Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka)

Teil 10

Von der Socialist Equality Party (Sri Lanka)
8. Juni 2012

Die World Socialist Web Site veröffentlicht einen weiteren Teil des Dokumentes „Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka)“, das auf dem Gründungskongress in Colombo vom 27. bis 29. Mai einstimmig angenommen wurde. Es wird in zwölf Teilen veröffentlicht.

Teile 1-12

23.1. Der zehnte Kongress des IKVI im Januar 1985 war von zwei miteinander verbundenen Phänomenen dominiert: Innerhalb der WRP tobte eine verheerende politische Krise, und fundamentale politische Differenzen, welche die amerikanische Workers League in den vorangegangenen drei Jahren aufgebracht hatte, wurden unterdrückt. Nichts davon wurde diskutiert. Während die WRP ihren früheren prinzipiellen Kampf gegen den Pablismus aufgab, entwickelte sich die Workers League in die entgegengesetzte Richtung. Nachdem der nationale Sekretär der Workers League, Tim Wohlforth, im Jahr 1974 die Partei verlassen hatte, orientierte sie sich bewusst auf die Arbeiterklasse und erklärte den Kampf gegen pablistischen Opportunismus zum Zentrum der Parteiarbeit. Die Workers League spielte die Hauptrolle bei der Untersuchung „Sicherheit und die Vierte Internationale“, gegen die sich alle pablistischen Gruppen erbittert wehrten. Bei dieser Untersuchung wurde das Netzwerk stalinistischer Agenten innerhalb der trotzkistischen Bewegung, die für Trotzkis Ermordung verantwortlich waren, entlarvt. Sie lieferte schlüssige Beweise dafür, dass SWP-Chef Joseph Hansen ein Stalinist, später auch ein FBI-Agent war.

23.2. 1982 präsentierte David North, der nationale Sekretär der Workers League, eine detaillierte Kritik an Gerry Healys „Studien in dialektischem Materialismus“. Er zeigte darin, dass es sich um eine Zurückweisung des dialektischen und historischen Materialismus von Marx handelte. North wies darauf hin, dass Healy „im Namen des Kampfes für den dialektischen Materialismus und gegen Propagandismus“ immer stärker vom Kampf für den Trotzkismus, vor allem für die Theorie der Permanenten Revolution, abgekommen war. Die WRP drohte daraufhin, ihre Beziehungen zur Workers League abzubrechen, wenn North seine Kritik nicht zurückziehe. In einem Brief an WRP-Generalsekretär Mike Banda vom Januar 1984 analysierte North die Positionen der WRP weiter, vor allem in den Beziehungen zum Nahen Osten. Er erklärte, die Workers League sei „äußerst besorgt über wachsende Anzeichen eines politischen Abdrigtens auf Positionen sind, die – sowohl in ihren Schlussfolgerungen wie in ihrer Methode – sehr denen ähneln, die wir historisch dem Pablismus zugeschrieben haben“. Im Februar 1984 schrieb North einen politischen Bericht ans IKVI, in dem er untersuchte, welche Bedeutung die klare Entscheidung der amerikanischen SWP vom Dezember 1982 hatte, sich von der Theorie der Permanenten Revolution zu distanzieren. Er wies auf die Anpassung der WRP nicht nur an die bürgerlichen Regimes im Nahen Osten, sondern auch an die Labour-Linke und die britische Gewerkschaftsbürokratie hin. Die WRP drohte erneut, mit der Workers League zu brechen, und blockierte alle Diskussionsversuche. Die RCL war bei dem Treffen nicht anwesend und wurde über die Diskussion nicht informiert.

