Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka)

Teil 7

Von der Socialist Equality Party (Sri Lanka)
2. Juni 2012

Die World Socialist Web Site veröffentlicht einen weiteren Teil des Dokumentes Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka), das auf dem Gründungskongress in Colombo vom 27. bis 29. Mai einstimmig angenommen wurde. Es wird in zwölf Teilen veröffentlicht.

Teile 1-12

16. Der große Verrat in Sri Lanka

16.1. Der Eintritt der LSSP in die Regierung von Frau Sirimavo Bandaranaike im Juni 1964 war ein Wendepunkt in der Geschichte der Vierten Internationale – zum ersten Mal trat eine angeblich trotzkistische Partei direkt in den Dienst der Bourgeoisie. Die politische Verantwortung für diesen Verrat lag klar beim Vereinigten Sekretariat und er bestätigte alle Warnungen der SLL. Diese hatte nur ein Jahr zuvor vor der prinzipienlosen Wiedervereinigung der SWP mit den Pablisten gewarnt. Der Vorsitzende der britischen SLL, Gerry Healy, erklärte, der Verrat der LSSP sei „das vollständigste Beispiel“ für den Verrat von Pablo, Mandel und Pierre Frank. „Diese Personen müssen die Verantwortung dafür übernehmen, da sie in den vergangenen achtzehn Jahren andauernd mit der ceylonesischen LSSP in Kontakt standen. Die Antwort [auf die Frage nach dem Grund der Degeneration der LSSP] wird nicht in Ceylon zu finden sein, sondern durch eine internationale Studie des Kampfes gegen den pablistischen Revisionismus. Die wahren Architekten der Koalition kommen aus Paris.“[1]

16.2. Der Weg der LSSP zum Eintritt in die Regierung Bandaranaike – über die Vereinigte Linksfront (ULF) aus LSSP, der stalinistischen KP und Philip Gunawardenas MEP – wurde vom Vereinigten Sekretariat angeregt und abgesegnet. Das Internationale Sekretariat hatte 1960 zu einem Wahlbündnis der „Arbeiterparteien“ aufgerufen, und der Vereinigungskongress von 1963 hatte erklärt, die LSSP habe „zurecht die Frage nach einer vereinigten Linksfront gestellt, sowohl um die Rechtswende aufzuhalten, als auch, um den Massen zu helfen, zu einer alternativen Linken zu finden.“[2] Die ULF war jedoch genau die Art von Volksfront, gegen die sich Trotzki in den dreißiger Jahren ausgesprochen hatte. Außerdem hatten sich die beteiligten Parteien in der Vergangenheit schon der Klassenkollaboration schuldig gemacht – die rassistische MEP hatte sich 1956 an der Regierung der SLFP beteiligt, die Stalinisten hatten während des Krieges zum Ceylon National Congress gehört und wären in die erste UNP-Regierung eingetreten, wenn diese es gewollt hätte.

16.3. Das Bündnis mit der ULF wurde am 12. August 1963 – dem zehnten Jahrestag des Generalstreiks von 1953 – unterzeichnet und war begleitet von zahlreichen Bekundungen der Einigkeit der Arbeiterklasse. Dieses opportunistische Bündnis hatte nichts mit Trotzkis Einheitsfronttaktik zu tun, bei der er die politische Unabhängigkeit der revolutionären Partei betont und sich gegen die Vermischung politischer Programme, Fahnen und Parolen gestellt hatte. Die gemeinsame Plattform der ULF war kein „wirklich sozialistisches Programm“, wie es die Pablisten behaupteten, sondern eine Liste beschränkter Reformen, die im Rahmen des Kapitalismus durch das Parlament erreicht werden sollten. Darüber hinaus machte das Programm, das vom Vereinigten Sekretariat gutgeheißen wurde, große Zugeständnisse an die kommunalistische Politik der MEP. Nachdem die LSSP bereits 1960 ihre Forderung nach zwei gleichberechtigten Amtssprachen, Singhalesisch und Tamilisch, fallengelassen hatte, stimmte sie jetzt einer gemeinsamen Plattform zu, die die bestehende gesetzliche Bevorzugung von Singhalesen weniger diskriminierend machen wollte. Im Zentralkomitee der LSSP verurteilte eine Minderheit unter Führung von Edmund Samarakkody das Programm der ULF zu Recht als Volksfrontpolitik, forderte aber nicht den Bruch der LSSP mit der ULF. Samarakkodys Position war eine typische zentristische Ausflucht – er erkannte den opportunistischen Charakter der Vorschläge, zog aber nicht den nötigen politischen Schluss, mit Pereras Führung zu brechen. Die einzige trotzkistische Kritik kam von der britischen SLL. Sie bezeichnete die ULF als opportunistisch und forderte die „hunderten überzeugten Kommunisten in der LSSP“ auf, sich wieder an „die Prinzipien und das Programm der Vierten Internationale zu halten und die Partei von Revisionismus und revisionistischen Führern zu säubern.“ [3]

