, der weit tiefer ging als Fragen der Übereinstimmung in Programm und Politik‘... Trotzki hatte stets darauf bestanden, dass das Programm, in dem die marxistische Theorie ihren Ausdruck findet, die Partei aufbaut. Aber Slaughter wendete die Theorie gegen das Programm und stellte damit sowohl den Wert wie auch die Lebensfähigkeit von Parteien in Frage, die durch den Kampf für das trotzkistische Programm aufgebaut wurden.“[8]

19.10. Das politische Abdriften der SLL sollte sich im November 1973 in der Umwandlung in die Workers Revolutionary Party zeigen. Die WRP wurde ohne Diskussion mit dem IKVI oder irgendeine programmatische Klärung lediglich auf der Grundlage einer nationalen Taktik gegründet, die sich daran orientierte eine Massenbewegung gegen die britischen Tories aufzubauen. Während sich die WRP später an die Labour- und Gewerkschaftsbürokratie anpasste, verwarf sie die Theorie der permanenten Revolution und verriet die grundlegenden Prinzipien des Trotzkismus.

Anmerkungen

1. Leo Trotzki, Das Übergangsprogramm, Essen, 1997, S. 111

2. Keerthi Balasuriya, Politics and the Class Nature of the JVP (in Sinhalese) December 1970.

3. Vierte Internationale Jg.14, Nr. 1, Frühjahr 1987, S. 56.

4. David North: Das Erbe das wir verteidigen, S. 414.

5. ebd., S. 415.

6. Vierte Internationale Jg.14, Nr. 1, Frühjahr 1987, S. 47

7. Vierte Internationale Jg.14, Nr. 1, Frühjahr 1987, S .52f.

8. David North: Gerry Healy und sein Platz in der Geschichte der Vierten Internationale, Essen 1992, S.82f