23.3. Nach der Niederlage des langen Bergarbeiterstreiks 1985 brach in der WRP eine Krise aus, die schnell zu ihrem Bruch mit dem IKVI und ihrer politischen Desintegration führte. Keerthi Balasuriya fuhr nach Großbritannien, wo er im Oktober 1985 zum ersten Mal von David Norths Kritik hörte. Zusammen mit Vertretern der australischen SLL und dem deutschen BSA unterstützte er Norths Analyse. Am 25. Oktober 1985 veröffentlichte das IKVI zwei Stellungnahmen: Eine über den Ausschluss von Gerry Healy und eine über die Krise der britischen Sektion. Letztere nannte als Quelle der politischen Krise die „Tatsache, dass die WRP-Führung sich über längere Zeit hinweg von der strategischen Aufgabe, die Weltpartei der sozialistischen Revolution aufzubauen, ab und einer zunehmend nationalistischen Perspektive und Praxis zugewandt“ habe. Das IKVI kam zu dem Schluss, dass die WRP ihre Mitglieder dazu verpflichten solle, ausdrücklich die politische Autorität des IKVI anzuerkennen, und dass die britische Sektion sich seinen Entscheidungen unterordnen müsse.

23.4. Am 16. Dezember 1985 bekam das IKVI den Bericht seiner Kontrollkommission über die Finanzaffären der WRP. Als Reaktion auf die Ergebnisse veröffentlichte es eine Resolution, in der es erklärte, dass die WRP einen historischen Verrat am IKVI und an der internationalen Arbeiterklasse begangen habe. Dieser Verrat bestehe „in einer vollständigen Preisgabe der Theorie der Permanenten Revolution, was zu prinzipienlosen Beziehungen mit Teilen der kolonialen Bourgeoisie mit dem Ziel, Geld zu erhalten, geführt“ habe. Das IKVI beschloss, die WRP als britische Sektion bis zu einem Notkongress des IKVI nach dem 8. WRP-Kongress zu suspendieren. Am gleichen Tag wurde eine weitere Resolution angenommen, in der die grundlegenden programmatischen Grundlagen des IKVI und die historische Korrektheit des Kampfes gegen den Pablismus bekräftigt wurden. Die Suspension der WRP war ein wichtiger Schritt, die politische Autorität des IKVI und die zentrale Bedeutung der programmatischen Prinzipien der trotzkistischen Bewegung wieder herzustellen. Die Entscheidung machte klar, dass es in solchen grundlegenden Fragen keine Kompromisse gibt, und sie bildete eine prinzipienfeste Basis für die Lösung der Krise innerhalb der WRP. Von den WRP-Delegierten stimmte nur David Hyland für die Resolution. Er führte eine Minderheitsfraktion in der WRP an, aus der sich später die britische Sektion des IKVI bilden sollte.

23.5. In einem Brief an David North lehnte Slaughter die Unterordnung unter das IKVI ab und erklärte, Internationalismus bestehe darin, „Klassenlinien festzulegen und sie durchzukämpfen“. Das politische Komitee der Workers League antwortete darauf: „Aber wie werden diese Klassenlinien bestimmt? Erfordert dieser Vorgang die Existenz der Vierten Internationale? (...) Das Internationale Komitee der Vierten Internationale ist die historische Verkörperung der ‚ganzen programmatischen Grundlage des Trotzkismus und des Marxismus von Marx und Lenin‘. Die Unterordnung der nationalen Sektionen unter das IK ist der organisierte Ausdruck davon, dass sie mit diesem Programm übereinstimmen und es verteidigen. Diejenigen Parteien, die den Trotzkismus als aktuelle Entwicklung marxistischer Prinzipien und Programms ansehen, sind in der Vierten Internationale organisiert und akzeptieren die Autorität des Internationalen Komitees. Wenn jemand bei seiner Definition des Internationalismus das Programm von seinem organisatorischen Ausdruck trennt, nimmt er den Standpunkt all der revisionistischen und zentristischen Feinde des Trotzkismus ein, die die Kontinuität des Marxismus, wie er im Internationalen Komitee verkörpert ist, leugnen, um sich innerhalb ihrer nationalen Arena freie Hand zu schaffen.“ [1]