16.4. Von ihrem Anfang im Jahr 1960 an, steckte die SLFP-Regierung in Krisen. Als die Vorzugsbehandlung der Singhalesen zu zahlreichen Protesten der Tamilen führte, ließ Bandaranaike die Federal Party verbieten und verhängte für einen Großteil des Jahres 1961 den Notstand. Als eine Streikwelle gegen die Sparpolitik der Regierung begann, verbot sie Arbeitskämpfe und setzte in den Häfen das Militär ein. Im Januar 1962 versuchten hochrangige Polizei- und Militäroffiziere, die Regierung zu stürzen, da die herrschende Klasse an Bandaranaikes Fähigkeit zweifelte, die Arbeiterklasse unter Kontrolle halten zu können. Die Streikbewegung erhielt weiteren Auftrieb durch die Gründung des Joint Committee of Trade Unions Organisation (JCTUO) im September 1963. In dieser Organisation vereinigten sich unter 21 allgemeinen Forderungen alle Gewerkschaften, darunter auch die der Plantagenarbeiter. Bei einem 69-tägigen Streik der Ceylon Mercantile Union (CMU), die mit der LSSP verbündet war, wurde ein Ultimatum der Regierung ignoriert, wieder an die Arbeit zu gehen, und im Januar 1964 bedeutende Zugeständnisse errungen. Bandaranaike war sich ihrer Mehrheit im Parlament nicht mehr sicher und schickte im Februar das Parlament nach Hause.

16.5. Da ihr Kabinett wegen der Frage, wie mit der Massenbewegung der Arbeiterklasse umzugehen sei, in der Krise steckte, begann Bandaranaike Gespräche mit den Parteien der ULF. Als die LSSP-Führer am 21. März auf dem Galle Face Green auf einer riesigen Kundgebung der Bewegung der 21 Forderungen sprachen, die auch von großen Abordnungen der Plantagenarbeiter besucht war, verhandelte N.M. Perera hinter verschlossenen Türen über die Gründung einer Koalitionsregierung. Als diese Gespräche in der Öffentlichkeit bekannt wurden, rechtfertigte Bandaranaike als klassenbewusste Vertreterin der Bourgeoisie ihr Vorgehen, indem sie die verschiedenen Optionen erklärte: „Einige denken, dass diese Schwierigkeiten [durch die Streiks] nur durch die Errichtung einer Diktatur gelöst werden können. Andere sagen, die Arbeiter sollten mit vorgehaltener Waffe zum Arbeiten gezwungen werden. Wieder andere sagen, eine nationale Regierung sollte gebildet werden, um sich darum zu kümmern. Ich habe diese Ideen einzeln für sich und im Kontext der Ereignisse auf der Welt überdacht. Mein Entschluss ist, dass uns keine dieser Lösungen weiterbringt… Daher, meine Damen und Herren, habe ich beschlossen, Gespräche mit den Führern der Arbeiterklasse zu beginnen, vor allem mit Philip Gunawardena und N.M. Perera.“[4]

16.6. Der rechte Flügel der LSSP unter Leitung von Perera, und mit Unterstützung der „zentristischen“ Fraktion von Colvin R. de Silva und Leslie Goonewardene, beraumte schnell eine Parteikonferenz für den 6. und 7. Juni an, um eine Koalition mit der SLFP abzusegnen. Gerry Healy, der im Auftrag des IKVI nach Colombo geflogen war, durfte an der Konferenz nicht teilnehmen, beteiligte sich allerdings eifrig von außen. Innerhalb der Konferenz brachte Perera eine Resolution ein, in der er den Verrat damit rechtfertigte, dass die SLFP keine kapitalistische Partei sei, sondern „eine Partei, deren Basis das radikale Kleinbürgertum und die untere Mittelschicht“ sei. Sie habe „einige ihrer reaktionäreren Elemente abgelegt“ und „diverse Maßnahmen zur Verstaatlichung durchgeführt.“ Diese Erklärungen waren zwar ein vollständiger Bruch mit allem, was Trotzki über politische Gruppierungen wie die chinesische Kuomintang geschrieben hatte, aber entsprachen völlig der pablistischen Verherrlichung, kleinbürgerlicher Führungen in Kuba und Algerien. Die Resolution stellte außerdem klar, dass die LSSP-Führung vollständig vor dem Kommunalismus der SLFP kapituliert hatte – die Liste der zehn Forderungen, auf die sie sich mit Bandaranaike einigte, erwähnte weder die Frage der Amtssprache noch die der Staatsbürgerschaft. Die Resolution der „Zentristen“ enthüllte den politischen und moralischen Zusammenbruch der ehemaligen Revolutionäre der BLPI de Silva und Goonewardene. Ihre einzige Meinungsverschiedenheit mit Perera bezog sich auf die Kapitulationsbedingungen vor der SLFP – denn sie forderten, dass die Koalitionsregierung auch die anderen ULF-Parteien einschließen solle, statt nur die LSSP.

16.7. Die Resolution der neugegründeten Revolutionary Minority verurteilte einhellig den Vorschlag einer Koalitionsregierung als „Verrat an der proletarischen Revolution“ und erklärte: „Die Beteiligung der LSSP-Führung an der SLFP-Regierung wird zu offener Klassenkollaboration, Desorientierung der Massen und der Spaltung der Arbeiterklasse führen. Der Verzicht auf die Kampfperspektive wird die Bewegung der Arbeiterklasse zerstören und die unabhängige revolutionären Achse im linken Spektrum eliminieren. Das Ergebnis wird sein, dass die Kräfte der kapitalistischen Reaktion keineswegs geschwächt werden oder gar scheitern, sondern letzten Endes gestärkt werden.“ Nach der Abstimmung – 501 für Pereras Resolution, 75 für die der „Zentristen“ und 159 für die der Opposition – verließ die Revolutionary Minority die Konferenz, trat zu einer eigenen zusammen und gründete die spätere Lanka Sama Samaja Party (Revolutionary), kurz LSSP (R).

16.8. Das Vereinigte Sekretariat spielte die ganze Zeit über eine völlig opportunistische Rolle. Wochen vor der Konferenz im April, hatte es erklärt, die ULF könne in Sri Lanka „für ein neues Kuba oder Algerien sorgen und eine noch größere Inspiration für die revolutionär gesinnten Arbeiter der Welt werden.“ Als die Nachricht von Pereras Verhandlungen mit Bandaranaike Paris erreichten, beeilte sich das Vereinigte Sekretariat, seine eigene politische Verantwortung zu vertuschen, indem es zu einer Rückkehr zur ULF aufrief. Aber Healy bezeichnete die ULF treffend als „Zuckerguss auf der bitteren Pille der Koalition.“ Sie war das Sprungbrett Pereras in die Regierung von Bandaranaike. Es gab keinen grundlegenden Unterschied zwischen dem Programm der ULF und dem Abkommen der LSSP mit Bandaranaike. Das Vereinigte Sekretariat schloss N.M. Perera und zwei weitere Minister der SLFP-Regierung aus, ebenso die LSSP-Mitglieder, die für die Teilnahme gestimmt hatten, unternahm jedoch monatelang nichts gegen die „Zentristen,“ die in der LSSP blieben.

16.9. Das Vereinigte Sekretariat unterdrückte Kritik aus den eigenen Reihen am Verrat der LSSP. Innerhalb der amerikanischen SWP wurden Anhänger des IKVI unter Führung von Tim Wohlforth, die eine offizielle Minderheit darstellten, ausgeschlossen, weil sie auf einer parteiinternen Diskussion über die Beteiligung der LSSP an der Regierung von Bandaranaike bestanden hatten – ein beispielloser Vorgang in der Geschichte der Vierten Internationale. Die Minderheit, die zusammen mit der SLL seit 1961 gegen die Wiedervereinigung der SWP mit den Pablisten gekämpft hatte, gründete das Amerikanische Komitee für die Vierten Internationale, das im November 1966 zur Workers League umgewandelt wurde.

16.10. Im Juli 1964 zog das IKVI in einer Stellungnahme folgenden weitsichtigen Schluss: „Die Beteiligung der der LSSP an der Koalition von Bandaranaike bedeutet das Ende einer ganzen Epoche in der Evolution der Vierten Internationale. Der Revisionismus in der trotzkistischen Weltbewegung drückt sich im direkten Dienst am Imperialismus und der Vorbereitung einer Niederlage für die Arbeiterklasse aus.“[5]

17. Die Gründung der Revolutionary Communist League

17.1. Die Gründung der Revolutionary Communist League (RCL) als Sektion des IKVI im Jahr 1968, nach dem Verrat der LSSP, war das Ergebnis sowohl des politischen und theoretischen Kampfes des Internationalen Komitees gegen den Pablismus, als auch der Radikalisierung der Arbeiter und Jugendlichen Sri Lankas, die die Periode der internationalen revolutionären Erhebungen von 1968 bis 1975 vorwegnahm.