23.6. Die WRP trat auf ihrem Rumpfkongress am 8. Februar 1986 aus dem IKVI aus und rechtfertigte dies mit Bandas Dokument „27 Gründe, das Internationale Komitee zu begraben und die Vierte Internationale aufzubauen“, in dem Banda den ganzen Kampf des IKVI gegen den Pablismus verwarf. Alle Unterstützer des IKVI wurden von dem Kongress ausgeschlossen. Innerhalb von ein paar Monaten hatte Banda dem Trotzkismus abgeschworen. Er erklärte, eine Wiederherstellung des Kapitalismus in der Sowjetunion sei unmöglich, und feierte Stalin als den notwendigen bonapartistischen Führer, der die Errungenschaften der Oktoberrevolution verteidigt habe. Das IKVI kam ein Jahr später nach einer ausführlichen Studie aller Tendenzen, die 1985-86 mit dem IK gebrochen hatten, zum Schluss: „Die Hauptorientierung aller gegen das IK gerichteter Tendenzen geht in Richtung einer vollständigen Kapitulation vor dem Stalinismus und der Sozialdemokratie, der Zurückweisung der politischen Unabhängigkeit der Arbeiterklasse, und einer immer ausgesprocheneren Orientierung zur Teilnahme an Volksfrontbündnissen mit Teilen der Bourgeoisie.“ [2]

23.7. Die Spaltung im Internationalen Komitee war Ausdruck tiefer Veränderungen in der wirtschaftlichen Grundlage und des politischen Überbaus des Weltkapitalismus. Die globale Integration des Produktionsprozesses und die Ausbeutung von Billiglohnländern in Asien, die Ende der 1970er Jahre begonnen hatte, hatte die Programme nationaler wirtschaftlicher Regulierung untergraben, auf die sich sozialdemokratische, stalinistische und bürgerlich nationalistische Führungen in der Nachkriegszeit verlassen hatten. Die pablistischen Tendenzen, die innerhalb der Vierten Internationale auftauchten, stellten eine opportunistische Anpassung an die Dominanz dieser bürokratischen Apparate über die Arbeiterklasse dar. Die britische SLL hatte zwar das Programm des Trotzkismus verteidigt, sah sich aber zunehmend isoliert, vor allem nachdem sich die SWP 1963 wieder mit den Pablisten vereinigt hatte, und nach der Spaltung mit der OCI von 1971. Die immer nationalistischere Orientierung der SLL wich in wachsendem Maß von jener der neuen IK-Sektionen ab, die in den 1960ern und frühen 1970ern gegründet worden waren und die sich auf die Lehren aus den Spaltungen von 1953 und 1961-63 gründeten. Mit der Gründung der WRP beschleunigte sich dieser Prozess. Als die WRP den Kampf gegen den Pablismus, der ihre politische Autorität im IK begründet hatte, aufgab, verhinderte sie politische Diskussionen innerhalb der internationalen Bewegung und reagierte auf Kritik mit organisatorischen Drohungen und politischen Provokationen. Der Sieg der Trotzkisten im IKVI und die Wiederherstellung des Trotzkismus als Mittelpunkt der gesamten Arbeit war Ausdruck der Tatsache, dass sich die Klassenbeziehungen veränderten. Dies wurde mit dem Niedergang der alten bürokratischen Organisationen der Arbeiterklasse und der schnellen Rechtswende aller pablistischen Gruppen noch deutlicher.

24. Nach der Spaltung von der WRP

24.1. Das IKVI erklärte: „Die Spaltung von 1985-86 ist ohne jeden Zweifel ein historischer Meilenstein in der Entwicklung der Vierten Internationale. Sie ist der Höhepunkt des langen Kampfes der trotzkistischen Bewegung gegen den pablistischen Opportunismus seit der Gründung des Internationalen Komitees 1953. Die lange Periode von Uneinigkeit und Verwirrung, die durch den pablistischen Opportunismus geschaffen wurde, neigt sich dem Ende zu. Die Voraussetzungen sind geschaffen worden, um alle wirklichen Trotzkisten, d.h. revolutionären Marxisten aus aller Welt, unter dem Banner des Internationalen Komitees zusammenzuschließen.“ [3]

24.2. Der Bruch mit der WRP führte zu einer beispiellosen Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit zwischen den Sektionen des IKVI und einer Renaissance des Marxismus in der internationalen Bewegung. Das IKVI schrieb eine lange Analyse über die Degeneration der WRP mit dem Titel „Wie die Workers Revolutionary Party den Trotzkismus verraten hat, 1973-1985“. Kein WRP-Renegat hat diese Analyse jemals angefochten, geschweige denn widerlegt. David North schrieb gegen Bandas antitrotzkistische Tiraden das Buch „Das Erbe das wir verteidigen“. Darin klärte er die wichtigen Aspekte der Geschichte und des Programmes der Vierten Internationale. Diese Werke und zahllose andere Artikel und Stellungnahmen stellen heute die Grundlage für die Kaderbildung dar, mit ihrer Hilfe konnten die Auswirkungen der Degeneration der WRP auf die Sektionen des IKVI bewältigt werden.

24.3. Die Spaltung veränderte die Arbeit der RCL. Die Dokumente des IKVI und die wichtigen Fragen, die sich stellten, wurden in der Führung und von den Mitgliedern gründlich diskutiert, und die überwiegende Mehrheit von ihnen unterstützte das IKVI. Innerhalb der nächsten zwei Jahre konzentrierte sich Keerthi Balasuriya auf die programmatische Arbeit des IKVI, vor allem auf seine Beziehung zur Theorie der Permanenten Revolution. Balasuriya und David North schrieben im März 1987 den Leitartikel der Zeitschrift Vierte Internationale (Band 14, Nr. 1), in dem sie Bandas Ablehnung der Permanenten Revolution detailliert enthüllten. Dabei gingen sie bis zu dessen Lobhudelei über Mao und Ho Chi Minh in den späten 1960er Jahren zurück. In der gleichen Ausgabe veröffentlichten sie die Korrespondenz zwischen Balasuriya und der SLL-Führung über den Befreiungskampf in Bangladesch. Die RCL nahm zusammen mit dem IKVI auch die politische Arbeit in Indien wieder auf und weitete sie aus.

24.4. Die Spaltung schaffte die Bedingungen für eine wichtige Diskussion über die nationale Frage, der sich die RCL aufgrund des eskalierenden Bürgerkriegs gegen die LTTE stellen musste. 1986 schrieb Balasuriya einen langen Artikel mit dem Titel „Der Kampf der Tamilen und der Verrat von Healy, Banda und Slaughter“, in dem er den opportunistischen Schlingerkurs der WRP von völliger Gleichgültigkeit dem Kampf der Tamilen gegenüber und der Unterstützung des srilankischen Nationalstaates bis hin zur unkritischen Unterstützung der LTTE seit 1979 untersuchte. „Wie diese Untersuchung der historischen Leistungen von Healy, Banda und Slaughter für die Sache des nationalen Kampfes der Tamilen zeigt, hat dieser Haufen als Trotzkisten verkleideter Verbrecher die tamilischen und singhalesischen Arbeiter systematisch verraten. Vor allem haben sie bewusst – wenn auch erfolglos – versucht, die einzige srilankische Partei zu zerstören, die für die Perspektive und die Theorie der Permanenten Revolution kämpfte: die RCL.“