17.2. Als kleiner Inselstaat war Sri Lanka anfällig für wirtschaftliche und politische Erschütterungen und neigte dazu, ein Vorreiter für größere internationale Prozesse zu sein. Anfang der sechziger Jahre führten sinkende Teepreise und ein internationaler Wirtschaftsabschwung zu einer akuten Zahlungsbilanzkrise und, damit einhergehend, zu hoher Arbeitslosigkeit. Junge Menschen, auch Universitätsabsolventen, waren davon am härtesten betroffen. Jugendliche und Arbeiter wurden nicht nur von der wachsenden Bewegung gegen die Regierung Bandaranaike radikalisiert, sondern auch durch die Verbrechen des amerikanischen Imperialismus – darunter die Ermordung von Patrice Lumumba 1961 und die Eskalation der amerikanischen Intervention im Vietnamkrieg. Trotz der politischen Degeneration der LSSP erwiesen sich die trotzkistischen Traditionen der BLPI, die ihr immer noch anhafteten, als äußerst attraktiv. Bedeutende Teile der Schüler und Studenten sahen sich selbst als Trotzkisten. An der wichtigsten Universität des Landes, der Peradeniya-Universität, hatten die Trotzkisten den größten Einfluss.

17.3. Der Verrat der LSSP hatte tiefgehende Auswirkungen auf Sri Lanka und auf internationaler Ebene. Die LSSP und die pablistische Führung sorgten mit ihrer Anpassung an den Stalinismus, und besonders mit ihrer Verherrlichung des Maoismus dafür, dass der Einfluss stalinistischer Parteien in Asien unangefochten blieb. So konnten die Stalinisten den Verrat der LSSP nutzen, um die Aufmerksamkeit von ihren politischen Verbrechen abzulenken. Das zeigte sich besonders deutlich in Indien, wo der Pablismus die trotzkistische Bewegung praktisch zerstört hatte, was es der Kommunistischen Partei Indiens (KPI) ermöglichte, sich ohne Widerstand zu entwickeln. Als es durch das chinesisch-sowjetische Zerwürfnis von 1961 und den indisch-chinesischen Grenzkrieg von 1962 zu einer Krise in der KPI kam, griff die LSSP nicht ein. Die Krise führte 1964 zur Gründung der abtrünnigen Kommunistischen Partei Indiens (Marxisten), die angeblich Gegner der „revisionistischen“ KPI war. Während der Welle von Arbeiter- und Bauernkämpfen, die Indien seit Ende der sechziger Jahre zehn Jahre lang erschütterten, sahen es die KPI, die KPI (M) und die Naxaliten (indische Maoisten), die sich 1968-69 von der KPI (M) abgespalten hatten, als ihre Aufgabe an, die Arbeiterklasse der Bourgeoisie unterzuordnen. Die Naxaliten schlachteten den Verrat der LSSP demagogisch aus, um die üblichen stalinistischen Lügen und Verleumdungen über den Trotzkismus zu verbreiten. Gleichzeitig setzten sie auf die Strategie des Guerillakrieges, gestützt auf die Bauern.

17.4. In Sri Lanka ermöglichte die schamlose Zurückweisung des proletarischen Internationalismus durch die LSSP und deren Anpassung an den pro-singhalesischen Rassismus der SLFP ein ungehindertes Anwachsen der kommunalistischen Politik, die katastrophale Folgen für die Insel haben sollte. Die Bewegung der 21 Forderungen, die singhalesische und tamilische Arbeiter vereinigt hatte, brach auseinander, nachdem sich die LSSP an der Bandaranaike-Regierung beteiligt und ihre Unterstützung für die Bewegung eingestellt hatte. Dass die LSSP im Oktober 1964 einen Pakt zwischen Bandaranaike und dem indischen Premierminister Lal Bahadur Schastri befürwortete, bei dem es um die erzwungene Rückführung von einer halben Million tamilischer Plantagenarbeiter ging, führte zum Verlust des Rückhalts in diesem wichtigen Teil der Arbeiterklasse.