24.5. Die Spaltung fiel mit einer akuten politischen Krise der srilankischen Bourgeoisie zusammen. Die UNP-Regierung erlitt ernsthafte militärische Rückschläge im Norden, und auch im Süden nahmen aufgrund eines Wirtschaftsabschwungs und der Auswirkungen der Marktreformen die sozialen Unruhen zu. Präsident J.R. Jayewardene versuchte, sich etwas Zeit zu verschaffen, indem er Indiens Appellen für Verhandlungen mit den diversen bewaffneten Tamilengruppen zustimmte. Nachdem 1985 Verhandlungen in Thimpu, der Hauptstadt von Bhutan, gescheitert waren, begann Jayewardene in Colombo 1986, Gespräche mit allen Parteien zu führen, um die politische Opposition zu einem „gemeinsamen Friedensprogramm“ auf seine Seite zu bringen. Die kleinbürgerlichen Radikalen der NSSP beteiligten sich gemeinsam mit der LSSP, der KP und der Sri Lanka Mahajana Party (einer linken Gruppierung ehemaliger Parlamentarier unter Führung von Bandaranaikes Tochter, Chandrika Kumaratunga) an Gesprächen mit der UNP-Regierung. Sie alle sind für das Ergebnis mitverantwortlich: die Unterzeichnung des indisch-srilankischen Abkommens vom Juli 1987 durch Jayewardene und den indischen Premierminister Rajiv Gandhi. Durch dieses Abkommen wurden indische Truppen in die nördlichen und östlichen Provinzen geschickt, angeblich um ein Friedensabkommen auszuhandeln. Der wirkliche Zweck der Militärmission war es jedoch, die tamilischen Guerillas zu entwaffnen und jeden politischen Widerstand gegen das Abkommen zu unterdrücken. Die SLFP weigerte sich, an den Gesprächen teilzunehmen, und begann zusammen mit der JVP eine chauvinistische Kampagne gegen ein Friedensabkommen.

24.6. Die RCL war die einzige Partei, die die Verhandlungen und das indisch-srilankische Abkommen auf der Grundlage des proletarischen Internationalismus ablehnte und zur Einigkeit der Arbeiterklassen Sri Lankas und Indiens gegen die Militärintervention aufrief. Die Partei erklärte, der Einsatz des Militärs habe seinen Grund in den Krisen der Regierungen von Jayewardene und Gandhi, richte sich gegen die Arbeiterklasse und die Massen vom Land und sei für die tamilische Bevölkerung eine Falle. Es war kein Zufall, dass im Juni 1986, während der Verhandlungen, drei RCL-Mitglieder (Wije Dias, Brutan Perera und Ruman Perera) verhaftet und sechs Wochen lang festgehalten wurden, weil sie zu einer Versammlung zur Verteidigung des öffentlichen Bildungssystems aufgerufen hatten. Kurz nach seiner Freilassung wurde Brutan Perera zusammen mit dem Anführer der Jugendorganisation der RCL, Viran Peiris, erneut verhaftet. Sie wurden erst nach einer großen internationalen Kampagne freigelassen, an der alle Sektionen des IKVI teilnahmen. Dieser Versuch, die RCL einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen, hat seine Wurzeln eindeutig in der Empfindlichkeit der UNP gegen jede Kritik an ihren „Friedens“-verhandlungen.

24.7. Das indisch-srilankische Abkommen war für alle bewaffneten Tamilenorganisationen ein verheerender Schlag. Sie hatten darauf vertraut, dass die indische Regierung und ihre Soldaten die demokratischen Rechte der Tamilen, auch der LTTE, schützen würde. Sie waren die ganze Zeit davon ausgegangen, die indische Bourgeoisie für die Schaffung eines eigenständigen, kapitalistischen Staates Tamil Eelam zu gewinnen. Die Regierungen von Indira und Rajiv Gandhi interessierten sich jedoch nicht im Geringsten für die demokratischen Rechte der Tamilen; sie versuchten auf zynische Weise, den Kampf der Tamilen für Neu-Delhis Bestrebungen, die vorherrschende Regionalmacht zu werden, auszunutzen. 1987 griff das indische Militär ein, um einen tamilischen Aufstand niederzuschlagen. Zuvor hatte es diesen Aufstand selbst hervorgerufen, um Colombo unter Druck zu setzen; nun jedoch drohte er, in Indien Unruhen auszulösen und das reaktionäre Staatensystem zu gefährden, das in Südasien nach dem Krieg entstanden war. Die Organisationen, die Neu-Delhi am nächsten standen (wie die EPRLF, TELO und PLOTE) betätigten sich als Hilfstruppen der indischen Besatzungsmacht. So wurde EPRLF-Führer Vardaraja Perumal Ministerpräsident im vereinigten Norden und Osten. Beim Versuch, unangefochtene Kontrolle zu etablieren, setzte die indische Armee Massenverhaftungen, Vergewaltigungen, Folter und außergerichtliche Ermordungen ein. Dadurch brachte sie die Tamilen gegen sich auf und geriet in Konflikt mit der LTTE. Diese jedoch proklamierte, obwohl ihre Kämpfer gejagt wurden, weiterhin ihr Vertrauen in Indien und in Rajiv Gandhi.