17.5. Unter den radikalisierten Jugendlichen konnten auf Kosten des echten Marxismus verschiedene Varianten kleinbürgerlicher, kommunalistischer Politik vom Verrat der LSSP profitieren. Die Jana Vimukhti Peramuna (JVP) oder Volksbefreiungsfront, wurde 1966 von ehemaligen Stalinisten und Maoisten aus der KP gegründet und konnte unter arbeitslosen Jugendlichen der singhalesischen Landbevölkerung im Süden der Insel Rückhalt gewinnen. Die Ideologie der JVP war eine Mischung aus Maoismus, Castrismus und singhalesischem Lokalpatriotismus. Sie begründete ihre demagogischen Angriffe gegen den „Trotzkismus“ mit dem Verrat der LSSP. In den 1970er Jahren radikalisierten sich Teile der tamilischen Jugend auf Grund der singhalesisch-chauvinistischen Politik der zweiten SLFP-Koalition. Verschiedene bewaffnete Organisationen der Tamilen, darunter die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), nannten das Vorgehen der LSSP-Minister als Grund für ihre Ablehnung von Trotzkismus und Marxismus. Fast zwanzig Jahre nach dem Verrat der LSSP führte die reaktionäre kommunalistische Politik der sri-lankischen Bourgeoisie zu einem Bürgerkrieg, unter dem die Insel das nächste Vierteljahrhundert über zu leiden hatte.

17.6 Eine Schicht intelligenter radikaler Jugendlicher wandte sich gegen diese politische Strömung. Sie war angezogen vom Trotzkismus und den Traditionen der BLPI und gründete 1968 die Revolutionary Communist League (RCL). Dies war jedoch nur möglich, weil das IKVI eingriff, über die Politik des Pablismus aufklärte, die zum Verrat der LSSP geführt hatte und die in der abgespaltenen LSSP (R) immer noch vorherrschte. Unter diesen Jugendlichen taten sich Keerthi Balasuriya und Wije Dias besonders hervor. Balasuriya wurde schon mit neunzehn Jahren zum Generalsekretär der RCL gewählt und leitete sie bis zu seinem frühen Tod 1987. Unter diesen widrigen Umständen übernahm Dias den Posten des Generalsekretärs und führte die Partei das nächste Vierteljahrhundert. Dass die RCL dem immensen politischen Druck durch den Verrat der LSSP widerstehen konnte, spricht für die trotzkistischen Prinzipien, auf die die RCL als Sektion der Vierten Internationale gegründet wurde.

17.7. Die Interventionen des IKVI in Sri Lanka durch die SLL –erstmals im Juni 1964 durch Gerry Healy, dann, im Dezember 1964, durch den Redakteur des Newsletter der SLL Mike Banda, führten zur Gründung einer Fraktion von IKVI-Sympathisanten innerhalb der LSSP (R). Die LSSP (R) war jedoch ein feindseliges politisches Umfeld – sie war durch eine Abspaltung von der LSSP entstanden, hatte aber nie mit dem Pablismus gebrochen und gehörte zum pablistischen Vereinigten Sekretariat. Ihr Sekretär Edmund Samarakkody hatte 1963 am Weltkongress des Vereinigten Sekretariats teilgenommen und für die Wiedervereinigung mit der Socialist Workers Party (SWP) gestimmt. Auf der ersten Konferenz der LSSP (R) war sich die ganze Führung darin einig, die Resolution eines IKVI-Sympathisanten abzulehnen, die „internationale Frage“ zu debattieren – d.h. den Kampf des IKVI gegen den pablistischen Revisionismus.

17.8. Die politische Orientierung der LSSP (R) ergab sich aus der Unterstützung des Vereinigten Sekretariats für die United Left Front (ULF). Die Hauptaufgabe der Partei wurde, in syndikalistischem Denken verhaftet, im Kampf für die Fortführung der Bewegung der 21 Forderungen durch die Überreste der JCTUO gesehen. Die RCL erklärte dazu später: „Die LSSP (R) manövrierte von oben, um die ‚linken Führer‘ in den Kampf zu treiben. Gleichzeitig verurteilte sie sie vor der Arbeiterklasse als Verräter. Durch diese Politik forderte sie die kleine Anhängerschaft, die sie in der Arbeiterklasse hatte, zu Manövern auf, durch die die Führer ‚nach links gedrückt‘ werden sollten, statt zur unabhängigen Organisierung der Arbeiterklasse und der Jugend für einen Kampf gegen die LSSP- und KP-Führung.“[7]

17.9. Die Unzufriedenheit der Anhänger der LSSP (R) in der studentischen Jugend wuchs besonders, nachdem ihre zwei Abgeordneten – Samarakkody und Meryl Fernando - die Anweisungen des Politbüros ignorierten und einen rechten Zusatzartikel zur Thronrede vom Dezember 1964 unterstützten. Dieser Zusatzartikel war im Grunde ein Misstrauensvotum, das zum Sturz der SLFP/LSSP-Regierung führte. Dessen Erfolg hing von der Unterstützung der LSSP (R)-Abgeordneten ab. Die Zustimmung von Samarakkody und Fernando führte zu massiven Stimmverlusten für die LSSP (R) bei der Wahl im März 1965, und damit zum Verlust der beiden Sitze. Die UNP gewann die Wahl und bildete eine Koalition von insgesamt sieben Parteien, darunter der MEP und der Federal Party. Unter diesen Bedingungen bildete sich eine heterogene Gruppe von Studenten, die der LSSP (R) ablehnend gegenüberstanden, aber insgesamt den Trotzkismus unterstützte, und begann im November 1965 die Zeitung Shakthi herauszugeben. Die Führer der Gruppe waren zuvor in der Studentenpolitik an der Universität Peradeniya aktiv gewesen. Die Shakthi-Gruppe führte eine Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg, und im Dezember 1965 einen einwöchigen Bildungsstreik für bessere Bedingungen, der von der Polizei brutal niedergeschlagen wurde. Wije Dias und mehrere andere wurden suspendiert. Ein ehemaliger Studentenführer verlor seine Arbeit und vier Studenten wurden wegen eines ihnen untergeschobenen Mordversuchs an einem Polizisten verurteilt.

17.10. Trotz ihres Radikalismus war die Grundlage der Shakthi-Gruppe jedoch immer noch die Politik der LSSP (R), die LSSP- und KP-Führung nach links zu drücken. Innerhalb der LSSP (R) kritisierte Wilfred „Spike“ Perera der während und nach dem Krieg BLPI-Mitglied gewesen war, die Orientierung der Shakthi-Gruppe. Er schrieb eine lange Antwort auf ein Dokument vom September 1965 mit dem Titel „Lehren des Dezembers“, das von einem Shakthi-Führer namens Nimal (Nanda Wickremasinghe) geschrieben worden war. Darin kritisierte dieser die LSSP (R), weil sie sich im Dezember 1964 nicht an den SLFP-LSSP Protesten beteiligt hatte, durch die Bandaranaike dazu gebracht werden sollte, die Abstimmung zur Thronrede zu ignorieren. Spike wandte sich in dem Aufsatz „Nicht die Lehren des Dezembers, sondern des Juni“ gegen die oberflächlichen Behauptungen in dem Dokument über das revolutionäre Potenzial dieser „außerparlamentarischen Kämpfe“ und wies darauf hin, dass ihre Forderungen dazu dienten, die kapitalistische Regierung zu erhalten und den rassistischen Sirima-Schastri- Pakt umzusetzen. Er betonte, die wichtigen politischen Lehren, die gezogen werden müssten, seien diejenigen aus dem Verrat der LSSP im Juni 1964. Spikes Dokument wurde jedoch nicht weiterverbreitet, da der Großteil der IKVI-Sympathisanten, zu denen er gehörte, seine Beziehungen zur LSSP (R)-Führung nicht gefährden wollten.

17.11. Als Ergebnis geriet die Shakthi-Gruppe unter den Einfluss von V. Karalasingham, einem Mitglied des Politbüros der LSSP (R) und ehemaligen BLPI-Führer, der als Rechtsanwalt die Peradeniya-Studenten verteidigt hatte. Karalasingham stand der LSSP (R)-Führung ebenfalls ablehnend gegenüber und bezeichnete Samarakkodys Beihilfe zum Sturz der Bandaranaike-Regierung als einen „Fehler mit den Ausmaßen des Himalaya.“ Diese überzogene Kritik an einem taktischen parlamentarischen Fehler verriet Karalasinghams Orientierung zurück zur LSSP statt zum revolutionären Marxismus. In einem Offenen Brief zum 1. Mai 1966, der in der Zeitung Shakthi erschien, erklärte Karalasingham, eine Regierung aus SLFP und LSSP sei eine progressive Alternative zum bestehenden UNP-Regime und ein Schritt auf dem Weg zu „einer wirklich revolutionären Regierung.“ Er schrieb, Revolutionäre sollten eine derartige Entwicklung nicht fürchten, sondern „beim Entstehen einer solchen Koalitionsregierung mithelfen“. Spike unterzog den Artikel einer ausführlichen Kritik und erklärte, Karalasinghams „Reihe von Interims-Regierungen“ sei nur eine Abfolge bürgerlicher Regierungen und stelle eine „Kapitulation gegenüber dem bestehenden Stand des Bewusstseins der rückständigsten Schichten der UNP-Gegner“ dar. Im Januar 1966 beteiligte sich die LSSP zusammen mit der SLFP und der KP an offen rassistischen Protesten und Streiks gegen Gesetze, durch die Tamilisch in begrenztem Umfang zur Amtssprache erhoben werden sollte.