24.8. Das indisch-srilankische Abkommen führte in den srilankischen Tamilenorganisationen und der internationalen Diaspora zur politischen Krise. Keerthi Balasuriya sprach auf mehreren gut besuchten Veranstaltungen junger, militanter Tamilen in Europa, die nach Antworten auf die Niedertracht ihrer Organisationen suchten. Die weitsichtigsten Elemente von ihnen kamen zu dem Schluss, dass die Unterdrückung der Tamilen nur mit Hilfe der Perspektive des IKVI und einer Orientierung auf die Arbeiterklasse überwunden werden könne. Sie schlossen sich dem IKVI an und leisten seither einen wertvollen Beitrag zu dessen Arbeit in Europa und Südasien.

25. Die Vereinigten Sozialistischen Staaten von Sri Lanka und Tamil Eelam

25.1. Im November 1987 veröffentlicht das IKVI eine umfassende Stellungnahme mit dem Titel „Die Lage in Sri Lanka und die politischen Aufgaben der Revolutionary Communist League“. Darin wird zum ersten Mal die Forderung nach den Vereinigten Sozialistischen Staaten Sri Lanka und Tamil Eelam erhoben. Diese Stellungnahme basierte auf der Theorie der Permanenten Revolution und betonte einstimmig, dass die demokratischen Rechte der Tamilen nur durch den Kampf der Arbeiterklasse für den Sozialismus realisiert werden könnten. Mit anderen Worten, die nationale Selbstbestimmung und andere demokratische Aufgaben können nicht von bürgerlichen und kleinbürgerlichen Bewegungen gelöst werden, egal wie mutig oder kämpferisch sie sind. Diese Parole zeigte klar den Unterschied zwischen der Orientierung der RCL, welche die Arbeiterklasse (die singhalesische wie die tamilische) für die Verteidigung von demokratischen Grundrechten durch den Kampf für den Sozialismus mobilisiert, gegenüber allen Tendenzen, die die Partei auf die Rolle eines Unterstützers und politischen Beraters einer tamilischen Nationalregierung reduzierten, wie es auch die WRP zuletzt getan hatte.

25.2. Wie das IKVI in seiner Stellungnahme erklärte, konnte keiner der angeblich unabhängigen Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurden, die demokratischen Forderungen und grundlegenden materiellen Bedürfnisse der Massen erfüllen. „Die vom Imperialismus zugestandene ‚Unabhängigkeit’ bedeutete ausnahmslos die künstliche Errichtung von Staatsgebilden, in denen demokratische Prinzipien von vornherein nicht vorgesehen waren und mit Füßen getreten wurden. Die nationale Bourgeoisie trat dabei nicht als Befreierin der unterdrückten Massen auf, sondern als Teilhaberin an der imperialistischen Ausplünderung. Der Staatstypus, der auf diesem Wege geschaffen wurde, ist nichts weiter als ein Gefängnislager des verrotteten Kapitalismus, in dem keine Weiterentwicklung der Produktivkräfte möglich war. (...) Was diese Bedingungen allerdings hervorbringen, und zwar unter dem freudigen Beifall der Bourgeoisie, sind ethnische und religiöse Konflikte mit all ihren Schrecken. Diese Zustände können nicht geändert werden, solange die Bourgeoisie die Macht hat. Die Geschichte Indiens, Pakistans, Sri Lankas, Bangladeschs, Burmas seit ihrer Unabhängigkeit – ja, die Geschichte jedes ehemaligen Koloniallandes der Welt – beweist, dass die Bourgeoisie keine wirkliche nationale Einheit und politische Unabhängigkeit schaffen kann.“ [4]