17.12 Im Oktober 1966 erklärte Karalasingham in einer Polemik gegen Samarakkody, es sei falsch gewesen, sich von der LSSP abzuspalten, und forderte den Wiedereintritt der LSSP (R). Nur Wije Dias und ein weiteres Mitglied der Shakthi-Gruppe stimmte gegen Karalasinghams Vorschlag. Andere ließen sich von seiner Tarnung des Manövers als „Eintritt“ im Sinne des „Entrismus“, in die LSSP täuschen und stimmten anfangs dafür. Allerdings brach die Shakthi-Gruppe schnell auseinander, nachdem ihr linker Flügel unter Leitung von Anura Ekanayake, Keerthi Balasuriya und Nanda Wickremasinghe Kontakt mit Tony Banda vom Politischen Komitee der SLL aufgenommen hatten, der zu der Zeit in Sri Lanka war. Sie nahmen Bandas Rat an, nicht in die LSSP einzutreten, nahmen Kontakt mit Spike auf und konnten zum ersten Mal sein Dokument lesen. Sie bildeten eine Gruppe, zu der auch Dias gehörte, die systematisch die Dokumente des Kampfes des IKVI gegen den Pablismus in den Jahren 1953 und 1961-63 studierte.

17.13. Die Gruppe begann, anfangs unter der Führung von Tony Banda, die Virodhaya zu veröffentlichen und in die Kämpfe der Arbeiterklasse einzugreifen. Durch Spikes Intervention in der LSSP (R) wurde die Rolle des Pablismus noch klarer. Während Ernest Mandels Besuch in Colombo im Februar 1967 griff Spike den Führer des Vereinigten Sekretariats auf einem Mitgliedertreffen an: „Ich behaupte, dass die Führung der Vierten Internationale direkt für die Degeneration und letztlich das Debakel der LSSP verantwortlich ist. Außerdem hat die Degeneration ihren Ursprung in der Führung der Vierten Internationale selbst, zu der auch Mitglieder der LSSP gehören.“ Innerhalb von wenigen Wochen begann die LSSP auf Mandels Anordnung hin eine „Untersuchung“ über einen Leitartikel für die Zeitung Young Socialist, den Spike sechs Monate zuvor geschrieben hatte. Darin verurteilte er Castro für seine Angriffe auf die Vierte Internationale bei der Drei-Kontinente-Konferenz. Spike begann, seinen Standpunkt leidenschaftlich zu verteidigen: Er erklärte, der LSSP (R)-Führer Bala Tampoe und das Zentralkomitee hätten ihn der „Majestätsbeleidigung gegen Fidel Castro“ beschuldigt, „weil er an dessen revolutionärer Überzeugung gezweifelt und ihn kritisiert“ habe. Darauf antwortete er: „Ich erkläre jedoch zu meiner Entschuldigung, dass ich Castro nicht als einfaches Individuum kritisiert habe, als kleine, unwichtige Gestalt im Vergleich zu dem ‚großen kubanischen Führer‘, sondern als stolzes Mitglied der Vierten Internationale, der Weltpartei der sozialistischen Revolution, die von Leo Trotzki gegründet wurde... Ich habe es gewagt, Castro zu kritisieren, weil er die internationale Arbeiterklasse betrügt und desorientiert und indirekt eine Hetzkampagne gegen Trotzkisten anstachelt.“ Auf dem Kongress der LSSP (R) brachte Spike eine Resolution ein, die den vollständigen Bruch mit der revisionistischen Politik des Vereinigten Sekretariats, die Auflösung des Zentralkomitees und die Bildung eines neuen forderte, das sofort Beziehungen zum Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI) aufnehmen sollte. Kurz danach brach Spike mit der LSSP (R) und verurteilte öffentlich die Politik des Pablismus.

17.14. Die Lehren des dritten Kongresses des IKVI im Jahr 1966 waren wichtig für die Ausbildung der Mitglieder der Virodhaya-Gruppe. Der Kongress fand nach der Wiedervereinigung der SWP unter widrigen Bedingungen statt – der Pablismus hatte die meisten Sektionen der Vierten Internationale aufgelöst. Der Entwurf der Resolution passte sich der Situation an und erklärte, die Vierte Internationale selbst sei zerstört und müsse wiederaufgebaut werden. Während des Kongresses betonte die britische SLL, dass die Kontinuität der Vierten Internationale durch den politischen und theoretischen Kampf des IKVI gegen den Pablismus bewahrt worden sei, und dass die Lehren aus diesem Kampf entscheidend für die Lösung der Krise der revolutionären proletarischen Führung seien. In dem Zusatzdokument hieß es: „Die historische Kontinuität der Vierten Internationale wurde gesichert durch das Internationale Komitee. Es allein war in der Lage, den theoretischen und praktischen Kampf gegen den Revisionismus auszutragen, was unverzichtbar ist für den Aufbau der revolutionären Internationale.“ Zwei Gruppierungen – Voix Ouvriere [Arbeiterstimme] aus Frankreich und James Robertsons Spartakisten aus den USA – die eingeladen worden waren, um zu überprüfen, ob eine politische Zusammenarbeit mit ihnen möglich war, lehnten den Kampf gegen den pablistischen Opportunismus ab. Robertson bestritt einfach, „dass die derzeitige Krise des Kapitalismus so schwer und tiefgehend ist, dass der trotzkistische Revisionismus nötig ist, um die Arbeiter im Zaum zu halten, vergleichbar mit der Degeneration der Zweiten und Dritten Internationale.“ Robertson erklärte, dies sei „eine enorme Überschätzung unserer momentanen Bedeutung“, und ignorierte damit die Lehren aus dem Verrat der LSSP vor nur zwei Jahren. Er verließ den Kongress und gründete die spartakistische Gruppierung, die sich seitdem immer durch große Feindseligkeit gegenüber dem IKVI auszeichnet.

17.15. Der Gründungskongress der RCL fand am 16. und 17. Juni 1968 statt. Im Hauptbericht des Kongresses erläuterte Balasuriya die wichtigsten Lehren aus dem dritten Kongress des IKVI und ihre Bedeutung für den Aufbau der RCL. Die wichtigste Frage, die bei der Diskussion aufkam, war die der Kontinuität des Kampfes für den Trotzkismus. Im Gegensatz zu einer Gruppe, die den Kongress als Konsolidierung einer nationalen revolutionären Strömung Sri Lankas ansah und ihren Ursprung in der Entwicklung von der LSSP über die LSSP (R) und Shakthi zum IKVI sah, betonte Balasuriya, dass die Kontinuität des Trotzkismus im Kampf des IKVI gegen den Pablismus liege. Die Gründung der RCL als Sektion des IKVI konnte nur auf Grundlage der Lehren aus den Spaltungen von 1953 und 1961-63, und in einem fundamentalen Bruch mit der opportunistischen Politik der LSSP, LSSP (R) und der Shakthi-Gruppe erfolgen.

17.16. Der Kongress nahm einstimmig eine Resolution an, in der es hieß: „Dieser Kongress erklärt seine volle Zustimmung zu der Resolution ‚Wiederaufbau der Vierten Internationale‘, die auf dem dritten Kongress des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI) im April 1966 angenommen wurde. Dieser Kongress drückt sein volles Vertrauen in die Kompetenz des IKVI aus, die es sich durch den andauernden Kampf für das Programm und die Methode der Vierten Internationale zur Bewältigung neuer Herausforderungen beim Aufbau der Vierten Internationale als zentralisierte proletarische Führung erworben hat. Dieser Kongress verpflichtet sich, entschieden die Aufgabe zu erfüllen, die Partei der proletarischen Revolution in Ceylon als Sektion des IKVI in einem unermüdlichen Kampf gegen alle Formen des Revisionismus aufzubauen und erklärt, dass diese Aufgabe untrennbar verbunden ist mit dem aktiven, größtmöglichen Eingreifen in den Klassenkampf überall und unter allen Umständen.“

Wird fortgesetzt

Fußnoten:

1. Gerry Healy, “Ceylon, the Great Betrayal” in Trotskyism Versus Revisionism, Volume Four (London: New Park, 1974), S. 225.

2. Gerry Healy, “Ceylon, the Great Betrayal” in Trotskyism Versus Revisionism, Volume Four, S. 233–4.

3. “The Newsletter,” zitiert in Y. Ranjith Amarasinghe, Revolutionary Idealism and Parliamentary Politics (Colombo: Social Scientists’ Association, 1998), S. 261.

4. Gerry Healy, “Ceylon, the Great Betrayal” Trotskyism Versus Revisionism, Volume Four, p. 241.

5. Ibid., S. 235.

6. Trotskyism Versus Revisionism, Volume Four, S. 255.

7. Revolutionary Communist League, “The April Crisis and Party History,” Interne Resolution, angenommen auf der Konferenz der RCL 1972, S. 20.