25.3. Daher muss das Proletariat die demokratischen Aufgaben der Bourgeoisie übernehmen. Die Stellungnahme des IKVI verteidigte zwar das Recht auf Selbstbestimmung, bestand aber darauf, dass dieses nur durch die Strategie der sozialistischen Revolution erreicht werden könne, und daher dieser untergeordnet werden müsse. „Das Proletariat ist die einzige gesellschaftliche Kraft, die das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung verwirklichen kann; aber nicht als Anhängsel der nationalen Bourgeoisie, sonder als ihr unversöhnlicher Gegner. Es führt den Kampf um Selbstbestimmung mit seinen eigenen Waffen und auf der Grundlage seines eigenen Programms, und wird so zum Führer der unterdrückten Massen in den Dörfern und auf dem Lande. Die Selbstbestimmung ist ein Nebenprodukt der sozialistischen Revolution unter der Führung des Proletariats, das nach Errichtung seiner Diktatur allen unterdrückten Völkern ihre legitimen demokratischen Rechte garantiert. Als Rahmen für wirkliche Gleichberechtigung aller Nationen schlägt das Proletariat ein vereintes sozialistisches Staatenbündnis vor. Während die proletarische Diktatur im freiwilligen Zusammenschluss aller unterdrückten Nationen die beste Voraussetzung für ökonomischen und kulturellen Fortschritt sieht, verpflichtet sie sich, den Nationen, die sich loszutrennen wünschen, das Recht dazu zu geben. Das ist der Wesenskern des Programms der Revolutionary Communist League für die Vereinigten Sozialistischen Staaten von Tamil Eelam und Sri Lanka.“ [5]

25.4. Mit seiner Stellungnahme begann das IKVI auch, den Charakter der diversen nationalen Befreiungsbewegungen im Lichte der politischen Kapitulation der LTTE vor der indischen Bourgeoisie zu untersuchen. Im Gegensatz zu den antikolonialen Bewegungen, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden waren und die Massen ohne Unterschied ihrer Sprache, Religion und Kaste stark anzogen, basierten Organisationen wie die LTTE auf einzelnen Nationalitäten. Wie Lenin warnte, war das die Perspektive der nationalen Bourgeoisie, die im Recht auf Selbstbestimmung nur ein Mittel sieht, ihre eigenen Privilegien und die Bedingungen für die Ausbeutung der Arbeiter und Bauern im eigenen „unabhängigen Staat“ zu schaffen. Im Falle der LTTE kam das Programm eines eigenständigen Staates Eelam direkt von der bürgerlichen TULF, die die Ziele der tamilischen Bourgeoisie in Sri Lanka repräsentierte. Sie bot weder den hunderttausenden tamilischen Plantagenarbeitern im Zentrum der Insel, noch den tamilischen Massen in Südindien eine Perspektive.

25.5. In einer Stellungnahme der RCL, die in dem Dokument zitiert wurde, heißt es: „Aber eine Bewegung, die sich auf eine ausschließlich nationale Perspektive zur Gewinnung ihrer Rechte gründet, kann die nationale Befreiung nicht erkämpfen. In unserer Epoche wird sich eine solche Bewegung in einer isolierten Lage inmitten kapitalistischer Nationen wiederfinden, und wenn sie eine noch so große Massenbewegung mobilisiert. Eine Befreiungsbewegung einer einzelnen unterdrückten Nation kann nur vorwärts gehen als Teil einer Bewegung, die für die völlige und uneingeschränkte Demokratie kämpft. Ausschließlich nationale Perspektiven hindern den nationalen Befreiungskampf, Teil einer solchen Bewegung zu werden. Der Grund hierfür ist, dass hinter ausschließlich nationalen Perspektiven letzten Endes das Bestreben der nationalen Bourgeoisie steht, die Arbeiter und Bauern im eigenen Land auszubeuten. Hier liegt die Quelle für die politische Ohnmacht der Liberation Tigers of Tamil Eelam.“ [6] Die Stellungnahme des IKVI war die Grundlage, auf der die bisherige Unterstützung der marxistischen Bewegung für das Selbstbestimmungsrecht genauer untersucht werden konnte.

25.6. Kurz nach der Veröffentlichung dieser Stellungnahme starb Keerthi Balasuriya unerwartet und tragisch am 18. Dezember 1987 an einer Koronarthrombose. Er wurde nur 39 Jahre alt und hatte, seit er erwachsen war, sein Leben dem Kampf für den Trotzkismus gewidmet. Im Alter von neunzehn Jahren nahm Balasuriya inmitten der politischen Verwirrung durch den Verrat der LSSP die gewaltige Verantwortung auf sich, die RCL zu führen und dabei die Bande zwischen der srilankischen Arbeiterklasse und der internationalen trotzkistischen Bewegung neu zu knüpfen. Er stellte sich gemeinsam mit der ganzen RCL gegen die radikale Welle in der Mittelschicht und gegen den Kult des „bewaffneten Kampfes,“ dem Bewegungen wie die LTTE und die JVP in den späten 1960er und 1970er Jahren frönten. Er verteidigte die Theorie der Permanenten Revolution, als sie nicht nur von den Stalinisten und ihren pablistischen Verteidigern, sondern auch von den WRP-Führern innerhalb des IKVI angegriffen wurde. Damit leistete Balasuriya einen unauslöschlichen Beitrag zum Kampf der Trotzkisten in Asien und der ganzen Welt.

25.7. In seiner Rede zu Balasuriyas Beerdigung erklärte David North: „Genosse Keerthi war zutiefst überzeugt von der wissenschaftlichen Gültigkeit der Perspektive, für die Trotzki gekämpft hatte. Und während die kleinbürgerlichen Radikalen sich von den ‚Erfolgen‘ eines Mao Tse-tung, Ho Chi Minh und Fidel Castro beeindrucken ließen, bestand Genosse Keerthi darauf, dass die politische Orientierung eines Marxisten auf das Proletariat ausgerichtet sein muss, der einzigen konsequent revolutionären Kraft der Welt. (...) In der unmittelbar bevorstehenden Periode werden Arbeiter nicht nur in Asien, sondern auf der ganzen Welt die Schriften von Genossen Keerthi lesen und studieren. Und wir sind zuversichtlich, dass nicht die Mao Tse-tungs, Ho Chi Minhs und Castros die Lehrer der Jugend sein werden. Nein, von Keerthi Balasuriya, der Revolutionary Communist League und dem Internationalen Komitee werden die fortgeschrittenen Arbeiter und Jugendlichen ihre revolutionären Lektionen lernen.“ [7]

25.8. Balasuriyas früher Tod war für die RCL, das IKVI und die internationale Arbeiterklasse ein schwerer Schlag. Er kam zu einem kritischen Zeitpunkt, als der Prozess zur Klärung und Konsolidierung der RCL, unmittelbar nach dem Bruch von den Abtrünnigen der WRP noch in vollem Gange war. Es spricht für Balasuriya und die Prinzipien, für die er kämpfte, dass die Kader, an deren Ausbildung er maßgeblich beteiligt war, seinen Verlust überlebten, sich unter der Führung von Wije Dias neu formierten und trotz des eskalierenden Bürgerkrieges einen konsistenten Kampf für den sozialistischen Internationalismus führen konnten.

Wird fortgesetzt

Fußnoten:

1. Vierte Internationale, Jg. 13, Nr. 2, S. 75.

2. Vierte Internationale, Jg. 14, Nr. 1, S. 15.

3. “Die kapitalistische Weltkrise und die Aufgaben der Vierten Internationale (Essen, Arbeiterpresse Verlag, Oktober 1988), Pkt. 109, S. 22.

4. Vierte Internationale, Jg. 15, Nr. 1, S. 27-28.

5. Ibid., S. 28.

6. Ibid., S. 20.

7. Ibid., S. 17-18.